Samstag, 26. Juli 2014

„Sunset Boulevard“ auf der Freilichtbühne Tecklenburg – wenn in der Dämmerung in der Dämmerung stattfindet




Tecklenburg (ache) – Am Anfang erstmal Skepsis und der Anflug einer Enttäuschung. Auf dem Hinweg hast Du Dich noch gefragt, wie sich wohl die Freilichtbühne Tecklenburg mit ihren majestätischen Burgtoren in den „Sunset Boulevard“ von Hollywood einerseits, in das Innere einer üppigen Diven-Villa andererseits verwandeln könnte. Immerhin ist die Tecklenburger Bühne zu Recht bekannt als hochprofessionelles Musicaltheater, dafür, ihre Ensembles bis in die letzten Nebenrollen hinein mit ausgebildeten Darstellern zu besetzen, dafür, mit prächtigen Kostümen und bis zu 120 Mann auf der Bühne immer gerne zu klotzen, nicht zu kleckern. Und dann steht da so eine schwärzliche Holzkonstruktion mit breiter Showtreppe auf der Bühne, die irgendwie nach Vampirgruft aussieht, aber nicht nach Glamour  – und im hellichten Licht des Sommerabends doch eher den Eindruck eines Laien- oder Schülertheaters vermittelt. Och nee!

Es sind die großen Themen, die dieses Musical so menschlich machen


Oh doch… – denn warte nur mal das Ende der Pause ab und staune darüber, was ein bisschen künstliches Licht und die einsetzende Dämmerung so alles ausmachen können. Blau bestrahlt, symbolisiert diese Konstruktion – aus der sich hier und da noch Spiegel und allerlei andere Gimmicks ausklappen lassen – eindrucksvoll die Einsamkeit und Kühle, die im Leben von Norma Desmond herrschen müssen, dem alternden Filmstar, der schon lange keiner mehr ist, dem Stummfilm-Wunder, das der Tonfilm überflüssig gemacht hat. Nur dass sie sich in dieses Schicksal nicht fügen mag: Wer altert schon gerne als überflüssiges Restbleibsel? Das sind dann auch die großen Themen, die dieses Musical so menschlich machen: Die Zerbrechlichkeit des Alters, der Sog des Erfolgs, die Sucht nach Geltung, die Suche nach Entfaltung – und wem wäre es in seinem Leben nicht schon einmal so gegangen wie Norma Desmond? Eine Zeitlang auf der Welle des Erfolgs, dann der Sturz. Da kann man sich hineinfühlen.

Glanz und Sehnsucht auf dem Trip in die Dämmerung


Bei der Premiere von „Sunset Boulevard“ am 25. 7. (Freitag) konnten das gefühlte etwa 1500 Zuschauer. Diese beeindruckende und in den 30er Jahren spielende Geschichte von dem jungen Drehbuchautor, der in die Fänge der alternden Filmdiva gerät, bietet viele emotionale Facetten. Sie beide bekommen, was sie sich am meisten ersehnen: Er den Glanz und Glamour Hollywoods, sie die Möglichkeit eines Comebacks – vermeintlich - und die schmeichelnde Aufmerksamkeit eines jungen Liebhabers. Aber sie sind Teil eines Systems, in dem noch mehr Kräfte wirken. Der dem Musical zugrunde liegende Billy-Wilder-Film heißt auf deutsch „Boulevard der Dämmerung“, und, ja, das passt. Es gibt in diesem Musical keine Helden – alle sind innerlich zerrissen, jeder trägt sein Stück zum Drama bei, das schließlich in der Katastrophe münden muss.

All der verletzte Stolz – das ist spürbar


Das ist kein leichter Stoff, aber ein packender. Wie sich zeigte. Am Ende dauerte es genau zwanzig Sekunden, dann stand das Publikum beim Schlussapplaus. Denn als ergreifendes Drei-Stunden-Drama mit großer Musik funktioniert dieses in Hollywood spielende Stück vom Musical-Mastermind Andrew Lloyd Webber auch auf der Freilichtbühne Tecklenburg. Das ist vor allem der Hauptdarstellerin Maya Hakvoort geschuldet, die diese Norma Desmond mit all ihrem verletzten Stolz in aller Eindringlichkeit zu spielen versteht und alleine mit ihrer Präsenz die ganze breite Bühne der Freilichtbühne füllen kann.



Die Sogkraft entsteht durch die Intensität des Schauspiels


Regisseur Andreas Gergen hat ein geschicktes Händchen dafür, diese Trumpfkarte an den passenden Stellen auszuspielen: Immer, wenn es emotional wird, räumt er die Bühne leer und verlässt sich ganz auf die Sogkraft weniger, aber eben überzeugend spielender Darsteller, von denen er über mehrere verfügen kann. Julian Looman macht die Zerrissenheit seines Joe Gillis, der sich nicht zwischen dem Brokatglanz des Divenpalasts oder der echten Welt als brotloser, aber ehrlicher Schreiber entscheiden kann, spürbar. Wenn er im Finale in einem letzten Aufbäumen erkennt, was er da alles angerichtet hat und seiner Betty noch einmal vergeblich hinterherrennt, bevor es ihn vor lauter Schuldgefühlen zu Boden wirft, dann glauben wir Looman das. Ebenso wie wir dem überwiegend stocksteif und würdevoll durch das Geschehen schreitenden Reinhard Brussmann den vermeintlichen Butler Max von Meyerling abkaufen, dessen alles übertünchende Zuneigung zu Norma Desmond schon bald in zahlreichen kleinen Details sichtbar wird – und sei es nur ein Zucken des Kopfes.

Ein Kammerspiel - über die ganze Bühnenbreite inszeniert

Elisabeth Hübert hat es da schon schwerer, weil ihre Rolle – diese Tralalala-durchs-Leben-strahlende Betty Schäfer mit ihrer kreuznaiven Ach-ich-weiß-ja-auch-nicht-so-recht,-worauf-ich-mich-so-einlasse-hihihi-Dämlichkeit - zu der am wenigsten nachvollziehbaren des Stücks gehört. Aber das Liebesduett, hübsch weiträumig über die ganze Bühnenbreite in Szene gesetzt und doch ein Kammerspiel zwischen zwei Personen, ist so ansprechend gesungen und nett naiv gestaltet, dass man auch hier eine Ahnung bekommt, wie sich das wohl anfühlt, dieses „Ach, ohweh, jetzt hab ich mich irgendwie verknallt, was mach ich denn jetzt bloß mit dem Verlobten, sowas doofes…“ (seufz).

Wenn’s emotional wird, lotet das Orchester die Tiefen aus

Ein großer Star dieses Abends aber ist die Partitur. Sie ist mit eine der überzeugendsten, die Lloyd Webber überhaupt komponiert hat, und es ist gut, dass dieses Musical das große Sterben der 90er überlebt hat (siehe auch hier). Wie sich hier schmissige 20erJahre-Jazz-Nummern und emotional ergreifende Balladen im Stile von „Memory“ die Waage halten, ist von einer selten erreichten Eleganz. Dirigent Tjaard Kirsch – der sich noch vor fünf Jahren im Affenzahn durch die „Evita“ hechelte, als müsste er dringend den Abendflug erreichen – lotet mit seinem Ca. 20-Mann-Orchester diese Stellen angenehm raumgreifend aus, gibt aber in den Jazznummern dem Affen Zucker. Das sitzt. Meistens. Nur bei „Dann bis bald“ (im Original viel treffender: „Let’s have Lunch“) passen Orchestergraben und Bühne plötzlich gar nicht mehr zusammen, was sich auch nicht mehr retten lässt. Schade ist auch, dass die durchaus vorhandenen Bläser nicht scharfkantig genug zu hören sind in dem irgendwie fad abgemischten Klang, der durch die Lautsprecher dringt.

Und dann ist das Microport zugesuppt – willkommen im Aquarium

Ach, überhaupt, die Tonregie, da ist manches noch ausbaubar. Kaum sind mehr als acht Mikros gleichzeitig im Einsatz, sind mehrere Darsteller nicht zu hören – die Geräte werden gar nicht oder zu spät übertragen. Oder das: Da suppt dem Hauptdarsteller das Microport voll mit Schweiß und es gibt keine Möglichkeit, ihn zu retten. Geschlagene zwanzig Minuten lang klingt Gillis, also Looman, als spräche er direkt aus einem schaumstoffumwickelten Aquarium zu uns (unsere kleine Vierrerrunde hat in der Pause umfangreich diskutiert, ob es nicht ein charmantes Rettungsgimmick gewesen wäre, wenn Butler Max einfach ein Handmikrofon überreicht hätte – oder wie sich das Ganze sonst hätte retten können – wäre es für das Publikum gar eine szenische Überforderung gewesen, einen Tontechniker in die Szene treten und ein neues Mikro anklemmen zu lassen?).



Nicht alles ist überzeugend an diesem Abend

Auch auf der Bühne gerät nicht alles überzeugend: Dass Choreograph Danny Costello sich für die Hollywood-Trubel-Studioszene wenig tänzerische Variationen hat einfallen lassen, ist schade, er kann soviel mehr, siehe „Crazy For You“. Darüber, dass eine Autoverfolgungsjagd nur mit in der Hand gehaltenen Lenkern und in verschiedenen Kreisen auf der Bühne herumlaufenden Darstellern simuliert wird (von denen einer ein „Sunset-Boulevard“-Schild mit sich trägt), lässt sich immerhin streiten. Manche fanden’s witzig, manche einfach doof, ich selbst bin noch immer unschlüssig. Dass die zwei großen „Ankleide-Kosmetik-Tanznummern“ des Stückes zu slapstickhaften Grotesken ausgebaut werden, ist am Anfang noch nett, wirkt im zweiten Akt aber arg bemüht. Dass das alte Auto einer der heimlichen Stars ist und wenigstens genauso beklatscht wie die Darsteller, hat in Tecklenburg eine gewisse Tradition – dass Reinhard Brussmann als Max es dann, offenbar mit Zwischengas (?) oder ähnlichem hadernd, beinahe vor die Wand setzt (jedenfalls wirkt das vom Zuschauerraum aus so), lässt einen kurzzeitig erschauern.

Gänsehautmomente und emotionale Intensität

Auch darüber ließe sich streiten: Dass Regisseur Andreas Gergen immer wieder eine Salome mit abgehacktem Jochanaan-Kopf auftreten lässt; eine Idee, die sich symbolistisch und gefühlsdeutend durch die ganze Inszenierung zieht und zu mystischen Bild- und Lichtstimmungen führt. Nur dass der Kopf mit seinem Rotbandgeflatter am Hals nicht allzu gruselig aussieht, sondern albern, zumal, wenn er von Tänzern wie ein Fußball durch die Luft geschleudert wird. Nun ja. Aber dann gibt es wieder einen Augenblick wie diesen: Im Hintergrund friert in blauem Licht das Filmstudio zur Zeitlupe ein, während sich im Vordergrund Maya Haakvort als Norma Desmond ihrer Überwältigung hingibt – „Als hätten wir uns nie Goodbye gesagt“ ist ein Gänsehauthöhepunkt dieses Abends. Einer von mehreren, wohlgemerkt.

Fazit: Ja, das lohnt sich – hoffentlich merkt es das Publikum auch


Denn das muss am Ende gesagt sein: „Sunset Boulevard“  auf der Freilichtbühne Tecklenburg ist ein Drama mit Tiefgang, das in der Regie von Andreas Gergen („Der Schuh des Manitu“) seine berührende Wucht entfalten kann. Es ist mit die überzeugendste Produktion, die man in Tecklenburg seit langem gesehen hat. Bleibt zu hoffen, dass sich auch das Publikum dafür findet – die meisten Musicalgucker scheinen ja doch eher die lockerleichte Komödienkost zu bevorzugen, die offenbar auch von manchen Gästen der „Sunset“-Premiere erwartet worden war. Die mitgekommenen und woanders sitzenden Kollegen erzählten am Ende jedenfalls von hinter ihnen sitzenden sektschlürfenden Kegelclubausflüglern, die selbst beim Tod des Joe Gillis noch ins große Kichern ausgebrochen sein sollen. Aber das ist eine andere Geschichte und sie ist an anderer Stelle publiziert worden. Nächstes Jahr ist sicher für alle was dabei: Dann gibt es "Cats". 

Und das übrigens ebenfalls in der Regie von: Andreas Gergen. Siehe da. 



(Fotos: eigen/Achenbach - Bildcollagen aus Bestandteilen des Programmheftes/alter Werbung)

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