Montag, 14. April 2014

Wenn Justin Greaves von „Crippled Black Phoenix“ einen auf kleiner Kelte macht – neues Bandprojekt „Se Delan“ überrascht mit „The Fall“




Osnabrück - Das ist wirklich irritierend... Wie frappant einen der dritte Song an die Eso-Wellness-Zen-Sauce erinnert, die der Bruder von Mike Oldfield – Terry Oldfield -  so gerne zusammenrührt. Fehlt jetzt nur noch, dass anstelle der Basstrommel ein gelegentliches Walfischgrunzen erklingt. Das sachte überstrichene Becken des Drumsets rauscht jedenfalls genauso wie die Wellen in Oldfields „De Profundis“. Wäre da nicht dieses Banjo, Du würdest niemals im Leben glauben können, dass ausgerechnet der geniale Multi-Instrumentalist Justin Greaves von „Crippled Black Phoenix“ hinter diesem Projekt steckt. Also nicht alleine. Sondern als ein Partner von zweien. Als der männliche Part.

Melancholie und Folk-Verträumtheit  - Kompass eingestellt, los geht’s


Zugegeben, „Beneath The Sea“ – so heißt das Stück -  darf nicht als der typische Vorzeigesong für dieses Album gewertet werden, wenngleich dieses getragen Melancholische mit einer deutlichen Folk-Note durchaus das vorherrschende atmosphärische Stilmittel bleibt. Und siehe da: Dass das Album viel stärker im Progressive  Rock verortet ist als es zunächst den Anschein macht, zeigt sich an anderen Stellen (okay, okay, im Post-Progressive, das passt besser, okay, vermutlich sogar Post-Post-Progressive). Die gesanglose Overtüre mit ihrem gleichsam treibenden wie verschlepptem Rhythmus gibt die Richtung vor. Kompass eingestellt, auf geht es in ein musikalisches Mischmasch-Abenteuer, das sich nicht über einen Mangel an Originalität beklagen kann. Aber ist es auch rundum überzeugend?

Auf die Erwartungshaltung kommt es an


Bei „Se Delan“ handelt es sich um ein Musikprojekt, das der versierte Greaves mit der schwedischen Singer-/Songwriterin Belinda Kordic gegründet hat. Letztere trat zuletzt unter dem Namen „Killing Mood“ in Erscheinung. Dunkel und hell, Ying und Yang. Eine vielversprechende Mischung. Aber hält sie auch, was sie verspricht? Nun ja. Das kommt drauf an, was man erwartet. Minutenlanges und mehrschichtiges Progressive-Gefrickel eher nicht. Stattdessen verspielte und teilweise balladeske Soundtüfteleien mit einer immer irgendwie schwebenden keltischen Note, aber gekonnt verdichtet in 3-bis-5-Minuten-Einheiten. Dichte Atmosphäre, aber selten die dräuende Düsternis des verkrüppelten Phönix.

Nicht von dieser Welt sein wollen – das klingt gut


„Chasing Changes“, am Anfang, das hat noch eine gewisse nach vorne treibende Energie. Dann setzen wir den Tempomat auf mildes Getragenwerden.“Little One“ oder „Today“, die Nummern Vier und Fünf, atmen bereits dieses verträumte Nichtvondieserweltseinwollende. Wie man an anderen Stellen im Internet lesen kann, ist Justin Greaves mehr der für das Düstere verantwortliche Teil des Bandprojekts, während Belinda Kordic die Lebensbejahung beisteuert. Wie reizvoll diese Ambivalenz sein kann, zeigt sich bei Songs wie „Tonight“ oder später auch „Dirge“.

Dann, endlich: Düsteres Gitarrentreiben!


Aber dann, spätestens bei „The Hunt“ wird der Einfluss des Drahtziehers Greaves machtvoll spürbar. Ein instrumentales Klanggebilde, das an die apokalyptischen Hypnosestrecken der gelungenen neuen Platte „White Light Generator“ von „Crippled Black Phoenix“ erinnert. Die E-Gitarren sind wie schwarze aufgewühlte See, die düstere Stimmung hat etwas Einfangendes, das einen in die Tiefe ziehen möchte. Es ist gut, dass es zwischendurch auch mal etwas derart Bodenständischdes gibt. Bei so vielen fein ausgehorchten Zartheiten tut eine kleine Portion Rockbrett mal ganz gut. Denn danach schweben wir wieder hinein ins Elegische. Und bleiben da. Mit sanft getupften Pianoklängen und ausgetüfteltem Rhythmus endet das Projekt.

Verträumtes Flirren und die Melancholie eines endenden Tages


Das Bauprinzip dieser Platte – so filigran ausgetüftelt und seelenruhig in ihrer klanglichen Grundtendenz sie auch sein mag – ist dem eines „Crippled-Black-Phoenix“-Albums übrigens gar nicht so unähnlich, wenn auch in umgekehrten Verhältnismäßigkeiten: Hier dicke Klangmauern (wenig), dort verträumtes Flirren (viel), hier folkige Grundierung (wenig), dort eine zukunftsweisende Stilvermischung (viel), und doch ist alles irgendwie nicht ganz von dieser Welt. Wenn ein großartiger Tag zu Ende geht, zumal jetzt im Frühling, an diesen ebenso zarten wie zerbrechlichen Abenden, dann spürt man die gleiche, sanfte, wunderbare Melancholie. Das ist was – für empfindsame Seelen.

Hörgenuss: 70 %.

Das Album erscheint am 16. 4. – also am Mittwoch vor Ostern. Das passt. Die Musik bietet die optimale Osteratmosphäre.

(Transparenzhinweis: PR-Online-Stream per E-Mail zugeschickt bekommen, Foto: PR-Cover-Abbildung)


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