Freitag, 8. September 2017

Warum die "Live-im-Kino"-Ereignisse ein großer Wachstumsmarkt sind und was die Branche noch Spannendes plant, neben Rockkonzerten und Opernübertragungen - Ein Interview mit Thomas Schülke von der Firma Cinema Consult

Osnabrück/Bochum - Rockkonzerte oder Klassik. Bayreuth oder New York. Gerne auch London, aber das wird bei uns leider nicht gezeigt... Dass ich ein Fan von "Live im Kino"-Ereignissen bin, ist kein Geheimnis, sondern war hier oft nachzulesen. Und dass ich nicht der Einzige bin, dem es so geht, zeigen die vollen Reihen an einem Samstagabend bei "MET live in HD", der Opernübertragung aus der New Yorker Metropolitan Opera. Sogar hiesige Theaterangestellte, die eigentlich bei der Premiere der Osnabrücker Kollegen sein sollten, hat man schon mal an dem einen oder anderen Abend dort gesichtet. Merkwürdig aber, dass über "Live im Kino" so selten berichtet wird. Dabei plant die Branche noch viel, wie mir Thomas Schülke von Cinema Consult im Interview berichtet hat. 

Die in Bochum sitzende Firma kümmert sich um den so genannten "Alternative Content" für Kinos - also um alles, was außerhalb der handelsüblichen Filme liegt, wobei sowohl Vertrieb wie auch Vermarktung und PR zu den Aufgabengebieten der Firma gehören. Das Interview mit Thomas Schülke habe ich in zwei E-Mail-Durchläufen durchgeführt... 

Thomas Schülke, eine Lesung mit John Le Carré, ein Live-Konzert mit der Filmmusik von Hans Zimmer, von ihm selbst geleitet, ein Musical aus London, live und direkt von der Bühne übertragen, ein Rockkonzert von David Gilmour…. Das Feld „Live im Kino“ wird offensiv beackert. Gibt es da überhaupt noch Ausbaumöglichkeiten?

Schülke: Wir stehen noch immer erst am Anfang der Entwicklung. Erst die Digitalisierung der Kinos vor wenigen Jahren hat derartige Events technisch möglich und wirtschaftlich lohnend gemacht. Sowohl Kinos als auch Besucher entdecken gerade erst richtig die Möglichkeiten. Grundsätzlich eignet sich jedes Thema für die Vorführung in einem Kinosaal, bei dem das Gemeinschaftserlebnis im Vordergrund steht. Man spürt die Emotionen der anderen Menschen im Saal, und sieht das Geschehen auf einer riesigen Leinwand – das übt eine Faszination aus, der man sich nur schwer entziehen kann. Gleichzeitig ist man durch die Kamera viel näher am Geschehen, als es bei den Events vor Ort wirklich möglich wäre. Doch noch immer wissen viel zu wenige Menschen, dass es im Kino längst auch andere Angebote als Kinofilme gibt.

Was läuft denn derzeit am besten im Segment „Live im Kino“?

Marketing-Fachmann und Kino-Fan: Thomas Schülke kümmert sich um Live-Events auf der großen Leinwand - und plant noch so manches.   (Schülke-Foto)

Schülke: Fest etabliert haben sich die Übertragungen von Opern und Balletten – hier gibt es mit der Metropolitan Opera aus New York, dem Royal Opera House aus London und dem Bolshoi Ballett aus Moskau gleich mehrere attraktive Programmreihen, die sich ein treues und wachsendes Publikum aufgebaut haben. Bei den Einzelevents sind es Rockkonzerte und -dokumentationen, die besonders dann erfolgreich sind, wenn die Gruppe der Hardcore-Fans einer Band wirklich erreicht wird. Theaterübertragungen, die im englischsprachigen Raum sehr gut funktionieren, kämpfen bei uns mit der Sprachbarriere, da die Produktionen in der Regel auf Englisch sind. Deutschsprachige Theaterangebote gibt es praktisch gar nicht…

Bis auf Bayreuth… Ich erinnere mich an einen auch in Osnabrück übertragenen Fliegenden Holländer.  Oder an den Tannhäuser. Im Kino saßen drei Leute. Ein Jammer. Ein Vermarktungsproblem? Selbst in Osnabrück müsste es mehr Wagnerianer geben als mich, die es auch an einem Dienstag um 17 Uhr ins Kino zieht, wenn so ein Ereignis ansteht…. ?

Schülke: Es kann natürlich viele Gründe geben, warum ein Event vielleicht doch nicht so gut ankommt wie erhofft. Neben der Wettbewerbssituation oder dem Wettereinfluss liegt es aber tatsächlich oft daran, dass die Zielgruppe nicht wirklich erreicht wird. Das steht in direktem Zusammenhang mit den oft sehr kleinen Marketingbudgets. Es ist aber sicher auch nicht besonders hilfreich, wenn ein Kinoevent seinen besonderen Charakter und die Exklusivität verliert, weil es nahezu zeitgleich im TV oder im Internet zu sehen ist.

… überhaupt, die großen Theater-Festivals, Salzburg, all sowas. Oder die Freilichtbühnen in Deutschland. Ginge da nicht noch was?

Schülke: Die Möglichkeiten sind da sicher längst noch nicht ausgeschöpft, auch wenn der Markt für Klassik-Angebote sicher auch nicht unendlich groß ist. Finanziell wird es allerdings schwierig, wenn sich die Auswertung auf den deutschsprachigen Raum beschränkt. Wenn die Produktion dann nicht ohnehin für ein anderes Medium stattfindet und damit durchfinanziert ist, rechnet sich ein reines Kino-Event oft nicht. Und eine Kulturförderung für Live-Kinoübertragungen gibt es bei uns bisher nicht. Salzburg ist exportfähig, da sind einzelne Inszenierungen auch für Kinos erhältlich. Aber ohne begleitende Marketingunterstützung scheint mir das wenig erfolgversprechend.

Und was planen Sie noch?

Schülke: Die Branche experimentiert immer wieder mit E-Games, Sportübertragungen, Ausstellungsrundgängen und sogar TV-Highlights, die im großen Kinosaal einfach mehr Spaß machen als zuhause. Es wäre schön, wenn bei diesen Events auch eine Regelmäßigkeit gelingen würde, wie sie bei den Opern bereits üblich ist.

Mir fällt auf, dass der Bereich „Live im Kino“ selten bis gar nicht in den offiziellen Medien wahrgenommen wird – gibt es da irgendwie Berührungsängste oder woran könnte das liegen?

Schülke: Die klassische Filmkritik fühlt sich für dieses Thema nicht zuständig. Für andere Journalisten gehört aber alles, was im Kino stattfindet, in den Bereich des Filmredakteurs. Da sitzen wir etwas zwischen den Stühlen und müssen um Aufmerksamkeit kämpfen. Und da die Umsatzerwartung bei einer einzelnen Veranstaltung nicht so hoch ist wie bei einem Kinofilm, der wochenlang gezeigt wird, sind auch die Budgets für PR- und Marketingarbeit klein.

Wie sind Sie dazu gekommen, daran mitzuarbeiten – und was genau machen Sie eigentlich?

Am 1. 10. in Kinos weltweit zu erleben: Die Filmmusik von Hans Zimmer als dickes Live-Konzert. (Cinema-Consult-PR-Foto)

Schülke: Ich bin seit 1994 in der Kinobranche tätig. Als Marketingleiter einer großen Kinokette habe ich in Deutschland und Österreich fast zwei Jahrzehnte auch im Bereich des „Event Cinema“ oder „Alternative Content“, wie es in der Branche genannt wird, vieles ausprobieren können. In anderen Ländern gibt es spezielle Dienstleister, die diese Themen in die Kinos bringen – in Deutschland habe ich da eine Marktlücke gesehen, in der ich seit 2015 nun mit meiner eigenen Firma selbst aktiv bin. Je nach Projekt biete ich unterschiedliche Dienstleistungen an – von Bausteinen wie Vermietung und Abrechnung mit den Kinos über einzelne Marketing- und PR-Aufgaben bis zum Komplettangebot, wo ich selbst als Verleih für den Rechteinhaber tätig bin. Mein internationales Netzwerk ist dabei eine große Hilfe. Seit 2016 bin ich auch in der „Event Cinema Association“ aktiv, dem einzigen weltweiten Branchenverband für dieses Thema, und vertrete den Verband in Deutschland.

Wie läuft das Thema denn im Ausland? Wo sind die wesentlichen Unterschiede?

Schülke: Speziell in England ist der Markt etwas weiter entwickelt. Dort liegt der Anteil von „Event Cinema“ am gesamten Ticketumsatz der Kinos bei mehr als 3%, in einzelnen Kinos sogar schon bei mehr als 20%. Das liegt dort an den drei erfolgreich etablierten Reihen „Royal Opera House“, „Metropolitan Opera“ und „National Theatre Live“. Diese haben für eine hohe Bekanntheit der Kino-Events gesorgt, in deren Gefolge auch andere Themen funktionieren. Gerade erst hat André Rieu dort zum dritten Mal in Folge einen Rekord für einzelne Musikevents im Kino aufgestellt. Aber auch hier ist Schwung in den Markt gekommen. Die Nachfrage steigt, und ein Erfolg wie „Rammstein: Paris“, der als dreitägiges Event alleine in Deutschland einen siebenstelligen Umsatz erzielt hat, lässt das Potential des Themas erahnen.

Auf Netflix oder bei Amazon Prima oder in sonst einem Streamingdienst bekomme ich fast alles, was ich sehen will, jederzeit verfügbar und direkt ins Wohnzimmer, sogar im Originalton, wenn ich das möchte – wieso sollte ich da noch ins Kino gehen?

Schülke: Das Kino erfüllt perfekt das Bedürfnis nach einem Erlebnis außer Haus, bei dem man etwas anderes erleben kann, als zuhause zu hocken. Es ist ein perfekter Ort, um mit anderen Menschen ein gemeinsames Erlebnis zu teilen. Es schafft den Anlass zum Ausgehen, und bietet gemeinsamen Gesprächsstoff hinterher. Filme kann man heute überall sehen – aber die Wirkung ist im Kino unübertroffen. Das gilt gerade auch für Events, wo oft der Livecharakter noch für einen zusätzlichen Kick sorgt.

Aber dennoch, könnte ich mir vorstellen, beobachten Sie die Streaming-Entwicklungen mit einem gewissen Argwohn?

Schülke: Natürlich muss die Kinobranche dafür sorgen, dass ein Kinobesuch aufregender bleibt als andere Angebote. Verwertungsketten und Geschäftsmodelle werden sich ändern, weil Streaming-Anbieter selbst zu wichtigen Content-Produzenten werden und entsprechend Einfluss nehmen können. Eine einfache Antwort gibt es für die Branche darauf nicht. Die Ergänzung des bisherigen Kinoangebotes durch andere Inhalte wie z.B. Liveevents ist aber eine der Antworten, die man hier geben kann. Der Trend geht eindeutig in die Richtung, mehr Programmvielfalt im Kino anzubieten und diese auch als Event zu inszenieren.

Ein Kino, in dem die Sitze wackeln, passend zur Filmbewegung – sowas gibt es inzwischen selbst in einer eher kleinen Großstadt wie Osnabrück. Wird es bald das volle Programm geben, das alle Sinne anspricht? Mit Blutgeruch zum Horrorfilm und Erschreckern, die Dir während des Films den Rest geben?

Am 28. 9. im Kino zu erleben: Der Black-Sabbath-Film "The End Of The End" - und, na klar, Ozzy ist auch dabei.  (Cinema-Consult-PR-Foto)

Schülke: Diese Angebote haben durchaus ihre Berechtigung und finden ihr Publikum, aber das ist sicher nicht die Antwort auf alle Herausforderungen der Branche. Viele Menschen möchten im Kino einfach nur entspannen, andere suchen bewusst den Kunstgenuss und die inhaltliche Auseinandersetzung. Das Kino wird für unterschiedliche Zielgruppen auch verschiedene Angebote machen müssen, und Live-Events gehören auf jeden Fall dazu.

Ich staune darüber, dass das Thema Musical als Live-Übertragung nicht ausgebaut wird. Das würde doch sicher wenigstens genauso gut laufen wie Oper im Kino, wenn nicht besser?

Schülke: Da würde ich mir auch ein regelmäßigeres Angebot wünschen. Es gab ja einige durchaus erfolgreiche Musicalevents in den Kinos (z.B. „Das Phantom der Oper“, „Billy Elliott“, „Miss Saigon“) – sobald es sich aber nicht um bekannte Marken handelt, sondern um unbekanntere Titel, ist es deutlich schwieriger, dafür ein Publikum zu finden. Und da die Top-Titel noch immer irgendwo auf der Welt live in einem Theater zu sehen sind, sind die Rechte für ein Kinoevent nur schwer zu bekommen.

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Sonntag, 27. August 2017

Buchverlosung: Ich verlose drei Mal den Thriller "Brückenteufel" von Romanautor und Schreibtrainer Martin Barkawitz - und im Interview gibt der Autor wertvolle Tipps für Hobbyautoren, Schreibtipps und Veröffentlichungstipps

Osnabrück - Ja, ist denn schon wieder "Blogger verschenken Lesefreude" oder wie? Nö, das ist immer am 23. April. Aber dass ich heute drei Mal den Thriller "Brückenfieber" des Osnabrücker Autoren und Schreibtrainers Martin Barkawitz verlosen darf, als gebundenes und gedrucktes Buch, freut mich ganz besonders. Auch der Anlass war ein schöner. In den Osnabrücker Nachrichten (ON) ist nämlich mein Interview mit Barkawitz erschienen, in dem der erfolgreiche Romanautor und gleichzeit Schreibtrainer aus dem Nähkästschen plaudert und wertvolle Tipps für Hobby-Autoren weitergibt - vor allem zum Bereich des Self-Publishing...

Ein Thema, das mich selbst ganz brennend interessiert - also ohne konkrete Veröffentlichungsabsichten. Natürlich war das aufgenommene Interviewmaterial um ein Vielfaches zu lang und ein paar Passagen mussten platzbedingt rausfallen. Das ist normal und gehört dazu, aber ein bisschen schade ist es auch jedes Mal. Wie gut, dass mir dieser Blog die Möglichkeiten gibt, das Material noch zu veröffentlichen, das ich streichen musste. Und auch die eigentlich für die ON gedachte Verlosung musste ich leider kurzfristig wieder aus dem Blatt nehmen, weil sich der mir zur Verfügung stehende Raum dort noch verändert hatte (es gab weniger Platz fürs Interview als zuerst angenommen). Aber was dann tun mit den Büchern? Naja, ist doch gut, dass es diesen Blog gibt. Das ON-Interview - lesenswert, wie ich glaube - findet Ihr übrigens hier.... Und hier sind die Ergänzungen und die Buchverlosung (am Schluss):


Ein Mann, der Steine von der Brücke schmeißt - aber die falsche Frau erwischt. Und dann auf Rache sinnt. Das ist die Grundprämisse für "Brückenteufel" - gibt es jetzt in der Verlosung zu gewinnen.  (T. Achenbach-Foto)

Martin Barkawitz, Sie leben als freischaffender Autor und schreiben so viel, dass Sie davon ihren Lebensunterhalt bestreiten. Und das auch können. Wie viel müssen Sie veröffentlichen, damit Sie davon leben können? Was schreiben Sie so an Büchern im Jahr?

Barkawitz: Keine Ahnung.... Ich schreibe im Prinzip jeden Monat einen Jerry Cotton und dann habe ich eben noch diverse Veröffentlichungen im eBook-Bereich. Hier ist das Gute die sogenannte Backlist, das heißt auch Bücher, die vor Jahren veröffentlicht wurden, bringen mir immer noch Geld. Sagen wir mal so: Ich habe jetzt 2018 durchgeplant, da schreibe ich ungefähr 20 Bücher.

Welches Schreibprogramm nutzen Sie denn?

Barkawitz: Ach, diesen ganzen Firlefanz mit extra Schreibprogrammen, Scrivener und was es heutzutage alles gibt... Also für mich ist das nix, das ist mir zu verwirrend. Das hält einen nur vom Schreiben ab (lacht...) Witzig, eigentlich: Das Schreibprogramm hält einen vom Schreiben ab... Tatsächlich schreibe ich aber an einem eigenen Laptop mit dem ich nicht ins Intenet kann. Das wäre zuviel Ablenkung....

Sie empfehlen den Weg des Self Publishing - und haben auf diesem Wege auch schon Verlagskontakte bekommen. Wenn ich jetzt tatsächlich mal ein Buch selbstpubliziere: davon kann ich im ersten Augenblick aber noch nicht leben, oder? 

Barkawitz: Sofort nicht, nein. Ich kann das mittlerweile, aber das ist was anderes. Das Hauptproblem ist ja, dass man als frischer Autor nicht wahrgenommen wird. Sichtbarkeit erreicht man eigentlich nur, wenn man möglichst viele Titel im Angebot hat, das beeinflusst wieder die Algorithmen der Verkaufsplattformen. Wenn Sie zum Beispiel gerne deutsche Krimis für 99 Cent lesen, dann wird Amazon Ihnen andere deutsche Krimis als für 99 Cent vorschlagen. Das große Glück, das einem neuen Autor passieren kann, ist, wenn er von Lesern gekauft wird, die einen schon bekannten Autor bevorzugen und dann sein Buch auch kaufen.

Weil der Algorithmus das Buch nach oben gespielt hat.. „Kunden kauften auch....“ –

Barkawitz: Wenn es gut läuft, ja. Und das ist das Beste, was einem passieren kann. Ich freue mir ja immer ein Loch in den Bauch, wenn Markus Hünnebeck, auch ein Bestsellerautor im Self-Publishing-Bereich, wieder einen Bestseller gelandet hat. Seine Leser kaufen nämlich auch meine Bücher. Da müssen Sie mal drauf achten, wenn Sie bei Markus Hünnebeck bei Amazon gucken, dann finden Sie in diesee Leiste auch meine Bücher.

Gibt es denn bei so einer Self-Publishing-Plattform auch ein Lektorat?

Barkawitz: Ja, das gibt es.

Wie hart ist das Lektorat?

Barkawitz: Bei mir nicht so hart, aber ich mache das ja auch schon 20 Jahre. Ansonsten ist es aber schon wichtig, dass man so eine Kontrollinstanz hat, man wird dabei natürlich auch betriebsblind...

Stephen King sagt in seinem Buch „Über das Schreiben“, ohne seinen Lektor wäre er nichts, denn ein Lektor ist quasi der Gott für ihn.

Barkawitz: Das kann ich so unterschreiben. Jeder Autor, und wenn die Leute noch so erfolgreich sind, hat ein Lektorat.

Genau wie Stephen King sind Sie ein "Bauchautor". Also einer, der ohne Vorplanung seiner Geschichten arbeitet und die Geschichte sich selbst entwickeln lässt. Wie Stephen King sagt: Wie ein Fossil, das man nach und nach freilegt. Das finde ich spannend, dass es tatsächlich ohne Planungen geht.


Einer, der vom Bücher schreiben leben kann - Martin Barkawitz aus Osnabrück.  (Thomas-Achenbach-Foto) 


Barkawitz: Das geht schon, aber es ist eigentlich eher was für geübtere Autoren. Also Anfängern würde ich schon raten, zumindest ein grobes Exposé zu machen. Ein sehr erfolgreicher Kollege von mir, Lutz C. Frey, hat gerade ein tolles Schreibbuch geschrieben. Das heißt „Story Turbo“ – und der plant wirklich alles durch, auch die einzelnen Szenen, was ich nie mache, aber bei ihm funktioniert es sehr gut, seine Romane sind sehr spannend. Aber ich bin eben ein klassischer Bauchschreiber, ich plane wenig

Ich habe einmal Frank Goosen interviewt, der mir gesagt hat: Bei "Pink Moon" hatte ich nur den ersten Satz im Kopf. Alles andere hat sich daraus entwickelt. Muss ich mir das so ähnlich vorstellen, wenn Martin Barkawitz ein Buch schreibt?

Barkawitz: Bei meinem Thriller "Brückenteufel" zum Beispiel  hatte ich folgende Idee im Kopf. Irgend so ein Idiot schmeißt einen Stein von der Autobahnbrücke, eine junge Frau wird getötet. So etwas ist ja nun leider wirklich passiert. Meine Überlegung war jetzt, was wäre wenn…: Die Frau, die getötet wird, ist die Freundin von dem Killer. Und der Killer will jetzt Rache nehmen. Was passiert dann? Das war so meine Idee. Dann haben sich die Charaktere entwickelt.

Agent Barkawitz.... Von Jerry Cotton kommen Sie irgendwie nicht los, oder?

Barkawitz: Ich mache im Moment nur Jerry Cotton. Ich habe auch diverse andere Serien geschrieben. Ich habe einen treuen Fan, der hat neulich mal ausgerechnet –  ich bin ja selbst zu faul für so etwas – wieviele Romane ich insgesamt schon geschrieben habe, also Cotton, Taschenbücher, alles. Da kam er auf 274.

Wie ist das bei Jerry Cotton? Gibt es da auch für jeden Roman ein Exposé, was die 
Handlung vorgibt, wie bei Perry Rhodan, oder sind Sie da ganz frei?

Barkawitz: Es gibt nur ein sogenanntes Rahmenexposé, wo zum Beispiel festgelegt wird, wo Jerry Cotton wohnt und wie er aussieht, damit das nicht in jedem Roman anders ist. Das ist ja nachvollziehbar. Ansonsten wende ich mich an die Lektorin, wenn ich eine Idee für eine Geschichte habe. Und wenn ich dann grünes Licht kriege, dann bekomme ich einen Abgabetermin und den habe ich auch einzuhalten, und gebe das dann ab.

Wie mache ich denn als Autor meine Charaktere glaubhaft und prägnant? Muss ich jedem Charakter einen kleinen Tick geben, oder so etwas? Kann das hilfreich sein?

Barkawitz: Einen Tick nicht unbedingt. Man sollte keine Schwarzweißbilder zeichnen, auch der Böse kann durchaus ein paar gute Züge haben und auch der Held darf gerne negative Zugaben haben, dadurch wird es einfach lebensnaher. 

Zum Ende unseres Interviews etwas über den Beginn: Der erste Satz. Man sagt: Das Wichtigste an einem Buch ist der erste Satz. Gilt das denn auch für „Book on demand“? Ich meine die Idee ist ja eigentlich die, ich gehe in einen Buchladen und klappe so ein bisschen auf und lese den ersten Satz und dann bin ich drin...

Barkawitz: Doch, das gilt auch für Online Shops, es gibt ja diese Funktion „Klick ins Buch“ oder bei anderen heißt die „Leseprobe“, dann klappen Sie das auf und dann lesen Sie den Anfang. Und wenn der schon langweilig ist, dann haben die verloren. Also der erste Satz ist schon immens wichtig. Ich versuche immer sofort mittenrein zu springen. Wie ist denn hier der Satz (nimmt sein Buch „Brückenteufel“ und liest...“)? Genau, „Der Stein war groß wie die Welt und schwarz wie der Tod“. Ich hoffe doch, das klingt interessant... (lacht)...

Soweit das Interview. Neugierig aufs Buch geworden? Ich verlose drei Exemplare. Möglichkeit Eins zum Mitmachen: Einen Kommentar schreiben unter diesen Artikel. Das geht auch anonym. Oder Möglichkeit Zwei: Einfach eine E-Mail schreiben an thomas-achenbach at gmx.de. Der Rechtsweg ist übrigens ausgeschlossen. Allen Bloglesern viel Erfolg! 

Warum Self Publishing für erfolgreiche Autoren gut geeignet ist - und welche Schreibtipps ein Profi-Autor für Hobbyschreiber parat hat, gibt es im ON-Interview zu lesen (hier).

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Mittwoch, 16. August 2017

Sowas wie eine kleine Liebeserklärung: Warum ich den "Rolling Stone" so schätze und warum es so eminent wichtig ist, dass da immer nur alte Säcke auf dem Cover drauf sind


Geliebt. Gelesen. Gewertschätzt. Jetzt, wo die erste Kinderaufzuchtsphase mit weitestgehender Musikbefreiung vorbei ist, wird jede Ausgabe des neuen Rolling Stone wieder heiß erwartet.   (T.-Achenbach-Foto)


Osnabrück - Elvis Presley? Nö, der interessiert mich null. Nicht die Bohne. Und von den gefühlten 35 Seiten, die die 40-Jahre-Elvis-tot-und-immer-noch-wirklich-wichtig-Titelgeschichte des Rolling Stones im Sommer 2017 ausgefüllt hat, habe ich nicht eine Zeile gelesen. Den Rolling Stone mal wieder abonniert – nach jahrelanger Pause wegen Babyaufzucht  und damit einhergehender Rockmusikhörerabstinenz - habe ich dennoch. Weil es ja völlig egal ist, um wen sich die Titelgeschichte gerade dreht – was zählt, ist das dahinterliegende Erfolgsprinzip: Die permanente Relevanzbehauptung über alles, was Dir in der muskalischen Sozialisation wichtig geworden ist. Das schmeichelt und tut gut. Denn so ticken Musikfans eben. Hat mir neulich noch ein Kumpel beim Grillen bestätigt…

Folgendes Experiment. Man gehe in einen Zeitschriftenladen und sehe sich die Titelseiten aller aktuellen Musikmagazine an. Was sehen wir dort? Meistens: Richtig alte Bands. Oder: Richtig alte Musiker. Die Beatles oder die Stones. Bob Dylan oder Van Morrison. Pink Floyd oder Deep Purple. Neil Young oder Bruce Springsteen. Sei es der „Rolling Stone“ oder das Progrockmagazin „Eclipsed“, sei es „Classic Rock“ oder, meistens auch, wenn auch nicht immer, der „Musikexpress“ (Okay, zugegeben, das klappt nicht bei „Spex“ – aber wer schon so vergeistigt ist, dass er „Spex“ liest, der hat längst keinen Spaß an Musik mehr). Aber warum ist das so? Warum nur der ganze alte Kram? Klare Sache: Verkaufsprinzip Relevanzbehauptung. Oder anders gesagt:

Interessant: Die siebenunddrölfzigste Pink-Floyd-Titelgeschichte 


Schon die Titelbilder dieser Magazine geben Dir das gute Gefühl, dass genau die Musik, mit der Du einmal sozialisiert worden bist, heute immer noch maßgeblich ist. Stilprägend. Unfassbar bedeutsam und unveränderlich überwichtig. So wie wir das haben wollen und bestätigt bekommen wollen. Wieder und wieder und wieder. Um sich nicht ewiggestrig zu fühlen, sondern voll dabei. Und schon greifst Du zu und kaufst das Magazin. Wegen dieses Gefühls. Aber, Hand aufs Herz, doch nicht etwa, weil Dich die siebenunddrölfzigste Pink-Floyd-Titelgeschichte wirklich interessieren würde – denn alles, wirklich alles, was es über Pink Floyd zu sagen gibt, ist längst gesagt worden. Aber darum geht es ja auch gar nicht. Sondern um was ganz anderes…

Ewige Streitfrage: Welche Alben gehören zum ewiggültigen Kanon?


Nämlich darum, dass Musikfans im Grunde genommen furzkonservative alte Knochen sind und für den Rest ihres Lebens in dem eigentlich sehr überschaubaren Sumpf steckenbleiben, in den sie mal hineingewachsen sind. Ich darf das so ironisch sagen, ich ticke ganz genau so. Oder der gute Freund, von dem mein Grillkumpel neulich erzählte. Der ist nicht nur Arzt, sondern außerdem noch Musiker. Und totaler Musikfan. Treffen diese beiden aufeinander, dreht es sich ganz oft um die Frage, welche Alben man eigentlich kennen muss. Wobei sich der Arztmusiker dabei auf einen relativ fixen Kanon ganz alter Platten festlegt und deren Ausschließlichkeit betont, so dass es mein Grillkumpel ihm gegenüber anzweifeln musste, ob es da nicht noch mehr geben könnte. Fand ich sehr amüsant. Wähnte mich auf der richtigen Seite, also der offenen, weniger dogmatischen. Dann sprachen wir über die ganz neue Arcade Fire. Schon war ich ertappt.


Welche Platten sind maßgeblich? Gib zwei Musikfans ein paar Dosen Bier und ein paar Stunden Zeit und sie werden sich die Köpfe heißreden. Auch darum geht es.....   (T,.Achenbach-Foto)


Wichtigster Faktor: Der Zeitpunkt des Aufwachsens


Denn ich sprach tatsächlich den folgenden Satz, von dem ich schon beim Sprechen langsam merkte, dass das in die falsche Richtung gehen würde: Naja, so ich, eigentlich hätten Arcade Fire ja nach "In The Suburbs" aufgehört, bei ihrem eigenen Stil zu bleiben, den sie gerade für sich gefunden hatten - und so konnte ich schon mit der "Reflector" wenig anfangen. So ich. Und weiter: Wenn ich so dann lese, dass Arcade Fire bei ihrem neuen Album noch mehr in Richtung Glitzerpop und Disco gehen, dann muss ich doch sagen, die Band könnte doch besser irgendwie bei dem bleiben, was sie mal so schön aufgebaut hat.... Darauf mein Kumpel: Nun ja, er wolle auch da eben versuchen, da offener zu bleiben... Tja. Auweia. Aber, so mein Kumpel, augenzwinkernd: Am Ende ginge ja doch nichts über die Beatles. Wobei mir eines nochmal sehr klar geworden ist - auch das keine neue, aber eine immer wieder wichtige Erkenntnis: Welchen Kanon an Bands Du für maßgeblich hältst, hat mit der Zeit Deiner musikalischen Sozialisation zu tun. Meine Frau zum Beispiel.

Von Stuckrad-Barre zu Recht in den Himmel gelobt


Für die gehört Radiohead unbedingt in den Kanon des Dogmatischen mit hinein. Und auch wenn ich Radiohead durchaus für stilprägend und wichtig halte und für zu Recht immer wieder kritikergeliebt, wäre das für mich eine kritisch zu diskutierende Frage, ob die Band in den ewiggültigen Albumhimmel mit hineingenommen werden muss. Also, solange Pink Floyd mit drinbleiben... Wann waren die eigentlich zuletzt beim Rolling Stone auf dem Cover? Kommt bestimmt bald wieder... 

Selten unaufgeregt und wenn, dann bei Mode


Gibt natürlich noch eine  Menge anderer guter Gründe, warum der Rolling Stone eine tatsächlich maßgebliche Zeitschrift ist: Der rotzig-ironische-und-trotzdem-liebevolle Tonfall der meisten Autoren, den alle Leser in ihren Zuschriften nachzuahmen versuchen (weswegen alleine die Leserkontaktseite immer ein Genuss ist). Die Tatsache, dass der von Benjamin von Stuckrad-Barre in "Panikherz" völlig zu Recht in den Himmel gelobte Arne Willander nach wie vor als prägender Autor mit seinem gewaltigen Allwissen mit dabei ist. Dass Literatur und Politik ebenso eine wichtige Rolle spielen im Berichteten wie TV-Serien. Dass die gottseidank seltenen Modestrecken - immer das Enervierendste im Magazingeschäft - angenehm unaufgeregt daherkommen. Und, und, und... Also, Danke, liebe Musikzeitschriften. Ist grad richtig schön warm hier in meinem Sumpf. Ihr sorgt ja bitte dafür, dass das so bleibt.... 

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Ebenfalls auf diesem Blog: Marillion im Musicaltheater - kann das gutgehen? So war das Konzert in Bremen im Sommer 2017

Ebenfalls auf diesem Blog: Genug gemeckert, wir sollten froh sein über unsere Theater - eine Liebeserklärung und eine Lobpreisung zum Welttheatertag

Ebenfalls auf diesem Blog: "Tote Mädchen lügen nicht"... 10 Gründe, warum das Buch wesentlich besser ist als das zu Recht umstrittene Netflix-Serienphänomen

Im Trauerblog des Autors: Die Kunden müssen die Bestatterbranche bewegen - was alles möglich sein kann, wenn Menschen in einer Verlustsituation das wollen

Montag, 24. Juli 2017

So war das Konzert von Marillion im Bremer Musicaltheater (am 22. 7. 2017, Samstag) - viele Fragen vorab, nicht alles hat gepasst, aber am Ende stimmte es.... - eine Konzertkritik


Ein Fan-Ticket... für Marillion in Bremen im Musicaltheater. 

Bremen (eb) - Braucht eine Band wie Marillion wirklich einen Einheizer vor Beginn der Show? Noch dazu einen, der in seinem Auftreten vielleicht besser zu Mario Barth oder den Toten Hosen gepasst hätte? Am Anfang von diesem Marillionkonzert im Bremer Musicaltheater (am 22. 7.) wähnst Du Dich jedenfalls im falschen Film. 

Nicht nur, dass uns nach Abdunkelung des Saals erstmal ein Werbespot auf das kommende Michael-Bolton-Konzert aufmerksam macht (Ehrlich jetzt? Michael Bolton? Für Progfans?), wir werden dann auch noch aufgefordert, unseren Gastgeber Soundso Soundso zu begrüßen - worauf besagter Einheizer auf die Bühne hüpft und "Marillion IS IN THHEE HOOOUUSSEEEEEE" in ein offensichtlich instabiles Microport hineinbrüllt... Nee, Leute, das passt einfach nicht zu einer Band, deren Klangkunst immer zwischen Ambitionen und Artifiziellem chargiert, immer subtil daherkommt und, wenn überhaupt, dann nur aus ganz langsamen Steigerungen besteht. Zumal die Marillions im ersten Konzertabschnitt große Teile - so gut wie alles, eigentlich - aus ihrem aktuellen Album "F.E.A.R." spielen, das ganz sicher vieles ist - teilweise genial, zum Beispiel, teilweise ein bisschen lahmarschig, allerdings auch -, aber eben keine Mitgröhl-Mitstampf-Klatschindiehände-Musik. Und überhaupt hatte man sich vorher ja schon mal gefragt: Marillion in einem Musicaltheater, bestuhlt - passt das eigentlich?

Na klar machen die Musical - im Musicaltheater


Zumindest diese Frage ist schnell beantwortet: Ja, und wie. Zum einen, weil man der Band durch das stetige Ansteigen der Parkettsitzreihen viel, viel näher ist als in einem Saal zum Stehen, wo man ja doch immer zwischen irgendwelchen Kopflücken hindurch sein Sichtfensterchen suchen muss, wenn man sich direkt nicht vorne an den Bühnenrand drücken möchte. Zum zweiten, weil das Bremer Musicaltheater durch einen durchweg perfekten und glasklaren Sound überzeugt, was das Konzert alleine schon akustisch zu einer Freude macht. Und schließlich zum dritten, weil die Marillions mit ihren zu jedem Song durchgestylten Hintergrundvideos ja durchaus sowas machen wie Musical - sorry, liebe Progfans.... (und ich bin ja auch einer). Womit wir auch schon bei der einen Sache angekommen wären, die bei einem Konzert dieser Band immer eine Enttäuschung darstellt:

So geht eine durchgestylte Gesamtvermarktung: Das Muster des Tour-T-Shirts entspricht einem in den Hintergrundvideos mehrmals auftauchenden Bild ("White Paper").    (T.-Achenbach-Foto) 

Viel technischer Schnickschnack - wie "live" ist das eigentlich?


Jeder Song ist hier eine Eins-zu-Eins-Blaupause seiner Erstveröffentlichung auf den jeweiligen Alben. Es gibt nichts, was das "Live" in "Livekonzert" eigentlich erst ausmacht. Keine Abweichungen im Arrangement, keine veränderten Intros oder neu auftauchende Leerstellen zum Irgendwie-Mitmachen, keine Soli irgendeines Musikers, die es nicht schon einmal so gegeben hat. Und so perfekt und eindrucksvoll die Videos im Hintergrund auch gestaltet sind: Dass so etwas nur funktionieren kann, solange ein im Kopfhörer der Musiker mitlaufender "Clicktrack" die exakte Länge jedes Musikteils vorgibt, wissen inzwischen auch die meisten Laien - was übrigens auch dadurch spürbar wird, dass zuweilen große Teile der Musik vom Computer dazugemischt werden, manche Breakbeats, Klangflächen, Effekte eben, die die Musiker live nicht so leicht erzeugen könnten. Wie "live" so ein "Livekonzert" dann übernaupt noch ist, mag eine Frage für Puristen sein. Und Überzeugungsnerds. Da ich leider beides bin, muss ich sagen: Ist nicht so live. Da ginge mehr. Viel mehr. 

Wut und Frust werden heute Abend viel spürbarer 


Aber, ja, klar, die Marillions spielen ihre Instrumente selbst, Sänger h singt selbst, das ist merkbar und spürbar. Der Anteil an Halbplayback dürfte insgesamt also bei etwa 25 Prozent liegen, höchstens. Nun denn. Das aktuelle Material aus dem "F.E.A.R."-Album ist live deswegen überzeugend, weil durch des Sängers h fast schon schauspielerische Performance erstmals die ganze Wut und Frustration spürbar wird, die das Album ja eigentlich durchzieht (ein kleiner Fish ist er ja schon irgendwie, der h). Also, textlich durchzieht, wenn auch nicht unbedingt klanglich. "Thank you for your patience", entschuldigt sich h beinahe auch, als dieser erste Konzertteil zu Ende geht. Mit "Beyond You" aus dem Album "Afraid Of Sunlight" eröffnen die Marillions den zweiten Teil ihrer Show - ohne eine 20-Minuten-Pause davor, von der man sich vorher ebenfalls gefragt hatte, ob es sie vielleicht geben könnte (weil halt Musicaltheater). Es folgen: "Easter", von den Fans mit am meisten beklatscht, "Sounds That Can't Be Made" (live echt ein Knaller mit seinem druckvoll treibendem Beat), "Man Of A Thousand Faces" und "King", in einer Anmoderationsschleife dem kürzlich durch Suizid gestorbenen Linkin-Park-Sänger Chester Bennington gewidmet. Apropos Moderationen: Sänger h zeigte sich dem Publikum gegenüber durchaus verständnisvoll über die auch für die Band ungewohnte Situation.

Aufstehen? Stehenbleiben? Oh Fuck, muss das sein...?


Und das ist der Faktor Musicaltheater. Zwar lassen sich die Zuhörer gelegentlich dazu hinreißen, sich am Ende eines Songs aus den Sitzen zu erheben - jedenfalls im zweiten Konzertteil -, aber alsbald setzen sich alle wieder hin. Stehenbleiben, wie in Rockkonzerten auch in Sitztheatern durchaus mal üblich, gibt es hier also gar nicht. Er wisse, wie das sei, er sei ja auch mal als Gast im Theater gewesen, sagt Sänger h augenzwinkernd. "Oh Fuck, muss das sein, aufstehen, wirklich...??" - Vorher hatte er schon zum Publikum gesagt: "Ach, setzt Euch, setzt Euch...." . Machen sie auch, klar. Als Zugabe gibt es dann noch das komplette zwölfminütige "Neverland" aus dem "Marbles"-Album - immer wieder genial. Dann ist Ende. Und zwar so wirklich, wie sich alsbald zeigt. 


Der Saal leert sich, das Konzert ist aus, Fuck Everyone And Run... denken sich das etwa die Schließerinnen...?

Alle raus - "Auch unsere holländischen Freunde..."


Denn schon rasch nach Konzertende werden die wenigen im Saal bleibenden und irgendwie doch noch auf eine Autogrammsession Hoffenden von den Schließerinnen aus dem Saal komplementiert. "Wenn dann auch unsere holländischen Freunde hier zum Abschluss kommen könnten", heißt es in rigoroser Bremer Freundlichkeitsverweigerung. Ich sage aber nichts dazu, ich kann ja kein Holländisch. Beim Rausgehen frage ich mich: Und, war ich heute im falschen Film? Nö. Eigentlich nur am Anfang.... Abschlussbemerkung: Wie ich erst nach dem Konzert lesen konnte, wird das Bremer Musicaltheater am Ende des Jahres geschlossen werden. Vermutlich sogar abgerissen. Kritisiert hat das unter anderem ein Jan Trautmann von "Bremer Concerts And Events" - und in dem entdeckt man dann den Einheizer vom Anfang wieder. Der wird wohl eine für ihn wesentliche Veranstaltungsstätte verlieren. Auch wenn Michael Bolton nicht sein muss - Marillion waren nun eben auch dort. Da tut der einem dann schon wieder leid. 

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Weitere Besprechungen des Konzerts vom 22. 7. im Bremer Musicaltheater: 

1.) Vom örtlichen Weser Kurier, kenntnisreich geschrieben
2.) Von der Kreiszeitung aus Syke mit umfangreicher Bildergalerie


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Im Trauerblog des Autors: Die Kunden müssen die Bestatterbranche bewegen - was alles möglich sein kann, wenn Menschen in einer Verlustsituation das wollen

Im Trauerblog des Autors: Bald darfst Du wegen Trauer krankgeschrieben und überwiesen werden - warum das derzeit so umstritten ist

Ebenfalls auf diesem Blog: Genug gemeckert, wir sollten froh sein über unsere Theater - eine Liebeserklärung und eine Lobpreisung zum Welttheatertag

Ebenfalls auf diesem Blog: "Tote Mädchen lügen nicht"... 10 Gründe, warum das Buch wesentlich besser ist als das zu Recht umstrittene Netflix-Serienphänomen


Mittwoch, 28. Juni 2017

Hilfreiche Bücher gewinnen in der Sommerpause - "Damit das Leben wieder heller wird" von Eva Terhorst - Akuthilfe für Menschen in einer Verlustkrise - Und im August geht es hier weiter

Osnabrück – Der Kulturblog verabschiedet sich in eine kurze Sommerpause. Die Theater haben geschlossen, die ausbrechenden Sommerferien legen so ziemlich alles lahm, was kulturelles Leben angeht, die Festspiele finden weit, weit entfernt statt, es ist Zeit für eine Pause. Zeit fürs Lesen von Büchern. Und für Familie. Wer mag, kann in der Sommerpause aber gerne auf meinem zweiten Blog - Trauer ist Leben - an einer Buchverlosung teilnehmen. Denn die Trauerbegleiterin Eva Terhorst aus Berlin hat in einer Art Arbeitsbuch hilfreiche Formulare veröffentlicht, die bei der gedanklichen Bearbeitung eines Tages gute Dienste leisten (Übrigens nicht nur für Trauernde).  

Im August wird es weitergehen (also: hier, und auch auf dem Trauerblog). Die folgenden Themen sind für diesen Blog nach der Sommerpause schon jetzt vorgesehen: Eine Einführung in die neue Spielzeit der "MET-Live-im-Kino"-Saison. Ein Konzertbericht eines Auftritts von "Marillion". Und vielleicht - mal sehen, ob ich es schaffe - auch ein paar Gedanken zu Barrie Koskys Bayreuther Neuinszenierung der "Meistersinger aus Nürnberg". Ob ich Karten für den heiligen Musentempel habe ergattern können? Nein, nein, nicht ganz. Leider. Aber es gibt eine Kino-Liveübertragung (25.7., Dienstag, 18 Uhr - mehr Infos dazu hier...). Jetzt aber: Allen einen schönen Sommer!


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Ebenfalls auf diesem Blog: "Tote Mädchen lügen nicht"... 10 Gründe, warum das Buch wesentlich besser ist als das zu Recht umstrittene Netflix-Serienphänomen



Samstag, 3. Juni 2017

Tote Mädchen lügen nicht... - 10 Gründe, warum das Buch wesentlich besser ist als die zu Recht umstrittene Netflix-Fernsehserie und wo die Unterschiede zwischen Buch und Serie liegen...

Osnabrück - Und jetzt? Beginnt die zweite Staffel von "Tote Mädchen lügen nicht" mit einem fetten Amoklauf? Oder hat der schwer bewaffnete Fotografenjunge etwa schon einen Schuss abgegeben? Und: Gibt es das alles bald als Musical? Okay, jetzt erstmal: Staffel eins. Ausgelesen und zu Ende gehört. TV-Serie und Hörbuch parallel. Ich wollte wissen, was dran ist an all den Vorwürfen in Sachen "Tote Mädchen lügen nicht" ("13 Reasons Why"). Dass die Serie trotz aller Faszination gefährlich sein kann und für Zuschauer in einer Trauerkrise denkbar ungeeignet, habe ich schon vor kurzem in meinem Trauerblog angemerkt. Aber wie stark die Serienmacher die Romanvorlage aufpoliert und angehübscht haben, ist mir beim parallelen Verfolgen beider Medien sehr bewusst geworden. Man könnte überspitzt sagen: Fast alles, was in der Jetztzeit spielt, also nach dem Suizid, kommt im Buch so nicht vor. Wobei es eine kleine Ausnahme gibt. Und übrigens: An einer zentralen Stelle ist die Serie sogar realistischer als das Buch. Aber der Reihe nach (by the way: Spoiler, Spoiler, Spoiler!)

Dass sich der von allen geschasste Fotografenaußenseiter Tyler bis auf die Zähne bewaffnet - mit Geheimversteck für Pistolen und Kurzgewehre in der Fototasche -, kommt im Buch nicht vor. Dasss wir am Ende nicht erfahren, was aus diesen Waffen wird und ob nicht Tyler es gewesen ist, der schon einen Schuss abgegeben hat und danach an Alex Standalls Handy gegangen ist - also kein zweiter Suizid -, ist ja klar: Man will das Publikum ja auch irgendwie an eine zweite Staffel heranführen. Will soviele Spuren offenlassen, dass alle auf jeden Fall wieder einschalten. Deswegen wird am Ende auch nicht klar, was aus dem zweiten Suizid wird. Aber warte mal: Amokplanung, zweiter Suizid, Blut und Gewalt, ist das nicht alles ein bisschen arg... übertrieben? Öhm, ja. Ist es. Aber das hier ist es nicht: Wollen wir wetten, dass wir "Tote Mädchen lügen nicht" auch als Musical erleben? Hm?


TV-Regel: Mach Radau und brich Tabus, dann schalten alle ein


Denn da bin ich mir sicher: Es wird nicht mehr lange dauern - ein oder zwei Jahre vielleicht noch - und ein cleverer Broadwayproduzent wird "13 Reasons Why" auf die Bühne gebracht haben. Als Musical, das dann bald auch im Londoner Westend laufen wird - und womöglich auch in Deutschland. "Tote Mädchen lügen nicht, das Musical". Jede Wette. Das bietet sich an. Schon rein aus kommerziellen Gründen. Denn "Tote Mädchen lügen nicht" ist, das zeigen die teils intensiv geführten Debatten der vergangenen Wochen, eine "Cash Cow". Eben weil die TV-Serie so umstritten ist. Da hat das gute alte Verkaufsprinzip wieder einmal bestens funktioniert: Sorge für möglichst viel Radau, brich ein Tabu, dann läuft der Verkauf wie geschmiert. Und schuld daran ist: Allein die TV-Serie. Nicht das Buch. Das wird seit Jahren in Schulen gelesen. Seit Jahren, in Schulen - und von einem Werther-Effekt dadurch ist bislang nichts bekannt. Bei der Serie zwar auch noch nicht, und doch warten alle förmlich drauf. 


Noch ne Schippe und noch ne Schippe und noch....


"Weil es den Serienmachern nicht dramatisch genug war"... - hätten sie den Suizid von Hannah Baker wesentlich drastischer darstellen wollen als er im Roman geschildert wurde. So steht es in einem der vielen Texte, die sich im Internet über das Ende der TV-Serie finden lassen. Aber wer das Buch und die Serie einmal konkret vergleicht, dem fällt auf, dass den Serienmachern offenbar sehr vieles nicht dramatisch genug gewesen ist. Und dann haben sie angefangen, hier noch ein Schippchen draufzulegen und dort noch eins.... Na klar, Tony ist also bekennend schwul und hat dazu noch einen Freund, der in Clay eine Gefahr für sich sieht. Oh Mann. Na klar, Courtney Crimsen hat zwei bekennende Schwule als Doppel-Väter-Elternpaar, weswegen sie gerne selbst mit der Homoerotik flirtet, selbst unsicher, was das mal werden soll. Na klar, es gibt einen fetten Anwaltsstreit mit Nestbeschmutzung. Und, und, und.. Am Ende ist das alles... - ganz schön dick. Alleine deswegen ist das Buch besser. Okay, ich hatte 10 Gründe versprochen. Hier sind sie:


Courtney Crimsens Homoerotik kommt im Buch nicht vor.  (Alle Fotos: Netflix-Media-Center-/Netflix-Pressefotos)

1.) Kein Seifenopernfaktor: Im Buch ist es alleine Hannah, die uns etwas über die 12 Mitschüler - und einen Lehrer - erzählt, die jeder für sich ein wichtiges kleines Puzzlestück in ihrem Abstiegsprozess gespielt haben. Dass das für eine TV-Serie mit jeweils einer Stunde Laufzeit pro Folge nicht ausreichend ist und dass man dort jeden Charakter mit einer zusätzlichen Hintergrundbiografie ausstatten muss, um noch mehr an Erzählstoff und psychologischer Schlüssigkeit anbieten zu können, ist logisch. Aber wie oben schon erwähnt haben es die Serienmacher dabei ein wenig übertrieben. Bis: Mächtig übertrieben. Nicht nur diese mehrfach aufgepropften Homo-Sachen gehen arg in Richtung Seifenoper, sondern auch beispielsweise die kitschige Szene, in der der hier eher nerdige Clay mit Hannah die Sterne angucken will und sich mit ihr aufs Dach des Kinos setzt dafür (ebenfalls nicht im Buch enthalten/im Hörbuch jedenfalls). Apropos Clay.


Clay Jensen ist im Buch weder Nerd noch Außenseiter, sondern beliebt.

2.) Clay ist kein Nerd. Sondern ein ganz allgemeiner und ganz normaler Mitschüler. Im Buch ist er sogar beliebt. Hannah erwähnt an einer Stelle, dass keiner, mit dem sie gesprochen hat, auch nur irgendetwas Negatives über Clay Jensen sagen kann. In der Serie wird er indes von Anfang an als Außenseiter und als Nerd dargestellt. Klar, so rückt die Figur automatisch noch näher an Hannah ran und kann besser an sie andocken. Klar, so werden beide zum perfekten Außenseiterpaar, was den "Sie müssten es doch irgendwie schaffen mit dem Zusammenkommen"-Faktor um ein Vielfaches erhöht. Aber im Buch ist Clay eben einer von vielen. Was es irgendwie noch viel plausibler macht, dass sich Hannah beim Kuss auf der Party wieder von ihm entfernt - weil sie in ihm auch einen "von denen" wähnt. Natürlich wird die Figur des Clay dadurch ein Stück langweiliger, aber auch logischer fürs Handlungsgefüge. 


Clays Eltern kommen im Buch nicht vor. Und Anwälte auch nicht.

3.) Es gibt kein juristisches Anwalts-Gedöns. Dass die Schule - öhm, die Schule! - von Hannahs Eltern verklagt wird, weil sie nichts gegen die Selbstmordabsichten ihrer Tochter unternommen hat und das laufende Mobbing, okay, das mag ja psychologisch noch nachvollziehbar sein und könnte tatsächlich so sein. Aber dass eine Anwaltsfirma damit beauftragt wird, Hannahs Ruf künstlich post mortem zu beschmutzen um den Ruf der Schule reinzuwaschen? Ehrlich? Come On, Leute, wo sind wir denn? Etwa an der Wall Street? Bei Mercedes gegen Chrysler? Nein, an irgendeiner popeligen High School in irgendeiner popeligen Kleinstadt. Also bitte! Und dass es dann ausgerechnet Clays Mutter ist, die diese Rolle der Nestbeschmutzerin übernimmt - das ist dann wirklich too much. Erst recht die Tatsache, dass Clays Mutter weiterhin an dem Fall dranbleiben kann, selbst als ihr eigener Sohn von der Gegenseite zur Befragung befohlen wird (jeder wirklich fähige Anwalt hätte die Mutter längst wegen Befangenheit aus diesem Prozess genommen). An dieser Stelle gleitet die Serie ins Unrealistische ab (Seifenoper). Und im Buch? Kein Wort davon. Nicht eins. Womit wir beim nächsten Punkt wären.

Hannahs Eltern und ihre Verlustschmerzen sind kein Thema des Buches.

4.) Die Eltern spielen keine Rolle. Und das ist besser so. Die allerschlimmste Szene aus der TV-Serie ist eben nicht das explizit gezeigte Aufschlitzen der Adern in der Badewanne, als Hannah sich suizidert, sondern die Sequenz kurz danach, wenn die Eltern ihr kleines Mädchen im überlaufenden rosa eingefärbten Wasser finden. Diese letzten Sekunden der Hoffnung, wenn Mama Baker ihre Tochter noch retten und rausholen möchte - und was dann an Schmerz folgen wird. Unerträglich. Im Buch gibt es diese Szene nicht. Eigentlich gibt es fast überhaupt keine Eltern im Buch. Diese Ebene fällt fast völlig weg. Okay, am Anfang sind Clays Eltern einmal ganz kurz, sozusagen, "im Weg" und müssen mit der allgemeingültigen Ist-für-ein-Schulprojekt-Ansage besänftigt werden; okay, mittendrin wird der Roman-Clay in seinem Cassetten-Hör-Rausch einmal von seiner Mutter im Eiscafé aufgesucht (und von Tony, dazu gleich mehr), aber das ist es dann auch. Doch, siehe da: Dadurch, dass die Eltern weitestgehend abwesend sind, bis auf kurze Unterbrechungen, wirken die Bedrohungen der Teenager untereinander viel stärker. Drohender. Und dadurch: Wirkmächtiger. 


Clay hört alle Cassetten in einer Nacht durch - im Buch.

5.) Clay hört alle Cassetten innerhalb von nur einer Nacht - in der Serie stoppt er immer wieder und "kann nicht weiterhören", so dass der ganze Prozess mehrere Tage dauert. Tja, auch was das angeht, halte ich persönlich das Buch für schlüssiger: Ich könnte das jedenfalls nicht - so lange zu warten, bis ich vielleicht selbst einmal eine Rolle spielen auf den Cassetten. Oder? Natürlich würdest Du so lange dranbleiben, bis Du an der Reihe bist. Und Cassette um Cassette durchziehen. Und alles andere verschieben.


Eine Verschwörung gegen Clay fehlt im Buch - genauso wie ein Ballsaal.

6.) Die Verschwörung gegen Clay findet nicht statt. Kein geklautes Fahrrad. Keine nächtlichen Einschüchterungsversuche durch Autoraserei. Kein Haschisch, das in einen Rucksack geschmuggelt wird, um von der Polizei gefunden zu werden. Keine Schülergruppen, die sich zusammenrotten um "die Kontrolle über Clay" zu übernehmen. Keine Racheaktion mit einem zerkratzten Auto. Und vor allem: Keine 14te Cassettenseite, die Clay in einer privaten Spionageaktion im Geheimen aufnimmt. Ich weiß selbst nicht genau, warum mich dieser Handlungsstrang so dermaßen genervt hat. Aber er hat mich kolossal genervt. Vielleicht, weil sich Clay von Folge zu Folge immer mehr zum rechtschaffenden Ein-Mann-gegen-alle-Cowboy entwickelte, dem einzig ehrwürdigen Last Man Standing gegen eine wachsende Truppe von Bösewichten, die ihm eines auswischen wollen. Ist mir persönlich das alles viel zu Schwarz und Weiß und viel zu wenig ambivalent. Aus der Arbeit mit Trauernden weiß ich außerdem: Wenn sich Menschen umbringen, weckt das in den Hinterbliebenen und ehemaligen Kollegen oder Freunden oft gewaltige Schuldgefühle. Gewaltige! Dass sich dann trotzdem die als am Suizid mitschuldig Angesprochenen zusammenrotten... - nein, eher unwahrscheinlich. Auch wenn die Serienmacher diesen Handlungsfaden gegen Ende noch einmal in andere Bahnen lenken. Siehe zweiter Suizid. 


Ist Clay in Gefahr, ist Tony da. Jedenfalls in der Serie. Im Buch taucht er nur zwei Mal auf.

7.) Tony wird nicht zum Quasi-Schutzengel hochstilisiert. Ja, tatsächlich hat Tony auch im Buch einen zweiten Satz Cassetten. Ja, tatsächlich gibt es sogar im Buch eine Szene, in der Tony mit seinem Mustang unterwegs ist und Clay beim Hören der Cassetten erwischt. Während Clay im Café innen weiterhört, wartet Tony draußen im Auto auf ihn, um ihm dort zu eröffnen, dass er es ist, der über den zweiten Satz Cassetten verfügt. Das alles spielt in der Jetztzeit, also nach dem Suizid. Aber es ist die einzige Szene, in der Tony eine so große Rolle spielt. Dass er zu Clays Quasi-Schutzengel wird und überall dort auftaucht, wo Clay auch nur ansatzweise in Gefahr zu geraten scheint, wie es in der Serie geschieht, fand ich nicht nur ganz schön nervig, sondern auch ganz schön unwahrscheinlich. Dass er Clay dann auch noch zu einer tatsächlich gefährlichen Berg-Klettertour mitnimmt um ihm auf den Weg nach oben quasi spirituell die Augen zu öffnen für Hannahs Leid - das gibt es ebenfalls nur in der Serie. Und auch das, wie so vieles dort: Einfach too much.  


Warum um Gottes willen geht Hannnh Baker am Ende soweit, sich das Leben zu nehmen? So richtig schlüssig erklären das weder Buch noch Serie. Das kann ein Vorteil sein. Oder ein Nachteil.

8.) Hannah durchlebt erkennbarer die drei Stadien vor einem Suizid.
Durch die vielen dazuerfundenen Handlungsstränge und die aufgemotzten Charaktere verliert die Serie oftmals ihren Fokus. Anstatt stringent bei Hannahs Geschichte zu bleiben, verfolgen wir die Geschichte ihrer Eltern, die Geschichte von Clays Eltern, die Geschichte von der Verschwörung gegen Clay. In manchen Folgen ist es allein der Vorspann, der uns daran erinnert, dass es hier ja eigentlich um die auf 13 Cassetten untergebrachte Geschichte geht, die ein Mädchen hinterlässt, das sich suizidert hat.
Das ist umso bedauerlicher, als dass im Buch sehr exakt nachvollzogen wird, wie Hannah die drei Stadien vor einem Suizid durchlebt, von denen Wissenschaftler und Präventionsexperten sprechen. Stadium Eins: Man flirtet mit dem Gedanken, ohne es allzu ernst zu meinen. Stadium Zwei: Die Suizidgedanken verfestigen sich und werden alles beherrschend, erste konkrete Pläne werden durchdacht. Stadium Drei: Der Entschluss steht fest und die Detailplanung geht los, sehr konkret wird außerdem das Leben für die anderen danach mitgeplant (im Buch verschenkt Hannah beispielsweise ihr Fahrrad, weil sie es ja nicht mehr braucht, in der Serie fehlt das leider) - meistens wirken die Betroffenen in dieser Phase wieder ganz ruhig und gelassen, nachdem sie zuvor niedergeschlagen oder sehr feinfühlig gewesen sind, was fatalerweise dazu führt, dass sich Freunde und Angehörige weniger Sorgen machen als zuvor. Dass sich Hannah die Haare abschneidet, wird im Buch als zu den "Top Five" der Erkennungszeichen vor einem Suizid gehörend bezeichnet - das lässt sich durch meine Recherchen so nicht bestätigen, aber es passt ins Bild von Phase Drei.


Schießt scharf. Fotograf Tyler. Aber womit? Schießt er am Ende auf Alex? Weil: Jemand geht an Alex Handy, als dieser es wohl schon nicht mehr könnte...
9.) Es gibt nur einen Suizid - nicht zwei. Hatte ich schon erwähnt, dass die Serie es am Ende mächtig übertreibt? Dass sie einen möglichen Amoklauf andeutet, aber diese Spur offenlässt? Und dass sie einen weiteren Schüler in den Suizid schickt? Wobei die Serie offenlässt, ob es nicht doch eine Attackte gewesen ist. Denn wir bekommen davon nur hören, zu sehen bekommen wir das nicht. Also: Noch nicht. Warte mal bis zur zweiten Staffel. Würde mich jedenfalls nicht wundern, wenn da noch eine explizite Darstellung davon folgt. Denn wie will die Serie weiter im Gespräch bleiben nach so einem Auftakt? Wie, wenn nicht durch noch mehr Tabubrüche? Ach - im Buch, übrigens: Von alledem kein Wort.


Mit ihr endet das Buch - weil Clay beschließt, sich aktiver auch den als Außenseitern geltenden zuzuwenden. Weil Clay im Buch kein Außenseiter ist, wirkt das Finale dort noch besser, wenn auch kitschiger. 

10.) Alles - fast alles - ist viel dezenter. Im Buch. Ja, nur fast alles. Diese ganze Nummer mit dem umgefahrenen Stopschild und dem tödlichen Unfall in Folge davon, findet sich nämlich auch im Buch (der dabei gestorbene Mitschüler indessen nicht). So oder so: Mann, war das konstruiert - oder? Gäbe es nicht derzeit so einen Hype um die Serie und das Buch und hätte ich es mir nicht zum Ziel gemacht, beides zu Ende zu verfolgen, wäre das die Stelle gewesen, an der ich ausgestiegen wäre. Aus dem Buch wie aus der Serie. Denn das ist mir alles zuviel. Hier wird mir allzu offensichtlich nach einem vorgegebenen Schnittmuster verfahren: Wie können wir möglichst viele Figuren möglichst viel selbstauferlegte Schuld erleiden lassen...? Aber an anderen entscheidenden Stellen ist das Buch zurückhaltender. Es lässt zum Beispiel offen, ob Bryce Walker im Whirlpool wirklich in Hannah eindringt, sie also penetriert, oder ob er es beim Hinein- und Hinausgleitenlassen der Finger "belässt". Das Buch lässt sich in beide Richtungen lesen. In der TV-Serie wird diese Frage mehr als eindeutig beantwort. Wie natürlich auch der Suizid selbst. Im Buch sind es Tabletten, die Hannah nimmt - und wir werden nicht Zeuge des Aktes an sich, nur der ersten groben Planungen dafür. Ach, und diese Sterbeszene in der TV-Serie... Ist sie jetzt wirklich so dermaßen abschreckend oder doch eher lehrreich? Immerhin zeigt sie sehr genau, in welche Richtung der Schlitz gehen muss (nicht quer). 


Wo die Serie einmal (etwas) besser ist als das Buch


In einem Punkt ist die Serie allerdings besser als das Buch. Denn im Buch gibt es keine Hinweise darauf, dass Hannah krank sein könnte - dass sie vielleicht eine depressive Störung hat, eine Melancholie, irgendetwas. Dass sie sich dann trotzdem das Leben nimmt, ist zwar nicht gänzlich unrealistisch, weil sie mehrfach in ihren Cassetten einen Kontrollverlust über ihr Leben beklagt, immerhin der Vorstufe zu einer beginnenden Depression (und weil fast immer in der Teenagerphase mit dem Thema Suizid geflirtet wird) - aber sehr wahrscheinlich ist es auch nicht. Weil Mediziner und Präventionsexperten immer wieder betonen: Die meisten Suizide sind Folge einer Erkrankung - einer Erkrankung, die behandelt werden könnte. In der dritten Folge der TV-Serie haben die Serienautoren diesen Faktor aufgegriffen. Hier findet sich ein recht eindeutiger Hinweis darauf, dass Hannah Baker bipolar gestört war. Also manisch depressiv. 


Ist es nun ein gutes Buch - oder nicht?


Es ist eine ganz kurze Aussage von Hannas Mama in einem Gespräch mit dem Schuldirektor, die diese Andeutungen in sich trägt. Sinngemäß lautet sie: Manchmal ist sie, also Hannah, singend und überbordend fröhlich durchs Haus gehüpft und an anderen Tagen war sie wieder total still und niedergeschlagen ("moody", heißt es so wunderbar treffend im englischen Originalton). Dass die Serie solcherlei Andeutungen macht, ist wichtig und richtig. Denn, nochmal: Die meisten Suizide sind Folge einer Erkrankung - gegen die sich etwas machen lässt (Fragen? Kummer? Die Nummer der Telefonseelsorge, kostenlos: 0800/1110111).  Bleibt am Ende noch die Frage, ob "Tote Mädchen lügen nicht" überhaupt ein gutes Buch ist. Tja, gute Frage. Irgendwie hat es was. Das liegt vermutlich daran, wie geschickt es einem klassischen Thriller-Aufbau folgt. Viele Blogger und Twitterkommentatoren schätzen das Buch dafür, dass es so beherzt Themen wie Mobbing und sexuelle Herabstufungen behandelt (dass es den Bereich Cybermobbing nur am Rande streift, ist heutzutage auch nicht sonderlich realistisch, aber okay). Man mag darüber diskutieren, ob das so ist oder ob es bessere dazu gibt - mir fehlen im Jugenbuchsektor die Kenntnisse, ich finde es aber schwer vorstellbar, dass solche Themen nicht noch in anderen Werken behandelt werden.


Ist das fahrlässig...? - Jay Asher sollte gute Anwälte haben


Weil das Buch aber dem klassischen "Wenn ich gehe, werdet Ihr alle leiden"-Rachemuster folgt, der bei mit dem Suizid flirtenden Jugendlichen ohnehin stets eine große Rolle spielt, geht es mit seiner eigentlichen Thematik auf fast strafbare Weise fahrlässig um. Dass es damit indirekt zum Nachahmen anregen könnte, ist nicht von der Hand zu weisen. Also: Nein, so richtig gut ist es nicht. So richtig schlecht auch wieder nicht. Jay Asher sollte gute Anwälte haben. Dass ihn amerikanische Eltern verklagen wegen Anstiftung, sollten sich ihre Kinder einmal suizidieren - ja, das könnte passieren. 

Da sitzt sie alleine am Tisch, weil sich keiner zu ihr setzen mag. Soziale Isolation ist eines der Themen, die in der Netflix-Serie "Tote Mädchen lügen nicht" ("13 Reasons Why") dekliniert werden - aber wie realistisch ist die umstrittene TV-Serie?  (Alle Fotos: Netflix-Media-Center/Netflix-Pressefoto)

Wichtig: Wer tatsächlich an einen Suizid denkt und diese Gedanken nicht loswird, findet kostenlose und anonyme Hilfe z.B. bei der Telefonseelsorge unter 0800/1110111 - oder als E-Mail-Beratung über die Internetseite www.telefonseelsorge.de. Oder einfach die 112 wählen. Außerdem gibt es einen kostenlosen Krisennotdienst für Eltern und Kinder (Telefon 0800/1110444)


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Der Autor dieser Zeilen bietet Trauerbegleitung an in Osnabrück und im Osnabrücker Land an und hat eine Ausbildung zum Trauerbegleiter absolviert (Große Basisqualifikation gemäß des Bundesverbands Trauerbegleitung). Er hält auch Vorträge zum Thema Trauer und Umgang mit Trauernden. Mehr Infos gibt es hier

Ebenfalls auf diesem Blog: Warum der Macherin der Messe "Leben und Tod" in Bremen auch heute noch oft die Tränen kommen - Interview mit Meike Wengler

Ebenfalls auf diesem Blog: So funktioniert der Trauer-Chat im Internet; ein Modell, das immer erfolgreicher wird - Interview mit dem Macher & Moderatoren

Ebenfalls auf diesem Blog: Was soll nach einem Todesfall gefeiert werden? "Nur" der Todestag - oder auch noch der Geburtstag des gestorbenen Menschen?

Und im Kultur-Blog des Autors: 10 Gründe, warum "The Crown" von Netflix die beste Fernsehserie seit vielen, vielen Jahren ist 

Außerdem im Kulturblog des Autors: Die Netflix-TV-Serie "Stranger Things" ist ein einziges Zitate-Raten für Kinder der 80er - was sich alles an Easter Eggs finden lässt