Montag, 15. Januar 2018

Der Online-Kulturtipp: Moderne Oper (für die ganze Familie?) - auf der Plattform "Opera Vision" ist die Märchenoper "Die Schneekönigin" von Marius Felix Lange in voller Länge erlebbar - Rezension & Kritik

Osnabrück - Noch bis zum 11. Juli 2018 ist diese Oper via Online-Stream zu erleben. Kostenlos, jederzeit, über die hervorragende Plattform "Opera Vision" (vormals: The Opera Platform, mehr Infos über das Projekt: siehe hier). Und im Herbst 2018 soll sie auch wieder auf die Bühne zurückkehren. Es handelt sich um eine moderne Märchenoper mit fulminanter Bildsprache. Sie ist Bestandteil des Projektes "Junge Oper"; eines Zusammenschlusses mehrerer Theater aus dem Raum Nordrhein-Westfalen. Auch die Oper "Die Schneekönigin" beruht, wie der Walt-Disney-Filmerfolg "Frozen" rund um Anna und Elsa, auf dem Original-Märchen von Hans Christian Andersen, ja, die Oper folgt sogar sehr exakt der Andersen-Vorlage. Und die Aufführung aus der Düsseldorfer "Deutschen Oper am Rhein" ist ein guter Anlass, sich mal wieder mit zeitgenössischen Opernkompositionen zu befassen. Allen damit einhergehenden Herausforderungen zum Trotz, die es auch hier gibt....

Der erste Eindruck: Ziemlich straußisch, das Ganze. Also Richard, nicht Walzerkönig. Ich hatte noch vor kurzem den "Rosenkavalier" beim Putzen laufen lassen - und die Klangfarben dieser ersten Szenen, diese mehr dem gesprochenen Wort folgenden Gesangslinien, fand ich schon sehr nah dran. Ein bisschen wagnerisch wird es dann kurz nach Beginn, als ein Höllentroll auftaucht - "Was machst Du da, Troll?..." - das erinnert nicht nur thematisch, sondern auch klanglich an Niebelheim und die Zwerge dort. Wobei man Marius Felix Lange nicht vorwerfen kann, dass er nicht eine ganz eigene Klangfarbe fände. Allen Vorbildern zum Trotz. 

Hat schon ein bisschen was von der Disney-Kopie in "Frozen", ist hier aber ausnahmslos kalt....: Kuss.... Adela Zaharia als Schneekönigin (Hans-Jörg-Michel-/Oper-am-Rhein-Pressefotos

Dieses Werk als Kinderoper zu bezeichnen, oder als "Junge Oper", passt höchstens thematisch. Musikalisch gesehen ist es eine durchaus ambitionierte und recht moderne Oper: 90 Minuten durchkomponierte Großform ohne Pause, ohne Rezitative, mit kaum gesprochener Sprache, von einer Ausnahme einmal abgesehen. Dass der Komponist nicht der Versuchung gefolgt ist, seinen Märchenstoff mit allerlei Larifari-Kindermelodien auszustatten, ist löblich. Manches Mal gerät Lange in einen beinahe filmmusikalischen Ausmalmodus, manches Mal findet er recht spannende Klangvariationen an der Grenze zur Dissonanz. Allerdings vermisst man auch als erwachsener Zuhörer in all dieser klanglichen Lautmalerei doch das eine oder andere Mal eine hübsche Melodie, die irgendwie im Ohr bleibt. Das einmal aufhorchen lassende Duett "Kannst es nur im Herzen spüren" im ersten Akt verpufft zu schnell. Wieso traut sich eigentlich kein Zeitgenosse mehr an sowas wie die "große Arie" heran? Sind alle großen Arien schon geschrieben? Oder lässt man es aus Bammel davor, an die großen Meister eh nicht heranreichen zu können, lieber gleich sein? Ist es also der, nennen wir ihn mal, Beethovens-Neunte-Effekt? Schade ist es jedenfalls. So bleibt die Musik am Ende zu lautmalerisch, um memorabel zu sein. Wobei, zugegeben - es gibt anstrengendere moderne Opern. 


Das macht Freude: Klassisch-großes Theaterhandwerk


Es sind die klanglichen Details, die aufhorchen lassen. Zum Beispiel als ein Spiegelsplitter dem armen Kay mitten ins Herz fährt, was durch scharfe Töne illustriert wird. Überhaupt, dieser Kay (eindrucksvoller Bariton: Dmitri Vargin): Weil zwei nicht ganz so hellen Trollen der vom Teufel erschaffene Zauberspiegel herunterfällt und in zigtausend Stücke zerbirst, wird dieser eigentlich so leidenschaftliche Jüngling ja erst zum eiskalten Romantikverweigerer. Der dann prompt von der Eiskönigin, äh, sorry, Schneekönigin, entführt wird und gerettet werden muss. Soweit die Handlung, bei Andersen wie auch hier. Regisseur Johannes Schmid und die Bühnenbildnerin Tatjana Ivschina (auch Kostüme) haben sich erfreulicherweise einer jeden noch so naheliegenden Modernisierung verweigert und siedeln ihre Oper mehr in einem klassisch-kindertheatralischen Umfeld an - mit viel Lust am gekonnten Handwerk, am Spiel mit den Elementen und mit vollem Einsatz aller verfügbaren Techniken inklusive einer hochfahrbaren Unterbühne. Die vielgestaltig einsetzbaren Silhouettenkulissen werden dann auch von den Trollen oder anderen Protagonisten selbst über die Bühne geschoben. 


Die Trolle sollen verhindern, dass er aus dem eisigen Gefängnis fliehen kann... Dmitri Vargin als Kay (Mitte).  (Hans-Jörg-Michel-/Oper-am-Rhein-Presseofotos

Die Oper ist durchaus besetzungsintensiv und sicher nicht überall umsetzbar. Aber das Ensemble der Deutschen Oper am Rhein in Düsseldorf, wo diese Übertragung aufgenommen wurde, erweist sich bis in die Nebenrollen hinein als durchweg hochkarätig besetzt. Ich habe ebendort vor einigen Jahren ein bemerkenswertes "Trittico" von Puccini in einer Hilsdorf-Inszenierung erleben dürfen und war besonders erfreut, bei der Opernplattform "Opera Vision" erstmals auf ein mir bekanntes Haus stoßen zu dürfen, auch wenn man natürlich nur Bühne, kein Auditorium, damit also wenig tatsächlich Bekanntes sieht. Interessanterweise trägt ein Teil des Sängerensembles die eher aus Musicals bekannten Microports, gut versteckt im Gesichtsmakeup - ob das nur für die Aufzeichnung so war? Oder auch sonst? 


Und im Textbuch sogar Rilke-Zitate


Dass Marius Felix Lange nicht nur die Musik, sondern auch gleich den Text verantwortet, macht es ihm kompositorisch sicher einfacher. Manche arg verdrechselte Textzeile dürfte es jedoch nicht nur dem armen Chor - der aus überraschend beweglichen Hochschulstudenten besteht - manchmal schwer machen: "Alles, was war, vergeht dir im Kuss", das geht ja noch. Aber: "Kalt fließt und klar - Verstandeslusts Fluss". Nun denn, auf "Opera Vision" ist das gesamte Werk untertitelt, das ist dort so Prinzip. Aus den Theaterkritiken ist herauszulesen, dass die Oper auch auf der Bühne mit Übertiteln gezeigt worden ist, trotz der deutschen Sprache. Das ist sicher sinnvoll. Eigentlich immer sinnvoll. Ich habe das nicht nur bei einem Dortmunder "Rosenkavalier" (von der von mir sehr geschätzten Beverly Blankenship in Szene gesetzt) einmal sehr zu schätzen gewusst, das Düsseldorfer Publikum dürfte ähnlich gefühlt haben. Ansonsten schöpft Lange aus einem reichhaltigen Reservoir, streut auch mal Rilkezitate ein ("Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr", übrigens vom bemerkenswert guten Florian Simson als Krähe gesungen) oder lässt in einer Szene beinahe den kompletten Best-Of-Andersen-Märchenfundus lebendig werden... Und gegen Ende gibt es auch in nicht-handlungstechnischer Hinsicht viel Entwicklung. 


Ein eisiger Kuss.... Adela Zaharia als Schneekönigin und Dmitri Vargin als Kay... (Hans-Jörg-Michel-/Oper-am-Rhein-Presseofotos)

Denn je mehr sich die Oper ihrem Finale nähert, desto romantischer wird ihr musikalischer Gestus. Die "Auf nach Lappland"-Nummer kurz vor dem Finale atmet filmisches Pathos, da ist die Musik endlich im Schwelgerischen angekommen. Das Warten darauf hat sich gelohnt - wie sich überhaupt dieses ganze lobenswerte Projekt durchaus lohnt. In der gefilmten Aufführung bricht ein enthusiastischer Jubelsturm noch in die Schlusstakte hinein. Das Publikum - mitgerissen. Zu Recht. Feines Theaterhandwerk, große Kulissen, träumerische Bilder, hochkarätige Sänger, märchenhafte Verzauberung, eine spannende moderne Partitur, man hat weiß Gott schon Schlechteres erlebt als das. Und reizvoller als "Frozen" ist das allemal. Angucken (online noch bis zum 11. 7. 2018 erlebbar, ab September 2018 auch wieder live auf der Bühne im Düsseldorfer Haus). 

Der Link zur Oper "Die Schneekönigin" auf der Plattform Opera Vision...: Hier klicken.

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Mittwoch, 13. Dezember 2017

Der Zauber ist weg... Warum ich die zweite Staffel von "Stranger Things" nicht mehr weitergucken werde.... (auch, aber nicht nur, weil "Dark" dazwischenkam)



Ist es das "Aus" für Stranger Things? Also, vermutlich auf meinem TV-Gerät... (Thomas-Achenbach-Foto)

Osnabrück - Geht das eigentlich nur mir so? Da wird der arme Dorfsheriff Jim Hopper, der doch trotz seiner Macken eigentlich so nett und so sympathisch ist, von ganz fiesen, glitschigen Schlingpflanzen umschlungen und in ein dunkles Loch hineingezogen. Alles ist hochdramatisch - und auch ein bisschen eklig. Und mir ist einfach nur langweilig. Es ist diese vierte oder fünfte Folge in der zweiten Staffel von "Stranger Things", die in mir ein Gefühl bestätigt hat, das sich in den ersten Episoden langsam aufgebaut hat: Der Zauber ist weg. Aber woran liegt es?

Das, was ursprünglich einmal die Faszination von "Stranger Things" ausgemacht hat, waren die Easter Eggs, die Filmzitate. Das war in Staffel 1 sehr, sehr sorgfältig komponiert: Viele der Filmszenen waren eine Reminiszenz an ein Vorbild der 80er Jahre, ein direktes Zitat, so, wie es gedreht worden war. Das hat Spaß gemacht. Auch in der zweiten Staffel ist vieles versteckt, was sich als "Ach-ja-damals-Gimmick" eignet - jedoch irgendwie nicht mehr ganz so liebevoll. Und auch nicht mehr ganz so geschickt. Klar, dass sich unsere kleine Truppe jugendlicher Helden an Helloween als die Ghostbusters verkleiden und sich sogar ihre eigenen Fallen bauen (Erinnert sich noch jemand an das C-64-Spiel? "He SLIMED me..."), das ist ganz witzig. Dass hier und da Spielzeug auftaucht, Masters-Of-The-Universe-Figuren, Star Wars, klar. Dass im Fernsehen dort in der Serie Trailer laufen für kommende Filme wie den ersten "Terminator". Und, und, und... Aber irgendwie... - ist die Luft raus, was diese Anspielungen angeht. Auch den Machern der Serie scheint nicht immer viel eingefallen zu sein.

Will Byers und die Monster sind irgendwie verbunden.    (Netflix-TV/Netflix-Media-Center-Foto)

Denn dass die neu auftauchende Figur des jungen Skatermädchens mit ihrem mysteriösen Aufpasser sich "Mad Max" nennt, wenn sie in den Spiele-Automaten die Highscores knackt... nun ja, das ist eben nicht mehr, wie in Staffel Eins, ein liebevoll komponiertes Bildzitat, sondern mehr so von hinten durch die Brust ins Auge. Nach dem Motto: Guckt mal alle her, wie wir noch tolle 80er-Zitate verstecken können. Parallel erzählt die zweite Staffel eine Geschichte von noch mehr und noch größeren Monstern, die sich sowohl als Schlingpflanzenwesen quer unter der Stadt durchziehen als auch als Rauchmonster jede Form annehmen können (so wie in "Lost" - und hat nicht schon Game-Of-Thrones-Macher George Martin seine Angst davor geäußert, mit seiner Serie am Ende "ein Lost abziehen" zu müssen, sprich: Zum Finale komplett zu versagen, rein erzähltechnisch...?). 


Wer guckt denn "Stranger Things" wegen der Geschichte?


Womit wir beim zweiten Problem wären, das ich mit dieser Staffel habe: hatte mich schon in der ersten Staffel die eigentlich erzählte Geschichte nur am Rande interessiert, steht diese nun mehr im Vordergrund. Das nervt aber eher. Weil... - siehe oben, Sheriff im Loch und so weiter - gleich massiv auf Effekte und Monster und Verschwörungstammtamm gesetzt wird. Aber wer guckt denn "Stranger Things", weil ihn die Geschichte so interessiert hätte? Oder die Charaktere so berührt hätten? Also, ähm, zugegeben: Ich nicht so.


Doof für die "Stranger Things": Da kam "Dark" dazwischen


Und damit sind wir wieder an der Stelle angekommen, an der wir schon oben waren. Der Sheriff ist im Schlingpflanzenloch. Gefangen. Huch. Unsere Jugendbande steht vor der Frage, ob Mad Max vollwertiges Mitglied werden soll. Die Teenies in der Serie haben ein Ein-Mädchen-zwei-Jungs-Problem (ohnehin das langweiligste Erzählmittel ever). Und dann noch Monster, die sich aus Rauch zusammensetzen - wie bei "Lost"? Und ich denke mir so: Naja, und? Will ich das jetzt unbedingt weitergucken? Irgendwie nicht so. Wie blöd für "Stranger Things", dass sich "Dark" dazwischengemogelt hat. Da sind auch He-Man-Figuren drin. Und 80er-Ostereier. Wie zum Beispiel "Raider"-Werbung. Aber das Setting ist packend. Also: Bis jetzt. Mal gucken. 

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Mittwoch, 6. Dezember 2017

So ist die "Zirkusprinzessin" im Theater Osnabrück - eine Kritik und Rezension rein aus Abonnentensicht - kein Czárdásfeuer, kein Ungarnkolorit, aber auch kein total vergeudeter Abend

Susann Vent-Wunderlich als Fürstin Palinska. Reich und verwitwet. Na klar.  (Jörg-Landsberg-/Theater-Osnabrück-Pressefoto). 

Osnabrück - Immerhin. Das muss man dieser „Zirkusprinzessin“ zugestehen: Waren die jüngsten Operetteninszenierungen am Theater Osnabrück eher Enttäuschungen – allen voran die „Lustige Witwe“ und die "My Fair Lady", die wir jetzt einfach mal in den Operettensektor dazustecken –, so fällt diese neue Produktion in der Spielzeit 2017/2018 schon nicht mehr unter die Rubrik Totalausfall. Sie ist sogar recht unterhaltsam und lässt einen recht beschwingt in die Nacht hinausgehen. Dass der Abend dennoch nicht zu 100 Prozent überzeugen kann, hat indes seine Gründe....

Upps. Gleich nach der Pause mit einem solchen Wiedereinstiegsbild zu arbeiten, ist nicht ungefährlich. Kaum hat sich der Vorhang ohne jegliche musikalische Untermalung aufgezogen, blicken wir auf eine sich bis ins Extreme langweilende Menschenmenge, die gähnend und gleichgültig hereinblickend ihr komplettes Desinteresse an so ziemlich allem zur Schau stellt. Gelangweilt bis ins Mark. Tja. Kann man machen. Sollte man aber vielleicht nicht. Jedenfalls nicht nach diesem vorangegangenen ersten Akt, der für sich betrachtet ebenfalls immer gefährlich nah am Rand des Langweile-Abgrunds entlangtorkelt. Es braucht tatsächlich eine ganze Weile – rund eineinhalb Akte nämlich –, bis dieses Operettenvehikel erstmals so richtig in Schwung kommt. Dann aber fluppt es.

Die Musik eher blutleer - auch ein Kálmán macht Fließband


Dass dem so ist, liegt nicht allein am Kreativteam dieser Neuinszenerieung im Theater Osnabrück oder am Ensemble. Es ist auch die überraschend blutleere Musik, die ihr Übriges dazu beiträgt. Betrachtet man den kreativen Ertrag, den Komponist Emmerich Kálmán zwischen 1924 und 1932 hervorgebracht hat, muss man schon von Fließbandarbeit sprechen. Beinahe eine Operette pro Jahr – da ist es kein Wunder, dass nicht alle dieser Werke mit der feuerwerksfunkelnden Brillanz einer Czárdásfürstin oder dem leidenschaftlichen Ungarn-Kolorit einer Mariza ausgestattet sind. Oder dem Jazz-meets-Walzer-Feuer der späten „Herzogin von Chigao“ (vielleicht meine Kálmán-Lieblingsoperette neben den genannten.. „Das waren noch Zeiten....“ hachja....)


Es muss sich erst zurechtruckeln... vieles, hier


Im Falle der „Zirkusprinzessin“ ist das besonders schade. Denn gerade dieses so viele Temperamente und Nationen vereinende Zirkus-Sujet hätte den in dieser Hinsicht sonst so talentierten Komponisten ja zu unterschiedlichen Klangfarben verleiten können – aber was Kálmán stattdessen abliefert, ist ein Abklatsch altbewährter Manierismen, der allenfalls als routiniert zu bezeichnen ist. Dass es dem Dirigenten Daniel Inbal in der Osnabrücker Version der Prinzessin zumindest im ersten Teil nicht immer gelingt, im vorhandenen Musikmaterial einen Funken zu entzünden, macht die Sache nicht besser. Da glüht nix, da champagnersprudelt nix, da funkelfeuerwerkt nix. Auch Orchester und Dirigat brauchen eine Weile – rund eineinhalb Akte, nämlich –, um sich so richtig miteinander warmzumachen, dann flutscht es. Und zumindest der dramatische Aktschluss am Ende des zweiten Teils gelingen Inbal und dem Orchester temperamentvoll und packend.


Hübsche Bildidee: Der Papierflieger zieht sich von Anfang an durch die Inszenierung.   (Jörg-Landsberg-/Theater-Osnabrück-Pressefoto).


Regisseurin Sonja Trebes kann sich zwar das eine oder andere Mätzchen nicht verkneifen – etwas enervierend ist der „Running Gag“ oder besser „Shooting Gag“, dass der zum Bösewicht getrimmte Intrigant Sergius Wladimir ständig irgendwelche Leute erschießt, die dann in Slapstickmanier von einem an die beiden Tim-und-Struppi-Detektive angelehnten Deppenduo abgeschleppt werden müssen –, aber immerhin liegt der Fokus doch mehr auf dem Unterhaltungsfaktor als auf Belehrung. Dass die Truppe des Intriganten gekleidet und bewaffnet herumläuft wie eine Truppe russischer Paramilitärs, nun ja, hätte nicht sein müssen, bleibt aber der einzig überplakative Wir-könnten-hier-auch-Botschaften-und-Regietheater-machen-Zeigefinger. Im dritten Akt hat das Kreativteam wohl stark im Textbuch herumgestrichen und dazugeschrieben, aber auch das ordnet sich fein unter und fällt nicht unangenehm auf. Und das Bühnenbild ist die Wucht: Das Schneegestöber, das vor diesem boulevardesken Café niedergeht, die wandlungsfähigen Szenen, die angenehm klassischen Operettenbilder, die hier erzeugt werden, das hat Bühnenbildnerin Nanette Zimmermann herrlich gelöst. Die entsprechend plüschig-circensische Kostümierung durch Linda Schnabel ist stimmig und ebenfalls endlich mal operettig genug (man vergleiche die Lustige Witwe mit einem Ensemble im abgerockten Straßenpenner-Outfit, oh Mann...).

Und worum geht es genau? Und warum sagst Du das nie?


Gibt es denn auch eine Handlung? Ja, gibt es. Tut aber kaum etwas zur Sache. Dass ich in meinem Blogbeiträgen so ungern eine Handlungserzählung unterbringe, hat seine Gründe. Im vorliegenden Fall: wir haben es mit einem völlig klassischen Operettenaufbau zu tun, es gibt wie immer das dramatische Liebespaar, das sich gegen alle Widrigkeiten finden muss, samt dazugehörigem Antagonisten, der ihnen das Leben schwer macht. Daneben gibt es das Buffopaar, das als komödiantischer Sidekick etwas zum Lachen bieten soll. Angesiedelt ist die Handlung diesmal im Zirkus, der Rest ist das übliche Operettenportfolio: Reiche Prinzen, viel Blaublüter, eine steinreiche aber bildhübsche Witwe (auch hier), ein Land kurz vor dem Untergang... Alles drin...

Geht zu Herzen: Das traurige Solo des Zirkusdirektors


Das Ensemble macht seine Sache insgesamt ordentlich. Mark Hamman ist natürlich mal wieder gesetzt als Buffoliebhaber - er entleiht für einen seiner Auftritte übrigens eine Passage aus der Gräfin Mariza ("Komm mit nach Varasdin", hier nur kurz gesummt, trotzdem immer hübsch). Zwar kann Hamman seine herrlichen Komödienqualitäten nicht ganz ausspielen, aber das liegt mehr an dem ihm zugestandenen Material und weniger an ihm. Ob gleiches für Gabriella Guilfoil als seinen weiblichen Counterpart gilt, lässt sich schwer sagen, die junge Dame erleben wir hier zum ersten Mal in einer tragenden Rolle. Das macht sie aber gut. Auch Genadijus Bergorulko hat als Zirkusdirektor – im dritten Akt mehr der traurige Clown – starke Augenblicke, vor allem sein Solo als Kammersänger im finalen Akt geht tatsächlich zu Herzen, da kann Bergorulko einmal seine Stärken zeigen (Randbemerkung: Sein Solo gehört wie auch das ebenfalls sehr berührende Solo der weiblichen Hauptrolle nicht zur Partitur, sondern ist woanders entliehen - die stärksten Stellen dieser Zirkusprinzessin stammen also nicht aus der Zirkusprinzessin).


Star des Abends: Ralph Ertel, der als Gast an seine alte Wirkstätte zurückkehrt, als der ominöse Mister X.   (Jörg-Landsberg-/Theater-Osnabrück-Pressefoto).   

Der unbestrittene Star aber ist Ralph Ertel, der von 2002 bis 2005 zum festinstallierten Sängerensemble im Osnabrücker Haus gehörte und jetzt als Gast den Mister X gibt (er gehört zum Ensemble des Opernhauses in Halle). Mit großer Stimme und passgenauem Schauspiel überzeugt Ertel das Publikum. Ebenso wie Susann Vent-Wunderlich als Fürstin Fedora Palinska, die mit starkem Operettentimbre und überraschend echt wirkender Verletzlichkeit zu erleben ist. Dass die Rolle des schießwütigen Prinzen Sergius Wladimir in der von mir besuchten Vorstellung leider nicht vom stimmlich starken Jan Friedrich Eggers gespielt wurde, sondern vom alternativ besetzten Wolfgang Mirlach, habe ich als schade erlebt... Eggers hat halt so seinen ganz eigenen Charme, der dieser Inszenierung sicher gut tut. Und er würde aus der (ziemlich idiotischen) Schießwütigkeit vielleicht noch mehr ironisches Augenzwinkern herausspielen können, was dieser Regie-Idee ganz gut täte...


Das macht Laune: Knarze-Bussler gibt die nötige Würze dazu


Übrigens gibt es noch ein erfreuliches Wiedersehen: Schauspiel-Urgestein Johannes Bussler als rasselnd-ungalanter Oberkellner und sein knarziger Originalton beleben diese ganze Produktion, einfach unnachahmbar, das bringt die für die Silvesteraufführungen gut benötigte Boulevardwürze mit rein. Im dritten Akt darf Bussler beinahe froschmäßig ganz auftrumpfen und sich ausspielen, was er mit Herzenslust tut. Eine Herzenslust ebenfalls ist es, das zu erleben. Als sein Counterpart – Wirtin Carla Schlumberger – war in der erlebten Vorstellung nicht die erkrankte Eva Gilhofer zu erleben, sondern eine rasch eingesprungene Ersatzarstellerin, dass es hier noch wackelte und manches abgelesen werden musste, war dem sehr raschen Wechsel geschuldet.


Hat als trauriger Zirkusdirektor im dritten Akt einen bewegenden Auftritt: Genadijus Bergorulko.   (Jörg-Landsberg-/Theater-Osanbrück-Pressefoto) 

Überhaupt, dieser dritte Akt: Trotz des bombenwummernden Kriegshintergrunds, in den Regisseurin Sonja Trebes es verlegt hat, gelingt gerade dieses Finale – übrigens mit überraschend wenig Musik bestückt – besonders unterhaltsam und berührend. Soweit, so gut. Aber woran liegt es nun, dass diese Osnabrücker Zirkusprinzessin so lange braucht, um ihr Feuer entfachen zu können? Vielleicht daran, dass Rachele Pedrocchi zwar ein paar eindrucksvolle und doch von einem nicht profitanzausgebildeten Ensemble gut zu wuppende Choreografien ausgearbeitet hat, dass diese aber im Wesentlichen den Damen aus dem Chor überlassen werden, die sich zwar gut schlagen, aber eben erkennbar artenfremd bleiben. Vielleicht an der bereits erwähnten Schwäche der Musik. Vielleicht waren auch alle etwas arg müde in der besuchten Vorstellung - es war die theatertechnisch immer schwierige "zweite Vorstellung" (da regt sich viel Aberglaube!).


Heimlicher Star des Abends: James, der Hund!


Und doch, einen Lichtblick im ersten Akt gibt es durchaus: Wenn der portugiesische Hirtenschutzhund James – fast mehr ein Kalb als ein Hund – als bockiger Durch-die-Ringe-spring-Verweigerer auftritt, hat sind dem nur 2,5 Jahre alten Tier die Herzen des Publikums sicher. Also meins jedenfalls. Was für ein schöner Hund! Ehrlich! Und dass der aus dem ersten Rang vom dort plötzlich auftauchenden Mister X heruntergeworfene Papierflieger direkt auf meinem Schoß gelandet ist - hübsche Bildidee, übrigens, das mit den vielen Papierfliegern als wiederkehrendes Element -, hatte natürlich auch so seinen Reiz. 


Endlich auf einem guten Weg - da geht noch mehr


Zusammengefasst: Kein Totalabsturz, insgesamt ganz unterhaltsam, sicherlich kein Muss, aber auch kein völlig verschenkter Abend. Das Theater Osnabrück ist also operettentechnisch endlich auf einem guten Weg. Wenn jetzt die nächste Nummer noch schön plüschig wird und schön üppig bestückt, dann passt doch alles. Also, ich jedenfalls bin da ziemlich konservativ, was die Operette angeht. Und ich bin sicher nicht der Einzige...  (Besuchte Vorstellung: Donnerstag, 30. 11. 2017, im Abo).

Die nächsten Aufführungen:  Am 14. 1. 2018, So., 15 Uhr. - Am 24. 1. 2018, Mi.,15 Uhr. - Am 4. 2. 2018, So., 15 Uhr. - Und am 25. 3. 2018, So., 15 Uhr. - Jeweils im Theater am Domhof. - Infos und Karten unter Telefon 0541/7600076.

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Der Autor dieser Zeilen schreibt auf diesem Blog in seiner Eigenschaft als langjähriger Theaterabonnent und als leidenschaftlicher Freund und Anhänger der deutschen Theatervielfalt sowie des Osnabrücker Theaters. Die Beiträge über Inszenierungen des Osnabrücker Theaters auf diesem Blog verstehen sich als Ergänzungen des bereits - wertvollerweise - in fachkritischen Rezensionen Geschriebenen, hier mehr aus Abonnentensicht. Alle Aufführungen sind, wenn nicht anders gekennzeichnet, nicht auf Pressekarte oder auf Einladung des Theaters, sondern selbst bezahlt, besucht worden.

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Donnerstag, 19. Oktober 2017

10 Gründe, warum Dominik Graf immer noch einer der maßgeblichsten Regisseure Deutschlands ist - und warum der Tatort "Der rote Schatten" so viel mehr ist als reine Verschwörungstheorie oder RAF-Geschichtsklitterung (noch bis 14. 11. in der Mediathek)

Osnabrück – Für manche ist der „Tatort“ ja sowas wie ein Heiligtum. Mich dagegen lässt er eher kalt. Es sei denn, der Regisseur des Abends heißt Dominik Graf. Von dem bin ich Fan, nicht erst, aber natürlich auch seit der „Katze“ in den 80er Jahren. Und wie Dominik Graf mit seinem jüngsten Tatort „Der rote Schatten“ unter Beweis gestellt hat (der Film ist im November 2017 über die ARD und ihre Mediathek ausgestrahlt worden), darf man ihn immer noch zu den maßgeblichsten und stilprägendsten Regisseuren dieses Landes zählen. Zehn Gründe dafür, warum das so ist.

1. Der Ton. Ja, genau, verdammt nochmal, der TON – also die Sprach- und Aufnahmequalität der von den Schauspielern gesprochenen Texte. Die ist in deutschen Filmen sonst zu 90 Prozent hundsmiserabel bis sträflichst vernachlässigt. Wie oft ich schon einen deutschen Film wieder und wieder zurückgespult habe, weil ich das achtlose und technisch miserabel aufgezeichnete Dahingenuschele der Darsteller einfach nicht verstanden habe. Was das angeht, ist Deutschland immer noch Entwicklungsland im Vergleich zu US-Produktionen. In „Der rote Schatten“ oder in der Serie „Im Angesicht des Verbrechens“, ebenfalls von Dominik Graf, verstehst Du dagegen jedes Wort. Jedes. Und das, obwohl im Hintergrund noch das Dauergerausche des Polizeifunks zu hören ist. Ah, apropos:


Gar nicht mal so unauffällig: Lannert (Richy Müller) geht im Tatort "Der rote Schatten" im schicken Wagen auf Beobachtungsjagd... Dafür, dass er auch mal einer von den ganz Linken mit großen Ideologieträumen war, überraschend dekadent.... (SWR-/ARD-Sabine-Hackenberg-Foto, Copyright)

2. Der Polizeifunk. Kein Dominik Graf ohne dieses knisterndknackende Dauerfeuer aus den Funkgeräten im Hintergrund. Ein simpler Trick, der aber dramaturgisch gesehen die Atmosphäre der Szenen so geschickt auflädt, dass er sich tatsächlich nicht abnutzt. Das wirkt nicht  nur authentischer, das schafft auch so eine flirrige Grundnervösität, die wiederum Spannung erzeugt. Ob das wohl immer die gleichen Tonspuren sind, die da benutzt werden? Oder jedes Mal neu eingespielt?

3. Die Montagetechniken. Rasch reinzoomen auf ein Detail, einen Mann im anfangs weit entfernten Auto. Schnitt. Eine Totale von der Straße, das Auto rast aus dem Bild. Schnitt. Die Kamera folgt dem entlangfahrenden Auto. Schnitt. Dann ein paar Dialogfetzen – und Du verstehst noch längst nicht, worum es überhaupt geht. So oder so ähnlich beginnen viele der Filme, die Dominik Graf gemacht hat (er spricht lieber vom „Polizeifilm“ als vom „Krimi“). Das ist erstmal irritierend, macht aber auch neugierig: Du willst verstehen, worum es da geht. Schon bist Du drin. Reingezogen. Irgendwann wird sich alles zusammenfügen und es wird klar sein, was da los ist. Aber erst später. Wieviel spannender ist so ein Einstieg als so mancher dröger und Standard-Oh-Schreck-eine-Leiche-dräuende-Bedrohnismusik-Krimi-Anfang im deutschen Fernsehen.

4. Die fundierte Recherche. Zur Vorbereitung der Serie „Im Angesicht des Verbrechens“ hatte der Autor Rolf Basedow, wie Graf es schilderte, „sorgfältig“ im kriminellen Millieu des gut organisierten Verbrechens recherchiert. Es reizt einen in den Fingern, den Autoren dazu zu interviewen, wie er das wohl gemacht hat. In „Das unsichtbare Mädchen“ zeichnet Dominik Graf ein bedrückendes Bild von an der tschechischen Grenze entführten und zu allerlei Widerlichkeiten gezwungenen jüngsten Mädchen, auch das ist durch TV-Dokumentationen und Medienberichte inzwischen als ernstes Problem definiert. Tatsache ist: Bei aller fiktionalen Verfremdung, die das Genre des Thrillers natürlich mit sich bringt, hast Du in einem Dominik-Graf-Film oft das Gefühl, wirklich nah dran zu sein: An der Lebenswelt eines seit den 60ern verfolgten linksextremen Terroristen. An den Mechanismen und Riten des organisierten Verbrechens mitten in Berlin. Das schafft Glaubwürdigkeit, Faszination und Würze. Und in „Der rote Schatten“ gehen ehemalige RAF-Terroristen auf Beutezüge durch Supermärkte. Würden die niemals tun, sowas banales? Doch, natürlich: Im Juni 2016 veröffentlichte die Staatsanwaltschaft eine Liste der Überfälle, die dem Trio Ernst-Volker Staub, Burkhard Garweg und Daniela Klette zur Last gelegt wurden. Mit dabei: Ein Supermarkt in Osnabrück. Na guck. Genauso wichtig, übrigens...:


Auf die Details kommt es an: Einer der Befragten, einer der Verdächtigen, entpuppt sich im Tatort "Der rote Schatten" als Baumliebhaber bzw. Naturliebhaber.   (SWR-/ARD-Sabine-Hackenberg-Foto, Copyright)

5. Die Symbolik der Spielorte. Im Tatort „Der rote Schatten“ spielt immer wieder, wenn auch nur unterschwellig, das Bahnhofsmammutprojekt „Stuttgart 21“ eine Nebenrolle. Mehrmals fahren die Kommissare an der Megabaustelle entlang, die dann deutlich sichtbar als Kulisse benutzt wird. Ein Journalist, der Hintergrundwissen preisgeben kann, trägt bei seiner Befragung durch Kommissar Lannert einen kleinen gelben Button mit der Aufschrift „Mehr Stau durch S21“. Das alles ist natürlich kein Zufall, sondern sehr bewusst eingesetzt. Einerseits dient es dazu, die Stadt Stuttgart als aktuellen Spielort darzustellen. Andererseits passt die mit diesem Bahnhofsbau einhergehende Symbolik perfekt in die politische Konstellation rund um ehemalige RAF-Terroristen: Damals wie heute war Polizeigewalt ein Thema, man denke an die von der Polizei so gewaltsam „aufgelöste“ S-21-Demo im Jahre 2010, bei der dem Teilnehmer Dietrich Wagner durch einen Wasserwerfer ein Auge rausgedrückt wurde und beide Augen so stark verletzt wurden, dass er jetzt fast blind ist – das Bild von dem blutenden Mann mit weggesacktem Auge ging damals um die Welt. So ist der Bahnhofsbau zur Chiffre geworden für eine Staatsmacht, die auf Teufel komm raus ihren Willen durchboxen will. Als solche wird der Bahnhofsneubau in diesem Tatort benutzt, er dient als politisch gemeinte und symbolistisch benutzte Kommentierung – und ist daher omnipräsent in diesem Film. Ebenso spielt die Stadt Berlin in der "Verbrechens-Angesicht-Serie" eine Nebenrolle. Oder die schicken Vorstadtsiedlungen mit all ihren gut versteckten Geheimnissen bei den „Siegern“ (im Gegensatz zu den schicken Büros von PR-Firmen). 

6. Der politische Subtext. „Im Angesicht des Verbrechens“ ist eine Milieustudie über die Grenzen und die Ethik der Polizeiarbeit und darüber, wie sich vernetztes Verbrechen für seine Mitglieder bezahlt macht – bezahlter als ernste Arbeit. „Der rote Schatten“ ist eine Studie über die Frage, wie weit der Staat wohl gehen kann in der Grenzfrage zwischen juristischer Aufklärung und Personenschutz. Ganz nebenbei geht es auch um alte Illusionen nach einem politischen Ideal: „Die RAF hat uns unsere Sehnsucht weggebombt“, sagt Lannert. „Die Sieger“ durchleuchtet auf einer subkutanen Ebene den Kontrast zwischen einer in jeder Hinsicht elitären Polizistentruppe und weniger elitären, weil behinderten Kindern und stellt ganz nebenbei Grundsatzfragen darüber, was Menschsein sein sollte – während auf der Oberfläche wieder Korruption und Vertuschung im Vordergrund stehen. All das ist hohe Politik, sind ethische und moralische Debatten, doch anstatt sie in den Vordergrund zu rücken oder sie zum Bestandteil der Dialoge zu machen – eine Versuchung, der nur die wenigsten Regisseure widerstehen könnten -, gelingt Dominik Graf immer das, was es sonst nur im amerikanischen Actionkino gibt: Man kann seine Filme auch einfach als verdammt gut gemachte Thriller so wegkonsumieren, ohne die Bedeutungsebenen wahrnehmen zu müssen. Sie sind dennoch da. Aber ohne Holzknüppel. Sowas können nur die wirklich guten Unterhaltungskünstler.

7. Der Oliver-Stone-Faktor. Okay, zugegeben, das gilt so vermutlich nur für „Der rote Schatten“. Aber so wie Oliver Stone in „JFK“ und in „Nixon“ reale Bilder und spekulative Nachdrehs zu einem so großen und überzeugenden Gesamtbild verdichtete, dass man sich in der einzig möglichen Wahrheit wähnte, lässt Dominik Graf in dem Stuttgarter Tatort die Jahrzehnte währende Frage danach, ob sich die Baader-Meinhoff-Leute selbst umbrachten oder umgebracht worden, zwar eigentlich unbeantwortet – aber die eindringlichsten Bilder in diesem Reigen mehrerer Spekulationen sind dann doch diejenigen, in denen der Staat selbst diese Drecksarbeit erledigt. Die Einsicht, dass es sich dabei um eine Verschwörungstheorie handelt – zudem eine von mehreren hier durchaus erwähnten -, gerät angesichts der Bildgewalt in den Hintergrund. Das ist natürlich bewusst manipulativ. Und wir lassen uns gern verzaubern vom Sog des Verschwörerischen, von den groben, wackligen Kleinkamerabildern... Große Kinokunst, nicht mehr und nicht weniger.


Sie werden beobachtet, während sie ihre Untersuchungen absolvieren. Aber von wem? Und warum? Szene aus dem Tatort "Der rote Schatten".   (SWR-/ARD-von-Vietinghoff-Foto, Copyright)

8. Der sehr überlegte Einsatz von Filmmusik. Es gibt Krimis (und Kinofilme), bei denen die Musik wie ein Tapetenkleister eingesetzt wird. In rund 90 Minuten Laufzeit gibt es dann wenigstens 85 Minuten musikalischen Alleskleber. Nicht selten behauptet die Musik eine Dramatik, die es in Wahrheit gar nicht gibt. Da hat der Zuschauer alsbald die Faxen dicke von all dem Rammtamm und Wummelwummelbrumm. Bei Dominik Graf ist das anders: Hier übernehmen die sehr gezielt eingesetzten Rocksongs sowie ihre Texte eine weitere Kommentierung – beispielhaft zu erleben in der „rote Schatten“. Und auch die, nennen wir sie mal so, Atmosphärenmusik, also die eigentliche Filmmusik, ist unmittelbar verwoben mit der Dramaturgie der Szene, kurze, pointierte Brummtöne sorgen für echte Aufregung. 

9. Das Fernsehen als stilprägendes Medium verstehen. Was Dominik Graf in „Im Angesicht des Verbrechens“ macht – eine Serie, die sich mir bei der ersten Arte-Ausstrahlung noch versperrte, die aber auf DVD genossen eine phänomenale Sogwirkung und nachhaltige Faszination in mir erzeugt hat -, ist die Übertragung dessen, was er immer schon gemacht hat, in ein achtstündiges Serienformat: Auch das Fernsehen als eine Möglichkeit zu verstehen, stilprägend und mit eigenen Erkennungszeichen  zu arbeiten. Dass er damit im Trend der Zeit lag – Serien mit Eigenständigkeit und innovativen Bild- und Erzählideen erlebten zu dem Zeitpunkt gerade ihren ersten Höhepunkt, Mad Men war noch relativ frisch -, war fast mehr Zufall als Kalkül. Genützt hat es ihm scheinbar nix, das deutsche TV hat das Ding kaputtversendet durch Spätverdoppelung. Aber wer guckt heute schon noch etwas im analogen TV? Selbst den Tatort „Der rote Schatten“ habe ich dann geguckt, als ich das wollte. In der Mediathek, nix da, Primetimesonntag.

10. Die Verlässlichkeit. So mögen wir das und so wollen wir das. Dominik Graf liefert seit über 30 Jahren seine bekannten Trademarks. Der Polizeifunk muss dabei sein. Die raschen Schnitte und die Dialogfetzen und Montagetechniken auch unbedingt. Abgesehen vielleicht davon, dass sich die technischen Details verbessert haben, die Kameras schärfer geworden sind, die Sehgewohnheiten andere geworden sind und dass natürlich auch ein Dominik Graf einem stetigen Lernprozess unterworfen ist, hat sich seit der „Katze“ soviel gar nicht geändert. Die oben beschriebenen Markenzeichen gab es damals auch schon – was damals noch fehlte, war der politische Überbau und der ausrecherchierte Hintergrund. Manchmal überrascht und irritiert auch ein Dominik Graf: Der Drogentrip-Bilderrausch seines Münchner Zirkus-Tatorts „Aus der Tiefe der Zeit“ war so eine Ausnahme. Aber auch darin: Die üblichen Trademarks. Verlässlich.

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Donnerstag, 5. Oktober 2017

Netflix: Was die neue Serie "Star Trek Discovery" so düster und so modern macht und warum sich das Zuschauen lohnt - allen Horrorbildern zum Trotz (Kritik/Review nach Episode 3, "Content Is King", weitere folgen noch)

Osnabrück - Sie geht gewaltig auf Horror-Kurs, diese neue Star-Trek-Serie. In ihrer dritten Folge zeigt „Star Trek Discovery“ erstmals, was für ein modernes Potenzial in der ungewöhnlichen Sci-Fi-Neuauflage steckt. Und wie weit die Serienmacher zu gehen bereit sind. Überhaupt, die Chuzpe zu haben, das titelgebende Raumschiff ganze zwei Folgen lang erstmal gar nicht zu zeigen, zeugt alleine schon von Mut. Jetzt ist es da - und sieht ziemlich schick aus, aber eher düster. Wie die Serie überhaupt, jedenfalls in ihren ersten vier Folgen. Im Grunde begeht die Serie mit Folge Drei einen kompletten Neustart. Angesiedelt ist sie übrigens zehn Jahre vor der Klassik-Enterprise rund um Kirk & Co...

Vieles ist neu. Oder anders. Eine Star-Trek-Serie, die sich dem seriellen Erzählen hingibt, anstatt in sich abgeschlossene Einzelepisoden aneinanderzureihen. Ein undurchschaubarer Captain, der durch moralische Fragwürdigkeit auffällt (immerhin nimmt er den Tod einer Shuttle-Steuerfrau billigend in Kauf, um einen Gefangenentransport an Bord seines Schiffes zu bekommen). Eine grimmige Sicherheitschefin, mit der nicht gut Kirschen essen ist. Horrorbilder von völlig derangierten oder aufgeplatzten Menschen, die glatt aus John Carpenters Ekelorgie „Das Ding aus einer anderen Welt“ stammen könnten. Ein gigantisches und zappeliges Fressmonster, das wie aus dem Horrorstreifen „Das Relikt“ entsprungen zu sein scheint. Fahrstuhltüren, die immer und immer wieder auf ein abgerissenes Bein zudonnern. Mannomann, heftige Bilder. Und doch: Kein Wunder, eigentlich.

Jason Isaacs, der unter anderem als Lucius Malfoy in Harry-Potter-Filmen zu sehen war, spielt den undurchschaubaren Captain Gabriel Lorca.   (Netflix-Pressecenter-Foto)

Denn einer der Verantwortlichen für die Serie – mittlerweile aber wieder ausgestiegen – ist ausgerechnet Bryan Fuller, der sich zwar selbst als großen Trekkie bezeichnet, der aber andererseits mit Serien wie „Hannibal“ die Messlatte für die Unerträglichkeit in Sachen Blutzoll im TV nochmal deutlich nach oben gelegt hat. Ganz so krass wird es hier dann nicht. Und doch: Mit dem Heile-Welt-Kindergarten einer Next-Generation-Serie hat das hier ebenfalls wenig zu tun. Erst in dieser dritten Folge der Serie zeigt sich, wie stark sich „Star Trek Discovery“ von seinen Vorgängern unterscheiden wird – und welches Potenzial die Serie haben kann. Dass sich die Verantwortlichen dabei relativ weit vom ursprünglichen Star Trek entfernen, ja, sogar den Klingonen eine neue Optik verpassen, hat die Hardcore-Fans erzürnt. Und doch tut ein solcher Reboot gerade der altbacken gewordenen Star-Trek-Welt gut. Und je länger die Serie läuft, desto neuer wird sie. Hatte man in den ersten beiden Episoden noch eher altvertraute Geschichten rund um klingonische Ehrenkodexe und farbintensive Raumschlachten sowie sich selbst opfern wollende Kapitäne erlebt, sind es diesmal die Dunkelheit und die Ambivalenzen, die im Vordergrund stehen. Das gilt sogar für die Fahrzeuge.

Vorbei sind die Zeiten von "Scotty, beam us up" - aber einen Transporterraum gibt es noch immer. Und so sieht er aus.  (Netflix-Pressecenter-Foto)

Denn auch das neue Serienschiff, die USS Discovery, kommt ebenso finster rüber wie die eigentlich verbotenen Experimente, die an Bord durchgeführt werden (dass ein kleines niedliches Tribble-Tier auf dem Tisch des Captains munter vor sich hinfiept, mindert die Düsternis nicht ab). Was den wissenschaftlichen Hintergrund angeht, setzen die Macher offensichtlich auf alte Star-Trek-Traditionen: Hier werden aktuelle wissenschaftliche Fragen in einer durchaus philosophischen Annäherung diskutiert, ohne dass die Serie jemals an Schwung oder Unterhaltungsfaktor verliert. Chapeau, das ist dann wieder Star Trek, wie wir es kennen. Auch wenn die gezeigten Untersuchungen merkwürdig anmuten: Pilzsporen? Als technisches Allheilmittel? Andererseits: Warum nicht? Es dürfte spannend bleiben, was sich die Verantwortlichen noch an Wendungen und Erzählsträngen ausdenken werden – dass es origineller werden dürfte als zunächst gedacht, steht nach Folge Drei jedenfalls fest. Und irgendwie werden sie auch diesen siegbesessenen Grummelcaptain sicher noch auf "sympathisch" drehen können. Oder vielleicht gerade nicht? Denn soviel scheint mir bislang sicher zu sein:

Es gibt viele Wissenschafts-Sequenzen rund um Pilzsporen und deren moderner Verwendung für... tja, so ziemlich alles Mögliche. Alles in ziemlich cooler Optik.     (Netflix-Pressecenter-Foto)

Die alle Zuschauer beschäftigende Frage, warum die weibliche Hauptfigur eigentlich "Michael" mit Vornamen heißt und daher vermutlich gar keine weibliche, sondern eher eine transgenderige Hauptfigur ist, wie viele vermuten, wird vermutlich niemals erklärt werden. Zuviel Spaß macht es den Serienmachern ganz offensichtlich, mit dieser Verunsicherung herumzuspielen, auch das wird in Folge Drei recht deutlich. Ambivalenzen stehen hier offenbar im Vordergrund. Wie in so vielen anderen modernen Serien auch – und wie so oft macht es die Sache zwar grimmiger, aber auch realistischer. Okay, zugegeben, natürlich gibt es auch in dieser Serie ein paar höchst unwahrscheinliche Dinge, die man einfach schlucken muss: 


Alte Feinde, neue Optik: Die Klingonen wurden einer optischen Neugestaltung unterworfen. Klassische Trekkies hat das erzürnt, der Serie tut es gut.  (Netflix-Pressecenter-Foto)

Dass in der ethisch und moralisch so hoch aufgehängten Welt der "Starfleet" ein Angeklagter keine Chance auf eine externe Verteidigung haben soll, selbst vor einem Militärgericht, ist ebenso schwer vorstellbar wie die Tatsache, dass man sich auch im Jahre 2256 noch Doppelkabinen inklusive des nächtlichen nachbarschaftlichen Schnarchwahnsinns teilen muss (ohne dass man die Möglichkeit hätte, einen kleinen akustischen Schutzschild um sein Bettchen herum aufzubauen, wo es doch sonst überall Schutzschilde gibt....). Aber so war das ja immer schon. Bei Star Trek. Auf der anderen Seite spiegelt die Serie geschickt die aktuellen politischen Realitäten wider. Die Polen und die Ungarn zeigen der EU die kalte Schulter, die Briten haben die Schnauze voll von Europa. Check: Die Klingonen wollen beim Friedensschluss mit der "Starfleet" nicht mehr mitmachen. Die Anführer der Länder der Welt entpuppen sich als markige Sprüche klopfende Kriegstreiber und auf die Vorherrschaft einer Rasse setzende Ideologen. Check: Der Chef-Klingone ist die außerirdische Polterversion von Donald Trump. Dass sich Wissenschaftler so sehr an ihren neu entdeckten Möglichkeiten berauschen, dass sie nicht mehr die Gefahren sehen. Check. Siehe die derzeit laufenden Debatten über Künstliche Intelligenzen. Und dass sie sich an den den Fragen stoßen, wie weit sie eigentlich gehen dürfen, wenn sie an den Grundfesten von Physik oder Natur rütteln, also Gott spielen. Check. Ist immer wieder Thema. Pränatale Diagnostik, Gen-Mais, Gen-Schaf, etc. etc. etc.  

--> "Star Trek Discovery" ist in Deutschland zurzeit nur über den Streamingdienst Netflix erhältlich, seit Ende September 2017 wird jede Woche eine neue Folge bereitgestellt. Die Serie soll 15 Episoden beinhalten, wobei nach Episode 9 (ausgestrahlt am 13. 11. 2017) eine Winterpause eingelegt wird. Am 8. 1. 2018 (Montag, ab 9 Uhr früh) wird Star Trek Discovery dann auf Netflix fortgesetzt. 

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Mittwoch, 4. Oktober 2017

So ist der neue "Rigoletto" im Theater Osnabrück in der Regie von Adriana Altaras - Verrohung, Niedertracht und drehfähiges Theaterhandwerk

Osnabrück - Diesmal war ich wieder in offizieller Mission unterwegs. Dass ich in diesem Blog gerne mal etwas über das Theater Osnabrück schreibe - weil sich dann meine zwei leidenschaftlichsten Hobbies auf das Vortrefflichste vereinen, das Erleben von Theater und das Bloggen -, ist bekannt. Dass ich in offizieller Funktion gelegentlich als Vertreter der Osnabrücker Nachrichten (ON) einspringe, wenn Kollege Werner Hülsmann nicht kann, ebenfalls. Nun war es wieder einmal soweit. Es stand auf dem Spielplan: Die Premiere von Giuseppe Verdis "Rigoletto" in der Inszenierung von Adriana Altaras.

Meine paar Gedanken, die ich zum neuen Rigoletto verfasst habe, lassen sich unter diesem Link im E-Paper der ON finden und dort auch als pdf-Seite runterladen oder ausdrucken oder per Mail verschicken. Außerdem habe ich den Rohtext als solches hier in diesen Blog einkopiert, er findet sich unten angefügt, unter dem Bild. Für diese Blogversion des ON-Textes habe ich auch den einen mir sehr peinlichen Schreibfehler bzw. Flüchtigkeitsfehler korrigiert, der sich in aller Hektik eingeschlichen hatte (ich hatte den Text geschrieben für die Ausgabe vom 4. Oktober 2017, die aber wegen des Feiertags am 3. 10. in einer vorgezogenen Produktion schon am Montag zuvor in aller Eile abgeschlossen sein musste): Erika Simons schreibt sich mit einem klassischen K im Vornamen, nicht, wie bei mir geschrieben, mit c. Alle anderen Namen hatte ich nochmal überprüft, aber diesen nicht. Grrr.... Darauf falle ich immer wieder rein, weil ich mir dann denke: Na klar, ist Australierin, hat englischen Vornamen, also Erica. Ist aber Erika. Mit k. Sorry!!!!


Der Artikel aus der ON am Mittwoch vom 4. 10. 2017 in seiner layouteten Version.


Verrohung und Niedertracht 

Der neue Rigoletto im Theater Osnabrück ist große Oper und brutales Drama

Osnabrück (ON) – Und sie dreht sich doch noch! Viel zu selten hat man in den jüngsten Operninszenierungen des Theaters am Domhof die Drehbühne in Aktion erleben dürfen, viel zu häufig war starres Einheitsbühnenbild mit wild verteilten Stühlen darin. Klar: Die Bühnentechnik ist gewiss nicht der Höhepunkt dieses neuen Rigolettos, der am Samstag Premiere feierte, aber sie steht exemplarisch für die geschickte Hand der Regisseurin Adriana Altaras – effizient eingesetztes Theaterhandwerk für einen großen Opernabend.

Zwar hat Altaras das Stück mehr oder minder dezent in die Moderne geholt und mit vielerlei Andeutungen versehen, aber den dicken Regietheater- knüppel zum Botschaften-Einprügeln hat sie Gott sei Dank nicht gebraucht. Lieber erzählt sie stringent die Geschichte der Oper.

Wohltuende Abwechslung! Alles, was wir hier erleben können, leitet sich konsequent aus dem Textbuch der Oper ab. Wenn dort von einer „Orgie“ die Rede ist, dann sehen wir das auch. Und die zunächst noch unberührte Reinheit der Rigoletto-Tochter Gilda erhält eine zusätzlich symbolistische Unterstreichung dadurch, dass sie als Waschfrau in einem klinisch reinen und bis in alle Ecken hell ausgeleuchteten Arbeitsraum tätig ist. Der zum Ende hin, wie auch Gilda, seine Helligkeit verlieren wird. Da wird mit wenig Mitteln vieles gezeigt, aber gerade dadurch spürbar.

Sie tragen die Absolventen-Jacketts einer elitären US-Universität, die Mitglieder dieser gar nicht so feinen Gesellschaft. Sie feiern sich und ihre sich über alles erhebende Dekadenz im hölzernen Schick eines britisch anmutenden Clubs. Frauen sind Freiwild, der vorherrschende Geist eines Donald Trumps ist nie weit entfernt, auch ohne jede Trumpfigur auf der Bühne. Aber wenn der Narr Rigoletto mit seiner Juden- statt Narrenkappe seinen Spott über all diese Menschen ausschüttet, schlagen sie gnadenlos zurück. In brutaler Verachtung. Was sich dann alles verkettet, kann nur tödlich enden.

So was hat Seltenheit: Dass eine Premiere erst in letzter Sekunde gerettet werden kann. Weil der als Gast eingesetzte Carlos Moreno Pelizari mit Stimmbandentzündung ausfiel, blieben kaum mehr als zwei Tage Zeit für einen Notfallplan. Bald war Ersatz gefunden für die Rolle des Herzogs von Mantua, der ja in dieser Oper – seltene Ausnahme – als Fiesling die schwelgerischste Arie singen darf: Aus Linz kam Pedro Velázquez Díaz hergeeilt, um sich in kürzester Zeit in alles einzufinden. Die Anspannung dieser Stunden, bevor sich der Vorhang öffnete, war dem Abend anzumerken (übrigens: Ein ganz klassisch sich öffnender und schließender roter Vorhang, ebenfalls lang nicht mehr gesehen). Nach der Pause hatten sich alle merklich freigespielt, motiviert von manchem freundlichen Zwischenapplaus.

Auch das Orchester, übrigens. Im Vergleich zu seinem Sturm-und-Drang-Puccini der vergangenen Spielzeit gestaltet Generalmusikdirektor Andreas Hotz mit dem hiesigen Symphonieorchester diesen Verdi vergleichsweise konventionell. Während Hotz noch bei der „Manon Lescaut“ den Kontrast zwischen leidenschaftlicher Rasanz und schwelgerischem Adagio aufs Äußerste zuspitzte, fällt beim Rigoletto wenig Derartiges auf. Aber auch der Orchesterklang wurde nach der Premierenpause sämiger und präziser.

Auf der Bühne ist es ist die große Stunde der Erika Simons: In der Gilda hat die junge Australierin eine Hauptrolle gefunden, die all ihre Talente auf das Beste hervorzubringen weiß. Gesanglich wie darstellerisch überzeugte sie das Premierenpublikum, das sie regelrecht feierte. Zu Recht: Wie sie den Wandel vom naiv auf falsche Liebesbekunden hereinfallenden Mädchen zur erst geschändeten und trotzdem nicht vom Herzogslüstling loskommenden Frau gestaltet, ist intensiv.

Auch Rhys Jenkins macht die Zerrissenheit seines Rigolettos spürbar, den brodelnden Hass, den er nicht zeigen darf, die tiefe Liebe zur Tochter, alles da. Und gesanglich ist Jenkins die Idealbesetzung, vielgestaltig und auch in leisen Passagen überzeugend, gibt er dem Narren viel Tiefenschärfe. Überhaupt fällt niemand aus dem Rahmen, es passte am Premierenabend, vielleicht abgesehen davon, dass der ganze Rettungsstress der Stimme des einspringenden Gasttenors merklich zugesetzt hatte … Aber dafür, dass Velázquez Díaz kaum ein ganzer Tag blieb, um sich in eine unbekannte Inszenierung einzuarbeiten, fügte er sich homogen in alles ein. Respekt.

José Gallisa zeigt einen herrlich schmierigen Killer Sparafucile – und dass sogar seine Schwester den falschen Liebesbeschwörungen des Herzogs so sehr verfällt, dass sie bis zum Äußersten gehen will, wird glaubhaft. Ensemble-Neuzugang Katarina Morfa ist eine Bereicherung, der Zuschauer hat sie indes noch so stark als Addams-Family-Mutter im Kopf, dass das Umschalten erst schwer fällt. Fein eingestimmt und trennscharf auch in den Details zeigt sich der nur auf die Herren reduzierte Opernchor.

Der Rigoletto hat noch eine weitere Besonderheit: Direkt nach der Ouvertüre beginnt die Oper mit einer Bühnenmusik, also einem im Hintergrund zu spielenden Orchesterstück, für das naturgemäß keiner der im Graben sitzenden Musiker zur Verfügung steht. In der Osnabrücker Neuinszenierung ist es die hiesige Bläserphilharmonie, die einmal um den auf der Drehbühne platzierten Kubus herummarschiert.

Apropos Kubus: Eng und fast so hoch wie die ganze Bühne sowie von Treppen und Aufgängen gesäumt, zeigen sich die beiden Spielorte dieser Inszenierung als große Bilder, die von ebenfalls auf den Seiten des Kubus aufgeklebten tatsächlich gemalten Bildern noch zusätzlich unterstützt werden. In diesen an alte Künstler erinnernden Gemälden liegt dann auch die einzige Rückbesinnung dieses Rigolettos auf jene Zeit, in der Giuseppe Verdi – zensurbedingt – seine Oper ansiedeln musste, nämlich das Mittelalter. Mit diesen optischen Brücken zum Trumpschen Orgienhaufen wird klar: Wir sind von der Verrohung jener Tage nicht mehr allzu weit entfernt.

Die nächsten Aufführungen:  Am 13. 2. 2018, Di., 19.30 Uhr. - Am 15. 4. 2018, So., 15 Uhr. - Und am 27. 5. 2018, Sonntag,19.30 Uhr (letzte Vorstellung/Derniere). Jeweils im Theater am Domhof. - Infos und Karten unter Telefon 0541/7600076.

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