Donnerstag, 19. Oktober 2017

10 Gründe, warum Dominik Graf immer noch einer der maßgeblichsten Regisseure Deutschlands ist - und warum der Tatort "Der rote Schatten" so viel mehr ist als reine Verschwörungstheorie oder RAF-Geschichtsklitterung (noch bis 14. 11. in der Mediathek)

Osnabrück – Für manche ist der „Tatort“ ja sowas wie ein Heiligtum. Mich dagegen lässt er eher kalt. Es sei denn, der Regisseur des Abends heißt Dominik Graf. Von dem bin ich Fan, nicht erst, aber natürlich auch seit der „Katze“ in den 80er Jahren. Und wie Dominik Graf mit seinem jüngsten Tatort „Der rote Schatten“ unter Beweis gestellt hat (der Film ist im November 2017 über die ARD und ihre Mediathek ausgestrahlt worden), darf man ihn immer noch zu den maßgeblichsten und stilprägendsten Regisseuren dieses Landes zählen. Zehn Gründe dafür, warum das so ist.

1. Der Ton. Ja, genau, verdammt nochmal, der TON – also die Sprach- und Aufnahmequalität der von den Schauspielern gesprochenen Texte. Die ist in deutschen Filmen sonst zu 90 Prozent hundsmiserabel bis sträflichst vernachlässigt. Wie oft ich schon einen deutschen Film wieder und wieder zurückgespult habe, weil ich das achtlose und technisch miserabel aufgezeichnete Dahingenuschele der Darsteller einfach nicht verstanden habe. Was das angeht, ist Deutschland immer noch Entwicklungsland im Vergleich zu US-Produktionen. In „Der rote Schatten“ oder in der Serie „Im Angesicht des Verbrechens“, ebenfalls von Dominik Graf, verstehst Du dagegen jedes Wort. Jedes. Und das, obwohl im Hintergrund noch das Dauergerausche des Polizeifunks zu hören ist. Ah, apropos:


Gar nicht mal so unauffällig: Lannert (Richy Müller) geht im Tatort "Der rote Schatten" im schicken Wagen auf Beobachtungsjagd... Dafür, dass er auch mal einer von den ganz Linken mit großen Ideologieträumen war, überraschend dekadent.... (SWR-/ARD-Sabine-Hackenberg-Foto, Copyright)

2. Der Polizeifunk. Kein Dominik Graf ohne dieses knisterndknackende Dauerfeuer aus den Funkgeräten im Hintergrund. Ein simpler Trick, der aber dramaturgisch gesehen die Atmosphäre der Szenen so geschickt auflädt, dass er sich tatsächlich nicht abnutzt. Das wirkt nicht  nur authentischer, das schafft auch so eine flirrige Grundnervösität, die wiederum Spannung erzeugt. Ob das wohl immer die gleichen Tonspuren sind, die da benutzt werden? Oder jedes Mal neu eingespielt?

3. Die Montagetechniken. Rasch reinzoomen auf ein Detail, einen Mann im anfangs weit entfernten Auto. Schnitt. Eine Totale von der Straße, das Auto rast aus dem Bild. Schnitt. Die Kamera folgt dem entlangfahrenden Auto. Schnitt. Dann ein paar Dialogfetzen – und Du verstehst noch längst nicht, worum es überhaupt geht. So oder so ähnlich beginnen viele der Filme, die Dominik Graf gemacht hat (er spricht lieber vom „Polizeifilm“ als vom „Krimi“). Das ist erstmal irritierend, macht aber auch neugierig: Du willst verstehen, worum es da geht. Schon bist Du drin. Reingezogen. Irgendwann wird sich alles zusammenfügen und es wird klar sein, was da los ist. Aber erst später. Wieviel spannender ist so ein Einstieg als so mancher dröger und Standard-Oh-Schreck-eine-Leiche-dräuende-Bedrohnismusik-Krimi-Anfang im deutschen Fernsehen.

4. Die fundierte Recherche. Zur Vorbereitung der Serie „Im Angesicht des Verbrechens“ hatte der Autor Rolf Basedow, wie Graf es schilderte, „sorgfältig“ im kriminellen Millieu des gut organisierten Verbrechens recherchiert. Es reizt einen in den Fingern, den Autoren dazu zu interviewen, wie er das wohl gemacht hat. In „Das unsichtbare Mädchen“ zeichnet Dominik Graf ein bedrückendes Bild von an der tschechischen Grenze entführten und zu allerlei Widerlichkeiten gezwungenen jüngsten Mädchen, auch das ist durch TV-Dokumentationen und Medienberichte inzwischen als ernstes Problem definiert. Tatsache ist: Bei aller fiktionalen Verfremdung, die das Genre des Thrillers natürlich mit sich bringt, hast Du in einem Dominik-Graf-Film oft das Gefühl, wirklich nah dran zu sein: An der Lebenswelt eines seit den 60ern verfolgten linksextremen Terroristen. An den Mechanismen und Riten des organisierten Verbrechens mitten in Berlin. Das schafft Glaubwürdigkeit, Faszination und Würze. Und in „Der rote Schatten“ gehen ehemalige RAF-Terroristen auf Beutezüge durch Supermärkte. Würden die niemals tun, sowas banales? Doch, natürlich: Im Juni 2016 veröffentlichte die Staatsanwaltschaft eine Liste der Überfälle, die dem Trio Ernst-Volker Staub, Burkhard Garweg und Daniela Klette zur Last gelegt wurden. Mit dabei: Ein Supermarkt in Osnabrück. Na guck. Genauso wichtig, übrigens...:


Auf die Details kommt es an: Einer der Befragten, einer der Verdächtigen, entpuppt sich im Tatort "Der rote Schatten" als Baumliebhaber bzw. Naturliebhaber.   (SWR-/ARD-Sabine-Hackenberg-Foto, Copyright)

5. Die Symbolik der Spielorte. Im Tatort „Der rote Schatten“ spielt immer wieder, wenn auch nur unterschwellig, das Bahnhofsmammutprojekt „Stuttgart 21“ eine Nebenrolle. Mehrmals fahren die Kommissare an der Megabaustelle entlang, die dann deutlich sichtbar als Kulisse benutzt wird. Ein Journalist, der Hintergrundwissen preisgeben kann, trägt bei seiner Befragung durch Kommissar Lannert einen kleinen gelben Button mit der Aufschrift „Mehr Stau durch S21“. Das alles ist natürlich kein Zufall, sondern sehr bewusst eingesetzt. Einerseits dient es dazu, die Stadt Stuttgart als aktuellen Spielort darzustellen. Andererseits passt die mit diesem Bahnhofsbau einhergehende Symbolik perfekt in die politische Konstellation rund um ehemalige RAF-Terroristen: Damals wie heute war Polizeigewalt ein Thema, man denke an die von der Polizei so gewaltsam „aufgelöste“ S-21-Demo im Jahre 2010, bei der dem Teilnehmer Dietrich Wagner durch einen Wasserwerfer ein Auge rausgedrückt wurde und beide Augen so stark verletzt wurden, dass er jetzt fast blind ist – das Bild von dem blutenden Mann mit weggesacktem Auge ging damals um die Welt. So ist der Bahnhofsbau zur Chiffre geworden für eine Staatsmacht, die auf Teufel komm raus ihren Willen durchboxen will. Als solche wird der Bahnhofsneubau in diesem Tatort benutzt, er dient als politisch gemeinte und symbolistisch benutzte Kommentierung – und ist daher omnipräsent in diesem Film. Ebenso spielt die Stadt Berlin in der "Verbrechens-Angesicht-Serie" eine Nebenrolle. Oder die schicken Vorstadtsiedlungen mit all ihren gut versteckten Geheimnissen bei den „Siegern“ (im Gegensatz zu den schicken Büros von PR-Firmen). 

6. Der politische Subtext. „Im Angesicht des Verbrechens“ ist eine Milieustudie über die Grenzen und die Ethik der Polizeiarbeit und darüber, wie sich vernetztes Verbrechen für seine Mitglieder bezahlt macht – bezahlter als ernste Arbeit. „Der rote Schatten“ ist eine Studie über die Frage, wie weit der Staat wohl gehen kann in der Grenzfrage zwischen juristischer Aufklärung und Personenschutz. Ganz nebenbei geht es auch um alte Illusionen nach einem politischen Ideal: „Die RAF hat uns unsere Sehnsucht weggebombt“, sagt Lannert. „Die Sieger“ durchleuchtet auf einer subkutanen Ebene den Kontrast zwischen einer in jeder Hinsicht elitären Polizistentruppe und weniger elitären, weil behinderten Kindern und stellt ganz nebenbei Grundsatzfragen darüber, was Menschsein sein sollte – während auf der Oberfläche wieder Korruption und Vertuschung im Vordergrund stehen. All das ist hohe Politik, sind ethische und moralische Debatten, doch anstatt sie in den Vordergrund zu rücken oder sie zum Bestandteil der Dialoge zu machen – eine Versuchung, der nur die wenigsten Regisseure widerstehen könnten -, gelingt Dominik Graf immer das, was es sonst nur im amerikanischen Actionkino gibt: Man kann seine Filme auch einfach als verdammt gut gemachte Thriller so wegkonsumieren, ohne die Bedeutungsebenen wahrnehmen zu müssen. Sie sind dennoch da. Aber ohne Holzknüppel. Sowas können nur die wirklich guten Unterhaltungskünstler.

7. Der Oliver-Stone-Faktor. Okay, zugegeben, das gilt so vermutlich nur für „Der rote Schatten“. Aber so wie Oliver Stone in „JFK“ und in „Nixon“ reale Bilder und spekulative Nachdrehs zu einem so großen und überzeugenden Gesamtbild verdichtete, dass man sich in der einzig möglichen Wahrheit wähnte, lässt Dominik Graf in dem Stuttgarter Tatort die Jahrzehnte währende Frage danach, ob sich die Baader-Meinhoff-Leute selbst umbrachten oder umgebracht worden, zwar eigentlich unbeantwortet – aber die eindringlichsten Bilder in diesem Reigen mehrerer Spekulationen sind dann doch diejenigen, in denen der Staat selbst diese Drecksarbeit erledigt. Die Einsicht, dass es sich dabei um eine Verschwörungstheorie handelt – zudem eine von mehreren hier durchaus erwähnten -, gerät angesichts der Bildgewalt in den Hintergrund. Das ist natürlich bewusst manipulativ. Und wir lassen uns gern verzaubern vom Sog des Verschwörerischen, von den groben, wackligen Kleinkamerabildern... Große Kinokunst, nicht mehr und nicht weniger.


Sie werden beobachtet, während sie ihre Untersuchungen absolvieren. Aber von wem? Und warum? Szene aus dem Tatort "Der rote Schatten".   (SWR-/ARD-von-Vietinghoff-Foto, Copyright)

8. Der sehr überlegte Einsatz von Filmmusik. Es gibt Krimis (und Kinofilme), bei denen die Musik wie ein Tapetenkleister eingesetzt wird. In rund 90 Minuten Laufzeit gibt es dann wenigstens 85 Minuten musikalischen Alleskleber. Nicht selten behauptet die Musik eine Dramatik, die es in Wahrheit gar nicht gibt. Da hat der Zuschauer alsbald die Faxen dicke von all dem Rammtamm und Wummelwummelbrumm. Bei Dominik Graf ist das anders: Hier übernehmen die sehr gezielt eingesetzten Rocksongs sowie ihre Texte eine weitere Kommentierung – beispielhaft zu erleben in der „rote Schatten“. Und auch die, nennen wir sie mal so, Atmosphärenmusik, also die eigentliche Filmmusik, ist unmittelbar verwoben mit der Dramaturgie der Szene, kurze, pointierte Brummtöne sorgen für echte Aufregung. 

9. Das Fernsehen als stilprägendes Medium verstehen. Was Dominik Graf in „Im Angesicht des Verbrechens“ macht – eine Serie, die sich mir bei der ersten Arte-Ausstrahlung noch versperrte, die aber auf DVD genossen eine phänomenale Sogwirkung und nachhaltige Faszination in mir erzeugt hat -, ist die Übertragung dessen, was er immer schon gemacht hat, in ein achtstündiges Serienformat: Auch das Fernsehen als eine Möglichkeit zu verstehen, stilprägend und mit eigenen Erkennungszeichen  zu arbeiten. Dass er damit im Trend der Zeit lag – Serien mit Eigenständigkeit und innovativen Bild- und Erzählideen erlebten zu dem Zeitpunkt gerade ihren ersten Höhepunkt, Mad Men war noch relativ frisch -, war fast mehr Zufall als Kalkül. Genützt hat es ihm scheinbar nix, das deutsche TV hat das Ding kaputtversendet durch Spätverdoppelung. Aber wer guckt heute schon noch etwas im analogen TV? Selbst den Tatort „Der rote Schatten“ habe ich dann geguckt, als ich das wollte. In der Mediathek, nix da, Primetimesonntag.

10. Die Verlässlichkeit. So mögen wir das und so wollen wir das. Dominik Graf liefert seit über 30 Jahren seine bekannten Trademarks. Der Polizeifunk muss dabei sein. Die raschen Schnitte und die Dialogfetzen und Montagetechniken auch unbedingt. Abgesehen vielleicht davon, dass sich die technischen Details verbessert haben, die Kameras schärfer geworden sind, die Sehgewohnheiten andere geworden sind und dass natürlich auch ein Dominik Graf einem stetigen Lernprozess unterworfen ist, hat sich seit der „Katze“ soviel gar nicht geändert. Die oben beschriebenen Markenzeichen gab es damals auch schon – was damals noch fehlte, war der politische Überbau und der ausrecherchierte Hintergrund. Manchmal überrascht und irritiert auch ein Dominik Graf: Der Drogentrip-Bilderrausch seines Münchner Zirkus-Tatorts „Aus der Tiefe der Zeit“ war so eine Ausnahme. Aber auch darin: Die üblichen Trademarks. Verlässlich.

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Donnerstag, 5. Oktober 2017

Netflix: Was die neue Serie "Star Trek Discovery" so düster und so modern macht und warum sich das Zuschauen lohnt - allen Horrorbildern zum Trotz (Kritik/Review nach Episode 3, "Content Is King", weitere folgen noch)

Osnabrück - Sie geht gewaltig auf Horror-Kurs, diese neue Star-Trek-Serie. In ihrer dritten Folge zeigt „Star Trek Discovery“ erstmals, was für ein modernes Potenzial in der ungewöhnlichen Sci-Fi-Neuauflage steckt. Und wie weit die Serienmacher zu gehen bereit sind. Überhaupt, die Chuzpe zu haben, das titelgebende Raumschiff ganze zwei Folgen lang erstmal gar nicht zu zeigen, zeugt alleine schon von Mut. Jetzt ist es da - und sieht ziemlich schick aus, aber eher düster. Wie die Serie überhaupt, jedenfalls in ihren ersten vier Folgen. Im Grunde begeht die Serie mit Folge Drei einen kompletten Neustart. Angesiedelt ist sie übrigens zehn Jahre vor der Klassik-Enterprise rund um Kirk & Co...

Vieles ist neu. Oder anders. Eine Star-Trek-Serie, die sich dem seriellen Erzählen hingibt, anstatt in sich abgeschlossene Einzelepisoden aneinanderzureihen. Ein undurchschaubarer Captain, der durch moralische Fragwürdigkeit auffällt (immerhin nimmt er den Tod einer Shuttle-Steuerfrau billigend in Kauf, um einen Gefangenentransport an Bord seines Schiffes zu bekommen). Eine grimmige Sicherheitschefin, mit der nicht gut Kirschen essen ist. Horrorbilder von völlig derangierten oder aufgeplatzten Menschen, die glatt aus John Carpenters Ekelorgie „Das Ding aus einer anderen Welt“ stammen könnten. Ein gigantisches und zappeliges Fressmonster, das wie aus dem Horrorstreifen „Das Relikt“ entsprungen zu sein scheint. Fahrstuhltüren, die immer und immer wieder auf ein abgerissenes Bein zudonnern. Mannomann, heftige Bilder. Und doch: Kein Wunder, eigentlich.

Jason Isaacs, der unter anderem als Lucius Malfoy in Harry-Potter-Filmen zu sehen war, spielt den undurchschaubaren Captain Gabriel Lorca.   (Netflix-Pressecenter-Foto)

Denn einer der Verantwortlichen für die Serie – mittlerweile aber wieder ausgestiegen – ist ausgerechnet Bryan Fuller, der sich zwar selbst als großen Trekkie bezeichnet, der aber andererseits mit Serien wie „Hannibal“ die Messlatte für die Unerträglichkeit in Sachen Blutzoll im TV nochmal deutlich nach oben gelegt hat. Ganz so krass wird es hier dann nicht. Und doch: Mit dem Heile-Welt-Kindergarten einer Next-Generation-Serie hat das hier ebenfalls wenig zu tun. Erst in dieser dritten Folge der Serie zeigt sich, wie stark sich „Star Trek Discovery“ von seinen Vorgängern unterscheiden wird – und welches Potenzial die Serie haben kann. Dass sich die Verantwortlichen dabei relativ weit vom ursprünglichen Star Trek entfernen, ja, sogar den Klingonen eine neue Optik verpassen, hat die Hardcore-Fans erzürnt. Und doch tut ein solcher Reboot gerade der altbacken gewordenen Star-Trek-Welt gut. Und je länger die Serie läuft, desto neuer wird sie. Hatte man in den ersten beiden Episoden noch eher altvertraute Geschichten rund um klingonische Ehrenkodexe und farbintensive Raumschlachten sowie sich selbst opfern wollende Kapitäne erlebt, sind es diesmal die Dunkelheit und die Ambivalenzen, die im Vordergrund stehen. Das gilt sogar für die Fahrzeuge.

Vorbei sind die Zeiten von "Scotty, beam us up" - aber einen Transporterraum gibt es noch immer. Und so sieht er aus.  (Netflix-Pressecenter-Foto)

Denn auch das neue Serienschiff, die USS Discovery, kommt ebenso finster rüber wie die eigentlich verbotenen Experimente, die an Bord durchgeführt werden (dass ein kleines niedliches Tribble-Tier auf dem Tisch des Captains munter vor sich hinfiept, mindert die Düsternis nicht ab). Was den wissenschaftlichen Hintergrund angeht, setzen die Macher offensichtlich auf alte Star-Trek-Traditionen: Hier werden aktuelle wissenschaftliche Fragen in einer durchaus philosophischen Annäherung diskutiert, ohne dass die Serie jemals an Schwung oder Unterhaltungsfaktor verliert. Chapeau, das ist dann wieder Star Trek, wie wir es kennen. Auch wenn die gezeigten Untersuchungen merkwürdig anmuten: Pilzsporen? Als technisches Allheilmittel? Andererseits: Warum nicht? Es dürfte spannend bleiben, was sich die Verantwortlichen noch an Wendungen und Erzählsträngen ausdenken werden – dass es origineller werden dürfte als zunächst gedacht, steht nach Folge Drei jedenfalls fest. Und irgendwie werden sie auch diesen siegbesessenen Grummelcaptain sicher noch auf "sympathisch" drehen können. Oder vielleicht gerade nicht? Denn soviel scheint mir bislang sicher zu sein:

Es gibt viele Wissenschafts-Sequenzen rund um Pilzsporen und deren moderner Verwendung für... tja, so ziemlich alles Mögliche. Alles in ziemlich cooler Optik.     (Netflix-Pressecenter-Foto)

Die alle Zuschauer beschäftigende Frage, warum die weibliche Hauptfigur eigentlich "Michael" mit Vornamen heißt und daher vermutlich gar keine weibliche, sondern eher eine transgenderige Hauptfigur ist, wie viele vermuten, wird vermutlich niemals erklärt werden. Zuviel Spaß macht es den Serienmachern ganz offensichtlich, mit dieser Verunsicherung herumzuspielen, auch das wird in Folge Drei recht deutlich. Ambivalenzen stehen hier offenbar im Vordergrund. Wie in so vielen anderen modernen Serien auch – und wie so oft macht es die Sache zwar grimmiger, aber auch realistischer. Okay, zugegeben, natürlich gibt es auch in dieser Serie ein paar höchst unwahrscheinliche Dinge, die man einfach schlucken muss: 


Alte Feinde, neue Optik: Die Klingonen wurden einer optischen Neugestaltung unterworfen. Klassische Trekkies hat das erzürnt, der Serie tut es gut.  (Netflix-Pressecenter-Foto)

Dass in der ethisch und moralisch so hoch aufgehängten Welt der "Starfleet" ein Angeklagter keine Chance auf eine externe Verteidigung haben soll, selbst vor einem Militärgericht, ist ebenso schwer vorstellbar wie die Tatsache, dass man sich auch im Jahre 2256 noch Doppelkabinen inklusive des nächtlichen nachbarschaftlichen Schnarchwahnsinns teilen muss (ohne dass man die Möglichkeit hätte, einen kleinen akustischen Schutzschild um sein Bettchen herum aufzubauen, wo es doch sonst überall Schutzschilde gibt....). Aber so war das ja immer schon. Bei Star Trek. Auf der anderen Seite spiegelt die Serie geschickt die aktuellen politischen Realitäten wider. Die Polen und die Ungarn zeigen der EU die kalte Schulter, die Briten haben die Schnauze voll von Europa. Check: Die Klingonen wollen beim Friedensschluss mit der "Starfleet" nicht mehr mitmachen. Die Anführer der Länder der Welt entpuppen sich als markige Sprüche klopfende Kriegstreiber und auf die Vorherrschaft einer Rasse setzende Ideologen. Check: Der Chef-Klingone ist die außerirdische Polterversion von Donald Trump. Dass sich Wissenschaftler so sehr an ihren neu entdeckten Möglichkeiten berauschen, dass sie nicht mehr die Gefahren sehen. Check. Siehe die derzeit laufenden Debatten über Künstliche Intelligenzen. Und dass sie sich an den den Fragen stoßen, wie weit sie eigentlich gehen dürfen, wenn sie an den Grundfesten von Physik oder Natur rütteln, also Gott spielen. Check. Ist immer wieder Thema. Pränatale Diagnostik, Gen-Mais, Gen-Schaf, etc. etc. etc.  

--> "Star Trek Discovery" ist in Deutschland zurzeit nur über den Streamingdienst Netflix erhältlich, seit Ende September 2017 wird jede Woche eine neue Folge bereitgestellt. Die Serie soll 15 Episoden beinhalten, wobei nach Episode 9 (ausgestrahlt am 13. 11. 2017) eine Winterpause eingelegt wird. Am 8. 1. 2018 (Montag, ab 9 Uhr früh) wird Star Trek Discovery dann auf Netflix fortgesetzt. 

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Mittwoch, 4. Oktober 2017

So ist der neue "Rigoletto" im Theater Osnabrück in der Regie von Adriana Altaras - Verrohung, Niedertracht und drehfähiges Theaterhandwerk

Osnabrück - Diesmal war ich wieder in offizieller Mission unterwegs. Dass ich in diesem Blog gerne mal etwas über das Theater Osnabrück schreibe - weil sich dann meine zwei leidenschaftlichsten Hobbies auf das Vortrefflichste vereinen, das Erleben von Theater und das Bloggen -, ist bekannt. Dass ich in offizieller Funktion gelegentlich als Vertreter der Osnabrücker Nachrichten (ON) einspringe, wenn Kollege Werner Hülsmann nicht kann, ebenfalls. Nun war es wieder einmal soweit. Es stand auf dem Spielplan: Die Premiere von Giuseppe Verdis "Rigoletto" in der Inszenierung von Adriana Altaras.

Meine paar Gedanken, die ich zum neuen Rigoletto verfasst habe, lassen sich unter diesem Link im E-Paper der ON finden und dort auch als pdf-Seite runterladen oder ausdrucken oder per Mail verschicken. Außerdem habe ich den Rohtext als solches hier in diesen Blog einkopiert, er findet sich unten angefügt, unter dem Bild. Für diese Blogversion des ON-Textes habe ich auch den einen mir sehr peinlichen Schreibfehler bzw. Flüchtigkeitsfehler korrigiert, der sich in aller Hektik eingeschlichen hatte (ich hatte den Text geschrieben für die Ausgabe vom 4. Oktober 2017, die aber wegen des Feiertags am 3. 10. in einer vorgezogenen Produktion schon am Montag zuvor in aller Eile abgeschlossen sein musste): Erika Simons schreibt sich mit einem klassischen K im Vornamen, nicht, wie bei mir geschrieben, mit c. Alle anderen Namen hatte ich nochmal überprüft, aber diesen nicht. Grrr.... Darauf falle ich immer wieder rein, weil ich mir dann denke: Na klar, ist Australierin, hat englischen Vornamen, also Erica. Ist aber Erika. Mit k. Sorry!!!!


Der Artikel aus der ON am Mittwoch vom 4. 10. 2017 in seiner layouteten Version.


Verrohung und Niedertracht 

Der neue Rigoletto im Theater Osnabrück ist große Oper und brutales Drama

Osnabrück (ON) – Und sie dreht sich doch noch! Viel zu selten hat man in den jüngsten Operninszenierungen des Theaters am Domhof die Drehbühne in Aktion erleben dürfen, viel zu häufig war starres Einheitsbühnenbild mit wild verteilten Stühlen darin. Klar: Die Bühnentechnik ist gewiss nicht der Höhepunkt dieses neuen Rigolettos, der am Samstag Premiere feierte, aber sie steht exemplarisch für die geschickte Hand der Regisseurin Adriana Altaras – effizient eingesetztes Theaterhandwerk für einen großen Opernabend.

Zwar hat Altaras das Stück mehr oder minder dezent in die Moderne geholt und mit vielerlei Andeutungen versehen, aber den dicken Regietheater- knüppel zum Botschaften-Einprügeln hat sie Gott sei Dank nicht gebraucht. Lieber erzählt sie stringent die Geschichte der Oper.

Wohltuende Abwechslung! Alles, was wir hier erleben können, leitet sich konsequent aus dem Textbuch der Oper ab. Wenn dort von einer „Orgie“ die Rede ist, dann sehen wir das auch. Und die zunächst noch unberührte Reinheit der Rigoletto-Tochter Gilda erhält eine zusätzlich symbolistische Unterstreichung dadurch, dass sie als Waschfrau in einem klinisch reinen und bis in alle Ecken hell ausgeleuchteten Arbeitsraum tätig ist. Der zum Ende hin, wie auch Gilda, seine Helligkeit verlieren wird. Da wird mit wenig Mitteln vieles gezeigt, aber gerade dadurch spürbar.

Sie tragen die Absolventen-Jacketts einer elitären US-Universität, die Mitglieder dieser gar nicht so feinen Gesellschaft. Sie feiern sich und ihre sich über alles erhebende Dekadenz im hölzernen Schick eines britisch anmutenden Clubs. Frauen sind Freiwild, der vorherrschende Geist eines Donald Trumps ist nie weit entfernt, auch ohne jede Trumpfigur auf der Bühne. Aber wenn der Narr Rigoletto mit seiner Juden- statt Narrenkappe seinen Spott über all diese Menschen ausschüttet, schlagen sie gnadenlos zurück. In brutaler Verachtung. Was sich dann alles verkettet, kann nur tödlich enden.

So was hat Seltenheit: Dass eine Premiere erst in letzter Sekunde gerettet werden kann. Weil der als Gast eingesetzte Carlos Moreno Pelizari mit Stimmbandentzündung ausfiel, blieben kaum mehr als zwei Tage Zeit für einen Notfallplan. Bald war Ersatz gefunden für die Rolle des Herzogs von Mantua, der ja in dieser Oper – seltene Ausnahme – als Fiesling die schwelgerischste Arie singen darf: Aus Linz kam Pedro Velázquez Díaz hergeeilt, um sich in kürzester Zeit in alles einzufinden. Die Anspannung dieser Stunden, bevor sich der Vorhang öffnete, war dem Abend anzumerken (übrigens: Ein ganz klassisch sich öffnender und schließender roter Vorhang, ebenfalls lang nicht mehr gesehen). Nach der Pause hatten sich alle merklich freigespielt, motiviert von manchem freundlichen Zwischenapplaus.

Auch das Orchester, übrigens. Im Vergleich zu seinem Sturm-und-Drang-Puccini der vergangenen Spielzeit gestaltet Generalmusikdirektor Andreas Hotz mit dem hiesigen Symphonieorchester diesen Verdi vergleichsweise konventionell. Während Hotz noch bei der „Manon Lescaut“ den Kontrast zwischen leidenschaftlicher Rasanz und schwelgerischem Adagio aufs Äußerste zuspitzte, fällt beim Rigoletto wenig Derartiges auf. Aber auch der Orchesterklang wurde nach der Premierenpause sämiger und präziser.

Auf der Bühne ist es ist die große Stunde der Erika Simons: In der Gilda hat die junge Australierin eine Hauptrolle gefunden, die all ihre Talente auf das Beste hervorzubringen weiß. Gesanglich wie darstellerisch überzeugte sie das Premierenpublikum, das sie regelrecht feierte. Zu Recht: Wie sie den Wandel vom naiv auf falsche Liebesbekunden hereinfallenden Mädchen zur erst geschändeten und trotzdem nicht vom Herzogslüstling loskommenden Frau gestaltet, ist intensiv.

Auch Rhys Jenkins macht die Zerrissenheit seines Rigolettos spürbar, den brodelnden Hass, den er nicht zeigen darf, die tiefe Liebe zur Tochter, alles da. Und gesanglich ist Jenkins die Idealbesetzung, vielgestaltig und auch in leisen Passagen überzeugend, gibt er dem Narren viel Tiefenschärfe. Überhaupt fällt niemand aus dem Rahmen, es passte am Premierenabend, vielleicht abgesehen davon, dass der ganze Rettungsstress der Stimme des einspringenden Gasttenors merklich zugesetzt hatte … Aber dafür, dass Velázquez Díaz kaum ein ganzer Tag blieb, um sich in eine unbekannte Inszenierung einzuarbeiten, fügte er sich homogen in alles ein. Respekt.

José Gallisa zeigt einen herrlich schmierigen Killer Sparafucile – und dass sogar seine Schwester den falschen Liebesbeschwörungen des Herzogs so sehr verfällt, dass sie bis zum Äußersten gehen will, wird glaubhaft. Ensemble-Neuzugang Katarina Morfa ist eine Bereicherung, der Zuschauer hat sie indes noch so stark als Addams-Family-Mutter im Kopf, dass das Umschalten erst schwer fällt. Fein eingestimmt und trennscharf auch in den Details zeigt sich der nur auf die Herren reduzierte Opernchor.

Der Rigoletto hat noch eine weitere Besonderheit: Direkt nach der Ouvertüre beginnt die Oper mit einer Bühnenmusik, also einem im Hintergrund zu spielenden Orchesterstück, für das naturgemäß keiner der im Graben sitzenden Musiker zur Verfügung steht. In der Osnabrücker Neuinszenierung ist es die hiesige Bläserphilharmonie, die einmal um den auf der Drehbühne platzierten Kubus herummarschiert.

Apropos Kubus: Eng und fast so hoch wie die ganze Bühne sowie von Treppen und Aufgängen gesäumt, zeigen sich die beiden Spielorte dieser Inszenierung als große Bilder, die von ebenfalls auf den Seiten des Kubus aufgeklebten tatsächlich gemalten Bildern noch zusätzlich unterstützt werden. In diesen an alte Künstler erinnernden Gemälden liegt dann auch die einzige Rückbesinnung dieses Rigolettos auf jene Zeit, in der Giuseppe Verdi – zensurbedingt – seine Oper ansiedeln musste, nämlich das Mittelalter. Mit diesen optischen Brücken zum Trumpschen Orgienhaufen wird klar: Wir sind von der Verrohung jener Tage nicht mehr allzu weit entfernt.

Die nächsten Aufführungen:  Am 17. 11. Freitag, um 19.30 Uhr - Am 28. 11., Dienstag, um 19.30 Uhr - Am 28. 11., Dienstag, um 19.30 Uhr, jeweils im Theater am Domhof. - Und am 23. 12., Sa.,19.30 Uhr. - Infos und Karten unter Telefon 0541/7600076.

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Freitag, 8. September 2017

Warum die "Live-im-Kino"-Ereignisse ein großer Wachstumsmarkt sind und was die Branche noch Spannendes plant, neben Rockkonzerten und Opernübertragungen - Ein Interview mit Thomas Schülke von der Firma Cinema Consult

Osnabrück/Bochum - Rockkonzerte oder Klassik. Bayreuth oder New York. Gerne auch London, aber das wird bei uns leider nicht gezeigt... Dass ich ein Fan von "Live im Kino"-Ereignissen bin, ist kein Geheimnis, sondern war hier oft nachzulesen. Und dass ich nicht der Einzige bin, dem es so geht, zeigen die vollen Reihen an einem Samstagabend bei "MET live in HD", der Opernübertragung aus der New Yorker Metropolitan Opera. Sogar hiesige Theaterangestellte, die eigentlich bei der Premiere der Osnabrücker Kollegen sein sollten, hat man schon mal an dem einen oder anderen Abend dort gesichtet. Merkwürdig aber, dass über "Live im Kino" so selten berichtet wird. Dabei plant die Branche noch viel, wie mir Thomas Schülke von Cinema Consult im Interview berichtet hat. 

Die in Bochum sitzende Firma kümmert sich um den so genannten "Alternative Content" für Kinos - also um alles, was außerhalb der handelsüblichen Filme liegt, wobei sowohl Vertrieb wie auch Vermarktung und PR zu den Aufgabengebieten der Firma gehören. Das Interview mit Thomas Schülke habe ich in zwei E-Mail-Durchläufen durchgeführt... 

Thomas Schülke, eine Lesung mit John Le Carré, ein Live-Konzert mit der Filmmusik von Hans Zimmer, von ihm selbst geleitet, ein Musical aus London, live und direkt von der Bühne übertragen, ein Rockkonzert von David Gilmour…. Das Feld „Live im Kino“ wird offensiv beackert. Gibt es da überhaupt noch Ausbaumöglichkeiten?

Schülke: Wir stehen noch immer erst am Anfang der Entwicklung. Erst die Digitalisierung der Kinos vor wenigen Jahren hat derartige Events technisch möglich und wirtschaftlich lohnend gemacht. Sowohl Kinos als auch Besucher entdecken gerade erst richtig die Möglichkeiten. Grundsätzlich eignet sich jedes Thema für die Vorführung in einem Kinosaal, bei dem das Gemeinschaftserlebnis im Vordergrund steht. Man spürt die Emotionen der anderen Menschen im Saal, und sieht das Geschehen auf einer riesigen Leinwand – das übt eine Faszination aus, der man sich nur schwer entziehen kann. Gleichzeitig ist man durch die Kamera viel näher am Geschehen, als es bei den Events vor Ort wirklich möglich wäre. Doch noch immer wissen viel zu wenige Menschen, dass es im Kino längst auch andere Angebote als Kinofilme gibt.

Was läuft denn derzeit am besten im Segment „Live im Kino“?

Marketing-Fachmann und Kino-Fan: Thomas Schülke kümmert sich um Live-Events auf der großen Leinwand - und plant noch so manches.   (Schülke-Foto)

Schülke: Fest etabliert haben sich die Übertragungen von Opern und Balletten – hier gibt es mit der Metropolitan Opera aus New York, dem Royal Opera House aus London und dem Bolshoi Ballett aus Moskau gleich mehrere attraktive Programmreihen, die sich ein treues und wachsendes Publikum aufgebaut haben. Bei den Einzelevents sind es Rockkonzerte und -dokumentationen, die besonders dann erfolgreich sind, wenn die Gruppe der Hardcore-Fans einer Band wirklich erreicht wird. Theaterübertragungen, die im englischsprachigen Raum sehr gut funktionieren, kämpfen bei uns mit der Sprachbarriere, da die Produktionen in der Regel auf Englisch sind. Deutschsprachige Theaterangebote gibt es praktisch gar nicht…

Bis auf Bayreuth… Ich erinnere mich an einen auch in Osnabrück übertragenen Fliegenden Holländer.  Oder an den Tannhäuser. Im Kino saßen drei Leute. Ein Jammer. Ein Vermarktungsproblem? Selbst in Osnabrück müsste es mehr Wagnerianer geben als mich, die es auch an einem Dienstag um 17 Uhr ins Kino zieht, wenn so ein Ereignis ansteht…. ?

Schülke: Es kann natürlich viele Gründe geben, warum ein Event vielleicht doch nicht so gut ankommt wie erhofft. Neben der Wettbewerbssituation oder dem Wettereinfluss liegt es aber tatsächlich oft daran, dass die Zielgruppe nicht wirklich erreicht wird. Das steht in direktem Zusammenhang mit den oft sehr kleinen Marketingbudgets. Es ist aber sicher auch nicht besonders hilfreich, wenn ein Kinoevent seinen besonderen Charakter und die Exklusivität verliert, weil es nahezu zeitgleich im TV oder im Internet zu sehen ist.

… überhaupt, die großen Theater-Festivals, Salzburg, all sowas. Oder die Freilichtbühnen in Deutschland. Ginge da nicht noch was?

Schülke: Die Möglichkeiten sind da sicher längst noch nicht ausgeschöpft, auch wenn der Markt für Klassik-Angebote sicher auch nicht unendlich groß ist. Finanziell wird es allerdings schwierig, wenn sich die Auswertung auf den deutschsprachigen Raum beschränkt. Wenn die Produktion dann nicht ohnehin für ein anderes Medium stattfindet und damit durchfinanziert ist, rechnet sich ein reines Kino-Event oft nicht. Und eine Kulturförderung für Live-Kinoübertragungen gibt es bei uns bisher nicht. Salzburg ist exportfähig, da sind einzelne Inszenierungen auch für Kinos erhältlich. Aber ohne begleitende Marketingunterstützung scheint mir das wenig erfolgversprechend.

Und was planen Sie noch?

Schülke: Die Branche experimentiert immer wieder mit E-Games, Sportübertragungen, Ausstellungsrundgängen und sogar TV-Highlights, die im großen Kinosaal einfach mehr Spaß machen als zuhause. Es wäre schön, wenn bei diesen Events auch eine Regelmäßigkeit gelingen würde, wie sie bei den Opern bereits üblich ist.

Mir fällt auf, dass der Bereich „Live im Kino“ selten bis gar nicht in den offiziellen Medien wahrgenommen wird – gibt es da irgendwie Berührungsängste oder woran könnte das liegen?

Schülke: Die klassische Filmkritik fühlt sich für dieses Thema nicht zuständig. Für andere Journalisten gehört aber alles, was im Kino stattfindet, in den Bereich des Filmredakteurs. Da sitzen wir etwas zwischen den Stühlen und müssen um Aufmerksamkeit kämpfen. Und da die Umsatzerwartung bei einer einzelnen Veranstaltung nicht so hoch ist wie bei einem Kinofilm, der wochenlang gezeigt wird, sind auch die Budgets für PR- und Marketingarbeit klein.

Wie sind Sie dazu gekommen, daran mitzuarbeiten – und was genau machen Sie eigentlich?

Am 1. 10. in Kinos weltweit zu erleben: Die Filmmusik von Hans Zimmer als dickes Live-Konzert. (Cinema-Consult-PR-Foto)

Schülke: Ich bin seit 1994 in der Kinobranche tätig. Als Marketingleiter einer großen Kinokette habe ich in Deutschland und Österreich fast zwei Jahrzehnte auch im Bereich des „Event Cinema“ oder „Alternative Content“, wie es in der Branche genannt wird, vieles ausprobieren können. In anderen Ländern gibt es spezielle Dienstleister, die diese Themen in die Kinos bringen – in Deutschland habe ich da eine Marktlücke gesehen, in der ich seit 2015 nun mit meiner eigenen Firma selbst aktiv bin. Je nach Projekt biete ich unterschiedliche Dienstleistungen an – von Bausteinen wie Vermietung und Abrechnung mit den Kinos über einzelne Marketing- und PR-Aufgaben bis zum Komplettangebot, wo ich selbst als Verleih für den Rechteinhaber tätig bin. Mein internationales Netzwerk ist dabei eine große Hilfe. Seit 2016 bin ich auch in der „Event Cinema Association“ aktiv, dem einzigen weltweiten Branchenverband für dieses Thema, und vertrete den Verband in Deutschland.

Wie läuft das Thema denn im Ausland? Wo sind die wesentlichen Unterschiede?

Schülke: Speziell in England ist der Markt etwas weiter entwickelt. Dort liegt der Anteil von „Event Cinema“ am gesamten Ticketumsatz der Kinos bei mehr als 3%, in einzelnen Kinos sogar schon bei mehr als 20%. Das liegt dort an den drei erfolgreich etablierten Reihen „Royal Opera House“, „Metropolitan Opera“ und „National Theatre Live“. Diese haben für eine hohe Bekanntheit der Kino-Events gesorgt, in deren Gefolge auch andere Themen funktionieren. Gerade erst hat André Rieu dort zum dritten Mal in Folge einen Rekord für einzelne Musikevents im Kino aufgestellt. Aber auch hier ist Schwung in den Markt gekommen. Die Nachfrage steigt, und ein Erfolg wie „Rammstein: Paris“, der als dreitägiges Event alleine in Deutschland einen siebenstelligen Umsatz erzielt hat, lässt das Potential des Themas erahnen.

Auf Netflix oder bei Amazon Prima oder in sonst einem Streamingdienst bekomme ich fast alles, was ich sehen will, jederzeit verfügbar und direkt ins Wohnzimmer, sogar im Originalton, wenn ich das möchte – wieso sollte ich da noch ins Kino gehen?

Schülke: Das Kino erfüllt perfekt das Bedürfnis nach einem Erlebnis außer Haus, bei dem man etwas anderes erleben kann, als zuhause zu hocken. Es ist ein perfekter Ort, um mit anderen Menschen ein gemeinsames Erlebnis zu teilen. Es schafft den Anlass zum Ausgehen, und bietet gemeinsamen Gesprächsstoff hinterher. Filme kann man heute überall sehen – aber die Wirkung ist im Kino unübertroffen. Das gilt gerade auch für Events, wo oft der Livecharakter noch für einen zusätzlichen Kick sorgt.

Aber dennoch, könnte ich mir vorstellen, beobachten Sie die Streaming-Entwicklungen mit einem gewissen Argwohn?

Schülke: Natürlich muss die Kinobranche dafür sorgen, dass ein Kinobesuch aufregender bleibt als andere Angebote. Verwertungsketten und Geschäftsmodelle werden sich ändern, weil Streaming-Anbieter selbst zu wichtigen Content-Produzenten werden und entsprechend Einfluss nehmen können. Eine einfache Antwort gibt es für die Branche darauf nicht. Die Ergänzung des bisherigen Kinoangebotes durch andere Inhalte wie z.B. Liveevents ist aber eine der Antworten, die man hier geben kann. Der Trend geht eindeutig in die Richtung, mehr Programmvielfalt im Kino anzubieten und diese auch als Event zu inszenieren.

Ein Kino, in dem die Sitze wackeln, passend zur Filmbewegung – sowas gibt es inzwischen selbst in einer eher kleinen Großstadt wie Osnabrück. Wird es bald das volle Programm geben, das alle Sinne anspricht? Mit Blutgeruch zum Horrorfilm und Erschreckern, die Dir während des Films den Rest geben?

Am 28. 9. im Kino zu erleben: Der Black-Sabbath-Film "The End Of The End" - und, na klar, Ozzy ist auch dabei.  (Cinema-Consult-PR-Foto)

Schülke: Diese Angebote haben durchaus ihre Berechtigung und finden ihr Publikum, aber das ist sicher nicht die Antwort auf alle Herausforderungen der Branche. Viele Menschen möchten im Kino einfach nur entspannen, andere suchen bewusst den Kunstgenuss und die inhaltliche Auseinandersetzung. Das Kino wird für unterschiedliche Zielgruppen auch verschiedene Angebote machen müssen, und Live-Events gehören auf jeden Fall dazu.

Ich staune darüber, dass das Thema Musical als Live-Übertragung nicht ausgebaut wird. Das würde doch sicher wenigstens genauso gut laufen wie Oper im Kino, wenn nicht besser?

Schülke: Da würde ich mir auch ein regelmäßigeres Angebot wünschen. Es gab ja einige durchaus erfolgreiche Musicalevents in den Kinos (z.B. „Das Phantom der Oper“, „Billy Elliott“, „Miss Saigon“) – sobald es sich aber nicht um bekannte Marken handelt, sondern um unbekanntere Titel, ist es deutlich schwieriger, dafür ein Publikum zu finden. Und da die Top-Titel noch immer irgendwo auf der Welt live in einem Theater zu sehen sind, sind die Rechte für ein Kinoevent nur schwer zu bekommen.

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Sonntag, 27. August 2017

Buchverlosung: Ich verlose drei Mal den Thriller "Brückenteufel" von Romanautor und Schreibtrainer Martin Barkawitz - und im Interview gibt der Autor wertvolle Tipps für Hobbyautoren, Schreibtipps und Veröffentlichungstipps

Osnabrück - Ja, ist denn schon wieder "Blogger verschenken Lesefreude" oder wie? Nö, das ist immer am 23. April. Aber dass ich heute drei Mal den Thriller "Brückenfieber" des Osnabrücker Autoren und Schreibtrainers Martin Barkawitz verlosen darf, als gebundenes und gedrucktes Buch, freut mich ganz besonders. Auch der Anlass war ein schöner. In den Osnabrücker Nachrichten (ON) ist nämlich mein Interview mit Barkawitz erschienen, in dem der erfolgreiche Romanautor und gleichzeit Schreibtrainer aus dem Nähkästschen plaudert und wertvolle Tipps für Hobby-Autoren weitergibt - vor allem zum Bereich des Self-Publishing...

Ein Thema, das mich selbst ganz brennend interessiert - also ohne konkrete Veröffentlichungsabsichten. Natürlich war das aufgenommene Interviewmaterial um ein Vielfaches zu lang und ein paar Passagen mussten platzbedingt rausfallen. Das ist normal und gehört dazu, aber ein bisschen schade ist es auch jedes Mal. Wie gut, dass mir dieser Blog die Möglichkeiten gibt, das Material noch zu veröffentlichen, das ich streichen musste. Und auch die eigentlich für die ON gedachte Verlosung musste ich leider kurzfristig wieder aus dem Blatt nehmen, weil sich der mir zur Verfügung stehende Raum dort noch verändert hatte (es gab weniger Platz fürs Interview als zuerst angenommen). Aber was dann tun mit den Büchern? Naja, ist doch gut, dass es diesen Blog gibt. Das ON-Interview - lesenswert, wie ich glaube - findet Ihr übrigens hier.... Und hier sind die Ergänzungen und die Buchverlosung (am Schluss):


Ein Mann, der Steine von der Brücke schmeißt - aber die falsche Frau erwischt. Und dann auf Rache sinnt. Das ist die Grundprämisse für "Brückenteufel" - gibt es jetzt in der Verlosung zu gewinnen.  (T. Achenbach-Foto)

Martin Barkawitz, Sie leben als freischaffender Autor und schreiben so viel, dass Sie davon ihren Lebensunterhalt bestreiten. Und das auch können. Wie viel müssen Sie veröffentlichen, damit Sie davon leben können? Was schreiben Sie so an Büchern im Jahr?

Barkawitz: Keine Ahnung.... Ich schreibe im Prinzip jeden Monat einen Jerry Cotton und dann habe ich eben noch diverse Veröffentlichungen im eBook-Bereich. Hier ist das Gute die sogenannte Backlist, das heißt auch Bücher, die vor Jahren veröffentlicht wurden, bringen mir immer noch Geld. Sagen wir mal so: Ich habe jetzt 2018 durchgeplant, da schreibe ich ungefähr 20 Bücher.

Welches Schreibprogramm nutzen Sie denn?

Barkawitz: Ach, diesen ganzen Firlefanz mit extra Schreibprogrammen, Scrivener und was es heutzutage alles gibt... Also für mich ist das nix, das ist mir zu verwirrend. Das hält einen nur vom Schreiben ab (lacht...) Witzig, eigentlich: Das Schreibprogramm hält einen vom Schreiben ab... Tatsächlich schreibe ich aber an einem eigenen Laptop mit dem ich nicht ins Intenet kann. Das wäre zuviel Ablenkung....

Sie empfehlen den Weg des Self Publishing - und haben auf diesem Wege auch schon Verlagskontakte bekommen. Wenn ich jetzt tatsächlich mal ein Buch selbstpubliziere: davon kann ich im ersten Augenblick aber noch nicht leben, oder? 

Barkawitz: Sofort nicht, nein. Ich kann das mittlerweile, aber das ist was anderes. Das Hauptproblem ist ja, dass man als frischer Autor nicht wahrgenommen wird. Sichtbarkeit erreicht man eigentlich nur, wenn man möglichst viele Titel im Angebot hat, das beeinflusst wieder die Algorithmen der Verkaufsplattformen. Wenn Sie zum Beispiel gerne deutsche Krimis für 99 Cent lesen, dann wird Amazon Ihnen andere deutsche Krimis als für 99 Cent vorschlagen. Das große Glück, das einem neuen Autor passieren kann, ist, wenn er von Lesern gekauft wird, die einen schon bekannten Autor bevorzugen und dann sein Buch auch kaufen.

Weil der Algorithmus das Buch nach oben gespielt hat.. „Kunden kauften auch....“ –

Barkawitz: Wenn es gut läuft, ja. Und das ist das Beste, was einem passieren kann. Ich freue mir ja immer ein Loch in den Bauch, wenn Markus Hünnebeck, auch ein Bestsellerautor im Self-Publishing-Bereich, wieder einen Bestseller gelandet hat. Seine Leser kaufen nämlich auch meine Bücher. Da müssen Sie mal drauf achten, wenn Sie bei Markus Hünnebeck bei Amazon gucken, dann finden Sie in diesee Leiste auch meine Bücher.

Gibt es denn bei so einer Self-Publishing-Plattform auch ein Lektorat?

Barkawitz: Ja, das gibt es.

Wie hart ist das Lektorat?

Barkawitz: Bei mir nicht so hart, aber ich mache das ja auch schon 20 Jahre. Ansonsten ist es aber schon wichtig, dass man so eine Kontrollinstanz hat, man wird dabei natürlich auch betriebsblind...

Stephen King sagt in seinem Buch „Über das Schreiben“, ohne seinen Lektor wäre er nichts, denn ein Lektor ist quasi der Gott für ihn.

Barkawitz: Das kann ich so unterschreiben. Jeder Autor, und wenn die Leute noch so erfolgreich sind, hat ein Lektorat.

Genau wie Stephen King sind Sie ein "Bauchautor". Also einer, der ohne Vorplanung seiner Geschichten arbeitet und die Geschichte sich selbst entwickeln lässt. Wie Stephen King sagt: Wie ein Fossil, das man nach und nach freilegt. Das finde ich spannend, dass es tatsächlich ohne Planungen geht.


Einer, der vom Bücher schreiben leben kann - Martin Barkawitz aus Osnabrück.  (Thomas-Achenbach-Foto) 


Barkawitz: Das geht schon, aber es ist eigentlich eher was für geübtere Autoren. Also Anfängern würde ich schon raten, zumindest ein grobes Exposé zu machen. Ein sehr erfolgreicher Kollege von mir, Lutz C. Frey, hat gerade ein tolles Schreibbuch geschrieben. Das heißt „Story Turbo“ – und der plant wirklich alles durch, auch die einzelnen Szenen, was ich nie mache, aber bei ihm funktioniert es sehr gut, seine Romane sind sehr spannend. Aber ich bin eben ein klassischer Bauchschreiber, ich plane wenig

Ich habe einmal Frank Goosen interviewt, der mir gesagt hat: Bei "Pink Moon" hatte ich nur den ersten Satz im Kopf. Alles andere hat sich daraus entwickelt. Muss ich mir das so ähnlich vorstellen, wenn Martin Barkawitz ein Buch schreibt?

Barkawitz: Bei meinem Thriller "Brückenteufel" zum Beispiel  hatte ich folgende Idee im Kopf. Irgend so ein Idiot schmeißt einen Stein von der Autobahnbrücke, eine junge Frau wird getötet. So etwas ist ja nun leider wirklich passiert. Meine Überlegung war jetzt, was wäre wenn…: Die Frau, die getötet wird, ist die Freundin von dem Killer. Und der Killer will jetzt Rache nehmen. Was passiert dann? Das war so meine Idee. Dann haben sich die Charaktere entwickelt.

Agent Barkawitz.... Von Jerry Cotton kommen Sie irgendwie nicht los, oder?

Barkawitz: Ich mache im Moment nur Jerry Cotton. Ich habe auch diverse andere Serien geschrieben. Ich habe einen treuen Fan, der hat neulich mal ausgerechnet –  ich bin ja selbst zu faul für so etwas – wieviele Romane ich insgesamt schon geschrieben habe, also Cotton, Taschenbücher, alles. Da kam er auf 274.

Wie ist das bei Jerry Cotton? Gibt es da auch für jeden Roman ein Exposé, was die 
Handlung vorgibt, wie bei Perry Rhodan, oder sind Sie da ganz frei?

Barkawitz: Es gibt nur ein sogenanntes Rahmenexposé, wo zum Beispiel festgelegt wird, wo Jerry Cotton wohnt und wie er aussieht, damit das nicht in jedem Roman anders ist. Das ist ja nachvollziehbar. Ansonsten wende ich mich an die Lektorin, wenn ich eine Idee für eine Geschichte habe. Und wenn ich dann grünes Licht kriege, dann bekomme ich einen Abgabetermin und den habe ich auch einzuhalten, und gebe das dann ab.

Wie mache ich denn als Autor meine Charaktere glaubhaft und prägnant? Muss ich jedem Charakter einen kleinen Tick geben, oder so etwas? Kann das hilfreich sein?

Barkawitz: Einen Tick nicht unbedingt. Man sollte keine Schwarzweißbilder zeichnen, auch der Böse kann durchaus ein paar gute Züge haben und auch der Held darf gerne negative Zugaben haben, dadurch wird es einfach lebensnaher. 

Zum Ende unseres Interviews etwas über den Beginn: Der erste Satz. Man sagt: Das Wichtigste an einem Buch ist der erste Satz. Gilt das denn auch für „Book on demand“? Ich meine die Idee ist ja eigentlich die, ich gehe in einen Buchladen und klappe so ein bisschen auf und lese den ersten Satz und dann bin ich drin...

Barkawitz: Doch, das gilt auch für Online Shops, es gibt ja diese Funktion „Klick ins Buch“ oder bei anderen heißt die „Leseprobe“, dann klappen Sie das auf und dann lesen Sie den Anfang. Und wenn der schon langweilig ist, dann haben die verloren. Also der erste Satz ist schon immens wichtig. Ich versuche immer sofort mittenrein zu springen. Wie ist denn hier der Satz (nimmt sein Buch „Brückenteufel“ und liest...“)? Genau, „Der Stein war groß wie die Welt und schwarz wie der Tod“. Ich hoffe doch, das klingt interessant... (lacht)...

Soweit das Interview. Neugierig aufs Buch geworden? Ich verlose drei Exemplare. Möglichkeit Eins zum Mitmachen: Einen Kommentar schreiben unter diesen Artikel. Das geht auch anonym. Oder Möglichkeit Zwei: Einfach eine E-Mail schreiben an thomas-achenbach at gmx.de. Der Rechtsweg ist übrigens ausgeschlossen. Allen Bloglesern viel Erfolg! 

Warum Self Publishing für erfolgreiche Autoren gut geeignet ist - und welche Schreibtipps ein Profi-Autor für Hobbyschreiber parat hat, gibt es im ON-Interview zu lesen (hier).

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Mittwoch, 16. August 2017

Sowas wie eine kleine Liebeserklärung: Warum ich den "Rolling Stone" so schätze und warum es so eminent wichtig ist, dass da immer nur alte Säcke auf dem Cover drauf sind


Geliebt. Gelesen. Gewertschätzt. Jetzt, wo die erste Kinderaufzuchtsphase mit weitestgehender Musikbefreiung vorbei ist, wird jede Ausgabe des neuen Rolling Stone wieder heiß erwartet.   (T.-Achenbach-Foto)


Osnabrück - Elvis Presley? Nö, der interessiert mich null. Nicht die Bohne. Und von den gefühlten 35 Seiten, die die 40-Jahre-Elvis-tot-und-immer-noch-wirklich-wichtig-Titelgeschichte des Rolling Stones im Sommer 2017 ausgefüllt hat, habe ich nicht eine Zeile gelesen. Den Rolling Stone mal wieder abonniert – nach jahrelanger Pause wegen Babyaufzucht  und damit einhergehender Rockmusikhörerabstinenz - habe ich dennoch. Weil es ja völlig egal ist, um wen sich die Titelgeschichte gerade dreht – was zählt, ist das dahinterliegende Erfolgsprinzip: Die permanente Relevanzbehauptung über alles, was Dir in der muskalischen Sozialisation wichtig geworden ist. Das schmeichelt und tut gut. Denn so ticken Musikfans eben. Hat mir neulich noch ein Kumpel beim Grillen bestätigt…

Folgendes Experiment. Man gehe in einen Zeitschriftenladen und sehe sich die Titelseiten aller aktuellen Musikmagazine an. Was sehen wir dort? Meistens: Richtig alte Bands. Oder: Richtig alte Musiker. Die Beatles oder die Stones. Bob Dylan oder Van Morrison. Pink Floyd oder Deep Purple. Neil Young oder Bruce Springsteen. Sei es der „Rolling Stone“ oder das Progrockmagazin „Eclipsed“, sei es „Classic Rock“ oder, meistens auch, wenn auch nicht immer, der „Musikexpress“ (Okay, zugegeben, das klappt nicht bei „Spex“ – aber wer schon so vergeistigt ist, dass er „Spex“ liest, der hat längst keinen Spaß an Musik mehr). Aber warum ist das so? Warum nur der ganze alte Kram? Klare Sache: Verkaufsprinzip Relevanzbehauptung. Oder anders gesagt:


Interessant: Die siebenunddrölfzigste Pink-Floyd-Titelgeschichte 


Schon die Titelbilder dieser Magazine geben Dir das gute Gefühl, dass genau die Musik, mit der Du einmal sozialisiert worden bist, heute immer noch maßgeblich ist. Stilprägend. Unfassbar bedeutsam und unveränderlich überwichtig. So wie wir das haben wollen und bestätigt bekommen wollen. Wieder und wieder und wieder. Um sich nicht ewiggestrig zu fühlen, sondern voll dabei. Und schon greifst Du zu und kaufst das Magazin. Wegen dieses Gefühls. Aber, Hand aufs Herz, doch nicht etwa, weil Dich die siebenunddrölfzigste Pink-Floyd-Titelgeschichte wirklich interessieren würde – denn alles, wirklich alles, was es über Pink Floyd zu sagen gibt, ist längst gesagt worden. Aber darum geht es ja auch gar nicht. Sondern um was ganz anderes…

Ewige Streitfrage: Welche Alben gehören zum ewiggültigen Kanon?


Nämlich darum, dass Musikfans im Grunde genommen furzkonservative alte Knochen sind und für den Rest ihres Lebens in dem eigentlich sehr überschaubaren Sumpf steckenbleiben, in den sie mal hineingewachsen sind. Ich darf das so ironisch sagen, ich ticke ganz genau so. Oder der gute Freund, von dem mein Grillkumpel neulich erzählte. Der ist nicht nur Arzt, sondern außerdem noch Musiker. Und totaler Musikfan. Treffen diese beiden aufeinander, dreht es sich ganz oft um die Frage, welche Alben man eigentlich kennen muss. Wobei sich der Arztmusiker dabei auf einen relativ fixen Kanon ganz alter Platten festlegt und deren Ausschließlichkeit betont, so dass es mein Grillkumpel ihm gegenüber anzweifeln musste, ob es da nicht noch mehr geben könnte. Fand ich sehr amüsant. Wähnte mich auf der richtigen Seite, also der offenen, weniger dogmatischen. Dann sprachen wir über die ganz neue Arcade Fire. Schon war ich ertappt.


Welche Platten sind maßgeblich? Gib zwei Musikfans ein paar Dosen Bier und ein paar Stunden Zeit und sie werden sich die Köpfe heißreden. Auch darum geht es.....   (T,.Achenbach-Foto)


Wichtigster Faktor: Der Zeitpunkt des Aufwachsens


Denn ich sprach tatsächlich den folgenden Satz, von dem ich schon beim Sprechen langsam merkte, dass das in die falsche Richtung gehen würde: Naja, so ich, eigentlich hätten Arcade Fire ja nach "In The Suburbs" aufgehört, bei ihrem eigenen Stil zu bleiben, den sie gerade für sich gefunden hatten - und so konnte ich schon mit der "Reflector" wenig anfangen. So ich. Und weiter: Wenn ich so dann lese, dass Arcade Fire bei ihrem neuen Album noch mehr in Richtung Glitzerpop und Disco gehen, dann muss ich doch sagen, die Band könnte doch besser irgendwie bei dem bleiben, was sie mal so schön aufgebaut hat.... Darauf mein Kumpel: Nun ja, er wolle auch da eben versuchen, da offener zu bleiben... Tja. Auweia. Aber, so mein Kumpel, augenzwinkernd: Am Ende ginge ja doch nichts über die Beatles. Wobei mir eines nochmal sehr klar geworden ist - auch das keine neue, aber eine immer wieder wichtige Erkenntnis: Welchen Kanon an Bands Du für maßgeblich hältst, hat mit der Zeit Deiner musikalischen Sozialisation zu tun. Meine Frau zum Beispiel.

Von Stuckrad-Barre zu Recht in den Himmel gelobt


Für die gehört Radiohead unbedingt in den Kanon des Dogmatischen mit hinein. Und auch wenn ich Radiohead durchaus für stilprägend und wichtig halte und für zu Recht immer wieder kritikergeliebt, wäre das für mich eine kritisch zu diskutierende Frage, ob die Band in den ewiggültigen Albumhimmel mit hineingenommen werden muss. Also, solange Pink Floyd mit drinbleiben... Wann waren die eigentlich zuletzt beim Rolling Stone auf dem Cover? Kommt bestimmt bald wieder... 


Selten unaufgeregt und wenn, dann bei Mode


Gibt natürlich noch eine  Menge anderer guter Gründe, warum der Rolling Stone eine tatsächlich maßgebliche Zeitschrift ist: Der rotzig-ironische-und-trotzdem-liebevolle Tonfall der meisten Autoren, den alle Leser in ihren Zuschriften nachzuahmen versuchen (weswegen alleine die Leserkontaktseite immer ein Genuss ist). Die Tatsache, dass der von Benjamin von Stuckrad-Barre in "Panikherz" völlig zu Recht in den Himmel gelobte Arne Willander nach wie vor als prägender Autor mit seinem gewaltigen Allwissen mit dabei ist. Dass Literatur und Politik ebenso eine wichtige Rolle spielen im Berichteten wie TV-Serien. Dass die gottseidank seltenen Modestrecken - immer das Enervierendste im Magazingeschäft - angenehm unaufgeregt daherkommen. Und, und, und... Also, Danke, liebe Musikzeitschriften. Ist grad richtig schön warm hier in meinem Sumpf. Ihr sorgt ja bitte dafür, dass das so bleibt.... 

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