Montag, 21. Juli 2014

Dem Publikum einen Spiegel vorhalten, nutzt sich als Masche auf Dauer eben ab – über das Theatersterben und die Lust auf Kultur




Osnabrück - Und dann gab es diesen Moment, in dem wir gerade aus der aktuellen Osnabrücker „Macbeth“-Produktion kamen und der eine Abokollege (also: Theater-Abo-Kollege) sinngemäß so etwas sagte wie: „Warum müssen die heute eigentlich in jedem Stück immer total ausflippen und sich ständig auf den Boden werfen auf der Bühne?“. Zu diesem Zeitpunkt ahnte noch keiner von uns, dass ausgerechnet das meistens unfehlbare Feuilleton der F.A.Z. ebenjenen Aspekt aufgreifen und ihn als Basis für einen Abgesang der deutschen Theaterkultur benutzen würde (siehe den phänomenal treffend geschriebenen Artikel „Hoppla,wir sterben“ - darin auch eine Schmähkritik des ewigen "Spiegel vorhaltens" moderner Regisseure).

Kein Reinfall, aber das Unbehagen ist verständlich

Nicht, dass die hiesige „Macbeth“-Produktion (um die es hier nur am Rande geht) ein totaler Fehlgriff gewesen wäre, keineswegs – schon gar nicht mit dem wirklich bemerkenswert guten Schauspielensemble, das man derzeit an unserem Haus erleben kann. Aber das, wie es bei der F.A.Z. heißt, "Schreiben, Toben" und die "Dauerwahngeflipptheit", ja, das alles wurde mal wieder gezeigt. Wobei sich das bei diesem Stück vielleicht noch besser anbietet als bei manchem anderen. Und dennoch, ich kann das Unbehagen des Kollegen verstehen -  denn Masche ist es allemal, diese expressiv Verzweifelte, wie es scheint.

Ständig Stücke ohne Pause – auch das ist eine enervierende Masche

Ganz nebenbei bemerkt: Auch dieser „Macbeth“ war wie vieles andere im Osnabrücker Haus (Foto, rechts) auf einen Einakter zusammengekürzt – nein, gefehlt hat nichts, die Verdichtung funktioniert. Aber so häufig wie dieses Prinzip im Osnabrücker Theater angewandt wird, ist es erstaunlich, dass die Betreiber der Theatergastronomie nicht längst pleite gegangen sind. Und natürlich hört man die Unkenrufe und es trappst die Nachtigall: Verhindert man den Zuschauerschwund in der Pause am effektivsten durch das Streichen derselben? Aber: Gehört nicht eine Pause zum Theaterbesuch dazu? Dieses erste neugierige „Und-wie-ist-es?“-Beschnuppern im Gespräch beim Sekt, ein erstes Luftablassen oder Zustimmungsaufpusten, ist das nicht immer wieder köstlich? Und passt nicht dieses stete Wegstreichen einer Pause zu all den im F.A.Z.-Text geäußerten Kritikpunkten (hier nochmal der Link, der Textist es wert)?

Und dennoch gibt es eine gewaltige Lust auf Kultur

Dabei gibt es eine enorme Lust auf den Genuss von Hochkultur, wie die steigenden Verkaufszahlen der Kino-Live-Übertragungen großer Opernaufführungen deutlich machen. In diesem Blog hat das Thema "Oper im Kino" schon so oft eine Rolle gespielt (siehe z. B. hierund auch hierebenso wie hier – und, ähm, hier), dass es mir eine Freude war, einen entsprechenden Artikel auch in der großartigen Süddeutschen Zeitung finden zu können („Oper auf der Kinoleinwand –fast wie in der MET“). Und auch in diesem bemerkenswerten Text findet sich dieser Aspekt der Entfremdung des deutschen Theaters vom Publikum, wie sie jetzt auch der F.A.Z.-Artikel attestiert (Zitat: Die reduzierten deutschen Bühnenbilder, das sei "nix für die Emotion"). 


Zwischen Lusterlebnis und Pflichtprogramm


Hat sich das deutsche Stadt-, Staats- und Landestheater also schon so weit vom eigentlichen Publikumswillen entfernt, dass es sich seinen Untergang selbst herbeiführt, wie die F.A.Z. behauptet? Nun, zumindest gibt es eine emotionale Tendenz, die selbst dem theaterenthusiastischsten Zuschauer im Vergleich nicht entgeht: die MET auf der Kinoleinwand ist ein tatsächlich – Achtung, starkes Wort – begeisterndes Erlebnis mit Lusteffekt, das reale Theater auf der Bühne dann doch desöfteren eher Pflichtprogramm (und das sage ich als echter Kultur-Nerd, der selbst vor Hindemith-Handke-Marthaler-Konwitschny-wie-sie-alle-heißen, also dem harten Stoff, nicht zurückschreckt). Eine gekonnte Mischung aus beidem, das könnte der Weg sein, der in die Zukunft führt. Wie das aussehen soll? Nun, das ist ein anderes Thema, über das wir an anderer Stelle ausführlich diskutieren sollten, müssten - werden. Aktuell sind mal wieder ein paar Nadelstiche gesetzt. Keine neuen, aber doch immer schmerzhaftere.

Immerhin, das ist doch auch schon mal etwas wert. 

(Foto: Das Osnabrücker Theater im Sonnenschein eines Bilderbuchabends - Achenbach-Foto). 

Keine Kommentare: