Sonntag, 6. April 2014

Zum Schwelgen schön... - teilweise: Franco Zeffirellis „La Bohéme“ aus der Metropolitan Opera (MET) in New York als Live-Übertragung im Kino




Osnabrück/New York - Meine Eltern haben mir immer und immer wieder von dieser einen großen „La-Bohème“-Inszenierung vorgeschwärmt, die sie in ihrer Münchner Zeit erlebt hatten. Der Star-Regisseur Otto Schenk hatte den Puccini-Klassiker dort in Szene gesetzt und es muss ein rauschendes Fest für die Sinne gewesen sein. Jedes Mal, wenn wir auf Puccini-Opern zu sprechen kamen (was bei uns in der Familie relativ häufig geschieht) oder ganz allgemein auf bedeutende oder auch unbedeutende Operninszenierungen (was auch relativ oft geschieht), standen Otto Schenk und die Bohème auch schon bald wieder im Raum. So habe ich schon in jungen Jahren verinnerlicht: eine rundum gelungene Operninszenierung - das ist ein leuchtender Fixstern am kulturellen Horizont einer Familie, dessen Strahlkraft Generationen überspannt.

Das hier ist nicht einfach nur eine Bohème – es ist die Bohème


Das wird ganz sicher auch bei dieser gewaltigen Bohème so gewesen sein, die es am Samstagabend weltweit als Kino-Live-Übertragung aus der Metropolitan Opera in New York zu erleben gab. Die Inszenierung von Kino-und-Theater-Ikone Franco Zeffireli ist nicht einfach nur eine Bohème – es ist die Bohème, die eine, die mustergültige, das Übervorbild. Glaubt man Wikipedia, wurde diese Produktion 1963 für die Mailänder Scala entwickelt (Otto Schenk in München folgte 1969) und eine Weile parallel in Wien, Montreal, Moskau, New York und Washington gespielt. Noch heute gehört sie zum festen Repertoire der Wiener Oper sowie der MET. Wenn ein- und dieselbe Operninszenierung schon über 50 Jahre mit Erfolg gegeben wird, mit immergleichem Bühnenbild, aber wechselndem Ensemble – dann muss was dran sein. Oder?

Ein Abend mit Überraschungen – guten wie schlechten


Gottseidank ist auch das Osnabrücker Cinestar-Kino am Hauptbahnhof - zu dessen Repertoire sonst alles an publikumsträchtiger Niedertracht gehört, was das moderne Kino zu bieten hat – ein Spielort für die MET-Übertragungen. Man trifft dort sogar regelmäßig den einen oder anderen ehemaligen Osnabrücker Theatermann, der einem dann gesteht, dass er eigentlich in der Premiere des hiesigen Hauses hätte sitzen sollen, aber die MET vorgezogen hat. Und gottseidank sind die Reihen dort immer gefüllter, seit die Live-Serie kein Geheimtipp mehr ist.  Die Bohème erweist sich auch hier als Publikumsmagnet. Und der Abend bietet einiges an Überraschungen.

Nach nur zwei Stunden Schlaf – raus aus dem Bett, rauf auf die Bühne


Überraschung Nummer Eins ist zuerst eine vermeintlich schlechte, aus der eine gute wird: Denn Anita Hartig, die gefeierte „Mimi“ aus Wien und anderen Häusern, ist erkrankt. Als Ersatz steht die lettische Sopranistin Kristīne Opolais auf der Bühne, die noch am Abend zuvor die Madame Butterfly in der MET gegeben hatte. Wie sie im Interview in einer Pause erzählt, hatte sie erst um fünf Uhr in der Früh ins Bett gefunden, nach dem Erfolg des Vorabends – doch um 7:30 Uhr ging schon wieder das Telefon. MET-Manager Peter Gelb persönlich war dran. Da sie ja auch die Rolle der Mimi beherrsche und da man ja gerade diesen Ausfall habe…. Ob sie sich da nicht vorstellen könne… Fortan war der Tag gefüllt mit Kostümanpassungen, einem Kurzbriefing in das Regiekonzept und schon ging es los. Man muss sich vor Augen halten: Mögen die Opernübertragungen hierzulande zwar um 19 Uhr beginnen, ist es in Amerika doch erst 13 Uhr. Was wir hier zu sehen bekommen, ist die Nachmittagsvorstellung (interessanter Nebenaspekt: Am Abend steht dort eine ganz andere Oper auf dem Spielplan - auf die Bohéme folgt „Andrea Chenier“).

Hätte die 33-jährige Opolais das alles nicht erzählt, es hätte niemand gemerkt, dass da sozusagen ein Neuling auf der Bühne stand. Wie passend, dass sich auch „Mimi“ in der großen Café-Szene im zweiten Akt erst in den Freundschaftskreis einfügen muss. All die Unsicherheiten, aber auch die Zerbrechlichkeiten dieser vom Tod gezeichneten Frauenfigur stellt Opolais einfühlsam dar. Und erst die Stimme – ihre feinen Schattierungen und differenzierte Gestaltung zeigen eindrucksvoll, was man aus Puccini alles machen kann, wenn man sich ein bisschen hineinzufühlen vermag.

Keine Spur von Gestaltungslust – aus dem Graben ertönt Lustlosigkeit


Das gilt leider nicht für das Orchester. Denn Überraschung Nummer Zwei ist eine schlechte: Wie Dirigent Stefano Ranzani diese an sich so unverwüstliche Partitur angeht, ist beinahe als lieblos zu bezeichnen. Wo andere Kapellmeister ein leidenschaftliches Aufbäumen betonen (und der erste Akt ist voll davon) oder jeglichen Ansturm an Gefühlen auch in musikalische Akzente zu verwandeln wissen, gibt es bei Ranzani gepflegten Gleichklang ohne Feuer. Okay, Haus-und-Hof-Dirigent James Levine kann nicht alles in der MET dirigieren und seine schwere Krankheit macht ihm sicher zu schaffen – aber was hätte dieses unstoppbare Heißblut mit all seiner Gestaltungslust wohl aus der Vorlage gezaubert?  Schade. Nun denn, das Gesangsensemble macht dies jedoch mit emsiger Spielfreude und technischem Können wieder wett.

Auch, wenn man so etwas erwartet hatte – die Pracht ist überwältigend


Überraschung Nummer Drei ist letztlich keine. Denn natürlich hatte man ein üppiges und klassisches Bühnenbild erwartet. Und ist dann doch überwältigt von der detailreichen Ausstattung und der schieren Menge an Menschen, die den zweiten Akt prägen, diese legendäre Straßenszene im Pariser Quartier Latin. Unfassbar, was da alles los ist, was da auf zwei Geschossen durcheinanderhüpft – über 100 Darsteller, so heißt es später im Interview, sind in der Szene untergebracht. Dafür, dass sie nur im zweiten Akt vorkommen, und nur vergleichsweise kurz, ein gigantischer Aufwand. Später, wenn die Marktstände auf der Straße beiseite gezogen werden, offenbart sich das Innere des Straßencafés, in dem sich unsere Freunde treffen. Auch das ein überraschend simpler, aber eindrucksvoller, Effekt.

Vorhang auf, keiner ist da – und trotzdem gibt es Applaus


Offenen Szenenapplaus – für ein noch menschenleeres Bühnenbild, wann hat man das zuletzt erlebt – oder überhaupt schon mal erlebt? – gibt es dann für die Gestaltung der Schneeszene zu Beginn von Akt Drei. Auch zu Recht, denn hocheindrucksvoll ist nicht allein die räumliche Tiefe, die hier gezeigt wird. Aber auch die aufgerissene Dachgeschossmansarde der Akte Eins und Vier mit all ihren ärmlich verramschten Gegenständen ist gelungen. Man staunt, man schwelgt, man ist gefangen, und fast vergessen ist dabei, dass das Orchester nicht mit der gleichen Pracht dabei ist, wie sie hier oben auf der Bühne vorherrscht.

Alles perfekt - aber man wäre lieber im Opernhaus daselbst


Ist auch die Übertragung in die Kinosäle technisch perfekt, bildlich gigantisch (kein Wunder, auf so großer Leinwand) und klangtechnisch brillant – man säße doch zu gerne im Opernhaus daselbst. Die Leinwand und die technische Aufbereitung bringen mit all ihrer Perfektion eine zusätzliche Distanz, die Menschen sind nicht zum Anfassen, das Kinopublikum zu weit entfernt. Das stärkste Gefühl gibt’s eben doch nur im Theater. Und dennoch: Sogar im Kino ist noch ein Hauch davon zu spüren, was man als junger Knabe schon erahnt hat. Dass eine rundum gelungene Operninszenierung  zu einem leuchtenden Fixstern am kulturellen Horizont eines Theaterzuschauers werden kann.

Von wegen „ewig gültig“ – es kann nur eine geben


Ach, übrigens: Otto Schenks „La Bohème“ in München, immerhin auch schon knapp 45 Jahre alt, steht dort ebenfalls noch immer auf dem Spielplan. Noch ganze drei Mal ist sie alleine für 2014 angesetzt. Das Theater rühmt diese Aufführung als eine „ewig gültige“ – bleibt die Frage, ob dieses Attribut nicht Franco Zeffirelli für sich beanspruchen müsste.

(Transparenzhinweis: Selbst gekaufte Eintrittskarte für die Übertragung am Samstag, 5. 4. 2014 – Foto: eigen/Achenbach). 

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