Mittwoch, 28. Juni 2017

Hilfreiche Bücher gewinnen in der Sommerpause - "Damit das Leben wieder heller wird" von Eva Terhorst - Akuthilfe für Menschen in einer Verlustkrise - Und im August geht es hier weiter

Osnabrück – Der Kulturblog verabschiedet sich in eine kurze Sommerpause. Die Theater haben geschlossen, die ausbrechenden Sommerferien legen so ziemlich alles lahm, was kulturelles Leben angeht, die Festspiele finden weit, weit entfernt statt, es ist Zeit für eine Pause. Zeit fürs Lesen von Büchern. Und für Familie. Wer mag, kann in der Sommerpause aber gerne auf meinem zweiten Blog - Trauer ist Leben - an einer Buchverlosung teilnehmen. Denn die Trauerbegleiterin Eva Terhorst aus Berlin hat in einer Art Arbeitsbuch hilfreiche Formulare veröffentlicht, die bei der gedanklichen Bearbeitung eines Tages gute Dienste leisten (Übrigens nicht nur für Trauernde).  

Im August wird es weitergehen (also: hier, und auch auf dem Trauerblog). Die folgenden Themen sind für diesen Blog nach der Sommerpause schon jetzt vorgesehen: Eine Einführung in die neue Spielzeit der "MET-Live-im-Kino"-Saison. Ein Konzertbericht eines Auftritts von "Marillion". Und vielleicht - mal sehen, ob ich es schaffe - auch ein paar Gedanken zu Barrie Koskys Bayreuther Neuinszenierung der "Meistersinger aus Nürnberg". Ob ich Karten für den heiligen Musentempel habe ergattern können? Nein, nein, nicht ganz. Leider. Aber es gibt eine Kino-Liveübertragung (25.7., Dienstag, 18 Uhr - mehr Infos dazu hier...). Jetzt aber: Allen einen schönen Sommer!


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Im Trauerblog des Autors: Die Kunden müssen die Bestatterbranche bewegen - was alles möglich sein kann, wenn Menschen in einer Verlustsituation das wollen

Im Trauerblog des Autors: Bald darfst Du wegen Trauer krankgeschrieben und überwiesen werden - warum das derzeit so umstritten ist

Ebenfalls auf diesem Blog: Genug gemeckert, wir sollten froh sein über unsere Theater - eine Liebeserklärung und eine Lobpreisung zum Welttheatertag

Ebenfalls auf diesem Blog: "Tote Mädchen lügen nicht"... 10 Gründe, warum das Buch wesentlich besser ist als das zu Recht umstrittene Netflix-Serienphänomen



Samstag, 3. Juni 2017

Tote Mädchen lügen nicht... - 10 Gründe, warum das Buch wesentlich besser ist als die zu Recht umstrittene Netflix-Fernsehserie und wo die Unterschiede zwischen Buch und Serie liegen...

Osnabrück - Und jetzt? Beginnt die zweite Staffel von "Tote Mädchen lügen nicht" mit einem fetten Amoklauf? Oder hat der schwer bewaffnete Fotografenjunge etwa schon einen Schuss abgegeben? Und: Gibt es das alles bald als Musical? Okay, jetzt erstmal: Staffel eins. Ausgelesen und zu Ende gehört. TV-Serie und Hörbuch parallel. Ich wollte wissen, was dran ist an all den Vorwürfen in Sachen "Tote Mädchen lügen nicht" ("13 Reasons Why"). Dass die Serie trotz aller Faszination gefährlich sein kann und für Zuschauer in einer Trauerkrise denkbar ungeeignet, habe ich schon vor kurzem in meinem Trauerblog angemerkt. Aber wie stark die Serienmacher die Romanvorlage aufpoliert und angehübscht haben, ist mir beim parallelen Verfolgen beider Medien sehr bewusst geworden. Man könnte überspitzt sagen: Fast alles, was in der Jetztzeit spielt, also nach dem Suizid, kommt im Buch so nicht vor. Wobei es eine kleine Ausnahme gibt. Und übrigens: An einer zentralen Stelle ist die Serie sogar realistischer als das Buch. Aber der Reihe nach (by the way: Spoiler, Spoiler, Spoiler!)

Dass sich der von allen geschasste Fotografenaußenseiter Tyler bis auf die Zähne bewaffnet - mit Geheimversteck für Pistolen und Kurzgewehre in der Fototasche -, kommt im Buch nicht vor. Dasss wir am Ende nicht erfahren, was aus diesen Waffen wird und ob nicht Tyler es gewesen ist, der schon einen Schuss abgegeben hat und danach an Alex Standalls Handy gegangen ist - also kein zweiter Suizid -, ist ja klar: Man will das Publikum ja auch irgendwie an eine zweite Staffel heranführen. Will soviele Spuren offenlassen, dass alle auf jeden Fall wieder einschalten. Deswegen wird am Ende auch nicht klar, was aus dem zweiten Suizid wird. Aber warte mal: Amokplanung, zweiter Suizid, Blut und Gewalt, ist das nicht alles ein bisschen arg... übertrieben? Öhm, ja. Ist es. Aber das hier ist es nicht: Wollen wir wetten, dass wir "Tote Mädchen lügen nicht" auch als Musical erleben? Hm?


TV-Regel: Mach Radau und brich Tabus, dann schalten alle ein


Denn da bin ich mir sicher: Es wird nicht mehr lange dauern - ein oder zwei Jahre vielleicht noch - und ein cleverer Broadwayproduzent wird "13 Reasons Why" auf die Bühne gebracht haben. Als Musical, das dann bald auch im Londoner Westend laufen wird - und womöglich auch in Deutschland. "Tote Mädchen lügen nicht, das Musical". Jede Wette. Das bietet sich an. Schon rein aus kommerziellen Gründen. Denn "Tote Mädchen lügen nicht" ist, das zeigen die teils intensiv geführten Debatten der vergangenen Wochen, eine "Cash Cow". Eben weil die TV-Serie so umstritten ist. Da hat das gute alte Verkaufsprinzip wieder einmal bestens funktioniert: Sorge für möglichst viel Radau, brich ein Tabu, dann läuft der Verkauf wie geschmiert. Und schuld daran ist: Allein die TV-Serie. Nicht das Buch. Das wird seit Jahren in Schulen gelesen. Seit Jahren, in Schulen - und von einem Werther-Effekt dadurch ist bislang nichts bekannt. Bei der Serie zwar auch noch nicht, und doch warten alle förmlich drauf. 


Noch ne Schippe und noch ne Schippe und noch....


"Weil es den Serienmachern nicht dramatisch genug war"... - hätten sie den Suizid von Hannah Baker wesentlich drastischer darstellen wollen als er im Roman geschildert wurde. So steht es in einem der vielen Texte, die sich im Internet über das Ende der TV-Serie finden lassen. Aber wer das Buch und die Serie einmal konkret vergleicht, dem fällt auf, dass den Serienmachern offenbar sehr vieles nicht dramatisch genug gewesen ist. Und dann haben sie angefangen, hier noch ein Schippchen draufzulegen und dort noch eins.... Na klar, Tony ist also bekennend schwul und hat dazu noch einen Freund, der in Clay eine Gefahr für sich sieht. Oh Mann. Na klar, Courtney Crimsen hat zwei bekennende Schwule als Doppel-Väter-Elternpaar, weswegen sie gerne selbst mit der Homoerotik flirtet, selbst unsicher, was das mal werden soll. Na klar, es gibt einen fetten Anwaltsstreit mit Nestbeschmutzung. Und, und, und.. Am Ende ist das alles... - ganz schön dick. Alleine deswegen ist das Buch besser. Okay, ich hatte 10 Gründe versprochen. Hier sind sie:


Courtney Crimsens Homoerotik kommt im Buch nicht vor.  (Alle Fotos: Netflix-Media-Center-/Netflix-Pressefotos)

1.) Kein Seifenopernfaktor: Im Buch ist es alleine Hannah, die uns etwas über die 12 Mitschüler - und einen Lehrer - erzählt, die jeder für sich ein wichtiges kleines Puzzlestück in ihrem Abstiegsprozess gespielt haben. Dass das für eine TV-Serie mit jeweils einer Stunde Laufzeit pro Folge nicht ausreichend ist und dass man dort jeden Charakter mit einer zusätzlichen Hintergrundbiografie ausstatten muss, um noch mehr an Erzählstoff und psychologischer Schlüssigkeit anbieten zu können, ist logisch. Aber wie oben schon erwähnt haben es die Serienmacher dabei ein wenig übertrieben. Bis: Mächtig übertrieben. Nicht nur diese mehrfach aufgepropften Homo-Sachen gehen arg in Richtung Seifenoper, sondern auch beispielsweise die kitschige Szene, in der der hier eher nerdige Clay mit Hannah die Sterne angucken will und sich mit ihr aufs Dach des Kinos setzt dafür (ebenfalls nicht im Buch enthalten/im Hörbuch jedenfalls). Apropos Clay.


Clay Jensen ist im Buch weder Nerd noch Außenseiter, sondern beliebt.

2.) Clay ist kein Nerd. Sondern ein ganz allgemeiner und ganz normaler Mitschüler. Im Buch ist er sogar beliebt. Hannah erwähnt an einer Stelle, dass keiner, mit dem sie gesprochen hat, auch nur irgendetwas Negatives über Clay Jensen sagen kann. In der Serie wird er indes von Anfang an als Außenseiter und als Nerd dargestellt. Klar, so rückt die Figur automatisch noch näher an Hannah ran und kann besser an sie andocken. Klar, so werden beide zum perfekten Außenseiterpaar, was den "Sie müssten es doch irgendwie schaffen mit dem Zusammenkommen"-Faktor um ein Vielfaches erhöht. Aber im Buch ist Clay eben einer von vielen. Was es irgendwie noch viel plausibler macht, dass sich Hannah beim Kuss auf der Party wieder von ihm entfernt - weil sie in ihm auch einen "von denen" wähnt. Natürlich wird die Figur des Clay dadurch ein Stück langweiliger, aber auch logischer fürs Handlungsgefüge. 


Clays Eltern kommen im Buch nicht vor. Und Anwälte auch nicht.

3.) Es gibt kein juristisches Anwalts-Gedöns. Dass die Schule - öhm, die Schule! - von Hannahs Eltern verklagt wird, weil sie nichts gegen die Selbstmordabsichten ihrer Tochter unternommen hat und das laufende Mobbing, okay, das mag ja psychologisch noch nachvollziehbar sein und könnte tatsächlich so sein. Aber dass eine Anwaltsfirma damit beauftragt wird, Hannahs Ruf künstlich post mortem zu beschmutzen um den Ruf der Schule reinzuwaschen? Ehrlich? Come On, Leute, wo sind wir denn? Etwa an der Wall Street? Bei Mercedes gegen Chrysler? Nein, an irgendeiner popeligen High School in irgendeiner popeligen Kleinstadt. Also bitte! Und dass es dann ausgerechnet Clays Mutter ist, die diese Rolle der Nestbeschmutzerin übernimmt - das ist dann wirklich too much. Erst recht die Tatsache, dass Clays Mutter weiterhin an dem Fall dranbleiben kann, selbst als ihr eigener Sohn von der Gegenseite zur Befragung befohlen wird (jeder wirklich fähige Anwalt hätte die Mutter längst wegen Befangenheit aus diesem Prozess genommen). An dieser Stelle gleitet die Serie ins Unrealistische ab (Seifenoper). Und im Buch? Kein Wort davon. Nicht eins. Womit wir beim nächsten Punkt wären.

Hannahs Eltern und ihre Verlustschmerzen sind kein Thema des Buches.

4.) Die Eltern spielen keine Rolle. Und das ist besser so. Die allerschlimmste Szene aus der TV-Serie ist eben nicht das explizit gezeigte Aufschlitzen der Adern in der Badewanne, als Hannah sich suizidert, sondern die Sequenz kurz danach, wenn die Eltern ihr kleines Mädchen im überlaufenden rosa eingefärbten Wasser finden. Diese letzten Sekunden der Hoffnung, wenn Mama Baker ihre Tochter noch retten und rausholen möchte - und was dann an Schmerz folgen wird. Unerträglich. Im Buch gibt es diese Szene nicht. Eigentlich gibt es fast überhaupt keine Eltern im Buch. Diese Ebene fällt fast völlig weg. Okay, am Anfang sind Clays Eltern einmal ganz kurz, sozusagen, "im Weg" und müssen mit der allgemeingültigen Ist-für-ein-Schulprojekt-Ansage besänftigt werden; okay, mittendrin wird der Roman-Clay in seinem Cassetten-Hör-Rausch einmal von seiner Mutter im Eiscafé aufgesucht (und von Tony, dazu gleich mehr), aber das ist es dann auch. Doch, siehe da: Dadurch, dass die Eltern weitestgehend abwesend sind, bis auf kurze Unterbrechungen, wirken die Bedrohungen der Teenager untereinander viel stärker. Drohender. Und dadurch: Wirkmächtiger. 


Clay hört alle Cassetten in einer Nacht durch - im Buch.

5.) Clay hört alle Cassetten innerhalb von nur einer Nacht - in der Serie stoppt er immer wieder und "kann nicht weiterhören", so dass der ganze Prozess mehrere Tage dauert. Tja, auch was das angeht, halte ich persönlich das Buch für schlüssiger: Ich könnte das jedenfalls nicht - so lange zu warten, bis ich vielleicht selbst einmal eine Rolle spielen auf den Cassetten. Oder? Natürlich würdest Du so lange dranbleiben, bis Du an der Reihe bist. Und Cassette um Cassette durchziehen. Und alles andere verschieben.


Eine Verschwörung gegen Clay fehlt im Buch - genauso wie ein Ballsaal.

6.) Die Verschwörung gegen Clay findet nicht statt. Kein geklautes Fahrrad. Keine nächtlichen Einschüchterungsversuche durch Autoraserei. Kein Haschisch, das in einen Rucksack geschmuggelt wird, um von der Polizei gefunden zu werden. Keine Schülergruppen, die sich zusammenrotten um "die Kontrolle über Clay" zu übernehmen. Keine Racheaktion mit einem zerkratzten Auto. Und vor allem: Keine 14te Cassettenseite, die Clay in einer privaten Spionageaktion im Geheimen aufnimmt. Ich weiß selbst nicht genau, warum mich dieser Handlungsstrang so dermaßen genervt hat. Aber er hat mich kolossal genervt. Vielleicht, weil sich Clay von Folge zu Folge immer mehr zum rechtschaffenden Ein-Mann-gegen-alle-Cowboy entwickelte, dem einzig ehrwürdigen Last Man Standing gegen eine wachsende Truppe von Bösewichten, die ihm eines auswischen wollen. Ist mir persönlich das alles viel zu Schwarz und Weiß und viel zu wenig ambivalent. Aus der Arbeit mit Trauernden weiß ich außerdem: Wenn sich Menschen umbringen, weckt das in den Hinterbliebenen und ehemaligen Kollegen oder Freunden oft gewaltige Schuldgefühle. Gewaltige! Dass sich dann trotzdem die als am Suizid mitschuldig Angesprochenen zusammenrotten... - nein, eher unwahrscheinlich. Auch wenn die Serienmacher diesen Handlungsfaden gegen Ende noch einmal in andere Bahnen lenken. Siehe zweiter Suizid. 


Ist Clay in Gefahr, ist Tony da. Jedenfalls in der Serie. Im Buch taucht er nur zwei Mal auf.

7.) Tony wird nicht zum Quasi-Schutzengel hochstilisiert. Ja, tatsächlich hat Tony auch im Buch einen zweiten Satz Cassetten. Ja, tatsächlich gibt es sogar im Buch eine Szene, in der Tony mit seinem Mustang unterwegs ist und Clay beim Hören der Cassetten erwischt. Während Clay im Café innen weiterhört, wartet Tony draußen im Auto auf ihn, um ihm dort zu eröffnen, dass er es ist, der über den zweiten Satz Cassetten verfügt. Das alles spielt in der Jetztzeit, also nach dem Suizid. Aber es ist die einzige Szene, in der Tony eine so große Rolle spielt. Dass er zu Clays Quasi-Schutzengel wird und überall dort auftaucht, wo Clay auch nur ansatzweise in Gefahr zu geraten scheint, wie es in der Serie geschieht, fand ich nicht nur ganz schön nervig, sondern auch ganz schön unwahrscheinlich. Dass er Clay dann auch noch zu einer tatsächlich gefährlichen Berg-Klettertour mitnimmt um ihm auf den Weg nach oben quasi spirituell die Augen zu öffnen für Hannahs Leid - das gibt es ebenfalls nur in der Serie. Und auch das, wie so vieles dort: Einfach too much.  


Warum um Gottes willen geht Hannnh Baker am Ende soweit, sich das Leben zu nehmen? So richtig schlüssig erklären das weder Buch noch Serie. Das kann ein Vorteil sein. Oder ein Nachteil.

8.) Hannah durchlebt erkennbarer die drei Stadien vor einem Suizid.
Durch die vielen dazuerfundenen Handlungsstränge und die aufgemotzten Charaktere verliert die Serie oftmals ihren Fokus. Anstatt stringent bei Hannahs Geschichte zu bleiben, verfolgen wir die Geschichte ihrer Eltern, die Geschichte von Clays Eltern, die Geschichte von der Verschwörung gegen Clay. In manchen Folgen ist es allein der Vorspann, der uns daran erinnert, dass es hier ja eigentlich um die auf 13 Cassetten untergebrachte Geschichte geht, die ein Mädchen hinterlässt, das sich suizidert hat.
Das ist umso bedauerlicher, als dass im Buch sehr exakt nachvollzogen wird, wie Hannah die drei Stadien vor einem Suizid durchlebt, von denen Wissenschaftler und Präventionsexperten sprechen. Stadium Eins: Man flirtet mit dem Gedanken, ohne es allzu ernst zu meinen. Stadium Zwei: Die Suizidgedanken verfestigen sich und werden alles beherrschend, erste konkrete Pläne werden durchdacht. Stadium Drei: Der Entschluss steht fest und die Detailplanung geht los, sehr konkret wird außerdem das Leben für die anderen danach mitgeplant (im Buch verschenkt Hannah beispielsweise ihr Fahrrad, weil sie es ja nicht mehr braucht, in der Serie fehlt das leider) - meistens wirken die Betroffenen in dieser Phase wieder ganz ruhig und gelassen, nachdem sie zuvor niedergeschlagen oder sehr feinfühlig gewesen sind, was fatalerweise dazu führt, dass sich Freunde und Angehörige weniger Sorgen machen als zuvor. Dass sich Hannah die Haare abschneidet, wird im Buch als zu den "Top Five" der Erkennungszeichen vor einem Suizid gehörend bezeichnet - das lässt sich durch meine Recherchen so nicht bestätigen, aber es passt ins Bild von Phase Drei.


Schießt scharf. Fotograf Tyler. Aber womit? Schießt er am Ende auf Alex? Weil: Jemand geht an Alex Handy, als dieser es wohl schon nicht mehr könnte...
9.) Es gibt nur einen Suizid - nicht zwei. Hatte ich schon erwähnt, dass die Serie es am Ende mächtig übertreibt? Dass sie einen möglichen Amoklauf andeutet, aber diese Spur offenlässt? Und dass sie einen weiteren Schüler in den Suizid schickt? Wobei die Serie offenlässt, ob es nicht doch eine Attackte gewesen ist. Denn wir bekommen davon nur hören, zu sehen bekommen wir das nicht. Also: Noch nicht. Warte mal bis zur zweiten Staffel. Würde mich jedenfalls nicht wundern, wenn da noch eine explizite Darstellung davon folgt. Denn wie will die Serie weiter im Gespräch bleiben nach so einem Auftakt? Wie, wenn nicht durch noch mehr Tabubrüche? Ach - im Buch, übrigens: Von alledem kein Wort.


Mit ihr endet das Buch - weil Clay beschließt, sich aktiver auch den als Außenseitern geltenden zuzuwenden. Weil Clay im Buch kein Außenseiter ist, wirkt das Finale dort noch besser, wenn auch kitschiger. 

10.) Alles - fast alles - ist viel dezenter. Im Buch. Ja, nur fast alles. Diese ganze Nummer mit dem umgefahrenen Stopschild und dem tödlichen Unfall in Folge davon, findet sich nämlich auch im Buch (der dabei gestorbene Mitschüler indessen nicht). So oder so: Mann, war das konstruiert - oder? Gäbe es nicht derzeit so einen Hype um die Serie und das Buch und hätte ich es mir nicht zum Ziel gemacht, beides zu Ende zu verfolgen, wäre das die Stelle gewesen, an der ich ausgestiegen wäre. Aus dem Buch wie aus der Serie. Denn das ist mir alles zuviel. Hier wird mir allzu offensichtlich nach einem vorgegebenen Schnittmuster verfahren: Wie können wir möglichst viele Figuren möglichst viel selbstauferlegte Schuld erleiden lassen...? Aber an anderen entscheidenden Stellen ist das Buch zurückhaltender. Es lässt zum Beispiel offen, ob Bryce Walker im Whirlpool wirklich in Hannah eindringt, sie also penetriert, oder ob er es beim Hinein- und Hinausgleitenlassen der Finger "belässt". Das Buch lässt sich in beide Richtungen lesen. In der TV-Serie wird diese Frage mehr als eindeutig beantwort. Wie natürlich auch der Suizid selbst. Im Buch sind es Tabletten, die Hannah nimmt - und wir werden nicht Zeuge des Aktes an sich, nur der ersten groben Planungen dafür. Ach, und diese Sterbeszene in der TV-Serie... Ist sie jetzt wirklich so dermaßen abschreckend oder doch eher lehrreich? Immerhin zeigt sie sehr genau, in welche Richtung der Schlitz gehen muss (nicht quer). 


Wo die Serie einmal (etwas) besser ist als das Buch


In einem Punkt ist die Serie allerdings besser als das Buch. Denn im Buch gibt es keine Hinweise darauf, dass Hannah krank sein könnte - dass sie vielleicht eine depressive Störung hat, eine Melancholie, irgendetwas. Dass sie sich dann trotzdem das Leben nimmt, ist zwar nicht gänzlich unrealistisch, weil sie mehrfach in ihren Cassetten einen Kontrollverlust über ihr Leben beklagt, immerhin der Vorstufe zu einer beginnenden Depression (und weil fast immer in der Teenagerphase mit dem Thema Suizid geflirtet wird) - aber sehr wahrscheinlich ist es auch nicht. Weil Mediziner und Präventionsexperten immer wieder betonen: Die meisten Suizide sind Folge einer Erkrankung - einer Erkrankung, die behandelt werden könnte. In der dritten Folge der TV-Serie haben die Serienautoren diesen Faktor aufgegriffen. Hier findet sich ein recht eindeutiger Hinweis darauf, dass Hannah Baker bipolar gestört war. Also manisch depressiv. 


Ist es nun ein gutes Buch - oder nicht?


Es ist eine ganz kurze Aussage von Hannas Mama in einem Gespräch mit dem Schuldirektor, die diese Andeutungen in sich trägt. Sinngemäß lautet sie: Manchmal ist sie, also Hannah, singend und überbordend fröhlich durchs Haus gehüpft und an anderen Tagen war sie wieder total still und niedergeschlagen ("moody", heißt es so wunderbar treffend im englischen Originalton). Dass die Serie solcherlei Andeutungen macht, ist wichtig und richtig. Denn, nochmal: Die meisten Suizide sind Folge einer Erkrankung - gegen die sich etwas machen lässt (Fragen? Kummer? Die Nummer der Telefonseelsorge, kostenlos: 0800/1110111).  Bleibt am Ende noch die Frage, ob "Tote Mädchen lügen nicht" überhaupt ein gutes Buch ist. Tja, gute Frage. Irgendwie hat es was. Das liegt vermutlich daran, wie geschickt es einem klassischen Thriller-Aufbau folgt. Viele Blogger und Twitterkommentatoren schätzen das Buch dafür, dass es so beherzt Themen wie Mobbing und sexuelle Herabstufungen behandelt (dass es den Bereich Cybermobbing nur am Rande streift, ist heutzutage auch nicht sonderlich realistisch, aber okay). Man mag darüber diskutieren, ob das so ist oder ob es bessere dazu gibt - mir fehlen im Jugenbuchsektor die Kenntnisse, ich finde es aber schwer vorstellbar, dass solche Themen nicht noch in anderen Werken behandelt werden.


Ist das fahrlässig...? - Jay Asher sollte gute Anwälte haben


Weil das Buch aber dem klassischen "Wenn ich gehe, werdet Ihr alle leiden"-Rachemuster folgt, der bei mit dem Suizid flirtenden Jugendlichen ohnehin stets eine große Rolle spielt, geht es mit seiner eigentlichen Thematik auf fast strafbare Weise fahrlässig um. Dass es damit indirekt zum Nachahmen anregen könnte, ist nicht von der Hand zu weisen. Also: Nein, so richtig gut ist es nicht. So richtig schlecht auch wieder nicht. Jay Asher sollte gute Anwälte haben. Dass ihn amerikanische Eltern verklagen wegen Anstiftung, sollten sich ihre Kinder einmal suizidieren - ja, das könnte passieren. 

Da sitzt sie alleine am Tisch, weil sich keiner zu ihr setzen mag. Soziale Isolation ist eines der Themen, die in der Netflix-Serie "Tote Mädchen lügen nicht" ("13 Reasons Why") dekliniert werden - aber wie realistisch ist die umstrittene TV-Serie?  (Alle Fotos: Netflix-Media-Center/Netflix-Pressefoto)

Wichtig: Wer tatsächlich an einen Suizid denkt und diese Gedanken nicht loswird, findet kostenlose und anonyme Hilfe z.B. bei der Telefonseelsorge unter 0800/1110111 - oder als E-Mail-Beratung über die Internetseite www.telefonseelsorge.de. Oder einfach die 112 wählen. Außerdem gibt es einen kostenlosen Krisennotdienst für Eltern und Kinder (Telefon 0800/1110444)


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Der Autor dieser Zeilen bietet Trauerbegleitung an in Osnabrück und im Osnabrücker Land an und hat eine Ausbildung zum Trauerbegleiter absolviert (Große Basisqualifikation gemäß des Bundesverbands Trauerbegleitung). Er hält auch Vorträge zum Thema Trauer und Umgang mit Trauernden. Mehr Infos gibt es hier

Ebenfalls auf diesem Blog: Warum der Macherin der Messe "Leben und Tod" in Bremen auch heute noch oft die Tränen kommen - Interview mit Meike Wengler

Ebenfalls auf diesem Blog: So funktioniert der Trauer-Chat im Internet; ein Modell, das immer erfolgreicher wird - Interview mit dem Macher & Moderatoren

Ebenfalls auf diesem Blog: Was soll nach einem Todesfall gefeiert werden? "Nur" der Todestag - oder auch noch der Geburtstag des gestorbenen Menschen?

Und im Kultur-Blog des Autors: 10 Gründe, warum "The Crown" von Netflix die beste Fernsehserie seit vielen, vielen Jahren ist 

Außerdem im Kulturblog des Autors: Die Netflix-TV-Serie "Stranger Things" ist ein einziges Zitate-Raten für Kinder der 80er - was sich alles an Easter Eggs finden lässt


Dienstag, 25. April 2017

Sie sind da: Die ersten Gesichtsmasken für den optimalen Theatergenuss - wahlweise auf Deutsch oder Englisch erhältlich; inspiriert von Richard Wagner (und unserem kleinen Kulturstammtisch)


Für den echten Theater- und Festivalenthusiasten gibt es auch eine englische Version: Meine neuen Theatermasken können auch missglückte Inszenierungen zu einem echten Genuss werden lassen. Wer will, kann die Masken bei mir kaufen.   (Thomas-Achenbach-Foto)

Osnabrück - Richard Wagner soll einmal gesagt haben: Nachdem er bereits das unsichtbare Orchester erfunden habe, wolle er jetzt noch das unsichtbare Theater erfinden. Meine drei Mitstreiter in Sachen Theaterabo und Theaterleidenschaft haben einmal gesagt: Es gibt Inszenierungen, da müsste man eine Schlafmaske mitbringen, auf der draufsteht "Nicht mein Regisseur". Beides hat in mir nachgewirkt. Und ich habe sie also mal produzieren lassen. Die Schlafmasken. Für den optimalen Theatergenuss. Nicht zum Schlafen, natürlich, sondern nur zum Ausblenden. 

Frei nach dem Motto "Theatermasken, die die Welt jetzt braucht" - weil sie einmal nicht für die Darsteller, sondern für die Zuschauer angefertigt worden sind - liegt die neue Gesichtsmaske jetzt in zwei Versionen vor. Auf Deutsch mit dem Hashtag #NichtMeinRegisseur oder für die echten Festivalenthusiasten auch in einer englischen Version mit dem Hashtag #NotMyDirector. Was eigentlich mal ein Witz gewesen ist - oder ein Stammtisch-Döneken -,  ist nun als praktische Hilfe für einen gelungenen Theaterabend erhältlich. Denn wie oft haben wir so etwas erlebt? Dass die Sänger und das Orchester sehr überzeugend, die Inszenierung und das Bühnenbild aber eine einzige Qual waren. Oder im Schauspiel: Wie gut die Darsteller sprechen, aber wie blödsinnig alles an Drumherum doch gewesen ist. Was da hilft: Zu Sehendes ausblenden und trotzdem genießen. Okay, zugegeben...:


Schick, praktisch, witzig. Was an Zu-Sehendem zu unerträglich wird, lässt sich wegblenden, der Ton aber bleibt ebenso präsent wie das Live-Erlebnis.   (Thomas-Achenbach-Foto) 

So richtig billig war es nicht, diese Masken produzieren zu lassen. Immerhin sollte es ja auch eine gewisse Qualität geben. Pro Maske liegen die reinen Kosten für Material und Arbeit bei 16,60 Euro. Aber den Gag war es mir wert. Und es bot sich an. Weil ich zufällig fast zeitgleich mit dem Ausspruch meiner beiden Theater-Stammtisch-Kollegen auf einen alten Schriftsetzer-Kollegen gestoßen bin, der sich inzwischen mit einer erfolgreichen Stickerei selbstständig gemacht hat - der Firma Baronestick in Osnabrück -, kam eines zum anderen.

Wer Interesse hat - bitte mailen an thomas-achenbach@gmx.de: Der Verkaufspreis pro Maske beträgt 25 Euro (oder beide im günstigeren Kombipaket für 48 Euro). Darin enthalten sind:

- Versandkosten
- Material und Arbeitskosten
- und ein Restbetrag von jeweils knapp 7 Euro (6,95 Euro, um genau zu sein), den ich - persönlich aufgerundet - an eine Einrichtung der Kulturförderung spenden werde.

Denn Gewinn machen mit den Produkten möchte ich keinesfalls, aber etwas Gutes tun auf diesem Wege aber herzlich gerne. So kann aus einem kleinen doofen Gag vielleicht noch etwas richtig Ordentliches werden. Oder was sagt Ihr...?  :-)

Update im Mai 2017: Kaum war dieser Blogbeitrag online, meldeten sich tatsächlich die ersten Interessenten. Was mich total überrascht hat, aber auch gefreut hat. Denn natürlich ist der Blogbeitrag zwar vor allem als Gag gemeint, aber nichtsdestotrotz gilt alles, was dort oben steht, genauso, wie es dort steht. Die ersten Masken sind verkauft. 

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Der Autor dieser Zeilen schreibt auf diesem Blog in seiner Eigenschaft als langjähriger Theaterabonnent und als leidenschaftlicher Freund und Anhänger der deutschen Theatervielfalt (hier geht es zur Liebeserklärung) sowie des Osnabrücker Theaters.


Im Trauerblog des Autors: Zehn Tipps für einen hilfreichen Umgang mit Trauernden - für Angehörige, Freunde und Kollegen

Ebenfalls auf diesem Blog: "Tote Mädchen lügen nicht"... 10 Gründe, warum das Buch wesentlich besser ist als das zu Recht umstrittene Netflix-Serienphänomen

Ebenfalls auf diesem Blog: Theater kosten den Steuerzahler einfach zuviel Geld... ist das wirklich so? Und woher kommt die Theatersubventionierung eigentlich?


Ebenfalls auf diesem Blog: Genug gemeckert, wir sollten froh sein über unsere Theater - eine Liebeserklärung und eine Lobpreisung zum Welttheatertag


Samstag, 8. April 2017

10 Gründe, warum "The Crown" von Netflix die beste Fernsehserie seit vielen, vielen Jahren ist - auf Tuchfühlung mit einer gefühten "echten Queen Elisabeth" und einem genialen "Winston Churchill"



Osnabrück - Nee, ich wollte nicht. Zugegeben. Wollte das erst gar nicht ansehen. Eine TV-Serie über Königin Elisabeth die Zweite und ihre ersten Jahre? Puh. Nee. Wie ätzend ist das denn? Dachte ich. Und erwartete sowas wie allerlei verfilmte Regenbogenpresseklischees mit einem heftigen Seifenoperncharakter. Es brauchte mehrere Überzeugungsanläufe durch meine Frau und mehrere "Wird Dir ganz bestimmt gefallen, weil es eine total politische Serie ist", bis ich mich an Folge Eins wagte. Was für ein Glück. "The Crown" ist das Beste an TV-Serie - oder besser: TV-Ereignis -, das ich seit langem, langem erlebt habe. Politisch und poetisch, menschlich und dramatisch, theatral und zugespitzt. Und phänomenal gut gemacht. 

Aber zuerst einmal, für alle, die noch gar nicht genau wissen, worum es eigentlich geht, nochmal eine Übersicht: "The Crown" ist einer der jüngsten Coups des Streamingdienstes Netflix, der ja schon seit längerem eine überraschende Überholungsfahrt begonnen hat und nicht mehr einfach nur dabei ist, HBO als dem Serienqualitätsgaranten Nummer Eins den Rang abzulaufen, sondern längst im Kopf-an-Kopf-Rennen angekommen ist. Es heißt, es sei die bislang teuerste Serie, die Netflix gedreht habe. Es ist auf jeden Fall ein Folge für Folge opulent in Kino-Optik schwelgender Sehgenuss, dessen tiefere Qualitäten sich aber in vielen Details finden lassen. Bei den Golden Globes 2017, also den Oscars der TV-Branche, hat die Serie schon abgestaubt: Beste Serie, beste Hauptdarstellerin.


Zeit für die Ambivalenz und Zerrissenheit der Charaktere


Und, ja, "The Crown" erzählt die Geschichte, wie der Stotterkönig Georg der Sechste - ein König wider Willen, der in das Amt nur eingesprungen war - als ihr Vater und Vorgänger stirbt und wie die junge Königin nach ihrer Inthronisierung immer mehr ins Amt hineinwächst. Ihrerseits nicht mit Widerwillen, aber mit Zögern und Zaudern und der inneren Frage, ob sie dem Amt gewachsen sein wird. Dabei nimmt sich die Serie viel Zeit für die Ambivalenz und Zerrissenheit ihrer Charaktere und macht große Weltpolitik und die Bürde des Staatsmännertums zu einem zutiefst menschlichen Drama. Auf äußerst gekonnte Weise. 

Hier nun also meine zehn Gründe, warum man die Serie unbedingt sehen sollte:

Ein paar 100 Kleider müssen mit, wenn es auf die große Welttournee durch die Ex-Kolonialgebiete geht - auch, wenn dort eigentlich alles verloren ist. Und wenn das ewige Lächeln zu einer Mundverkrampfung führt, muss der Arzt eine Spritze geben... Claire Foy spielt die junge Queen Elisabeth.  (Netflix-TV-/Netflix-Media-Center-Fotos)

1.) Die Dialoge. Trotz aller Opulenz lebt "The Crown" von einem im Grunde rein theatralen Kern. Sehr oft erinnert mich das, was hier gezeigt wird, an eine Bühnenaufführung, wo in kunstvollen Kulissen doch vor allem das gesprochene Wort und der Dialog (oder auch mal Monolog) das Maßgebliche sind. Kunstvoll gedrechselte Wortwechsel, in denen die Gefühle der Figuren und die Rahmenbedingungen, unter der sie sie ausleben können, dekliniert werden, sind die wahren Treiber dieser Serie. Immer und immer wieder wird hier zudem das Thema verhandelt, was die Monarchie eigentlich ist, was ihre Funktion sein sollte, was sie für das Volk sein sollte - und für die Menschen, die sie zu erfüllen haben. So weist die Serie (auch) in ihren Dialogen über ihren Bezugsrahmen hinaus. Spannend. 

2.) Die Ausstattung. Was ich an "Mad Men" so geliebt habe, also an jener grandiosen im amerikanischen Werbemillieu der 60er Jahre angesiedelten TV-Serie, war die durch und durch perfekte Ausstattung bis in jedes Detail hinein. In "The Crown" wird das noch auf die Spitze getrieben. Dem Budget sei Dank. Sogar in ganz kurzen Szenen, in denen beispielsweise nur ein Flugzeug auf dem Londoner Flughafen landet, wirken die restlichen dort gezeigten Maschinen und die Ausstattung des Rollfelds en detail zeitgetreu und echt. Nichts von dem hier Gezeigten sieht nach CGI-Effekten oder Computersimulation aus. Grandios.


Grandios als "Elder Statesmen" mit einer gewissen Exzentrik: John Lithgow scheint in Winston Churchill die Rolle seines Lebens gefunden zu haben. Dabei ist Lithgow eigentlich Amerikaner.   (Netflix-TV-/Netflix-Media-Center-Fotos)

3.) John Lithgow. Als Spätpubertierer der 90er Jahre, der erst mit rund 20 Jahren in die erste Adoleszenzphase einstieg, war „Cliffhanger“ mit Sylvester Stallone für mich eine der Actionfilm-Ikonen mit hohem "Must-See"-Faktor. Unvergesslich die Stelle, an der der britisch-aristokratische Bösewicht im schönstem Shakespearean-Tonfall zum Helden sagt: "You want to kill me, Tucker? We'll, take a number and get in line!" Das war John Lithgow und ich war ihm damals schon verfallen. In "The Crown" spielt er Winston Churchill - und darf dieser Figur so richtig exzentrische Kanten und die Unanfechtbarkeit des erfahrenen, ausgebufften, abgezockten, wenn auch gesundheitlich geschwächten alternden Politprofis geben. Seine Darstellung dieser Figur alleine lohnt die ganze Serie. Im Kino würde man sagen: Reif für den Oscar! Wenigstens aber für den Golden Globe (Hauptdarstellerin Claire Foy hat schon einen). Ein Jammer, dass Lithgow rein historisch gesehen nur in der ersten Staffel als Hauptrolle drin sein kann - hoffentlich schreiben die Autoren in den folgenden Staffeln noch ein paar Churchill-Erinnerungs-Szenen rein....

4.) Das Unprätentiöse der Serie: Da gibt es zum Beispiel die Szene, in der der junge Prinz Philipp einmal komplett nackig ins Bett steigt, interessiert beäugt von seiner Gattin, der jungen Königin. Wie wir ja wissen - aus der Regenbogenpresse - schläft der echte Philipp wohl immer noch nackt. Aber auch das ist ganz beiläufig und unaufgeregt in die eigentliche Handlung eingestreut - und eben nicht plakativ und billig. Das macht die Serie so gut: Kein Galafaktor, kein Präsentismus, sondern echte Politik in einem nur vermeintlich glitzernden Umfeld. Kein Seifenopercharakter, sondern menschliche Reaktionen und Krisen in einem Bezugsrahmen, der immer neu verhandelt werden muss.  


Leidet unter den zahlreichen Verlusten ihres Lebens: Die Queen-Mom verliert ihren Mann an den Tod, die Lebensaufgabe als Mutter an die Adoleszenz der Töchter, die Lebensaufgabe als Königinnen-Gattin an die Witwenschaft. Darstellerin Victoria Hamilton macht die Trauer nachvollziehbar.    (Netflix-TV-/Netflix-Media-Center-Fotos)

5.) Die Authentizität. Zum Beispiel der Kuss bei der Krönung. Wie sich Philipp, alle Konventionen brechend, über seine junge Gattin beugt und ihr einen Kuss auf die Wange haucht, ihr, die vorher noch von ihm verlangt hat, dass auch er sich als Untertan des "Souverän" vor ihr, seiner Frau, auf die Knie beugen muss. Die nachgespielten Fernsehbilder aus der Netflixserie entsprechen in eins zu eins, in der Körpermotorik und der Umgebung, den noch verfügbaren Original-Filmaufnahmen, wie sie seinerzeit - erstmals - im Fernsehen übertragen wurden. Oder das kurze Zögern bei der Hochzeit: Als Elizabeth schwören soll, dass sie ihren Philipp „jetzt und für immer“ lieben wird, herrscht ein paar Sekunden zögerliche Stille… Auch das entspricht der Realität. Weil die Zeremonie seinerzeit im Radio übertragen wurde, gibt es dies belegende Dokumente. Zwei Beispiele von vielen, wie sorgfältig und detailgetreu die Verantwortlichen vorgegangen sind. Auch der Londoner Supersmog von 1952, der Tausenden von Menschen das Leben nahm, spielt eine Rolle. Oder das gemalte Portrait von Winston Churchill, das dieser so abgrundtief gehasst hat, dass es nicht mehr existiert - belegt, verbrieft, wie so viele andere historische Tatsachen und Details aus der Serie. "The Crown" ist auf unterhaltsame Weise sehr, sehr lehrreich. 

6.) Die dreckigen kleinen Details. Wenn sich der Koloss von Winstion Churchill einmal in der randvoll gefüllten Badewanne umdreht, so dass das überschwappende Wasser sogar noch durch den Türschlitz auf die davor kniende junge Haushälterin läuft und diese durchnässt. Wenn der Köninginnengatte Philipp erkennbar gerne einen Fellatiojob in Auftrag geben möchte bei "Your Majesty". Oder wenn er seine derben Sprüche loslässt, als er und die Queen dabei zusehen, wie ein Pferd gedeckt wird. Dann sind wir bei den dreckigen Details angekommen. Okay, all diese Dinge sind vermutlich als fiktive Ergänzungen mit hineingeschrieben worden in die Serie - sie verfehlen ihre Wirkung indes nicht. Those naughty little Royals, tss, tss, tss...

Schon mal zur Probe aufsetzen, damit das verflixte Ding später nicht abrutscht... Die junge Queen muss in die Rolle erst reinwachsen.   (Netflix-TV-/Netflix-Media-Center-Fotos)

7.) Die Drehbücher. Ohne es zu wissen, haben mich schon die vorigen Filmprojekte des Drehbuchautoren Peter Morgan stets fasziniert. "Frost/Nixon" von 2008 mit seiner Kammerspielintensität ist einer der besten Filme, die ich in den vergangenen zehn Jahren gesehen habe (die Geschichte des TV-Journalisten, der sich von Präsident Richard Nixon zuerst brutal vorführen lässt, bis er dem Machtmann eher zufällig so viele pikante Details entlocken kann, dass die Amtsenthebung folgen muss). Auch das Drama "Last King Of Scotland" über einen zwar fiktiven, aber erkennbar an Idi Amin orientierten ostafrikanischen Diktators zeigt das Autorentalents Morgans eindrucksvoll. In "The Crown" kann er die bei diesen Filmprojekten gesammelten Erfahrungen in einem noch größeren Erzählrahmen ausnutzen. Und das macht er hervorragend. Dass jede Folge ihr eigenes Thema hat und ihre ganz eigene Dramaturgie mit immer wiederkehrenden Motiven. Dass sich beispielsweise ein kleiner Gartenteich zu einem Symbol für dunkle Verzweiflung entwickelt - und uns so nebenbei zwei ambivalente Charaktere emotional näherbringt.. All diese kleinen Tricks sowie die aberwitzigen Wortwechsel und das Runterbrechen des Großen ins Kleine machen den Reiz der Bücher sowie der Serie aus.

8.) Der Coming-Of-Age-Charakter (also: in Staffel Eins). Oder, um es ganz klassisch auszudrücken: Die Heldenreise. Denn wie in jeder guten Geschichte erleben wir, wie ein Mensch in eine Situation gestoßen wird, in der er sich erst zurechtfinden muss, an der er wachsen kann - was, wie im echten Leben, ja zumeist durch Widerstände und Fehler geschieht. Wir werden Zeuge davon, was alles schmerzlich aufgegeben oder neu definiert werden muss für diesen Weg (allen voran: die Ehe, aber auch: die eigenen Werte). Eine Coming-of-Age-Geschichte. Sowas verfolgen wir immer gern. Zumal es einen so sehr an das eigene Leben erinnert mit all seinen Haken und Widrigkeiten und Brechungen und Wirrungen, die es zu akzeptieren oder gestalten gilt. Gut gemacht.


Tödlicher Nebel über London - auch die Smog-Katastrophe von 1952, die Tausenden von Menschen das Leben kostete und noch heute untersucht wird, spielt eine Rolle in der Serie.   (Netflix-TV-/Netflix-Media-Center-Foto)

9.) Der geniale Einsatz von Musik. Jedes Mal, wenn innerhalb dieser Serie klassische und bekannte Musik ertönt, nimmt sie symbolistisch vorweg, was sich in Kürze tun wird. So beispielsweise bei einem Opernabend, den die junge Elisabeth mit ihrem Mann Philipp besucht. Es erklingt Wagners Liebestod (Tristan und Isolde). Und nur wenige Szenen später ist klar, dass auch er, Philipp, einen solchen wird sterben müssen: In den Hintergrund treten, aus Liebe, damit seine Frau Königin sein kann. Auch Mozarts Requiem - das wunderbare "Lacrimosa" daraus, um genau zu sein - erklingt an einer symbolistisch bedeutsamen Stelle. Wie es sich für ein Requiem gehört, nimmt es den Tod eines Protagonisten vorweg. 

10.) Das Staffelfinale der ersten Season: Nur 10 Episoden lang, dafür aber in jeder einzelnen Szene sorgsam durchdacht und durchkomponiert, überrascht die erste Staffel mit einer finalen Episode, die mich zu Beginn noch an meine anfänglichen Zweifel denken ließ (Zu viel Seifenoper?), die sich aber dann immer theatraler und immer apokalyptischer zu einem Finale verdichtet, das zwei Überraschungen mit sich bringt. Erstens die geschickten symbolistischen Andeutungen dafür, wie sehr die englische Außenpolitik schon bald in eine fatale Eskalationsschleife kippen wird (Stichworte: Filmprojektor, Schmelzbilder, Morphiumdelirium). Und zweitens die brutale Kompromisslosigkeit, in der der erwähnte "Coming-Of-Age"-Faktor von Staffel Eins sein vorläufiges Ende findet: Vollkommen vereinsamt, vollkommen auf Pflichterfüllung gedreht, findet die junge Königin schließlich ihren Weg. Den des Amtes um jeden Preis. Wie nachvollziehbar das erzählt wird und wie es sich zuspitzt, ist bemerkenswert und zeugt abermals von der hohen Qualität der Serie. 

Und außerdem: 1.) Das einsame kleine Schloss an der schottischen Küste, in dem es keinen Strom gibt und das sich die von ihrer aktuellen Lebensphase tief enttäuschte Queen-Mom als Rückzugsort leistet. Ob diese kleine Anekdote tatsächlich historisch hinterlegt ist oder fiktiv dazugedichtet, sei mal dahingestellt. Dass die Innenraumszenen ganz sicher woanders gedreht worden sind als in dem maroden Schlösschen daselbst, logisch. Aber dieses Schlösschen, seine Lage, seine Ausstattung, so ganz ohne Strom, die Einsamkeit - für jeden Zivilisationsgeplagten ein Traum. Klar, bloggen ginge dort nicht. Nun denn. So what. Ein Traum!

Außerdem: 2.) Jared Harris. Wie schon erwähnt, bin ich ein Mad-Men-Fan. Und wer Mad Men kennt, der kennt auch die Figur des aus England in die New Yorker Werbeagentur importierten Finanz-Controllers Lane Pryce - von Beginn an eine tragische Figur, deren wahre Tragik sich erst gegen Ende ihrer Gastzeit dort offenbart. In "The Crown" erleben wir den Lane-Pryce-Schauspieler Jared Harris als Stotterkönig und Vater von Elisabeth - der erfreulicherwiese immer wieder in Rückblenden auch nach seinem Tod auftaucht. Interessanterweise lassen sich zwischen beiden Figuren spannende Parallelen in der besonderen Tragik ihrer Situationen finden. Aber das wäre ein weiteres Blogthema - und wirklich nur für die Harcore-Serien-Nerds... So, let's leave it at that. For today.

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Samstag, 1. April 2017

Nathan, der Weise im Theater Osnabrück: Zehn Jahre nach der Brüll-Orgie kehrt Ruhe ein - Lessing-Drama spielt diesmal in einem Flüchtlingslager wie in Calais

Osnabrück - Ja, ich war skeptisch. Zugegeben. Gründe dafür gab es mehr als genug. Ein drastisch zusammengekürzter Nathan mit vielen Streichungen. Mal wieder ein Theaterabend ohne Pause (ich mag keine Theaterabende ohne Pause). Und ausgerechnet ein an Calais gemahnendes Flüchtlingslager als Spielort für ein Schauspielstück, das schon viel zu oft für so etwas herhalten musste. Wie abgedroschen ist das denn? Außerdem wirkte der gerade mal 10 Jahre alte Nathan aus der Intendant-Holger-Schultze-Ära noch nach. Skepsis gab es also reichlich vor dieser Neuinszenierung von Lessings "Nathan, der Weise" am Theater Osnabrück (2017). Jedoch am Ende nicht mehr. Aber der Reihe nach. 

Es ist gar nicht so lange her, dass Osnabrück seinen letzten Nathan hatte. Exakt 10 Jahre trennen die neue Inszenierung des leitenden Schauspielregisseurs Dominique Schnizer von dem damaligen recht radikalen Ansatz des Regisseurs Wolfram Appich. Von der Kritik seinerzeit nicht wohlgelitten, ist dieser Brüll-Nathan von 2007 mit seiner leeren Bühne mir nachhaltig in Erinnerung geblieben. Ich erinnere mich daran, mich gepackt und geschüttelt gefühlt zu haben vom wiederholten und mit steigendem Hass gerufenen "Der Jude brennt!" des Patriarchen. Ich erinnere mich daran, von der Intensität des Gespielten gefesselt gewesen zu sein. Für mich war es die erste Inszenierung, die nur mit einigen Stühlen auf einer komplett leeren Bühne arbeitete - ich fand das damals noch recht ansprechend (heute ist es ja fast schon Standard bei vielen Operninszenierungen in Osnabrück, siehe beispielsweise Vanda oder Simon Boccanegra oder, in Teilen, der Lohengrin...).


Leere Bühne, viele Stühle, hin und wieder Gebrüll: "Nathan der Weise" 2007 am Theater Osnabrück. Das Foto wurde mir freundlicherweise zur Verfügung gestellt vom Theaterfotografen Klaus Fröhlich (alle Nathan-Fotos von ihm gibt es hier).   (Klaus-Fröhlich-Foto mit fr. Genehmigung)

Ich erinnere mich an einen gespenstischen und packenden Einstieg mit der aus dem Off von einem Kind gesprochenen "Todesfuge" ("Der Tod ist ein Meister aus Deutschland..."). Ich erinnere mich daran, nachhaltig verstört gewesen zu sein von dem am Schluss plötzlich auf die sonst komplett leere Bühne rollenden Idealbild eines Orientklischees. Ich glaube mich auch an eine in manchen Details andere Textfassung als die jetzt gespielte erinnern zu können ("Der Jude brennt" statt "Der Jude wird verbrannt" - "vor grauen Jahren lebte ein Mann in Osten" statt "Vor vielen Jahren".... etc.). Kurzum: Das war ein nachhaltiger Nathan. Und jetzt schon wieder ein neuer? Kann der mithalten? Als ebenso nachhaltig?


Die Unvereinbarkeit der Religionen - ist das Lessing?


Einer ist mit dabei, der schon vor zehn Jahren mitspielte: Oliver Meskendahl, damals als Saladin, ist diesmal der Al-Hafi, der für seinen Meister die Finanzgeschäfte regeln soll. Und der dann mit einer Plastiktüte mit all seinen Habseligkeiten darin in Panik das Weite sucht. Wobei die Plastiktüte später zurückkehrt... Das ist einer der geschickten Kniffe in der Regie von Dominique Schnizer, der als leitender Schauspielverantwortlicher diesen neuen Nathan in Szene gesetzt hat: Etwas andeuten, aber nicht plakativ übergestalten. Das gelingt nicht immer. Viel Wert hat das Regieteam beispielsweise darauf gelegt, die Unvereinbarkeit der Religionen darzustellen - und zwar so, dass es fürs Publikum schmerzhaft sein soll. So beginnt das Schauspiel mit einem schier nicht enden wollenden Gottesdienst, der parallel in drei Zelten und drei Sprachen stattfindet: Arabisch, deutsch und hebräisch. Laiendarsteller mit ihren eigenen Sprachen machen es möglich (und die machen das gut). Jedoch: Das steht nicht bei Lessing, das ist Regieschmückwerk.


Manches muss man einfach akzeptieren


Und so gibt es manches in dieser Inszenierung, mit dem man leben muss - aber das ist man ja als gewiefter Dauertheatergänger mit Abonnement gewohnt. Dass da jemand in ein Flüchtlingszeltlager "zurückkehrt", obwohl er ein eigentlich reicher Mann ist - nun ja, okay, gekauft. Dass es hier mit Saladin einen Art Lagerchef gibt, der das Kommando hat, aber auch einen Patriarchen - nun ja, okay. Dass die Darsteller erst um etliche kleine Zelte herumlaufen müssen, bis sie sich vorne an den Bühnenrand stellen können, wo viele Szenen stattfinden - tja, kann man auch mit leben. Hat man sich erstmal mit alledem arrangiert - und das geht überraschend schnell -, gewinnt diese Sache an Reiz.


Nathan, der Weise im Theater Osnabrück, das Lessing-Drama spielt diesmal in einem Flüchtlingslager wie in Calais.  (Mareks-Kruzsweski-/Theater-Osnabrück-Pressefoto)

Denn was diesen Nathan indes sehenswert macht, ist die schauspielerische Leistung. Allen voran Ronald Funke als Nathan. Er spricht und spielt diese Rolle bemerkenswert präzise und nachvollziehbar. Das zu erleben ist ein Vergnügen. Andreas Möckel gestaltet den Saladin als wankelmütigen Herrscher, der sich allzu sehr von seiner Schwester antreiben lässt. Theater-Urgestein Klaus Fischer setzt als Patriarch die einzige komödiantische Note des Abends ("Denn ist Nicht alles, was man Kindern tut, Gewalt? Zu sagen: - ausgenommen, was die heilige Kirche an Kindern tut..."). Überhaupt gibt es keine Ausfälle im Ensemble. Verglichen mit dem Nathan vor zehn Jahren gibt es diesmal weniger Gebrüll und Hektik in den Sprechpassagen, die Straffung und Verdichtung des Stoffes indes funktioniert hervorragend. Auch die Umdeutung der Regie von der bei Lessing angestreben Versöhnlichkeit hin zum Ewigtrennenden der Religionen passt besser in unsere moderne Zeit. Wenn am Ende das Licht erlischt, mittendrin in den fanatischen Rufen der sich in Rage tobenden und niemals vereinbaren Religionsanhänger, bleibt das gute Gefühl, einen packenden Theaterabend erlebt zu haben. Das lohnt sich!

Linktippp:  Die Fotos der Nathan-Inszenierung von 2007 vom Theaterfotografen Klaus Fröhlich gibt es auch bei ihm auf der Website in einer Bildergalerie.

Die nächsten Aufführungen:  Derzeit ausgespielt, aber Wiederaufnahme im September 2017. - Infos und Karten unter Telefon 0541/7600076.

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Der Autor dieser Zeilen schreibt auf diesem Blog in seiner Eigenschaft als langjähriger Theaterabonnent und als leidenschaftlicher Freund und Anhänger der deutschen Theatervielfalt sowie des Osnabrücker Theaters. Die Beiträge über Inszenierungen des Osnabrücker Theaters auf diesem Blog verstehen sich als Ergänzungen des bereits - wertvollerweise - in fachkritischen Rezensionen Geschriebenen, hier mehr aus Abonnentensicht. Alle Aufführungen sind, wenn nicht anders gekennzeichnet, nicht auf Pressekarte oder auf Einladung des Theaters, sondern selbst bezahlt, besucht worden.

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Ebenfalls auf diesem Blog: Genug gemeckert, wir sollten froh sein über unsere Theater - eine Liebeserklärung und eine Lobpreisung zum Welttheatertag

Samstag, 25. März 2017

Zum Welttheatertag 2017: Danke für die Verzauberung; Danke für die harte Arbeit; Danke dafür, dass wir in Deutschland ein weltweit einmaliges Theatersystem haben - Eine Liebeserklärung und Lobpreisung zum 27. 3. 2017


Osnabrück – Einmal im Jahr, immer am 27. 3., ist der Welttheatertag. Seit im Jahr 1961 der Kongress des „Internationalen Theaterinstitutes“ in Wien beschlossen hat, den Eröffnungstag des in Paris stattfinden Festivals „Theater der Nationen“ zum jährlichen Botschaftstag für das Theater zu machen, finden alljährlich an diesem Tag allerlei Aktionen und Auszeichnungen statt. Auf diesem Blog habe ich den Tag im vergangenen Jahr zum Anlass genommen, der Geschichte der deutschen Theatersubventionierung bzw. Theaterfinanzierung auf den Grund zu gehen… Diesmal möchte ich den Tag für etwas Anderes zum Anlass nehmen. Nämlich für Dankbarkeit. Muss auch mal sein.

Wenn es auch auf diesem Blog oft den Anschein macht, als gäbe es immer irgendwas zu beckmessern (gibt es ja auch), so muss doch einmal die Grundprämisse formuliert sein, unter der all das geschieht. Die lautet: Was für ein Geschenk ist doch das deutsche Theatersystem! Wie großartig ist es, dass wir miterleben dürfen, seit Jahren miterleben dürfen, welche Vielfalt und welche kulturelle Leistung sich hierzulande entwickeln darf. An so vielen Orten! So vielen wie sonst nirgends in der Welt – das ist ja das Wunderbare daran.

Eine Lampenreihe führt zu einem Ort, an dem es immer mal wieder erleuchtende Augenblicke zu erleben gibt.... Das Theater Osnabrück an emem Frühlingstag.   (Thomas-Achenbach-Foto)

Denn natürlich ist es alles andere als selbstverständlich, dass wir hier in Osnabrück, mitten in einer 19000-Seelen-Stadt (diese Zahl ist derzeit umstritten...) am äußersten Zipfel von Niedersachsen, nicht nur immer wechselnde Theateraufführungen erleben dürfen, sondern auch einen solchen Reichtum an Theater. Drei verschiedene Sparten, jede für sich ein eigener Hort der Qualität und Kreativität und der geballten Fachkompetenz, dazu Konzerte, Sinfonien, freie Theatergruppen, Kinder- und Jugendtheater.... Was für ein Geschenk!


Lasst uns kurz innehalten - allem Zeitgeist zum Trotz


Ja, wir leben in krisenhaften Zeiten; ja, die Finanzierung von Theatern steht allzu oft auf dem Kürzungsplan oder wird allzu kritisch diskutiert; ja, die Frage des Publikumsnachwuchses muss sich viel drängender stellen; ja, unter den üblichen Opernzuschauern gehöre ich mit meinen über 40 Jahren oft zu den Jüngsten; ja, ich bin durchaus nicht mit allen hier und sonstwo im Theater erlebten Aufführungen einverstanden (mit anderen dagegen sehr); ja, es ist nicht ausgeschlossen, dass uns noch radikale Wandlungen im System bevorstehen, siehe die Lage in Rostock, Hagen, Wuppertal, zumal ja auch die Künstler daselbst nicht mehr am Rande des Existenzminimums leben wollen und sich immer lautstarker Gehör verschaffen. Ja, ja, ja.... Aber lasst uns - trotz allem - für einen kurzen Augenblick, heute, jetzt, hier, am Welttheatertag, einmal kurz innehalten und wahrnehmen, was da alles IST. Und was war. Also alleine in meinem Leben. Drei Beispiele dafür. 


Wo die Leidenschaft blüht: Alle drei Bücher über das Theater Osnabrück finden sich - na klar - auch bei mir im Bücherschrank. Und mein Stoffbeutel zum Einkaufen: Vom Theater, logo. Devotionalien, das muss sein.   (Thomas-Achenbach-Foto)

Zu einer der in unserer Familie oft erzählten Geschichten gehört die Schnurre von der Fledermaus, in die ich als Fünfjähriger mit meinen Eltern gegangen bin. Das war kein Problem, war ich doch schon mit vier Jahren in einer Zauberflöte gewesen. Nun also Strauß Jr.: Flotte Musik, gute Unterhaltung. Ganz sicher habe ich nicht alles verstanden, was da auf der Bühne geschieht, jedenfalls nicht im Subtext (Liebesbeziehungen und alles, was dazugehört). Aber als dann der Frosch kam, also der Gefängniswärter im dritten Akt, und wie üblich sein improvisiertes Komikprogramm abfeuerte, mit all den Karnevalskalauern, die so dazugehören ("Ja, sind Sie denn von Sinnen?" - "Nee, von Voxtrup!"), da habe ich mich als junges Kindergartenkind gar nicht wieder einkriegen können vor Lachen. So dass die Damen und Herren des Orchesters aufstehen und gucken mussten, wer denn da oben so kichert und giggelt.


Deutlich gespürt: Wie tief Theater gehen kann


Damals gab es im Osnabrücker Theater noch die inzwischen abgebauten Seitenränge, auf denen wir oft gesessen haben. Genau dort, auf der rechten Seite, habe ich auch gesessen, als ich als Sechs- oder Siebenjähriger die erste "Cabaret"-Inszenierung meines Lebens gesehen habe. Die mich bis in die tiefen Schichten meiner Seele hinein erschüttert und empört hat mit ihrer Schilderung des aufkeimenden Nazideutschlands. Als wir dann nach Hause kamen, habe ich, der ich die Dinge damals noch nicht ganz richtig einschätzen konnte (meine Mutter war Geschichtslehrerin), die Bücher über Hitler und den Zweiten Weltkrieg aus dem Regal gerupft und meinen Eltern voller Zorn vor die Füße geworfen: "SOWAS habt Ihr im Bücherregal stehen!". - Aber was ich damals auch gelernt habe: Wie sehr einen das Theater packen kann. Einen erreichen kann. Was es alles mit Dir macht. So ging es weiter. Noch bis vor kurzem...:


Ja, klar, mit der Lady - also der jüngsten "My Fair Lady", rechts als Szenenbild im Guckkasten, war ich alles andere als einverstanden, wie auf diesem Blog dokumentiert. Aber unter der Prämisse der größten Dankbarkeit dafür, dass es überhaupt eine live gespielte Lady zu erleben gibt in dieser Stadt!

Es ist keine zwei Jahre her, dass das hiesige Sinfonieorchester (mit Verstärkung aus Münster und Bielefeld) erstmals die neunte Sinfonie von Gustav Mahler aufgeführt hat. Und wieder ist das, was ich da erlebt habe, bis in die tiefsten Schichten meines Innenlebens durchgedrungen. Eine solche Musik live erleben zu dürfen, eine Musik, die den Tod der eigenen Kinder überwindet und die eine Transzendenz über das Leben hinaus am Ende immer spürbarer macht, eine Musik, die Dich tief erschüttert und doch irgendwie getröstet zurücklässt, ist etwas ganz Besonderes, Einmaliges, Wertvolles. Und all das, was mein Leben so geprägt hat, durfte ich hier vor Ort erleben. Nicht weit von der Haustür entfernt - oder in nicht allzu weit entfernten Städten. Danke also, liebe Kulturschaffenden, Orchestermusiker, Sänger, Schauspieler, Tänzer, Dramaturgen, Regisseure, Dirigenten, alle, die ihr daran mitgewirkt habt. Danke für die harte Arbeit, Danke für die Verzauberung und Verwandlung. Danke aber auch dafür, dass Ihr es zu akzeptieren gelernt habt, dass zu der Leidenschaft, die ein Theaterfan in sich trägt, immer auch die kritische Auseinandersetzung gehört. Die Beckmesserei. Aber immer: Unter der oben genannten Prämisse. Was für ein Geschenk. Liebeserklärung Ende. 

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