Donnerstag, 22. Januar 2015

Wenn ein Internetkonzern die Demokratie übernimmt: Dave Eggers Roman „Der Circle“ (The Circle) zeigt eine dystopische Zukunftsvision – zu Recht umstritten?


Acht CDs, 602 Minuten Spieldauer - und erhöhte Suchtgefahr. "Der Circle" als Hörbuch war ein Erlebnis für sich. Glaubt man anderen Rezensenten, ist die geschriebene Fassung zäher zu konsumieren.   (Achenbach-Foto/eigen). 


Osnabrück – Die Geburt meiner Tochter war ganz sicher eine der überwältigendsten Erfahrungen, die ich je gemacht habe. Noch heute bin ich dankbar dafür, wie reibungslos und problembefreit das Ganze gelaufen ist und wie schön es war, diesen kleinen brüllenden Mini-Menschen das erste Mal auf dem Arm zu haben. Allerdings wäre diese Freude für mich eingetrübt gewesen, wenn meine Tochter per Gesetz dazu zwangsverordnet gewesen wäre, mit dem Eintritt ins Leben auch einen Pflicht-Account bei dem einzigen den Markt und die ganze Demokratie beherrschenden Online-Anbieter annehmen zu müssen, weil sie sonst nicht hätte wählen gehen können, geschweige denn einen Personalausweis beantragen oder generell am demokratischen Leben hätte teilnehmen können – weil sie ohne Online-Profil also nicht als richtiger Mensch anerkennt gewesen wäre. So, wie es in der Dystopie „The Circle“ von Dave Eggers als Zukunftsvision geschildert wird. Science Fiction? Nein, das passt nicht. Neo-Tech-Thriller? Ja, das schon eher.

Ein Buch mit Sogwirkung – wenngleich keine hohe Literatur


„The Circle“ (oder „Der Circle“, wie der saudämlich übersetzte nicht-wirklich-deutsche Titel des Buches lautet) ist ein sehr spannender, wenn auch vor allem unterhaltender Roman, den ich quasi sogähnlich konsumiert habe und für den ich jede freie Sekunde genutzt habe, was mir nicht allzu oft geschieht. Zugegeben, der Stoff hatte mich gepackt. Was daran gelegen haben mag, dass ich mir den Roman in der Hörbuchfassung habe vorlesen lassen (fesselnd interpretiert von dem 40 Jahre alten Schauspieler Torben Kessler), was natürlich eine schnellere und leichtere Rezeption mit sich bringt als das eigene Lesen. Wie andere Blogger und Rezensenten geschrieben haben, fanden manche die geschriebene Fassung wohl etwas zäher zu lesen. Und das mag sein: Gelegentliche Auflistungen von „Likes“ und Rating-Zahlen können auf Papier zuweilen ermüdend wirken.

Viel Kritik nach dem Erscheinen – manches davon stimmt


Im vergangenen August erschienen, hat der Roman schon viele Diskussionen nach sich gezogen - und auch viel Kritik geerntet. Manches davon mit Recht. Dass die Charaktere eher Schablonen bleiben, auch wenn sich Eggers Mühe gibt, sie hier und da ein wenig plastischer zu machen; ja, das stimmt. Dass der Roman allzu plakativ mit den offensichtlichen Überwachungsängsten unserer Zeit spielt und letztlich nur leichte Übertreibungen aufzeigt, wo die wahre Technik womöglich noch wesentlich Drastischeres mit uns machen könnte – wahr auch das. Dass die Internetkonzerne und ihre Vorgehensweisen hier einseitig dämonisiert werden und sie als reinrassige Bösewichte dargestellt werden (und dass das in Mode ist derzeit); ja, auch das ist ist so. Dass Dave Eggers alle aktuellen gesellschaftlichenGegenströmungen gegen die Überdigitalisierung der Welt außer acht lässt, den immer größer werdenden Wunsch vieler Menschen, das Leben zu vereinfachen und die Technik zu reduzieren – absolut richtig, das findet nur am Rande statt. Dass das Werk eben vor allem ein Thriller ist, der beinahe filmartig angelegt ist, aber keine tiefergehenden Debatten über das Thema Überwachung enthält – ja, auch sehr wahr.

Juli Zeh sagt: Eine Pflichtlektüre!


Das alles stimmt. Aber wie schon die deutsche Autorin Juli Zeh in einem hörenswerten Beitrag im Deutschlandradio angemerkt hat, will der Roman ja eben eine Debatte anstoßen und sie nicht vorwegnehmen – und dass er dabei das Mittel der Unterhaltung nutzt, sei nicht anstößig, sondern zu begrüßen, weil auf diese Weise noch mehr Menschen erreicht würden. Juli Zeh geht sogar so weit zu sagen: Das Buch ist Pflichtlektüre! Das ist vielleicht ein wenig überspitzt. Aber auch nur vielleicht. Denn der Roman verdichtet einfach alles, was derzeit technisch längst möglich ist, zu einer bedrückenden Zukunftsvision der Totalüberwachung – die aber von den Nutzern und den Machern nicht als eine Bedrohung wahrgenommen, sondern frenetisch gefeiert und angenommen wird. Was das eigentlich Erschreckende, wenn auch nicht Unglaubwürdige, an diesem Werk ist. Man schaue sich nur einmal an, was manche Menschen alles bei Facebook posten – begeistert davon, dass sie es können.

Teilen ist Heilen, alles Private ist Diebstahl


„Totale Transparenz“ lautet das fiktive Motto der Zukunft. Eine flächendeckende Totalüberwachung wird hier zum Heilsversprechen für die gesamte Menschheit. „Geheimnisse sind Lügen“, „Teilen ist Heilen“ und „Alles Private ist Diebstahl“ – so heißen die Leitmotive dieser neuen Gesellschaft. Nur so könne die Welt besser werden, propagiert der Internetkonzern „The Circle“ in dem Roman. Denn wo keine Privatheit mehr möglich ist – außer in der Toilettenkabine –, da kann es auch kein Verbrechen mehr geben. Wo die Menschen mit Chips in ihren Knochen bestückt und jederzeit aufspürbar sind, lohnt sich keine Entführung mehr. Für Verbrecherjagden ist dann auch nicht mehr die Polizei zuständig. Das organisiert der Schwarm der Nutzer einfach selbst, den Tools des Internetkonzerns sei dank – und, schwupps, schon tauchen die Drohnen neben einem zuvor markierten Gesuchten auf, was weltweit alle verfolgen können.

Hauptfigur im Glück – frisch angestellt beim Marktführer


Aber was geschieht eigentlich in dem Roman…? Ich mache es mir leicht und nehme kurzerhand den vom Verlag „HH – Hörbuch Hamburg“angebotenen Klappentext: „Mae Holland wird von dem Internetkonzern ,The Circle‘ angeheuert. Ziel des Unternehmes ist, durch vollkommene Transparenz ein neues Zeitalter einzuläuten. E-Mails, Social Media, Bankdaten, Einkaufsverhalten werden genutzt und zu einer  Online-Identität verdichtet. Mae kann es kaum fassen: Sie darf für den einflussreichsten Konzern der Welt arbeiten! Doch was genau ist ihre Rolle?“

Dave Eggers und sein Projekt einer einmaligen Tageszeitung


Ich gebe unumwunden zu, dass der „Circle“ das erste Buch ist, das ich von Dave Eggers gelesen habe. Und das erste Mal, dass ich mich mit diesem 44-jährigen Intellektuellen intensiver beschäftigt habe. Obwohl ich Eggers als einen Macher auf dem Schirm hatte, der interessant sein kann (unter anderem wegen seines spannenden Bekenntnisses zum Medium Tageszeitung – einmalig erschienen, heiß begehrt), bin ich einfach noch nicht zu ihm durchgedrungen.

Hey Dave, hol mal den Holzhammer: Subtil ist hier nichts


Asche über mein Haupt. Glaubt man den Rezensenten, ist „Der Circle“ allein deswegen kein gelungenes Eggers-Buch, weil seine anderen Werke subtiler, intelligenter, facettenreicher und weniger holzschnittartig gearbeitet sind. Okay, das stimmt, der „Circle“ ist an keiner Stelle subtil. Die fiktiven Firmenchefs dieses Internetgiganten werden in quasireligiöser Verehrung „Die Drei Weisen“ genannt, das ganze Unternehmen hat eher Sektencharakter. Wer hier arbeitet, ist kein Angestellter, er ist ein Gläubiger, dementsprechend wird auch nicht hinterfragt, was dort gemacht wird, sondern einfach nur bejubelt. Das übrigens habe ich dem Roman ohne weiteres abgekauft – es gibt sehr wohl solche Firmen. Und solche Mitarbeiter. Nicht alleine im Silicon Valley.

Und doch ist man gefesselt – wenig bleibt unglaubwürdig


Und das ist der Punkt: Es gibt so viele Aspekte in diesem Buch, bei denen sich die Grenzen zwischen „gerade noch glaubhaft“ und „sehr gut möglich“ auflösen. Das macht das Ganze so fesselnd. Nichts von dem Geschilderten ist absolut unglaubwürdig. Es wird Eggers oft vorgeworfen, dass er keinen (fiktiven) Protest gegen die Vorhaben des Konzerns darstellt, dass Politik und Gesellschaft hier einfach alles schlucken, was das Unternehmen so macht. Selbst, wenn es sich dabei um eine Überwachungskamera handelt, die plötzlich direkt vor der Haustür hängt und ihr Bild weltweit überträgt.

Wie gut der Mitarbeiter ist, sagt sein Social-Media-Ranking


Es stimmt schon, dass sich die Gegenstimmen auf ein paar wenige Figuren beschränken, darunter zum Beispiel einige Politiker, die aber bald von der Bildfläche verschwinden. Oder auf Maes Eltern, die sich im Verlauf der Handlung dem unguten Treiben einfach entziehen, indem sie verschwinden. Verschwinden aus einem Haus, das mit Kameras vollgestopft ist. Ansonsten aber folgen alle bereitwillig den neuen Leitlinien dieser neuen Gesellschaft. Wer nicht sozial aktiv ist – und gemeint ist natürlich das „digitale Sozialwesen“ -, der hat kein gutes Ranking im allgemeingesellschaftlichen Vergleich. Oder im Firmenvergleich. Denn natürlich hat jeder Mitarbeiter des Circles einen sekündlich aktualisierten Zahlenwert, der seine Aktivität im sozialen Netz widerspiegelt. Oder auch: seine Beliebtheit. Und den es hochzutreiben gilt. Auch hier gilt: Es gibt solche Menschen. Und da ist noch mehr.

Demokratie per Mausklick – wer braucht eine Regierung?


Die wohl erschreckendste, weil vermutlich realistischste Zukunftsvision des Romans ist die Vorstellung von Demokratie, die der Circle umzusetzen beginnt. Da braucht es kein Parlament mehr, keine Parteien, keine Debattenkultur, es wird einfach vom gesamten Volk per Mausklick über alle Fragen abgestimmt. Möglich macht es „DemoVis“, das Abstimmungstool desKonzerns. Wie die „Welt“ so schön schreibt: Eine Software, von der selbst die Piratenpartei noch nicht zu träumen wagte. Sollen wir einen gefangengenommenen islamistischen Anführer töten oder leben lassen? Klick. Sollen wir mehr vegetarische Gerichte in der Mensa einführen? Klick.  Sollen wir den Kongress abschaffen, weil wir selbst die Macht haben? Klick. Alle Macht dem Volk – einfach so? Auweia. Und doch sind die gesellschaftlichen Strömungen, die in diese Richtung gehen, nicht von der Hand zu weisen. Auch hierzulande (siehe unten).


Mein Lieblings-Smartphone ist dieses praktische Holzgerät von meiner Tochter: Es speichert nichts, überwacht nichts, hört nichts, ortet nichts. Und sieht todschick aus.   (Achenbach-Foto/eigen)

Fakt ist: Auch unsere Gesellschaft geht in diese Richtung


Schaut man sich einmal an, welche Debatten wir in Deutschland gerade führen und welche Gruppierungen enormen Zulauf bekommen – in denen die Demokratie und das Mehrparteiensystem immer vehementer komplett abgelehnt werden, genauso wie das „System Presse“ – , lässt sich gut vorstellen, dass diese Vision einer „Demokratie von allen“ bzw. der „Demokratie per Mausklick“ eine verführerische Wirkung auf viele Menschen hätte. Bleibt bloß eine Frage unbeantwortet – und auch die lässt der Roman ganz bewusst offen: Wer ist es eigentlich, der die Fragen stellt und die Themen auswählt? Wer hat diese Macht? Und wie kommt diese Person an ihr Amt?

Eine moderne Interpretation von Huxley und Orwell  


Schöne neue Welt? Ja, schöne neue Welt. Das passt: Huxley und Orwell standen natürlich Pate für diese Vision. Wie die Rezensenten ThomasSteiner in der Badischen Zeitung und Andreas Bernard in der F.A.Z. aufzeigen, bedient sich Dave Eggers ganz bewusst der Schemata, die schon in „Brave New World“ und vor allem in „1984“ eine Rolle spielen, um sie in die moderne Zeit zu übertragen. Neu ist das alles also nicht, höchstens geschickt übersetzt. Doch betrachtet man die Tatsache, dass der Roman noch vor den Enthüllungen rund um die NSA-Datenspeicher-Affäre geschrieben worden ist (die USA-Veröffentlichung des Buches erfolgte beinahe zeitgleich), kann man Dave Eggers eines nicht abstreiten: Er hatte zumindest den richtigen Riecher zur richtigen Zeit. Hoffentlich nur, was sein Thema angeht, nicht seine Visionen. Ist das Buch also eine Pflichtlektüre? Sicher nicht für alle. Für manche aber schon.


Wehe, wenn der Kreis sich schließt - dann droht die "Vollendung". Wer genau hinsieht, der merkt, dass der Kreis in der Mitte des Logos noch nicht geschlossen ist, sondern ein "C" darstellt. Das spielt in der Handlung eine wichtige Rolle.       (Achenbach-Foto/eigen)   


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