Freitag, 23. Mai 2014

Ist das alles schön mit dem Schon...: "Journey"-Gitarrist Neal Schon legt mit "So U" ein überraschendes Soloalbum vor... wobei... solo stimmt nicht ganz...




Osnabrück - Ja, sag mal, heißt der Typ jetzt wirklich Neal Schön, also so richtig mit „Ö“? Bislang hatte man den Gitarristen von „Journey“ doch ausschließlich als „Neal Schon“ kennengelernt. Ob in seinem eigenen Twitter-Account oder auf der offiziellen Website der Band: Kein ö, nirgendwo. Lag das nur daran, dass die Amerikaner mit dem Umlaut nicht klargekommen sind? Dieses Soloalbum jedenfalls zeigt jetzt ein Ö im Namen und lässt offen, ob das Spielerei ist oder ob der Mann nun wirklich so heißt. So.

Von wegen Solo – das ist ja fast eine neue Supergruppe


Wobei man streng genommen gar nicht von einem Soloalbum sprechen kann, sondern fast schon von einer neuen Supergruppe: Immerhin ist mit Drummer Deen Castranova der Mann dabei, der auch bei „Journey“ an der Trommelbude sitzt. Und Bassist Marco Mendoza war/ist Mitglied bei „Whitesnake“ und „Thin Lizzy“. Die Drei haben gleichberechtigt diese neun Songs geschrieben, sie teilen sich die Gesangsparts, sie funktionieren offenbar gut als Team.

Alles beginnt mit einem Stampfblues – naja, ob das sein muss?


Und das Ergebnis? Ist wesentlich überzeugender als es ganz am Anfang scheint: „Take A Ride“ ist erstmal eine stampfige und rocklastige Bluesvariation, wie man sie oft gehört hat. Ach, da ist also wieder einer auf dem Bluestrip, denkst Du Dir, da rumpelt sich einer durch den Back-Katalog der Musikstile.

Aber dann packt Dich das Ding, ob Du willst oder nicht


Naja, falsch gedacht: Wie eine orientialisch geprägte Ausgabe eines „Journey“-Krachers mutet der Titeltrack „So U“ an, charismatisch, hypnotisch, neun Minuten Sog. Das ist eine Überraschung, eine so spannende Entwicklung hättest Du nicht erwartet. Und das Ding geht automatisch über in ein jazzig von einer vertrackten Basslinie angetriebenes und vor allem atmosphärisch spannendes Instrumentalstück. Und dann bist Du drin und das Album hat Dich gepackt, ob Du nun willst oder nicht.

Journey, Van Halen, Hymnen, Retro – da ist viel drin


„What You Want“ oder „On My Way“ versprühen druckvollen Van-Halen-Charme, „Serenity“ atmet dieses Hymnische und Refrain-orientierte Songwriting, das auch einen guten Journey-Song ausmacht, ach, und überhaupt, die Ballade „Love Finds A Way“ ist genau der Melodic-Rock, wie wir ihn haben wollen, wenn wir eine Platte der Band kaufen. „Shelter“ hingegen ist der rumpelig-verdichtete Retro-Rock, wie ihn andere Superbands derzeit auch überall anbieten. Siehe „Chickenfoot“ und wie sie alle heißen. „Big Ocean“ schließlich ist mehr atmosphärische Lautmalerei als ein Rocksong und erinnert entfernt an entsprechende Instrumentalpassagen von Carlos Santana (für dessen Band Neal Schon ja mal als Gitarrist vorgesehen war, was dieser dann aber ablehnte).

Leg‘ die Platte auf und sag, die sei von 1987...


Klar: Wenn Du die Platte für mich als Unwissenden aufgelegt und mir erzählt hättest, die sei von 1987, nur soundtechnisch frisch aufpoliert, hätte ich das vermutlich auch geglaubt. Und doch, da ist eine Menge drin: Gitarrenfans können sich vom virtousen Spiel des immerhin auch schon 60-jährigen Schons – oh, sorry, Schöns - anstecken lassen, der sich hier natürlich in einer Breite austoben darf, wie es bei den poppigen Dreiminuten-Verdichtern von „Journey“ nicht möglich ist. AOR-Fans finden in manchen Song das Melodische und Hymnische, was sie lieben, und Rockfans aller Art finden ein knackig produziertes Album mit Charisma. Überraschend gut.

Hörgenuss: 80 %.


(Fotohinweis: PR/Coverabbildung) 

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