Freitag, 25. Juli 2014

Der Sonnenuntergang des deutschen Musicals - eine kleine Reise zurück in die 90er Jahre





Osnabrück (eb) - Wahrscheinlich merkst Du genau daran, dass Du älter wirst: Wenn die Dinge, die Du hautnah miterlebt hast - so hautnah, dass Du sie jederzeit detailgetreu wiedergeben kannst - auf einmal von geschichtlichem Interesse sind. So geht es mir jedes Mal, wenn ich in meiner Funktion als Gastdozent an der Hochschule Osnabrück an das Ende meines Kurses gekommen bin - "die Geschichte des Musicals im englischsprachigen und deutschprachigen Raum" geht mit dem Musicalboom der 90er Jahre in ihre letzte Runde. 


Plopp, da platzt die Blase: Alles geht pleite, alles geht bergab


Auf meinem Lehrplan steht das Platzen der "ersten großen deutschen Musicalblase". Der Stella-Konkurs. Die vielen anderen obskuren Musical-Großprojekte jener Zeit, die allesamt mit Karacho in die Pleite gedonnert sind. "Space Dream" in Berlin, "Gambler" in Mönchengladbach, "Tommy" in Offenbach und, ja, eben auch "Sunset Boulevard" in Wo-war-das-jetzt-nochmal...? Ach ja, richtig, Niedernhausen. Habe mal nachgesehen: Das Städtchen hat rund 14000 Einwohner. Das dort 1995 von privaten Investoren gebaute Theater hat eine Kapazität von rund 1500 Plätzen. Nehmen wir mal an, dass man damals sechs Vorstellungen die Woche gespielt hat (Mittwoch, Donnerstag, Freitag und jeweils 2x am Samstag und Sonntag mit der Nachmittags-Mattinee) - dann haben binnen einer Woche bis zu 9000 Menschen das Musical erlebt und binnen zweier Wochen waren mehr Menschen im Theater als das Dörfchen Einwohner hat. Das konnte ja nix werden. Wurde es dann auch nicht.


Der Irrglaube der 90er Jahre 


Aber so war das in den 90er Jahren. Bei den Investoren hatte sich eine goldene Glaubensregel in den Köpfen festgesetzt: Wer erfolgreich ein Musical betreiben und richtig Geld damit verdienen will, der muss ein eigenes Theater dafür bauen. Also wurde das Land mit Theaterneubauten überzogen. An den möglichsten und unmöglichsten Plätzen und in einer ungesunden Häufung. Alleine 1995 eröffneten mehr als vier Theater alleine in NRW, alle fast nebeneinander. Und als im Dezember jenen Jahres das "Rhein-Main-Theater" in Niedernhausen eröffnete, ahnte man sicher noch nicht, dass nur zwei Jahre später eine umfangreiche Werbekampagne mit Peter Weck als Testimonial vonnöten sein werde, um den Laden überhaupt irgendwie am Laufen zu halten. Was auch nicht zur Rettung beitrug. 





Warum Friedrich Kurz cleverer war als seine Nachfolger 


Wie es zu diesem Irrglauben gekommen war? Zum einen sicherlich, weil der damalige Musical-Platzhirsch Stella von einem Immobilienspekulanten geleitet wurde (Rolf Dehyle, er verstarb kürzlich), zum zweiten, weil als leuchtender Fixstern das erfolgreiche (und aktuell noch immer betriebene) "Starlight-Express"-Theater in Bochum über allem schwebte. Nur dass dessen Bauherr Friedrich Kurz als ehemaliger Gründer der Stella und Initiator des deutschen Musicalbooms viel cleverer vorgegangen war als seine Nachfolger, wie das damalige "Musical-Sonderheft Nr. 11" recherchiert und berichtet hatte: Anstatt die Baukosten selbst zu tragen, ließ er einen Großteil davon die Stadt Bochum übernehmen. Schwäbisches Cleverle, das er war - ...und ist? Man wird sehen: Aktuell ist Kurz wieder in Sachen Musical unterwegs und investiert in den Standort Dresden - mit an Bord ist immerhin Star-Architekt Libeskind


Endlich geht es um Qualität - siehe "Sunset Boulevard"


Wie dem auch sei: Am 25. 7. (Freitag) hatte "Sunset Boulevard" auf der Freilichtbühne Tecklenburg Premiere und war damit erstmals in unserer Region zu sehen. Eine Nachbetrachtung findet sich an anderer Stelle in diesem Blog (hier klicken). Beim Betrachten werden einem zwei Dinge wieder bewusst: Zum einen, dass auch dieses Musical in Sachen deutscher Theatergeschichte eine wichtige Rolle spielt (siehe dazu auch meinen ON-Artikel von Mittwoch), aber vor allem, wie gut es als Stück gearbeitet ist und wie elegant Partitur und Textbuch doch sind. Die haben eine selten erreichte Qualität. Und das ist der Faktor, der in den 90er Jahren viel zu oft ohne Beachtung geblieben ist: Die Qualität des benutzten Materials. Öhm.... "Space Dream?"....  als Mega-Musical?.... hüstel, hüstel....  

(Fotos: Achenbach/eigen, Werbematerial Stella und Sunset Boulevard der 90er Jahre)



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