Mittwoch, 14. Mai 2014

Die Schweizer sind wieder da – „Gotthard“ zünden mit „Bang!“ die nächste Ausbaustufe nach dem Tod des Original-Sängers




Osnabrück – Jedes Mal, wenn seit dem Oktober 2010 ein neues Album von „Gotthard“ angekündigt wird, durchfährt mich ein kleiner Stoß der Überraschung: Wie, die machen noch weiter, die gibt es noch? Denn der Unfalltod des Sängers Steve Lee vor vier Jahren sitzt einem noch immer in den Knochen. Und jetzt, siehe da, erscheint bereits das zweite Album mit neuem Sänger (Nic Maeder). Gut so – denn „Gotthard“, das ist genau wie „Europe“ eine dieser Hardrock-Bands, denen man das Überleben der 80er und 90er von Herzen gegönnt hat.

Gleich zum Start wird die Messlatte ordentlich hochgehängt


Also rein damit. Und gleich die erste Überraschung: Waren die schon immer so eindeutig Deep-Purple-beeinflusst, mit fetter Hammondorgel und groovigen Riffschemata? „Bang!“, der Titeltrack, ist ein ordentlicher Start. Da wird die Messlatte hochgehängt. Und dem interessierten Hörer sei jetzt schon geraten, bis zum Ende der Platte dranzubleiben, aber den Finger auch immer in Nähe der Skip-Taste zu lassen.

Nur, weil soviel auf eine CD geht, heißt das nicht, dass es gut ist


Das Problem von Alben heutzutage ist ja ihre enorme Länge. Nur, weil zeitlich soviel möglich ist, heißt das nicht, dass es zur Besserung beiträgt. Kaum eine Band gibt es, die nicht wenigstens zwölf bis vierzehn Tracks auf einer neuen CD unterbringt. Da liegt es auf der Hand, dass das eine oder andere Füllstück mit dabei ist, das vielleicht für eine B-Seite gereicht hätte. Die französisch behauchte Akkordeon-Ballade „C’est La Vie“, beispielsweise, - skipp -,  Massenwarenummern wie „I Won’t Look Down“ oder „Red On A Sleeve“ – skipp -…

Aber es gibt auch viel Gutes – und sogar richtig Gutes!


Damit hier kein falscher Eindruck entsteht: „Bang!“ ist kein schlechtes Album, weiß Gott nicht. Es gibt viel Gutes - und manches richtig Gutes. „Jump The Gun“ ist so herrlich trocken, dass es an Southern Rock erinnert. „My Belief“ ist ein hübsch straighter Riffkracher mit Ohrwurmgarantie. Das markante„Mr. Ticketman“ ist eine ähnlich charismatische Nummer wie seinerzeit der „Ice-Cream-Man“ von Van Halen, der hier vermutlich das Vorbild gewesen ist. Und das Mann-und-Frau-Duett „Maybe“ könnte zwar direkt aus den amerikanischen Country-Charts stammen, ist aber eine feine Pathos-Nummer fast wie aus einem Musical.

Eine hübsche Nummer wie von den späten „Take That“


Die größte Überraschung aber ist das Ende: Über zehn Minuten lang erstreckt sich das herrlich melancholische „Thank You“ – und wird doch nie langweilig. Fast klingt es wie eine der hübschen Nummern der späten „Take That“,  da ist alles dabei, von großem Orchestertammtamm bis zum perlenden Rhythmusklavier. Aber vor allem eine Melodie, die im Ohr bleibt. Natürlich ist das alles hier - die großen Gesten, die pathetischen Texte, das Gepose – reichlich prätentiös, aber, hey, was hast Du denn erwartet? Das ist Hardrock. Da gehört Prätention zum Programm. Es ist gut, dass diese Band überlebt hat – die 90er und den Tod des ersten Sängers.


Hörgenuss: 70 %.

(Foto: eigen/Achenbach). 

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