Mittwoch, 12. November 2014

Ein Gitarrengott auf dem Boden der Tatsachen – vielfältiges Konzert von Tommy Emmanuel im Osnabrücker Rosenhof



Das hier ist ein Handyfoto – und damit zwangsläufig ein wenig unscharf. Man beachte das Zitat von Eric Clapton: "The best guitarist i ever heard". (Foto: eigen/Achenbach)


Osnabrück - Das hat natürlich etwas von Koketterie. Da steht also der Gitarrist Tommy Emmanuel am Abend des 11. 11. 2014 auf der Bühne des Rosenhof in Osnabrück und sagt: „Now I’d like you to meet my band“ („Jetzt stelle ich Ihnen meine Band vor…“) – nur um dann vorzumachen, wie er mit einer einzigen Gitarre und nur zwei Händen alle Stimmen und Instrumente auf einmal simulieren kann (also alles gleichzeitig), inklusive Bass, Schlagzeug, Rhythmus- und Leadgitarre. Okay, zugegeben: Wie er das macht, in welcher Geschwindigkeit und Perfektion und mit welchem handwerklichem Geschick, ist tatsächlich eindrucksvoll. Und insofern sei ihm der kleine Angeberschlenker verziehen, zumal er seine Moderation charmant und mit schalkhaftem Lächeln ausschmückt und dabei stets einen freundlichen Eindruck macht – dieser weißhaarige 59-jährige Australier.

Ganz spontan zum Konzert  - den Mann hatte ich nicht auf dem Schirm


Zu meiner Schande muss ich gestehen: Ich hatte Tommy Emmanuel sowas von überhaupt nicht auf dem Schirm, dass ich nie im Leben auf die Idee gekommen wäre, auf ein Konzert von ihm zu gehen. Die Welt der Akustik-Gitarren-Künstler ist nicht meine, dazu bin ich persönlich zu sehr im Prog-Rock verortet, und als aktiver Musiker (davon gab es im Publikum reichlich) tauge ich auch nicht, dafür ist mir der passive Musikgenuss zu wichtig (ich muss keine Notenlehre beherrschen, solange die Musik das Herz und die Seele zum Schwingen bringen – und wenn das nicht geschieht und die Notenlehre herhalten muss zur Erklärung, ist es keine schöne Musik mehr). Also: Tommy  Emmanuel = Carte Blanche für mich. Und dann  kamen auf einmal zwei Dinge zusammen: Erstens war unser Werner als der für die Kultur verantwortliche Redakteur der „Osnabrücker Nachrichten“ im Urlaub, so dass ich seinen Part übernommen und das eingehende Pressematerial betreut hatte – und zweitens stuppste mich spontan und kurz vor dem Konzert ein guter Kumpel an, ob das nicht mal wieder ein guter Ausgehabend wäre…

Natürlich gibt es auch Hits – spannender ist aber das Experimentelle


War es. Tommy Emmanuel versteht es, sein Publikum angenehm und abendfüllend zu unterhalten. Und das ohne großes Brimborium. Keine Lichtshow. Keine Roadies (nicht so wie der meckerige Steve Howe, der sich jede Gitarre von seinem persönlichen HiWi bringen lässt und ständig was an ihm rumzunölen hat, wie es in Bielefeld bei der „Yes“-Show 2012 zu erleben war). Stattdessen nur dieser Mann mit seiner Gitarre – und der Band, die keine ist. Emmanuels ureigene Arrangements von Songs wie „Blue Moon“ oder den größten Hits der „Beatles“ im Medley bringen den „Ah,-das-kenne-ich“-Faktor mit sich, lassen aber Raum genug für seine Virtousität. Spannender indes sind seine eigenen Kompositionen wie beispielsweise die den Indianern von Alaska gewidmete Komoposition „The Trails“, die mit Ryhtmusgeklopfe, experimentellen Tonspielereien und farbiger Lautmalerei beinahe in den Bereich des Progressive Rocks vorstößt (Hah!).

Der Mann musste mal ganz bei Null anfangen – „das hat gut getan“


Bei aller Virtousität – die er zweifelsohne hat – bleibt Emmanuel meistens angenehm auf dem Teppich. Das macht ihn sympathisch. Nicht nur wegen des Verzichts auf den Gitarrenbringer. In einer der längeren Geschichten, die er zwischendurch seinem Publikum erzählt, berichtet er von dem Augenblick, in dem er einmal seine Gitarren verkaufen musste, um die Familie weiter ernähren zu können. Da war er zwar schon ein gefeierter Gitarrenstar gewesen, musste aber dennoch noch einmal ganz von vorne anfangen. Das könne jederzeit jedem von uns passieren, warnt er sein Publikum, was aber nicht schlimm sei – besser ließen sich Demut und Dankbarkeit kaum lernen, sagt der 58-Jährige. Was hier aufgeschrieben wie ein Kalendersprüchlein anmutet, bringt Emmanuel so authentisch rüber, dass die kleine Ansprache fast einer der emotionalsten Augenblicke des Konzertes ist. Wie auch der Moment, in dem der Künstler von der Bühne aus beim Zusammenbrechen und Raustransport eines Besuchers fragt, ob das für alle okay wäre, wenn er seine Musik fortsetzte.

Am Ende geht’s um den Tod – das berührt tatsächlich


Am Ende bricht dann doch der Künstleranspruch bei ihm durch. Da entschuldigt sich Tommy Emmanuel für angeblich verstimmte Saiten, die wohl keiner außer ihm und zwei bis drei vielleicht anwesenden Konzertbesuchern mit dem absoluten Gehör wahrgenommen haben wird („Hier oben auf der Bühne ist eine Schlacht im Gange – ich gegen mein Stimmgerät… Das Gerät sagt, alles sei bestens, und ich sage, nein…-“). Aber das bleibt der einzige Ausreißer. Kurz danach stimmt er den Song „I Still Can’t Say Goodbye“ vom Countrymusiker Chet Atkins an, der ihn sehr geprägt hat und in dem es um den Verlust eines Vaters geht, der nicht überwunden werden kann, und Emmanuel macht eine ganz stille und zarte Ballade daraus, die uns eindringlich die Zerbrechlichkeit des Lebens vor Augen führt. Das ist dann der zweite emotionale Augenblick dieses Abends.

Das Autogramm muss auf die Gitarre – und Tommy gibt Nachhilfe


Kurz nach dem Konzert, vor der Bühne, gibt Tommy Emmanuel noch Autogramme. Eine Menge Konzertbesucher haben ihre eigenen Gitarren mitgebracht, um sie von ihm unterschreiben zu lassen. Klar, das Publikum hier besteht zu einem Großteil aus Gitarristen (mein Kumpel wähnt seinen Gitarrenlehrer ebenfalls im Raum). Dies ahnend hatte der Gitarrengott selbst noch während seiner Show eine kleine Nachhilfestunde gegeben und allen gezeigt, wie er mit seinen verschiedenen Fingern die verschiedenen Melodien und Stimmen parallel spielt. Erst ganz langsam, dann in der Affengeschwindigkeit, mit der er seine Läufe abzieht. Das hat natürlich etwas von Koketterie. Aber einer wie Tommy Emmanuel kommt damit durch. So nett wie der das macht. Ganz sicher. 

Tipp: Das nächste Konzert von Tommy Emmanuel findet am 27. 11. (Do., 20 Uhr) in Heidelberg statt.

Nur die PR-Maschinerie könnte noch mehr leisten


PS: Bleibt noch eines anzumerken, diesmal aus der Blattmacher-und-Journalistenperspektive und in Richtung der Tourneeveranstalter: Die PR-Arbeit für den Künstler könnte noch ein wenig mehr leisten als sie es tut. Ein nur aus wenigen Absätzen bestehendes Pressetextchen, das kaum zwei Zeitungsspalten füllt, ist für einen Künstler dieser Qualität dann doch zu wenig. Und auch das Zitat von Eric Clapton, das sich auf dem Tourneeplakat findet (der über Tommy Emmmanuel sagt, er sei der beste Gitarrenspieler, den er, also Clapton, gehört habe), ließe sich hervorragend im PR-Text benutzen. Wetten, dass das eine Menge Journalisten drucken würden?




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