Samstag, 5. Mai 2018

Trotz aller Kritik: Gefangen im Sog der Filmmusik - der Dokumentarfilm „Score“ ist eine Huldigung des Genres – Viele Experten sagen jedoch: Die Filmmusik steckt tief in einer massiven Krise

Osnabrück - Der Filmmusik geht es gerade nicht besonders gut, sagen Experten. Für die Osnabrücker Nachrichten (ON) habe ich mich jetzt anlässlich der DVD-Veröffentlichung des Dokumentarfilms "Score" wieder intensiver mit einem alten und seinerzeit sehr geliebten Hobby beschäftigen dürfen - immerhin habe ich eine meiner ersten öffentlichen journalistischen Tätigkeiten, die Radiosendung "Film Score", Mitte der 90er diesem Thema widmen dürfen.... Und inzwischen ist mir auch klar geworden, warum mich die heutige Filmmusik immer weniger anspricht, aber dazu später mehr. In einem späteren Blogbeitrag werde ich das Thema auf jeden Fall noch vertiefen, noch andere Experten zitieren, hier aber erstmal, sozusagen, der Einstieg.

Meine paar Gedanken, die ich zum Film und zur aktuellen Lage der Filmmusik als Genre veröffentlichen durfte, fanden sich in der ON-Ausgabe vom 6. Mai 2018 (Sonntag). Gerne würde ich hier einen Link zu der Online-Version des Artikels einfügen, aber das lässt sich wegen einer technischen Umstellung in unserem ON-E-Paper/Onlineauftritt derzeit leider nicht anbieten. Wie gut also, dass sich zumindest an dieser Stelle eine Möglichkeit bietet, den Text auch online anzubieten. Hier - unten angefügt - habe ich also den Text des Artikels in diesen Blog einkopiert....

So sah er aus: Der Artikel in den Osnabrücker Nachrichten (ON) vom 6. Mai 2018. 

Trotz aller Kritik: Gefangen im Sog der Filmmusik

Dokumentarfilm „Score“ erscheint am 9. 5. auf DVD als Huldigung des Genres – Viele Experten sagen jedoch: Die Filmmusik steckt tief in der Krise


Osnabrück (ON) – Natürlich begann alles mit „E.T.“ – diese inzwischen ikonografisch gewordene Filmszene, in der die jungen Helden mit dem außerirdischen Runzelmännchen im Korb auf ihren BMX-Rädern vor der Staatsgewalt flüchten und dann vor der untergehenden Sonne auf den Fahrrädern durch die Lüfte fliegen – untermalt von dieser unfassbar unbeschwerten und schwebenden Musik, die noch lange im Kopf bleibt. „Flying“ von John Williams, einem der Altmeister der Filmmusik. In den 80ern auch als Single auf Vinyl veröffentlicht, war es für damals aufwachsende Filmfreunde ein guter Einstieg nicht nur in die Filmmusik, sondern in viel mehr als das.

Wenn am 9. 5. (Mi.) der Dokumentarfilm „Score“ des amerikanischen Journalisten Matt Schraders (30 Jahre alt) auf DVD erscheint, liegt damit auch fürs Heimkino dieser filmische Versuch vor, die ganze Geschichte der Filmmusik auf 90 Minuten herunterzubrechen. Von den Anfängen rund um „King Kong“ und Max Steiner, rund um Bernhard Herrmann und seiner „Psycho“-Sequenz bis zu den modernen Digital-und-Real-Verschmelzungen eines Hans Zimmers oder den avantgardistischen Tönen eines Trent Renznors. Wir sehen Komponisten bei ihrer Arbeit im Studio mit großen Orchestern, wir sehen sie aber auch, wie sie auf der Suche nach originellen Klängen allerlei wirre eigene Musikinstrumente zusammenbauen wie Marco Beltrami mit einer technisch manipulierten Kalimba für den Thriller „The Gunman“, wir sehen sie beim Komponieren am Klavier und in zahlreichen Interviews.


Ein Mann, ein Orchester: Hans Zimmer hat die Arbeit mit digitalen Musikelementen eingeführt und damit das Genre auf den Kopf gestellt (Filmstill aus "Score").

Für einen in den 80er Jahren medial sozialisierten Filmfan ist das alles gefundenes Fressen. War der „E.T.“-Soundtrack seinerzeit eine der ersten selbst gekauften Platten, später auch im LP-Format, gehörte vor allem die Musik zur ersten „Star-Wars“-Trilogie zum Aufwachsen unbedingt dazu. Dergestalt geprägt, war es ein logischer Schritt, mit einer eigenen Radiosendung über Filmmusik den ersten Schritt in das mediale Selbermachen und in die journalistische Zukunft zu wagen. Zu einer Zeit, in der der heute gefeierte Hans Zimmer seine ersten Hollywood-Arbeiten vorlegte wie die bahnbrechende Musik zu „Crimson Tide“ oder „Backdraft“.

Alle großen Helden von damals finden nun auch in „Score“ Erwähnung. Zu Recht wird der inzwischen verstorbene Jerry Goldsmith dort ebenso gefeiert wie John Williams, dessen Verdienst es war, dem vom minimalistischen Stil geprägten „New Hollywood“ in den späten 70er Jahren einen klassisch-romantischen Orchesterklang entgegenzusetzen und die Filmmusik damit auf ihre zweite Evolutionsstufe zu heben.

Die Dokumentation – übrigens via Crowdfunding finanziert – grenzt dabei ans Superlativistische, was ihr nicht immer gut tut: 42 Komponisten kommen zu Wort. Sogar Ex-Michael-Jackson-Produzent Quincy Jones. Oder Danny Elfman, Danny Newman, Rachel Portman, Howard Shore, aber auch der neuerdings als Zukunftsvisionär gefeierte Alexandre Desplat („Valerian“), dem von Fans die Fähigkeit bescheinigt wird, Hollywood aus der aktuellen Verhanszimmerisierung herauszuführen..

Dass in der reichen Fülle des Materials vieles nur angerissen werden kann; dass der Film versucht, so ziemlich jeden aktiven und vormals bekannten Komponisten irgendwie unterzukriegen, ist sowohl sein Verdienst wie auch sein Fluch – manches Mal hat der Zuschauer den Eindruck, dass Matt Schrader und sein Team in der Flut des Zeigbaren ein wenig untergegangen sind. Manches kommt doch ein bisschen gehetzt daher. Unterhaltsam ist es indes immer.

Kritiker haben dem Film vorgeworfen, dass er alleine dazu diene, Filmmusikern eine Plattform zum Sich-selbst-Beweihräuchern zu liefern.


Musikaufnahmen bei 20th Century Fox - viele Techniker, viele Musiker und ein total effizient gestalteter Produktionsprozess machen die Arbeit nicht immer leichter  (Filmstill aus "Score"). 

Das verkennt jedoch, wie aufregend es für einen ehemals der Filmmusik verfallenen Musikfreund ist, Einblicke in die „Heiligen Hallen“ wie den Tonstudios in London oder Los Angeles zu bekommen oder einem nur durch ihre Musik bekannte Komponisten einmal selbst erleben zu können.

Wobei besagter Neumeister Hans Zimmer mit seinem weinroten Samtjackett und den farbigen Ringelsocken eine bemerkenswert gut gepflegte Exzentrik an den Tag legt – andererseits ist er der Einzige, der die Zuschauer an den inneren Unsicherheiten und Irritationen eines solchen Schaffensprozesses teilhaben lässt. Vor lauter „Horror Vacui“ habe er selbst schon einmal gedacht, jetzt müsse er die Produzenten anrufen und sagen: „Fragt besser John Williams“, berichtet er.

Dass die Musik immer die Seele des Films ist, wird mehrmals gesagt. Aber Filmmusik ist ja noch mehr als das. Beispielsweise ein gut geeignetes Einstiegstor in die Welt der Klassik. Also als Reise hin zu ihren Inspirationsquelle. Wer sich in den 80ern für die Musik von „Star Wars“ oder „E.T.“ oder später auch „Harry Potter“ interessierte, ist oftmals diesen Weg gegangen. Und hat dann Erstaunliches entdecken können – denn es war ja alles schon da....

Man nehme beispielsweise einige der für die Charaktere der Star-Wars-Filme erfundenen Leitmotive eines John Williams‘ – manche davon ähneln doch sehr stark den Motiven, mit denen Richard Wagner die Figuren seines Ring-des-Nibelungen-Kosmos ausstattete (man vergleiche einmal das Luke-Skywalker-Thema mit dem des Siegfrieds). Überhaupt ist Williams‘ musikalische Technik, über die Leitmotive schon kommende Entwicklungen anzudeuten, die der Film noch gar nicht gezeigt hat, original Wagner. Und wer das Liebesmotiv von Han Solo und Prinzessin Leia aus „Star Wars – A New Hope“ mag, sollte es mal mit Tschaikowskis einem und einzigem Violinkonzert versuchen, das ebenfalls die Blaupause dazu lieferte, wenn auch in schnellerem Tempo. Chopin und Prokofjiev, Holst und Strauß (also. Richard) sind weitere Vorbilder dieser oft so wohlig in der Spätromantik badenden Filmmusik. Wer in ihren Kosmos eintaucht, entdeckt über die Klassiker einen Generationen überspannenden Hintergrund.

Und während Klassik-Enthusiasten noch darüber diskutieren, ob man Filmmusik überhaupt zu diesem Genre dazuzählen dürfe, schaffen Sender wie das Klassik-Radio oder NDR Kultur einfach Fakten, indem sie beides nebeneinander spielen, angepasst an die Durchhörvorgaben des Formatradios zu pressen.

Von alledem sehen und hören wir in „Score“ natürlich nichts. Zudem bleibt der Film rein Hollyood-orientiert,von einem minimalen Ausflug in Richtung Ennio Morricone einmal abgesehen. Noch so ein Kritikpunkt, an dem sich viele deutsche Rezensenten abgearbeitet haben. Teilweise zu Recht: Dass es gerade deutsche Komponisten waren, die nach ihrer Flucht vor den Nazis die romantisch orientierte Filmmusik der 40er Jahre auf ein neues Qualitätsniveau heben konnten wie Franz Wachsmann oder Erich Wolfgang Korngold (dessen „Kings Row“ erkennbar die Vorlage zur Star-Wars-Titelmusik gewesen ist), dass es deutsche Popmusiker wie Harold Faltermeyer waren, die in den 80er Jahren auch eine Abkehr vom Sinfoniesoundtrack herbeiführten, dass auch in Europa Filmmusiken mit durchschlagender Erfolgskraft geschaffen wurden und werden („Die fabelhafte Welt der Amelie“, „Das Boot“, etc.), findet keine Erwähnung. Oder dass ausgerechnet in Wien einmal im Jahr in Form eines großen „Hollywood in Vienna“-Konzertes der aktuellen Filmmusik gehuldigt wird.

Nun denn, angesichts der Reichhaltigkeit des Gezeigten mag man darüber hinwegsehen. Bedauerlich ist indes, dass die Dokumentation so gar keine kritischen Untertöne zulassen mag. Denn dass die Filmmusik derzeit massiv in der Kritik steht, dass Experten wie der Video-Essayist Tony Zhou dem Genre attestieren, tief in der Krise zu stecken, spart Matt Schrader sicherheitshalber ebenfalls aus. Zwar sehen wir an einer Stelle – als Archivmaterial –, wie sich Filmemacher Steven Spielberg über ein von John Williams am Klavier vorgespieltes Motiv freut – aber das ist schon längst nicht mehr die Realität im filmischen Schaffensprozess.

Seit nämlich der Komponist Hans Zimmer mit digitalen Orchesterparts arbeitet – und damit die ganze Branche auf den Kopf gestellt hat – verlangen die Regisseure den fertigen Soundtrack oft als so genanntes Mock Up bereits vor seiner finalen Fertigstellung. Also bevor echte Streicher und ein echtes Orchester als Unterstützung des digital vorab produzierten Sounds aufgenommen werden können. Was dann zuweilen gar nicht mehr geschieht.

Oder die Methode, alte Filmmusiken anderer Komponisten als „Temp Tracks“ unter die erste Schnittfassung eines Films zu legen, bevor der Komponist etwas Neues erfinden kann. Dann sind die Regisseure oft so sehr in die Temp-Tracks verliebt, dass die neu zu schaffende Filmmusikbesser genauso klingen soll. Die Folgen davon sind hörbar...: 


Eine Produzentenlegende, der vom Jazz zum Pop zum Weltmeister wurde, unter anderem Michael Jackson produzierte, aber auch Filmmusik schrieb: Quincy Jones (Filmstill aus "Score").

Alle Filme klingen heute gleich, alle klingen nach der immer wieder neu belebten Hans-Zimmer-Formel – dröhnende Mollakkorde, wummernde Schlagzeugsektionen und rein rhythmisierende Streicher wie Gitarrenriffs. Aber: Beliebig und austauschbar, ohne die memorablen Qualitäten eines Star-Wars-Ohrwurms – eine rein auf die Funktion reduzierte Gesamtmasse.

Was sicher auch daran liegt, dass Zimmer nicht alleine, sondern mit seiner selbst gegründeten Firma „Remote Control Productions“ die meisten aller Blockbuster bespielt – und die hier in der Dokumentation gezeigten Komponisten Steve Jablonsky oder Henry Jackman mischen bei dieser Firma munter mit, was die Doku ebenfalls verschweigt.

Bereits über sechs Millionen Mal aufgerufen worden ist inzwischen das YoutubeExperiment des Film-Enthusiasten und auch als Sprecher arbeitenden Tony Zhou mit dem Namen „The Marvel Symphonic Universe“ – er fragte Passanten in Vancouver, ob sie ihm irgendeine Melodie aus einem Marvel-Film vorsingen könnten. Und keinem fällt eine ein. Aber ersetzt man „Marvel“ einmal durch „Star Wars“ oder „Harry Potter“, fällt allen Gefragten etwas ein. Hätte man stattdessen „E.T.“ genommmen – wäre das auch so gewesen. Bestimmt.

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Dienstag, 24. April 2018

Wenn der Stuckiman auf der Bühne ein Herzchenfoto aufnimmt: So war die "Lesung"/Nabelschau mit Benjamin von Stuckrad-Barre im Osnabrücker Rosenhof am 22. 4. 2018 (Sonntag - "Remix 3") - Plus: Extra-Lob für die Einlass-Playlist

Das Interview mit Benjamin von Stuckrad-Barre war vorher in den Osnabrücker Nachrichten (ON) erschienen... (Thomas-Achenbach-Fotos)

Osnabrück - Irgendwann in unserem Leben waren wir doch alle mal ein bisschen Benjamin von Stuckrad-Barre. Wenn uns das Ego irgendwie um die Ohren geflogen ist, weil wir es doch ein bisschen zu überstramm aufgepustet hatten, wenn uns ein irgendwie Amok laufender Narzissmus dazu verleitet hat, Dinge zu sagen oder zu tun, für deren Peinlichkeiten und Unmöglichkeiten wir in jenem Moment komplett unempfänglich gewesen sind. Was uns dann später natürlich eingeholt hat - Reue, Scham und rote Birne inklusive. An all diese Augenblicke unseres Lebens erinnert uns so ein Leseabend mit Benjamin von Stuckrad Barre, wie er am 22. 4. 2018 - Sonntagabend - im Rosenhof in Osnabrück stattgefunden hat. Denn auch ein Benjamin von Stuckrad-Barre spielt ja immer gerne selbstkokettierend mit der eigenen Egozentrik und der Zappeligkeit als den persönlichen Trademarks eines bewegten Lebens. Wobei das mit dem Leseabend nur teilweise stimmt - und das ist auch ganz gut so. 

Denn so sehr ich seine Texte auch schätze - die präzisen Beobachtungen, die mit chirurgischer Finesse freigelegten Fallstricke des Lebens, diesen zwischen zynisch-vernichtend und haushoch-bewundernd hin- und herstolpernden Tonfall im ewigen Rolling-Stone-Besserwisser-Modus, dieses nabelschaugetriebene Entlangbalancieren am Rand des Manischdepressiven, das niemals ein Mittelmaß findet und es auch gar nicht erst versucht: Benjamin von Stuckrad-Barre ist nicht unbedingt der allercharismatischste Vorleser seiner eigenen Werke. Also jedenfalls hier im Rosenhof ist das so, vielleicht ja auch eine Tagesformsache, dennn wie wir später noch erfahren: Der Künstler war aus. In Osnabrück. Und dennoch: Wo ein Schauspieler durch geschickte Betonungen und Nuancen etwas mehr Abwechslung herauskitzeln könnte, gibt es bei dem Autor (heute) mehr Gleichstrom statt Wechselstrom. Könnte auf Dauer ermüdend werden. Ist es aber nicht, denn zum Glück unterbricht er sein Vorlesen immer wieder, um dann ins freie Erzählen zu geraten. Dann erzählt er etwas von seinem Sohn. Oder regt sich auf über dieses und jenes. Und dann gewinnt der Abend enorm an Dynamik und Unterhaltungswert. "Motzen ist mein Yoga" hat der Osnabrücker Kabarettist und Erste Abstänkerer der Stadt, Kalla Wefel, eines seiner Programme genannt - und auch von Stuckrad-Barre ist so gesehen enorm yogisch unterwegs.

So erfahren wir also, dass er vor seinem sonntäglichen Auftritt im Rosenhof einen freien Samstag in Osnabrück verbracht hatte und am Abend irgendwie im hiesigen Alando Palais - der für alle Zwecke geeigneten Großraumdisco - gelandet war, was er konsequent als "Orlando" bezeichnet und wo er eine Ü-40-Party erlebt hatte. Offenbar zusammen mit dem Luxuspferde verkaufenden Ullrich Kasselmann als neu kennengelerntem Osnabrücker Kumpel, das bleibt jedoch etwas unklar. Was indes ganz klar wird: Eine Ü-40-Party ist gefundenes Fressen für den sich bahnbrechenden Zynismus des "einstigen Popliteraten" - wie die Neue OZ geschrieben hatte und wie er es selbst genüsslich daraus zitiert, aber fälschlicherweise den Osnabrücker Nachrichten (ON) in die Schuhe schiebt. Andere Themen, an denen er sich abarbeitet: Der übertriebene Hype um die Stadt Berlin; Menschen, die ins Theater gehen; der übertriebene Hype um die Stadt Berlin; die Moderatorin Bettina Böttinger, die ihm in der Talkshow "Kölner Treff" jüngstens mit einer Frage nach der Frauenquote in seinen Werken extrem auf die Nüsse gegangen ist; der Hype um die Stadt Berlin; das Bielefelder Publikum und, ach, irgendwie auch noch der übertriebene Hype um die Stadt Berlin...


Unbedingt lesenswert, wenn auch diesmal nicht Bestandteil des Abends: "Panikherz" ist eine Selbstkasteiung und Lebensbeichte. Eine, die es in sich hat.  

Zwar stänkert und lästert von Stuckrad-Barre auch gegen AFDler und artverwandte Querulanten und gegen ihre die sozialen Netzwerke verpestenden Hassemissionen - überhaupt ist sein Rant gegen Facebook und Twitter einer der Höhepunkte all dieser kabarettistischen-essayistischen Zwischeneinlagen -, aber wie er sich selbst doch so manches Mal in Stereotypenbeschreibungen verfängt, führt ihn gefährlich nahe an die Dauerstänkererbierbank fast gleichen Ranges heran, nur halt von der anderen Seite. 

An dem Cordhosen tragenden und in den Pausen über Syrien daherschwadronierenden Theatergängerfeindbild, das von Stuckrad-Barre hier mehrmals beschwört, störe ich mich beispielsweise gewaltig - natürlich auch deswegen, weil ich nun einmal selbst gern ins Theater gehe und diese Sorte Mensch dort so nicht wahrnehmen kann. Noch nicht einmal in Berlin, übrigens. Wäre von Stuckrad-Barre zu den Premieren seiner eigenen Stücke gegangen (im ON-Interview hatte er verraten, dass er dort geschwänzt hatte, weil er besser sein Ego im Schach halten wollte), hätte er ebendort sicher genausoviele Hipster und Chucks tragende Ersma-Theater-dann-vielleicht-noch-inne-Disse-Bartträger mit Hütchen vorgefunden wie in der Schlange vor so mancher "In"-Kneipe. Und die trifft man inzwischen auch in allen Opernpremieren oder beim ganz regulären Theaterbetrieb. Nix da, Cordhose und Intelligenziagetue.... (nur zur Klärung: Bei mir gelegentlich auch Chucks, ja, zugegeben, aber kein Hütchen, also, jedenfalls nicht im Theater, und Bärtchen nur je nach Tagesform).

Wobei ich da jetzt gerade, zugegeben, weil in meiner Eigenschaft als Theatergänger irgendwie angekratzt, in denselben Mechanismus gerate, der auch in einem Benjamin von Stuckrad-Barre immer wieder in Gang gerät: Alles, was das empfindliche Ego, das Selbstbild und seine Wohlfühlzonen irgendwie gefährden könnte, muss erstmal niedergeredet werden. Als er sich einmal verliest und aus einer "Werbung auf Bussen" eine "Werbung auf Russen" wird, ist ihm dieser kleine Versprecher eine gefühlt mehrere Minuten dauernde Replik wert, versucht er, darüber hinwegzukabarettisieren. Und Du denkst Dir so: Mensch, Stuckiman, da hättest Du jetzt auch einfach kurz lachen und dann locker weitermachen können.... An solchen Stellen merkst Du als Zuschauer eben recht deutlich, was von Stuckrad-Barre von sich selbst ja in dem unbedingt lesenswerten "Panikherz" preisgegeben hatte: Dass da ein im Grunde recht unsicherer Charakter einen auf Selbstdarsteller vor dem Herrn macht, vielleicht auch, um ein bisschen was an Knacks im Innern zu überspielen. Letztlich ist es ja genau das, was die Fans an ihm so schätzen: Dieses reflektive Spiel mit der eigenen Zappeligkeit und dem Wissen um das eigene Übertriebensein. Das kann er. Und er macht ja nun wirklich vor gar nichts Halt...


Der "Stuckiman" - das sagt Udo Lindenberg immer zu von Stuckrad-Barre. Diesmal las er tatsächlich in Osnabrück, nachdem er hier bei einem Dürer-Vortrag schon einmal gekniffen hatte.

Mittendrin singt er also plötzlich ein Robbie-Williams-Lied. Zu so einer Art Voller-als-voll-Playback, soll heißen: Er singt einfach über den Originalsong drüberweg, also nix da Karaokeversion ohne Gesangsspuren oder so. Wenn Benjamin von Stuckrad-Barre ein Lied singt, wirbelt er nicht nur sich selbst durch die Gegend, sondern vor allem das Mikro - wie so einen Tambourstab. Was nicht immer gelingt, einmal knallt das Ding auch mit lautem THUMPPP !!! auf den Boden. Hätte man jetzt alles nicht unbedingt gebraucht. Dann holt der bekennende Instagrammer (weil es da "statt Hass nur Herzchen" gibt und "sich die Nazis auf anderen Netzwerken austoben") alle auf die Bühne, die ebenfalls Instagram nutzen. Sind eine ganze Menge. Ist also wohl auch bald wieder vorbei, der Trend. Zack, macht der Stuckiman ein Insta-Foto für die #GucciGangRemix3. Okay, done that. Kurze Zeit später droht der Abend dann ganz zu kippen.

Da ruft plötzlich einer in den Raum hinein, ob man jetzt mal Fragen stellen dürfe oder ob er noch was lesen wolle. Und von Stuckrad-Barre so: "Völlige Fehleinschätzung Deiner und meiner Rolle! Was es hier heute Abend gibt, ist Frontalunterricht!". Merkend, dass das ein wenig schroff war, entschuldigt er sich für den Tonfall, bleibt aber inhaltlich auf dieser Linie: Fragen nur in der Autogrammstunde. Worauf sich eine Art kurzes Geplänkel zwischen Publikumsquerulant und Autor anschließt, was auch ein bisschen nervt... Noch so einer dieser Momente, wo die Fremdschämmarke einen "Curb Your Enthusiasm"-Faktor erreicht. Kann schon auch anstrengend sein, so ein Abend mit solchen Panikherzmenschen. Drei Texte aus seinem neuen Buch "Remix 3" bilden den Rahmen für die knapp unter drei Stunde dauernde Veranstaltung, es sind dies Texte über ein gemeinsames Tätowierexperiment mit einer seinerzeit Verehrten, über die Fußball-WM 2010 und über ein Madonna-Konzert in L.A., wobei von Stuckrad-Barre als neuerdings Kölner-Treff-Traumatisierte jedes "Madonna" durch "Böttinger" ersetzt. Nun ja. 

Immerhin, das muss man ihm lassen: Im Madonna-Text wird "Burning Up" erwähnt, was als nette Hachja-das-hatte-ich-damals-auf-LP-Erinnerung tatsächlich schon im musikalischen Einlassprogramm gelaufen war (ordentlich laut, übrigens). Eine Einlass-Playlist, die, sollte sie von von Stuckrad-Barre selbst zusammengestellt worden sein (was eigentlich nicht sein kann, weil kein Udo Lindenberg dabei), auch ein Höhepunkt dieses Abends ist: Frank Sinatras "Here's To The Winners" aus dem fabulösen "Ol' Blue Eyes Is Back" in diesem hervorragend immer alle Kitschgrenzen streifenden Gordon-Jenkins-Arrangement als letzten Song vor dem Auftritt... Kurz nach Madonnas Statement: "I'm burning up for your love...". Das hat Chuzpe. Und ist einfach phänomenal gute Musik. Dafür einen Pluspunkt und ein Danke.

Und das Finale des Abends? Kriegen wir gar nicht mehr mit. Gestresste Kleinkindeltern, die wir sind, mit drohend nahender 4-Uhr-aufstehen-5-Uhr-Frühschicht am nächsten Tag, schleichen wir uns mit Beginn des Schlussapplauses aus dem nur etwa halb verkauften Saal wie so zwei verschämte Aber-der-Bus-fährt-doch-gleich-Pauschaltouristen. Was die Aufmerksamkeit des Künstlers kurz anzuziehen scheint ( - dass der einen beim vorzeitigen Rausgehen erwischt und dann noch rasch ein bisschen runtermacht, hätte ich mir gut vorstellen können, wir wären nicht die Ersten gewesen heute Abend -), würde ihm nicht den Bruchteil einer Sekunde später aus dem Publikum irgendein Getränk gereicht. Glück gehabt. Deutet man den inzwischen in der Neuen OZ veröffentlichten Beitrag des Kollegen Tom Bullmann über die Lesung richtig, hat es wohl noch einen zweiten Robbie-Williams-Song gegeben. Also nix mehr verpasst? Scheint so. Und die Lehre des Abends? Irgendwann in unserem Leben waren wir ja alle mal ein bisschen Benjamin von Stuckrad-Barre. Ist allerdings auch schon wieder eine ganze Weile her.

Transparenzhinweis: Besuch durch selbstgekaufte Konzertkarte, keine Pressekarte, keine Einladung.

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Samstag, 31. März 2018

Die zehn besten TV-Serien aller Zeiten... eine ganz persönliche Favoritenliste - also: die besten, bis jetzt, soweit bekannt

Sie sind so etwas wie der moderne Ersatz für literarische Brocken - und dabei gleichermaßen Brocken von beinahe literarischer Qualität: Die DVD-Boxen von TV-Serien im Buchregal. Aus der Zeit vor der Streamingphase.  (Alle Fotos: Thomas-Achenbach-Fotos, wenn nicht anders gekennzeichnet)

Osnabrück - Das "Zeit"-Magazin hat damit angefangen. Ausgabe vom 8. März 2018, darin enthalten eine Liste der 50 besten TV-Serien aller Zeiten. Also ich persönlich liebe ja Listen. Also all diese vermeintliche Referenzen schaffenden popkulturellen Listen von offensichtlich immenser Bedeutung, ohne die die meisten Zeitschriften aus dem Bereich Rock/Popkultur oder TV- und Filmkultur nicht überleben könnten, jedenfalls nicht in den inhaltsarmen Winter- oder Sommerphasen (auch der von mir heißgeliebte Rolling Stone mischt da gerne mit). Die 20 besten Filme mit Monstern darin. Die 30 großartigsten Serienaugenblicke aller Zeiten. Die 50 besten Rock-und-Pop-Alben aller Zeiten. Die 50 besten Alben mit Gitarrenriffs, die echt rocken. Die 50 unbekanntesten Alben, die mehr Aufmerksamkeit verdient hätten. Die 50 weniger bekannten Alben, die im Schatten der anderen 50 stehen. Und so weiter. Wunderbar! Nur dass ich selbst noch keine Liste dieser Art angefertigt habe. Höchste Zeit, das zu ändern. Denn tatsächlich habe ich mir kürzlich mal Gedanken darüber gemacht, welche zehn TV-Serien wohl die besten sind, die ich kenne, also wirklich die allerbesten, ohne die es nicht gegangen wäre im Leben. Wenn schon Liste, dann auch mit hohem Anspruch, na klar. Also, hier meine Auswahl. Die besten, bis jetzt, soweit bekannt. Auf geht's: 

Platz Zehn: The Newsroom. Natürlich eine typische Aaron-Sorkin-Serie: Aufgedonnert mit Pathos und bevölkert von Figuren, die viele toller Einzeiler sprechen, erleben wir die Arbeit einer TV-Nachrichrenredaktion. Oder besser gesagt: Das Idealbild einer solchen. Der Gattin daheim war's insgesamt zu bedeutungsbeladen, aber so war The West Wing ja auch irgendwie (kommen wir später noch zu). Ich persönlich liebe Aaron Sorkins Schreibe und seine Fähigkeit, Komödie und Ernstes so geschickt auszubalancieren, und habe mich gefreut, dass diese Talente hier auch so zur Geltung kamen. Natürlich wird auch hier viel geredet. Eigentlich ausschließlich. Natürlich geizen die Showrunner auch hier nicht mit dem üblichen Wer-mit-wem-Liebes-und-Beziehungsgedöns, aber das wahre Thema der Serie findet auf der Meta-Ebene statt: Die zahlreichen Dialoge, in denen nichts anderes verhandelt wird als die Frage, was Fernsehnachrichten bzw. Nachrichten überhaupt eigentlich sind und was sie sein sollten, sind das Rückgrat der Serie. Jeff Daniels als der sich nicht zum blinden Amerika-Liebhaber stilisieren wollende, hochintelligente und grundsätzlich zynisch auftretende Anchorman Will Mc Avoy ist schlichtweg großartig - und alleine seine Anfangsrede gleich in Folge Eins ist das Anschauen wert. "What makes america the greatest country in the world?"... lautet die Frage des Moderators in einer Talkshow. Und Mc Avoy ziert sich, will ausweichen, macht Scherzchen, weiß genau, wohin ihn das führen wird... Bis es dann doch aus ihm herausplatzt: "It's NOT the greatest country in the world, professor, that's my answer..." - Schock und Schweigen und Betretenheit im Publikum. Und was dann folgt, ist ein Aaron-Sorkin-Monolog per excellence. Warum Amerika nicht mehr großartig ist, warum andere Länder wenigstens ebensoviel Freiheit haben. Fünf Jahre vor Donald Trump. Dafür lieben wir ihn, seine Figuren und diese Serie. Großartig. Anders als die meisten Zuschauer hätte ich mir von dieser Serie gerne mehr gewünscht. Und zwar am liebsten mehr von all der Besserwisserbeckmesserei über tatsächliche, also nicht fiktive, Nachrichtenereignisse, wie sie in Staffel Eins ausprobiert wurde. Das war mal eine andere Herangehensweise. Dass das ganze Projekt in einer offensichtlich zu ausufernden Staffel Drei abrupt zu Ende geschrieben werden musste, ist dem Finale anzumerken, aber das trübt das Gesamtergebnis nur gering. 



Platz Neun: Dark, Staffel Eins. Weltweit gefeiert als DAS Mystery-Phänomen aus Deutschland, als unser erstes bzw. neues auch international einsetzbares Vermarktungsprodukt, ist es vor allem die düstere und immer irgendwie bedrohliche Atmosphäre, die in dieser Serie besticht. Der Vorspann setzt den Ton, merkwürdig verzerrte Bilder von einem irgendwie unheimlichen Wald und den rauchigen Schloten des Kernkraftwerks erzeugen die erste Sogwirkung, die bis zum Ende der ersten Staffel dann auch nicht abreißt. Irgendwie verzerrt sind auch die gezeigten Familienkonstellationen, die hier alle unter den merkwürdigen Phänomenen zu leiden haben. Deren Rätsel sich im Verlauf der Folgen zwar stückchenweise klärt, wenn auch nicht ganz. Nicht alles ist am Ende schlüssig, manches bleibt im Rätselhaften, aber das macht diese Serie eben auch aus. Sie muss gar nicht alles erläutern, sie trägt sich über eher über das Ungeklärte, Atmosphärische, Nebelhafte. Ich mochte das, mochte den Grundton dieser Erzählung. Derweil ich diese Zeilen schreibe, ist eine Fortsetzung der Serie bereits beschlossene Sache - dass die Autoren und Macher bei ihrem gefundenen Ton bleiben, dass sie weiterhin durch Atmosphäre überzeugen und nicht allzu heftig an der Actionschraube drehen oder ins Sci-Fi-Genre hineingeraten, wäre wünschenswert. Denn das bemerkenswerte Ende der ersten Staffel ließe nun auch allerlei Drehungen und Wendungen zu, die dem Dark-Ereignis insgesamt nicht guttun würden. Also Vorsicht (Gesehen als Stream via Netflix). 


Platz Acht: Im Angesicht des Verbrechens. Wenn Deutschlands Meisterregisseur Dominik Graf solcherlei Stoffe dreht, spricht er gerne vom "Polizeifilm". Dieser hier erstreckt sich über acht Stunden, 10 Folgen, rund 500 Minuten. Ein Brocken von Dostojewski-Format - und mit der gleichen Ernsthaftigkeit und Detailgenauigkeit. Dabei niemals langweilig, immer in hohem Tempo erzählt, sich nur selten Zeit nehmend für Ausschweifendes, dann aber richtig. Von seinem Haus- und Hof-Autor Rolf Basedow sorgfältig ausrecherchiert, ist die Miniserie ein klassischer sich stetig weiterentwickelnder Mehrteiler, der ein bestimmtes Millieu - die Banden- und Familienstrukturen der Russenmafia in Berlin - detailgenau ausleuchtet. Die in jeder Hinsicht herausragende Serie folgt dabei in vielen Details schon amerikanischen Vorbildern, beispielsweise in der Ambivalenz der Charaktere, denn auch wenn das Guter-Böser-Konflikt-Schema noch irgendwie erkennbar den Grundstock bildet, sind hier doch alle irgendwie Getriebene und zwischen den Stühlen stehende. Stattdessen spielt sie mit den Sympathien des Zuschauers, verteilt sie neu, schichtet um, bleibt auch deswegen immer spannend. Der Mehrteiler kam 2010 heraus und damit im Grunde acht Jahre zu früh. Der komplette behäbige deutsche Fernsehapparat war dafür noch nicht reif, ist ja heute kaum (also, nicht das Gerät meinend, sondern die Institutionen). Heute wäre das ein klassisches Netflix-Erfolgsrezept und genau dort gut aufgehoben: Einen Regisseuren sein Ding machen lassen, so, wie er es für richtig hält, und über das Streamingmodell erfolgreich das richtige Zielpublikum erreichen. Damals, bei Arte und der ARD, wurden die zehn Folgen jeweils als Zweiteilerpaket im Spätabendprogramm kaputtgesendet, was einem solchen Qualitätsprodukt einfach nicht gerecht wird. Lieber mal im Unerreichbaren wegversenden, weil vermutlich fürs deutsche Dschungelcampguckerpublikum zu intelligent. Falsch. Ich gucke normalerweise keinen Tatort, keinen Polizeiruf, keine deutsche Krimiware (es sei denn, sie stammt von Dominik Graf), daher ist es ganz sicher zu gewagt, wenn ich dennoch die folgende These postuliere: "Im Angesicht des Verbrechens" ist schlichtweg die beste deutsche Krimiserie, die es jemals gab.


Platz Sieben: The Wire. Da müssen wir ja schon wieder Dostojewski bemühen. Es ist vieles über diese Serie gesagt worden, was richtig ist. Dass sie eine Millieustudie über die verschiedenensten amerikanischen Gesellschaftskulturen ist. Dass sie mit chirurgischer Präzision die psychologischen Mechanismen aufzeigt, die zu falsch verstandenem Mannschaftsgeist, Korpsgeist und schließlich zur Korruption und Vertuschung führen. Dass sie auf bemerkenswert eindringliche und nachvollziehbare Weise davon erzählt, wie ein kriminelles System für die Menschen, die sonst keine Chancen haben, zum gesellschaftlichen Normersatz wird. Dass sie dabei ihre Figuren nicht bewertet, dass sie trotzdem immer ungemein unterhaltsam bleibt, obwohl sie weder die eine zentrale Hauptfigur noch sonst irgendeinen Charakter vorweisen kann, der nicht irgendwie auf seine Weise irgendwie einen Schaden hätte. Im Grunde eine TV-Serie über ein von Farbigen bevölkertes Wohnviertel im Würgegriff der Drogengangs sowie über die sie kontrollieren sollenden und gleichermaßen tief verweifelten Systeme, von den Polizisten bis hin zu Stadtverwaltung und Presse, wird "The Wire" schnell zu mehr und Tiefergehendem, beispielsweise zum Abgesang über eine verlorene Stadt (Baltimore), die einstmals eine gewisse Größe hatte und nun unaufhaltbar auf dem Abweg ist. Wie ja wohl mehrere amerikanische Städte, man vergleiche z.B. Detroit. Oder gleich zum Abgesang der amerikanischen Gesellschaft an sich. Obwohl durchweg fiktiv, wirkt die Serie beinahe dokumentarisch. Dass sich Erfinder und Showrunner David Simons als Journalist tief ins amerikanische Polizeiwesen hineinrecherchiert hatte, dass er begleitend und dokumentierend bei Einsätzen und Lagebesprechungen dabei gewesen ist, macht alleine schon den authentischen Reiz des Ganzen aus. Aber auch seine detailgenauen Schilderungen des Gewerkschaftmillieus, des Schulwesens und der Pressebranche haben ihren Charme. Als wir einem Barkeeper in New York davon erzählten, dass dies gerade unsere Lieblingsserie sei, war er schockiert: "Was sagt Euch diese Serie über unsere farbige Bevölkerung?". Aber sie erzählt eben soviel mehr als nur das. Unerreicht ist die Szene, in der der immer nur Anzüge tragende Polizist The Bunk (großartig: Wendell Pierce) und sein versoffener irischer Kollege James Mc Nulty (Dominic West) einen Tatort besichtigen und ihre einzigen Dialogzeilen in der 4.45 Minuten dauernden Sequenz aus einem stetigen "Fuck!" in allen nur möglichen Variationen besteht. Meine ganz persönliche Lieblingsszene ist indes die mit dem ruppigen und die Texte der Reporterkollegen lautstark kommentierenden Journalisten in Staffel Fünf. "You can't evacuate building", sagt er, "only people". Wie recht er doch hat. 


(Netflix-TV-/Netflix-Media-Center-Foto)

Platz Sechs: The Crown. Eine Serie über die britische Königin, Mann, wie lahm. Blaublüter und Intrigen und ganz viel königliches Gedöns. So dachte ich zuerst. Bis mich meine Frau mit einem einzigen Satz vom Gegenteil überzeugte: "Du wirst die Serie mögen, da geht es vor allem um Politik und Zeitgeschichte." Ah so? Oh ja! Und wie! Obwohl die Serie ein Folge für Folge opulent in Kino-Optik schwelgender Sehgenuss ist, funktioniert sie vor allem als Kammerspiel. So verhandelt sie in zahlreichen kunstvoll gedrechselten Wortwechseln all die Fragen, die die Serie auf ihrer Metabene diskutiert: Was ist „die Krone“ eigentlich genau, was ist ihre Funktion, ihre Aufgabe, braucht es so etwas überhaupt in einer funktionierenden Gesellschaft und wen ja, für wen? So lebt "The Crown" von einem im Grunde rein theatralen Kern, beinahe wie eine Bühnenaufführung, wo in kunstvollen Kulissen doch vor allem das gesprochene Wort und der Dialog (oder auch mal Monolog) das Maßgebliche sind.  Parallel ist "The Crown" eine Ausstattungsorgie per excellence. Und doch bleibt die Serie immer in der Realität verwurzelt – wir werden Zeuge einer Geschichte, die gelebte Geschichte ist. Beispielsweise bei der Krönung: Die hier neu nachgespielten Fernsehbilder aus der Netflixserie entsprechen in eins zu eins, in der Körpermotorik und der Umgebung, den noch verfügbaren Original-Filmaufnahmen, wie sie seinerzeit - erstmals - im Fernsehen übertragen wurden. Auch der Londoner Supersmog von 1952, der Tausenden von Menschen das Leben nahm, spielt eine Rolle. Oder das gemalte Portrait von Winston Churchill, das dieser so abgrundtief gehasst hat, dass es nicht mehr existiert - belegt, verbrieft, wie so viele andere historische Tatsachen und Details aus der Serie. Und, wie es die Washington Post so schön geschrieben hat, immer und immer wieder zwingt uns die Serie dazu, auf den Pausenknopf zu drücken. Nicht, um es in meiner eigenen freien Übersetzung wiederzugeben, um etwas Popcorn zu holen, sondern um das Internet zu durchhetzen um all diese Heilige-Scheiße-ist-das-wirklich-so-passiert-Fragen beantwortet zu bekommen ("to rifle  through the Internet to answer holy-smokes-did-that-really-happen questions" - thank you so much, washington guys, for that). "The Crown" ist auf unterhaltsame Weise sehr, sehr lehrreich und immer faszinierend (Gesehen als Stream via Netflix). 



Platz Fünf: Westworld, Staffel Eins. Ja, natürlich, der ganz große Plot-Twist mit den verschiedenen Zeitebenen war einem relativ schnell klar, auch wenn sich die Serie noch die allergrößte Mühe gab, ihr Geheimis lange für sich zu behalten. Und doch gab es genug andere Twists, die mich ziemlich überrascht haben. Und: Ja, natürlich, diese verzweifelte Suche nach dem magischen Labyrinth und der Frage, was es damit wohl auf sich hat, war dann auch ein bisschen zu aufgedonnert und überstrapaziert. Aber macht alles nichts. Kaum eine TV-Serie der jüngsten Vergangenheit hat mich so dermaßen süchtig gemacht und in mir wieder das Verlangen geweckt, das Elterndasein eben das Elterndasein sein zu lassen und das ganze verdammte Ding in einem Rutsch durchzugucken. Auch hierbei war ich anfangs ziemlich skeptisch: Eine TV-Serie, die zu 50 Prozent wie ein Western daherkommt, weil sie in einem Wildwest-Freizeitpark spielt, der von Roboterfiguren bevölkert ist? Aber dann: Diese unfassbar coole Optik, der überall spürbare düster-bedrohliche Unterton, vor allem in den Szenen der den Freizeitpark betreibenden Kontrolleinheiten, die großen Kinobilder, die philosophisch auf der Metabene gestellten Fragen darüber, was ein Bewusstsein ausmacht und was nicht, die Überraschungen, das Suchtpotenzial. Auch bei Westworld gilt indes: Bitte die Gewaltschraube nicht mehr allzu hoch drehen und dadurch das Atmosphärische zerstören. Das Potenzial dazu wäre da - und wenn Staffel Zwei tatsächlich in der bereits einmal angedeuteten Samuraiwelt spielen sollte, habe ich die Befürchtungen, dass die Serienmacher es doch arg übertreiben könnten mit ihrem Blutzoll. Was schade wäre, denn natürlich ist die Frage der barbarischen Grundnatur des Menschen eines der hier diskutierten Themen, andererseits ist Westworld hierbei schon recht weit gegangen. Der mysteriöse Man in Black als Destillat des menschlich Abgründigen, zu dem er anfangs nie hatte werden wollen. Botschaft angekommen (Gesehen als gekauftes Streamprogramm via I-Tunes). 



Platz Vier: Mad Men. Ich will ganz ehrlich sein: Das Umwerfendste an Mad Men ist der immense Verbrauch an Whiskey, Zigaretten und frischen weißen Hemden, alles im Büro, alles während der Arbeitszeit, alles ab spätestens elf Uhr vormittags. Dass es tatsächlich einmal solche Arbeitsumgebungen gegeben hat, in denen ständig gesoffen, geraucht und in der Mittagspause auch gerne mal in ein Hotel gegangen wurde, dass das sogar relativ normal war und zum guten Ton einfach dazugehörte - nicht nur das macht Mad Men über sieben Staffeln plausibel, nachvollziehbar und glaubwürdig, sondern auch die ganzen Absonderlichkeiten und Selbstherrlichkeiten der Werbebranche. Dabei ist die Serie auch ein Portrait über eine immer abstruser werdende Zeit unserer Weltgeschichte, über die Jahre nämlich, in denen die alten vermeintlichen Ordnungen und Sicherheiten erst langsam und dann immer merklicher wegbröckelten und in der das - vermutlich dringend benötigte - Chaos Einzug hält in die Welt. So gesehen sind die sieben Staffeln dieser von 1961 bis 1968 spielenden Serie auch eine Geschichte über das Ende der Welt. Ausstattungstechnisch stimmt hier alles, von der Büroeinrichtung bis hin zur Zigarettenpackung. Und eine Serie zu wagen, in der es keinen wirklichen Helden gibt, sondern nur Charaktere, deren Spektrum von ambivalent bis zu moralisch verwerflich zu beschreiben sind, war 2010 eben auch noch relaiv neu und mutig. Was diese Serie außerdem so faszinierend macht: Dass sie all die Fassadenwelten all dieser Büromenschen in solch abgründige Tiefen hineinführen kann. Typisch Werbewelt? Oder typisch Arbeitswelt? Gestern wie heute? Letztlich: Viel Tammtamm und fette Slogans. Aber dahinter kaum Substanz. Wie es die Showrunner hinbekommen, dass wir diesem bizarren Zirkus ganze sieben Staffeln lang begeistert folgen wollen, sagt viel über die Qualität dieses Projekts. Das sicherlich Ungewöhnlichste und Bemerkenswerteste, was es in Serienformat je gegeben hat. Nach meiner Kenntnis. Abgesehen vielleicht von Twin Peaks, aber das ist ein lynchiger Mystery-Traumwelten-Mischmasch, der nicht ganz von dieser Welt ist. Wohingegen die Mad Men ganz tief in unserer Welt verwurzelt sind, so, wie sie einmal war. Faszinierendes Zeit- und Sittenportrait.



Platz Drei: Treme. Der Ortsteil Treme in New Orleans bildet die Kulisse für diese Serie, wobei, eigentlich ganz New Orleans hier als omnipräsente Hauptdarstellerin fungiert. Eine Serie, die in Deutschland noch nie ausgestrahlt wurde, obwohl sie vom auch hierzulande gefeierten "The Wire"-Macher David Simons kreiert wurde. Eine Serie über eine Stadt im Chaos, die George Bush nach dem Wirbelsturm Katrina am liebsten ganz aufgegeben hätte. Eine Serie über Musik und über das, was sie mit einer Stadt macht. Eine Serie voller illustrer und bekannter Musiker als Gaststars. Vor allem aber eine ganz ruhig erzählte und ganz fundiert recherchierte Serie über eine Reihe von Menschen, die, wie ihre Stadt, irgendwie etwas aufzubauen oder in ihrem Leben zu retten versuchen. Mögen die Kritiker diese nur dreieinhalb Staffeln dauernde Miniserie auch als allzu touristische New-Orleans-Werbung abwerten, geht David Simons darin doch vor allem mit dem dortigen Polizeiapparat hart ins Gericht: Wie er hier die Verflechtung aus Mannschaftsgeist, Verschwiegenheit und Korruption wiederum - wie in The Wire - mit chirurgischer Feinstarbeit zerlegt, offenbart er ein System, das man sonst eher einem Drittweltland zugetraut hätte als der freien Welt. So gehört zu einer die Serie überspannenden Rahmenhandlung die Aktivität einer unerbittlichen Rechtsanwältin, die die Polizeigewalt-Greueltagen aufdecken möchte, die es während des Wirbelsturms und während der Chaostage danach gegeben hat. Als großes Vorbild aus der Realität dient dabei die "Danziger Bridge", die seit einer Verurteilung der beteiligten und alles vertuschen wollenden Polizisten als ikonographisches Symbol für Polizeigewalt dient. Dass in der ersten Staffel noch John Goodman als wildgewordener Videoblogger herumwüten darf, macht die Serie zusätzlich reizvoll. Wenn TV-Serien bei aller Unterhaltung so sehr dazu anregen, sich mit zeitgeschichtlichem Geschehen auseinanderzusetzen, spricht alleine das schon für sie. Ich jedenfalls habe Tréme und seine Charaktere sehr geliebt. Allen voran den ewig scheiternden Radiomoderatoren und Musiker DJ Davis, der selbst seinen angekündigten Ausstieg aus dem Musikbusiness nicht richtig hinbekommt, weil immer was dazwischenkommt. Beispielsweise die unerwartete Schließung des Lokals, in dem er sein furioses Abschiedskonzert geben wollte. Dass er sein Megaprojekt einer New-Orleans-Oper schließlich mit dem Zorneslied "Fuck All Of You Bitches!" beenden will, aber auch hier nie dazu kommt, ist ebenfalls lustig. 



Platz Zwei: The West Wing. Martin Sheen als der Präsident der USA, so, wie das Idealbild eines Präsidenten der USA sein sollte. Sieben Staffeln lang begleiten wir Jed Bartlett und seinen Stab im Weißen Haus, erleben, wie die potentielle Wiederwahl vorbereitet und gestemmt werden muss, erleben, wie ein potentieller Nachfolger implementiert werden muss, erleben, mit welcher Intensität und Leidenschaft die Mitarbeiter sich hier reinhängen und auch mal nächtelange Überstunden in Kauf nehmen. Und wer immer schon mal verstehen wollte, was dieser "Government Shutdown" eigentlich bedeutet, den es ja nun in hübscher Regelmäßigkeit in den USA gibt, der bekommt das hier auch erläutert. Und dabei fängt alles so unprätentiös an, gleich in Folge Eins, in der der Präsident vom Fahrrad gefallen ist, wie wir erfahren. Für diese Serie, so heißt es, hat der Filmemacher Aaron Sorking das "Walk and Talk" erfunden. Tatsächlich werden die meisten Dialoge hier auf den scheinbar endlosen Fluren geführt, die durchs Weiße Haus führen, während die Kamera immer hinterhergeht und dranbleibt. Mann, was habe ich diese Serie und ihre Figuren geliebt. Natürlich ist es eine typische Sorking-Serie, sprich, sie geizt nicht an Pathos und Aufgedonnertheiten und wuchtigen Einzeilern, aber all das ergibt sich stets als dramaturgische Notwendigkeit aus dem Kontext. In Deutschland hat die Serie es nicht bis zur Staffel Zwei geschafft, eine deutsche Kopie mit dem Kanzleramt als Spielstätte ist kläglich gescheitert (Schade, eigentlich, wäre ein Reboot wert). Und wäre ich beim Shoppen in Amsterdam nicht über die erste DVD-Box gestolpert, hätte ich es mit dem West Wing gar nicht versucht. Gott sei Dank war das anders. Hoher Suchtfaktor, beinahe mein Platz Eins. 


Platz Eins: True Detective, Staffel Eins. Von der ersten Sekunde an liegt diese immer irgendwie lauernde Atmosphäre über allem. Ein paar Bilder und Einstellungen reichen, der Ton ist gesetzt. Höchst intensiv die Darsteller, hochkarätig besetzt das Ensemble, höchst intelligent das Drehbuch, wird hier aus der Suche nach einem Serienmörder schon bald ein Schauerstück, das auf einer tieferen Ebene immer wieder Bezüge zu H.P. Lovecraft herstellt, meistens eher versteckt, manchmal erkennbarer. Getragen von der Idee, dass das unbewusst Scheußliche in der Gesellschaft wuchert, aber versteckt, entwickelt diese Geschichte sowohl einen gewaltigen Sog wie auch eine sublime, aber dafür umso erschreckendere Tiefenwirkung. Und doch bleibt das Gezeigte immer realistisch, von einer minimalen Ausnahme, die auch eine Art Drogenrausch sein kann, einmal abgesehen. Dass die Serienmacher dabei auf jegliche übertriebene Gewaltdarstellung verzichten können, obwohl es um ziemliche Scheußlichkeiten geht - anders als andere Serienmacher, die ihr Heil im Hochdrehen der Gewaltschraube suchen -, spricht zusätzlich für die Qualität des Ganzen. Das Geschehen wird als Rückblende erzählt, so wird von Beginn an klar, dass es die Figuren auch irgendwie gebrochen hat. Eigentlich mag ich ja keine Krimis. Aber True Detective ist viel mehr als nur irgendeine Krimiserie. In nur wenigen - nämlich acht - Folgen wird eine abgeschlossene Geschichte erzählt und alles ist hier dermaßen intensiv und dermaßen packend, dass ganz klar ist: Ja, es wird weitere Staffeln geben, andere Geschichten, andere Hauptdarsteller (das was man eine "Anthologie-Serie" nennt). Aber das wird gar nicht nötig sein. Und sie werden an die Dichte und Atmosphäre dieser ersten Staffel nicht herankommen können. True Detective war eines dieser Fernseherlebnisse, zu dem ich mich erst aufraffen musste - und das mir dann den Boden unter den Füßen weggezogen hat. Unfassbar gut gemacht. Klarer Platz Eins. - Soweit meine heutige Liste. Es gibt übrigens noch ein paar Sonderfälle, die ebenfalls Erwähnung finden müssen, aber die hebe ich mir auf für einen späteren Blogbeitrag... (Gesehen als gekauftes Streamprogramm via I-Tunes).




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Sonntag, 25. März 2018

Amore und Bierdosen - so waren Wanda in der Lingener Emsland-Arena am Freitag, 23. 3. 2018 - Wanda live in Lingen, Kritik & Konzertbesprechung

Ein wichtiges Wort im Wanda-Kosmos: Amore!   (Achenbach-Handyfotos)

Lingen - Amore, meine Stadt... nun ja, für das emsländische Lingen trifft das nur begrenzt zu. Und natürlich hätte ich Wanda, dieses österreichische Band-Phänomen zwischen charmantem Wiener Schmäh und sturzbesoffener Rock'n'Roll-Brachialität, viel lieber im Osnabrücker Hyde Park gesehen. Also lieber in einer verschwitzten Clubintimität als in der etwas kühlen Konzerthallenprofessionalität. Aber als die Band im März 2017 dort auftrat, blieb die Kinderbetreuung an mir hängen und ich war noch nicht so ganz auf den Wanda-Zug aufgesprungen, auch wenn die Musik bei uns natürlich rauf und runter lief. Was bei mir indes noch mehr gezündet hat, ist das jüngste Album, das dritte, Niente, das so heißt wie die Tour, auf der Wanda nun auch Station in der Lingener Emsland-Arena machten (am Freitag, 23. 3. 2018). Diesmal war ich dabei. 

Und ich gehörte somit zu der Sorte Konzertbesucher, die selbst das neue "Letzte Wienerlied" relativ textsicher mitschmettern konnten. "Gott, wie deppert seids ihrs Wiener...?" - Denn, zugegeben, dem ironisch gebrochenen Pathos dieses stilistisch merklich softeren dritten Albums mit seiner dezenten Wolfgang-Ambros-Anmutung bin ich noch näher als dem alkoholverrauschten Dampfgassenrockpop der ersten beiden Platten. Wobei auch das alte Material im Konzert natürlich einen Monsterspaß macht, allen voran die großen Hits "Bussi Baby..." kurz vor dem Finale und, natürlich, das von allen mitgegröhlte "Oans, zwoa, drei, vieäähhh...." ganz zum Schluss. Es jedoch nicht alles prima, hier in Lingen. Der Klang jedenfalls ist erstmal nur Brei. Dass sich da auf einmal ein Saxophonist mit einer venezianischen Karnevalsmaske über die Bühne schleicht, ist zwar zu sehen, aber zu hören ist davon nichts mehr. Das wird dann später aber besser, wie vieles. 



Denn, große Überraschung, nach etwa zwei Drittel der Show nehmen die fünf Österreicher erstmal das Tempo raus. Da bezieht plötzlich ein echtes Blas- und Streichquartett mit venezianischen Masken und schwarzen Todes-Roben als düsterer Rondo-Veneziano-Verschnitt seine vier Stühle auf der Bühne und zupft und geigt und bestreicht die etwas klassischeren Songs des neuen Albums, das besagte Wienerlied oder den hymnischen "Schottenring" und das hübsch todessehnsüchtige "Ich sterbe" mit einer satten Klangpatina. Nur drei Nummern lang bleiben die Gastmusiker auf der Bühne und kehren dann nicht mehr zurück - sie für einen so kurzen Auftritt extra mit auf die Tour zu nehmen, zeugt von einem gewissen Luxus. Wie überhaupt vieles hier. 


Und dann fliegen die Bierdosen


An Biervorräten auf der Bühne jedenfalls herrscht kein Mangel. Dose um Dose fliegt als Belohnung für gelungene Interaktionen ins Publikum, auch Sänger Marco Michael Fitzthum - 31 Jahre alt - zieht sich ein Gläschen rein. Dass die Band auf jegliches Rauchverbot pfeift und sich von den Gästen am Bühnenrand auch mal ein Feuerzeug leiht - bierdosenvergütet -, erhöht den Rockfaktor. "So ein Sänger wird nicht allzu lange leben", hatte ein Kollege nach der Show im Osnabrücker Hyde Park gemutmaßt, und tatsächlich besteht die Band auch sonst auf ihrer Attitüde. Gitarrist Manuel Christian Poppe kann sich das eine oder andere Gähnen nicht verkneifen und schaut ein wenig weltenabgewandt aus der Wäsche. Huch, Tourstress oder Partystress? Macht das bei Wanda überhaupt einen Unterschied? Oder liegt es daran, dass er die ganze Gitarrenarbeit ganz alleine machen muss - denn Frontmann Marco kann wegen eingegipster Hand nicht wie sonst die zweite Gitarre mitspielen, auch ein kleiner Versuch scheitert ("Tut scheiße weh!"). Wobei ihn die malade Hand nicht dran hindert, die 1-A-Frontsau rauszulassen und voller brachialer Energie eine herausragende Show abzuliefern.


Lebensende-Schunkler und neue Hymnen


Schnaps wird hier zwar keiner getrunken, aber besungen wird er emsig. Wobei das auf rund zehn Minute ausgewalzte "Ich will Schnaps" heute zu einem psychedelischen Prog-Rock-Monolithen im Pink-Floyd-Format wird. Auf das ansonsten fest dazugehörende Stagediven bis zur Theke verzichtet Sänger Marco diesmal allerdings - ob das an seiner aus welchen Gründen auch immer gebrochenen Hand liegt oder daran, dass im nicht ganz ausverkauften Auditorium doch zu luftige Stellen bleiben?  Begonnen hatte die Show jedenfalls ganz furios mit dem Mitsingkracher "Bologna", das hier ebenso wenig fehlt wie "Luzia", "Meine beiden Schwestern", der Lebensende-Schunkler "Schick mir die Post doch ins Spital" und die diesen Hits in nichts nachstehenden neuen Hymnen "Weiter, weiter" oder "Columbo". Der Anfang war stark: Zu den Klängen der indisch-spirituell-inspirierten Beatles fiel der Amore-Vorhang... "Within You, Without You", heißt der Song. Ein Schelm, wer auch nur irgendwas Versautes dabei denkt.... Und die Stimmung?



Von Sekunde Eins an klasse! Das rund 1400 Menschen starke Publikum zeigt sich von Beginn an ebenso textsicher wie partylustig. Da fliegen die Bierbecher gleich im ersten Song und der hier schreibende Blogger ist ganz froh, seinen Kopf nicht nur aus modischen Stilgründen mit einer Mütze schützen zu können. Ein extrem gemischtes Publikum, übrigens. Bei Mando Diao vor rund zwei Monaten war die Hipsterdichte hier in der Lingener Halle spürbar höher, heute aber zeigt sich: Den einen klar erkannbaren Wanda-Fan gibt es offenbar nicht. Karierte Hemden tragende ältere Bluesfans mit genretypischen Bierbäuchen sind hier ebenso anzutreffen wie Pullover tragende Autoverkäufer wie ganz viel Jungvolk aus allerlei Kategorien, studentisch oder einfach nur ganz normal... :-) Gut eingestimmt hatte das Publikum übrigens die ebenso überzeugende wie erkannbar im Wanda-Fahrwasser schwimmende Vorgruppe Soekers aus Münster, die mit ihrem pathosdurchtränkten Deutsch-Indie-Poprock und einem ebenso wie Wandas Marco rotzig brüllendem Sänger hier die perfekte Ergänzung darstellten. Schon die zweite Vorgruppe binnen kürzester Zeit, an der ich wirklich Freude hatte (die andere war Stijn Grul aus den Niederlanden im Vorprogramm zu Steve Rothery, aber über die wollte ich später noch was schreiben). Okay - war es also eine gute Wahl, Wanda in einer so fetten Konzertarena zu erleben? Statt in einem verrauchten Club? 


Hohe Aufbauten und fette Lichtshow


Tja, ob Wanda in solche Locations wie den Hyde Park in Osnabrück überhaupt noch hineinpasst, scheint mir nach dem Besuch des Lingener Konzerts auch eine rein technische Frage geworden zu sein. Was Wanda hier an Aufbauten mit bringt, ist hoch und wuchtig, die Lichtshow gewaltig, nach der Vorband werden die Traversen noch einmal von der Decke gesenkt und mit allerlei Gimmicks wie einem neuen Vorhang und über die ganze Bühnenhöhe gespannten Hintergrundbildern ausgestattet. So wird diese Show auch rein effekt- und lichttechnisch ein eindrucksvolles Rock'n'Roll-Erlebnis in moderner Qualität. Stehst du drauf, das Leben groovt... yeah! Nur auf Coney Island ist es noch wärmer... Ja, so ist das. 


Transparenzhinweis: Besuch durch selbstgekaufte Konzertkarte, keine Pressekarte, keine Einladung.

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