Samstag, 23. August 2014

Marillion bringen sich mit dem Doppel-Live-Album „A Sunday Night Above The Rain“ angenehm in Erinnerung – und da fällt einem auf, dass man geschludert hat



Osnabrück - Das ganz Besondere an der Musik von Marillion ist dieses sphärische Schweben, das allen Songs der Neu-Prog-Rocker innewohnt – heute so wie ehedem in den 80ern. Wie sehr, das zeigte 2014 diese Doppel-CD eines der legendären Live-Konzerte der Band. Alle Jahre wieder mietet sich die Band einen kompletten „Center Parc“ und spielt zwei Abende lang für alle Hardcore-Fans. Dieser Gig, in Holland aufgenommen, ist ein echter Höhepunkt – nicht nur, weil das hier komplett durchgespielte jüngste Studio-Album „Sounds That Can‘t Be Made“ (feiner, hypnotischer Titeltrack!) in neuem Glanz erstrahlt, sondern weil die restliche Songauswahl einen feinen Überblick über die Hogarth-Ära gibt, begonnen bei „Seasons End“ („The King Of Sunset Town“), über "Holidays In Eden" von 1991, "This Strange Engine" und "Marbles" von 2007 bis eben zum jüngsten Studioalbum. Nur ganz am Ende gibt es mit der Zugabe noch ein Zugeständnis an die alte Welt.  

Wer hat schon alles verfolgt, was nach der Fish-Phase so war? 

Mensch, die Band hat wirklich noch was zu bieten. Vielleicht hat es diesen die Spanne des musikalischen Schaffens überspannenden Überblick gebraucht, um "Marillion" für mich wieder zu einer hochspannenden Band werden zu lassen. Denn, mal Hand aufs Herz, wer hat schon wirklich alles verfolgt, was sich in der Nach-Fish-Phase bei „Marillion“ alles so getan hat? Ich gebe gerne zu, hier ein wenig geschludert zu haben... manchmal schien das, was Fish machte, spannender zu sein als das, was seine ehemaligen Bandkollegen so trieben. 

Bei "Gaza" rumpeln die Gitarren - Neo-Prog Rock, wie er sein soll

Dass das ein Fehler war, macht diese Live-Zusammenstellung angenehm deutlich. Das liegt vor allem am charismatischen 19-Minuten-Track "Gaza" aus dem neuesten Album "Sounds That Can't Be Made", das mit seinem Power-Riff und den orientalischen Anutungen zwei neue und für Marillion ungewöhnliche Stilelemente transportiert und dessen politische Aussagekraft gerade in diesen Tagen natürlich umso bedeutender wird. Das liegt aber auch am charismatischen "This Strange Engine" aus dem gleichnamigen Album, lang, vielschichtig und verschachtelt und gleichsam treibend wie zart und sacht, ein feines Stück Neo Progressive Rock bzw. Neo Art Rock, wie er sein sollte. Das macht Freude.

Ewige Diskussion: Wie sinnig oder unsinnig sind Live-Alben überhaupt? 

Live-Alben von Prog-Rock-Bands sind so eine Sache für sich. Oft scheint es, als gäbe es da nur zwei Kategorien - quasi  Schwarz und Weiß: Entweder werden die ohnehin schon üppigen Longtracks durch viele Soli und improvisatorische Entfaltungen auf Extralänge aufgepustet (deutsche Krautrocker sind darin besonders groß) oder die Songs werden eins zu eins und ohne jede Änderung so gespielt, wie sie auch auf der Platte zu finden sind (wie z. B. bei "Yes"). Tja. Marillion gehören zur Kategorie Nummer Zwei. Das lässt natürlich wieder Raum für Diskussionen: Wie sinnig oder unsinnig sind Live-Alben, wenn es gegenüber den Studioversionen keine spürbaren Veränderungen gibt? Braucht man das? 

So bedient Marillion die Fans: Einfach einen ganzen Center Parc mieten

Mit meinem Kollegen Werner Hülsmann von den Osnabrücker Nachrichten - mit dem zusammen ich die wöchentliche CD-Rubrik "Scheibenschießen" betreue - habe ich diese Diskussion schon oft geführt, durchaus auch öffentlich. Und ich bleibe dabei: Ja, live ist immer schöner! Vor allem, wenn sich die Atmosphäre im Konzertsaal auf die Aufnahme überträgt, wie es hier der Fall ist. Klar, für Marillion war die Sache einfach: Eine ganze Halle voller Fans, da muss man nichts mehr beweisen. Stilsicher werden die großen Nummern mitgesungen. Zufrieden werden die kleinen Perlen des neuen Albums aufgenommen. Die Empathie ist spürbar. Das macht eine Menge aus.

Die Bäuche sind runder und die Band macht ihr Ding

Parallel ist das Konzert übrigens auch auf DVD erhältlich - und es ist witzig zu sehen, dass sich an Marillion-Konzerten wenig verändert hat gegenüber den in den 80ern aufgenommenen Konzerten (wie beispielsweise der Loreley-Gig 1987). Klar, Fish war die weitaus aktivere Bühnen-Frontsau mit all den Sprüngen und den wirren Kostümen, Steve Hogarth ist da wesentlich zurückhaltender, was wiederum die Musik deutlich in den Vordergrund treten lässt. Der Rest der Kapelle steht wie ehedem gelassen auf der Bühne und zieht eisern seinen Stiefel durch. Mit deutlich runderen Bäuchen. Marillion ist eben eine Band, die mit ihren Fans älter geworden ist. Aber immer noch etwas zu sagen hat. Charismatischer Wiedereinstieg, dieses Album. Lohnt sich. Übrigens: Das für 2015 geplante Center-Parc-Festival ist bereits ausverkauft

Hörgenuss: 80 %.

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