Dienstag, 2. Dezember 2014

So waren „Magnum“ live im Osnabrücker Rosenhof - die Dinosaurier des Melodic Hard Rock mit Stimmproblemen und echten Hardcore-Stofftier-Rockern




Zwei Tage nach dem Osnabrück-Gig rockten Magnum in Mannheim – dieses Foto zeigt im Hintergrund einen Screenshot aus der empfehlenswerten Bildergalerie zum Konzertbericht von www.mannheim24.de, fotografiert von Christian Roth (Fotoquelle: eigen/Achenbach)







Osnabrück - Magnum sind tatsächlich eine überwältigende Band. Wenn auch in anderer Hinsicht als gedacht. Einen Tag nach ihrem Gig im Osnabrücker Rosenhof hat es mich schlicht aus den Socken gehauen: Was noch am Konzertabend eine stinknormale Erkältung mit etwas Schnupfen zu sein schien, nichts Wildes, verwandelte sich im Verlauf des Tags danach in eine veritable Grippe mit 39,2 Grad Fieber, wirren Traumnächten und allem Tammtamm. Erst jetzt geht es langsam wieder aufwärts. Und doch wollte ich keine Sekunde dieses vergangenen Donnerstagabends (27. 11. 2014) missen. Diese Band einmal im Leben gesehen zu haben, war mir wichtig – und zu Recht, denn wie sich zeigte, gehören auch Magnum zu der Sorte Rock-Dinosaurier, die langsam das Älterwerden nicht ignorieren können (so wie eben auch AC/DC – trotz des frischen neuen Albums). 

Ein Meet and Greet mal ganz anders – hallo Leute, das ist Odysseus!


Das Bemerkenswerteste an diesem Abend ist jedoch das, was vorab in der Pizzeria um die Ecke geschieht. Dort treffen wir zufälligerweise auf Russel und Gill, zwei Fans aus Mittelengland (England! Mittelengland! Nicht Mittelerde!), die extra wegen des Konzerts nach Osnabrück gekommen sind. Mit dem Flugzeug ging es nach Bremen und von dort mit dem Zug zum Hotel Westermann, weil es gleich neben dem Rosenhof liegt. Extra für den Song „Vigilante“ haben sie ein kleines Stofftier-Einhorn zum Schwenken dabei. Es heißt Ulysses, also Odysseus, und wird offiziell vorgestellt, was herrlich albern ist. Und für das jüngstens neu auf Single veröffentlichte „On Christmas Day“ hat Russell eine Weihnachtsmütze in der Tasche. Für diese Band und ihre Mitglieder, erzählt der Brite, fährt er überall hin. Sogar nach Kaufbeuren, wo Sänger Bob Catley einmal bei Avantasia dabei war. Die Fahrt ging über Prag. Weil es billiger war. Alles für „the mighty Magnum“.

In der Pizzeria vor dem Konzert treffen wir auf Ulysses - wichtigstes Konzert-Accessoire der beinahe mitreisenden englischen Hardcore-Fans Russell & Gill (thank u Russell for taking the picture!). (Foto: privat)

Aufklärung in der Pizzeria – alles, was man über die Band wissen muss


Es ist gut, noch wenige Minuten vor Konzertbeginn von der Erfahrung dieser beiden Hardcore-Fans profitieren zu können. Denn zugegebenermaßen ist Magnum eine der Bands, auf die ich erst in jüngster Vergangenheit gestoßen bin – und das, obwohl sie schon so lange dabei sind (shame on me). Erst „The Visitation“ von 2011 war das erste Album, das ich besprochen habe. Und seither alle in Folge. Denn dieser Mix aus melodiösen Hymnen mit machtvollen Power-Riffs und einem leicht progressiven Einschlag, zumindest aber mit gelegentlichen Rhythmuswechseln und größeren Strukturen innerhalb eines Songs, ist erstens genau meins und Magnum bedienen dieses Spektrum zweitens perfekt. Glaubt man Wikipedia und anderen Interneteinträgen, ist die mittlerweile 42 Jahre alte Band erst seit der Reunion von 2002 und nach längerer Pause wieder so gut wie in den mittleren 80er Jahren. Und als ich im Internet auf das Cover von „Vigilante“ stoße mit seinem weißen Einhorn vor der rosa Kitschkulisse, fällt es mir wieder ein: Klar, das war damals omnipräsent in den Plattenläden. Also, als es noch sowas gab wie Plattenläden

Der Look: Playboy-Rentner auf Mallorca – von Vorruhestand keine Spur


Dann also: Das Konzert. Erfreulicherweise – und wie von Hardcore-Fan Russell angekündigt – spielen Magnum im ersten Teil ihres Sets ausschließlich Material von den neuen Platten, um dann zu den für den Rest des Publikums (und für den Neue-OZ-Experten) bekannteren Klassikern überzuleiten. Doch was ist mit Sänger und Bandgründer Bob Catley los? In seinem „Playboy-Rentner-auf-Mallorca“-Outfit mit oben aufgeknöpftem Hemd, schwarz mit Glitzerapplikationen, goldenem Halskettchen und weißwehender Föhnfrisur sieht der immerhin 67-Jährige zwar tiefenentspannt aus, scheint aber Probleme mit seiner Stimme zu haben. Was auf den Alben noch echter Gesang war, ist hier heute die erste Stunde lang kaum mehr heiseres Gebrülle. Der Mix tut sein Übriges dazu: Die Stimme ist viel zu leise gemischt gegenüber des Rests. Und schon steigt in einem die böse Vermutung auf, ob das vielleicht Absicht ist? Ansonsten aber ist Catley von Anfang an der Stimmungsmacher. Die Arme fliegen auf und ab, wildes Gestikulieren, immer wieder das lockende Na-kommt-schon-klatscht-ordentlich-mit-Handwinken. Machen sie dann auch.


Das Motto: Fäuste schwingen, Mitstampfen, Kopfnicken – klappt!


Denn rocken können sie immer noch, diese älteren Herren – und haben das Publikum von der ersten Sekunde im Griff. Spätestens ab dem letzten Drittel, das vom großartigen „The Spirit“ eingeleitet wird, ist der erstaunlicherweise nur zu zwei Dritteln gefüllte Rosenhof der Band verfallen. „The Spirit“ startet als Midtempo-Ballade nur mit Gesang und Gitarre und einem ätherisch-spirituell angehauchten Text, steigert sich dann aber in eine fäusteschwingende Power-Mitstampf-Kopfnick-Hymne. Apropos Kopfnicken: Das ist das Motto des Abends. Schon zuvor, im ersten Teil, hat das bewegende „Freedom Day“ aus dem erstaunlich dichten Album „The Visitation“ zu ersten emotionalen Wallungen geführt. Und das Monster-Riff aus „Black Skies“ aus selbigem Album – hier in immer wiederkehrenden Schleifen auf Überlänge ausgewalzt - hat die Rock-Fraktion überzeugt. Bei so einer gleichsam emotionalen wie auf Wucht getrimmten Musik fragt man sich schon, warum diese Band nie in den Olymp der ganz, ganz Großen aufsteigen konnte? Vielleicht weil in den 80ern das konkurrierende Überangebot so groß war und sich der Sound der Band seither nur wenig verändert hat? Tja... - Wie schlägt sich der Rest der Band? 


Weiße Mähnen flattern im Ventilatorenwind - auch hier ein Screenshot aus der Bildergalerie zum Konzertbericht von www.mannheim24.de, fotografiert von Christian Roth (Fotoquelle: eigen/Achenbach) 


Wehende weiße Mähnen – wo sind bitte die Ventilatoren versteckt?


Gitarrist Tony Clarkin trägt ein gut gestutztes Mini-Ziegenbärtchen zum runden großen Glatzkopf, was ihm ganz gut steht, vor allem, wenn er mit konzentrierter Miene seine Soli aus der Gitarre zaubert. Dennoch möchte ich mit dieser Maschine von Mann keine erhitzte Diskussion haben (der könnte glatt als Türsteher durchgehen), auch, wenn der schon 68 Jahre alt ist … Ein wenig freundlicher, aber ungleich energischer, wirkt Drummer Harry James (54), auch glatzköpfig und mit einem ebenfalls gut gepflegten und einmal den Mund umrundenden Bärtchen. Keyboarder Mark Stanway (60) – seit den 80ern mit dabei und im Vergleich zu Internetbildern recht füllig geworden – sieht zuweilen aus wie eine übellaunige Mixtur aus Gaby Kösters und Rick Wakemann von „Yes“, was ein wenig irritierend ist, aber er spielt wunderbar und macht ganz locker sein Ding da oben. Nebenbemerkung: Haben eigentlich alle Keyboarder einen extra Ventilator irgendwo versteckt, der ihnen die weißen langen Haare aus dem Gesicht pustet? Das habe ich mich schon beim „Yes“-Konzert in Bielefeld vor einigen Jahren gefragt, als Geoff Downes‘ mit seinem wehenden Schopf eine beinahe mythische Anmutung hatte hinter den hohen Keyboardtürmen („Siehe, ich verkündige Euch…: Den Machine Messiah“).


Happy Birthday Al Barrow – oder wie ist das jetzt?


Alleine der Bassist Al Barrow – mit 13 Jahren Bandzugehörigkeit noch ein Magnum-Frischling – zeigt ganz offen eine ansteckende gute Laune, grinst, feixt, freut sich, wippt. Laut Russell ist der Konzertabend, also der 27. 11.,  sogar sein Geburtstag. Also Al Barrows‘ Geburtstag. Das lässt sich jedoch nicht offiziell bestätigen, weil es in allen Internetquellen nur heißt „Born in 1968“.


Ein wenig Moderation wäre ganz schön – oder etwas Lubhudelei


Eisern und superprofessionell zieht die Band da oben ihr Ding durch, Song um Song, alles ist gut, handwerklich auf hohem Niveau – und, ja, das rockt. Was jedoch ein wenig fehlt, ist eine Art von Moderation, ein nettes Wörtchen ans Publikum, ein wenig Persönliches. Vielleicht eine klitzekleine und gerne auch geflunkerte Osnabrück-Lobhudelei oder sowas (Russell mochte die Stadt, vor allem den Weihnachtsmarkt). Zwei Zugaben bilden den Abschluss, darunter das leicht progressive „On Christmas Day“ über jenen denkwürdigen Weihnachtstag der schweigenden Waffen in zwei Schützengräben des Ersten Weltkriegs. Und, siehe da, ganz vorne an der Bühne: Die Weihnachtsmütze auf Russells Kopf wippt auf und ab. Das Stofftier Odysseus hatte auch schon seinen Einsatz und wurde von Sänger Catley einmal über die Bühne getragen. Wie gut, dass die Band so treue Fans hat. Bei dem, was sie liefern können, hätten sie noch ein paar mehr verdient.


Druckvoll, energisch, mit Spaß am Posen – die Vorgruppe ist echt gut


PS: Am Rande sei noch die Vorgruppe „Ronin“ erwähnt, deren sehr junge Mitglieder nicht nur durch emsiges Gepose auffallen, sondern vor allem durch talentiertes Spiel, viel Energie und durchaus packende Songs in einem Mix aus Hardrock-Indie-Alternative. Mit hohem Melodieanteil. Das Erbe der großen Dinosaurier – da ist es also.  Wie heißt es doch im Refrain von Magnums „Vigilante”?: „Hold on, there's a new way a comin', looks like it's arriving tonight...". Well, maybe. Who knows. 

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