Dienstag, 6. Mai 2014

„Watch Your Hands, Guys!“ – die wahren Helden bei der „Oper im Kino“ stehen hinter der Bühne (MET aus New York live in HD im Cinestar)

Bauarbeiten sind in der New Yorker MET nichts Ungewöhnliches - also auf der Bühne, jeden Tag, mehrfach.   (Thomas-Achenbach-Foto)


Osnabrück - Ob so ein richtig exzessiver Opernfan – also ein Purist – wohl auch seine Freude an diesen Live-Übertragungen aus der Metropolitan Opera in New York hat? Denn immerhin wird einem durch den ständigen Blick hinter die Kulissen in den Pausen ein großer Teil des Zaubers genommen, den so ein Theaterbesuch eigentlich auszeichnet. Klar: Bei den Oper-Live-Übertragungen aus der Metropolitan Opera in New York (MET) auf die Kinoleinwand, die auch im Osnabrücker Cinestar gezeigt werden, gibt es halt keine echte Pause, denn dem Kinopublikum in der Welt wäre es sicher zu wenig, zwanzig Minuten lang auf einen roten Vorhang zu starren. Also haben die Verantwortlichen ihre Kameras auch dort platziert, wo der normale Theaterbesucher nicht hinkommt – gezeigt werden die Umbauarbeiten.

Das ist ein bisschen wie bei der Ausgburger Puppenkiste


Und das kann einem natürlich die Illusion rauben: Wenn sich der vermeintlich glitzernde See in der Märchenoper „Rusalka“ als nichts anderes als bewegte Folie entpuppt, so wie in der Augsburger Puppenkiste (okay, zugegeben, so ganz überzeugt warst Du schon vorher nicht von diesem „Wasser“ – vielleicht wolltest Du auch einfach nur glauben, dass es etwas anderes ist als Plastik). Wenn bei der grandiosen „La Bohème“ das zuvor erlebte Bühnenbild komplett auf einem Schlitten auf die Seitenbühne nach rechts geschoben wird, während das prachtvolle und mit über 100 Menschen gefüllte Bühnenbild Nr. Zwei von der linken Seitenbühne hereinrollt (später wird sogar noch von der Hinterbühne etwas nach vorne gefahren), nimmt einem das einen Teil des Staunens, das sich einstellt, wenn der Vorhang aufgezogen wird.

Die Helden hinter dem Vorhang kriechen aus ihren Löchern


Und doch sind es gerade diese Einblicke in die Arbeit hinter dem geschlossenen Vorgang, die diesem Kinoabend (oder Opernabend? Wie soll man sagen?) seinen individuellen Charme verleihen. Was wir hier sehen, darf selbst der die horrenden Eintrittspreise zahlende MET-Besucher in New York nicht miterleben, das ist einzig das Privileg des Kinopublikums. So entsteht eine merkwürdige Zwischenwelt, die ihre ganz eigenen Helden gebiert. Kaum sind die Charaktere vorne von der Bühne abgetreten, steigen all die T-Shirt und Helme tragenden Bühnenbauer aus ihren Verstecken wie die Bergwerks-Zwerge aus Niebelheim. Weltweit übertragen auf zahlreiche Kinoleinwände bekommen sie eine Aufmerksamkeit wie ein Hollywoodstar. Die Helden der Arbeit.

„Watch Your Hands, Guys“ – unser Freund, der Vorarbeiter


Immer mit dabei: Der ebenso gutmütige wie beleibte Vorarbeiter, dessen einziger Job es ist, auf das Wohl seiner Leute und auf das Gelingen des Bühnenbilds aufzupassen. Schwebt dann von oben eine Wand herab, die auf eine andere Wand aufmontiert werden muss, ruft jener Vorarbeiter seinen Leuten immer wieder ein wachsames „Watch Your Hands, Guys!“ zu. Klasse! Was für ein geiler Job! Was für ein netter Kerl! Wenn wir wüssten, wie der Mann heißt, wir richteten ihm sogleich eine eigene Fanpage ein. Bei Facebook oder sonstwo.

So viel besser ist es in der MET selbst gar nicht



Das „Watch Your Hands Guys“ ist jedenfalls zum rituellen Standardspruch in unserer kleinen Dreiergruppe geworden, jener kleinen Gruppe mit den gelegentlichen Zeitproblemen (wahlweise auch abgewandelt in ein „Wash Your Hands, Guys“, wenn jemand einmal austreten geht). Und es gibt noch weitere dieser Pausen-Augenblicke, die zum gerne zitierten Repertoire gehören: „Maestro to the pit, please“, der dringende Aufruf der Inspizienz an den Dirigenten, er möge jetzt doch bitte dem Orchester vortreten, erklang wenigstens zwei bis drei Mal, während Dirigent Yannick Nézet-Séguin noch ein Pausen-Interview gab. Was für die Verantwortlichen in der Organisation des nachmittäglichen Ablaufs wohl die höhere Priorität  hat(denn in New York ist es ja noch Nachmittag, was bei uns schon der Abend  ist): Die Live-Übertragung rund um die Welt in die Kinos oder der reibungslose Ablauf für das vor Ort zahlende Publikum in eigenen Auditorium?

Oper im Kino läuft gut, aber die MET selbst hat Probleme


Denn wer die Schlagzeilen und Berichte verfolgt hat, der musste mit Schrecken dort lesen: Der MET selbst geht es gar nicht so gut! Eine durchschnittliche Auslastung von ungefähr 70 Prozent pro Vorstellung, zu mehr reicht es zurzeit anscheinend nicht mehr im führenden Opernhaus der Welt. Die Live-Übertragung rund um die Welt läuft gut, aber zuhause gibt es ein Problem: Die Kartenverkäufe gehen runter. Da ist wohl die eine oder andere Kamera noch einmal neu justiert worden –wie peinlich wäre es, sähe man bei der Live-Übertragung mehrere freie Plätze in den Reihen?

Die Karten sind irrsinnig teuer und der Sekt kommt im Plastikglas


Kein Wunder. Auch der Autor dieser Zeilen durfte schon einmal Platz nehmen in diesem höchsten Musentempel  der Weltkultur. Weit hinten im Parkett, nicht unweit des Ausgangs, in Reihe 48 oder so – und war trotzdem um mehr als 300 Euro ärmer geworden. Der Sekt in der Pause – ebenfalls hochpreisig –  wird dort übrigens in Plastikbechern gereicht, weil man das dort eben so macht. Okay, langstielig sind sie, hübsch anzusehen auch, aber eben aus Plastik. Und das  im führenden Opernhaus der Welt – die Amis und ihre Hygiene-Sorgen...

Dann doch lieber auf den Kinosessel


Ganz ehrlich: Da ist es im Kino durchaus schöner, auch, wie schon einmal behandelt, aus den zanglosen Etikettegründen. Zwar muss man hier auf das lustige Gimmick der selbst wählbaren sprachlichen Untertitel  im Sitz vor einem verzichten, dafür ist die Beinfreiheit größer, der Sessel bequemer, der Preis überschaubarer und das Bier kommt aus der Flasche und es lässt sich sogar während der laufenden Vorstellung ein Schluck daraus nehmen. Und wenn einer mal austreten geht, ruft ihm einer nach: „Wash Your Hands, Dude“! Bring‘ das mal in der MET!


Die Meister aus Niebelheim beim Aschenputtel?


Wie schade ist es dann, wenn die aktuelle Spielzeit zu Ende geht - wir drücken die Daumen, dass "Mister Watch-your-hands-guys" in der kommenden Saison wieder mit von der Partie ist. Dieser Held aus Niebelheim, der Held der Kinoleinwand. Thank you, dude!

(Metropolitan-Opera-NY-/Clasart-/tmg-Foto)

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