Mittwoch, 11. März 2015

Schöner scheitern mit "Jekyll & Hyde" - ein paar Erinnerungen daran, wie 1999 der deutsche Musical-Boom zu Ende ging – damals, als alles endete



"Jekyll & Hyde" in Osnabrück - Premiere am 14. 3. 2015. Für seine neue Musicalproduktion hat das Osnabrücker Theater sogar eine Anzeige in der "Musicals" als der Fachzeitschrift für die Branche geschaltet.   ( Achenbach-Foto) 


Osnabrück - Als „Jeykll & Hyde“ im Februar 1999 in das ganz neu gebaute Musicaltheater am Richtweg in Bremen einzog, war die große Krise des deutschen Musicals zwar schon spürbar. Doch kaum einer ahnte, dass sie bereits kurz vor ihrem Höhepunkt stand. Der Gigant der Branche, die Stella Entertainment, war schon arg ins Straucheln geraten, weil man die vielen laufenden Musicals und ihre Theater-Neubauten allesamt mit einer jahrelangen Laufzeit und einer Dauerauslastung von 90 Prozent kalkuliert hatte. Als die Sitzplatzbuchungen dann auf bis zu 78 Prozent pro Vorstellung absackten, geriet das Konzept ins Wanken, doch die Stella hielt das Köpfchen noch über Wasser. Vorerst.

Nix als Pleiten - war das Musical doch nicht die reine Cash-Cow?


Pleite gegangen waren Andrew Lloyd Webbers „Sunset Boulevard“, für das man, wie der „Spiegel“ damals so schön schrieb, „in der Einöde bei Niedernhausen“ eigens ein Theater gebaut hatte. Die Rockoper „Tommy“ von „The Who“ hatte in einem umgebauten Theater in Offenbach keine 500 Vorstellungen überlebt. Das gigantomanische „Space Dream“ in Berlin machte irgendwann einfach die Türen dicht, so dass die Besucher einer Vorstellung verwundert vor einem verschlossenen Theaterbau standen. Für „Gaudi“ in Köln hatte man extra das gigantische Theaterzelt errichtet, das eigentlich als Provisorium gedacht war und dann einfach stehenblieb, selbst, als das Musical 1997 nach nur einem Jahr Laufzeit an dieser neuen Stelle die Biege machte. Und das, obwohl man Investoren über Jahren erzählt hatte, das Musical daselbst sei eine einzige Cash Cow. 

Mit 1400 Plätzen ein Theater im Mittelmaß – dazu ein unbelecktes Stück


Dennoch wähnten sich die Bremer Verantwortlichen auf der sicheren Seite. Und das zu Recht. Mit seinen 1400 Sitzplätzen gehörte der Neubau zur mittleren Größe moderner Musicaltheater – zum Vergleich: die „Neue Flora“ in Hamburg bietet knapp 2000 Gästen Platz und das Musicaltheater am Potsdamer Platz in Berlin verfügt über rund 1750 Plätze. Und mit „Jekyll & Hyde“ hatte man für die Erstbespielung ein unbelecktes Musical gewählt, das nicht nur bei Hardcore-Fans zu den heißerwarteten neuen Stücken gehörte und das seit 1997 am Broadway lief (damals noch ohne David Hasselhoff, der kam erst im Jahr 2000 dazu). Es hätte alles gutgehen können. Ging es dann aber nicht.


Ein Wiener brachte es auf den Punkt: Es gab niemals eine Musicalkrise 


Wenn jetzt also bereits seit Mitte März 2015 das Muscial „Jekyll & Hyde“ als aktuelle Musicalproduktion im Osnabrücker Theater am Domhof aufgeführt wird (siehe auch meine Besprechung der Produktion an anderer Stelle in diesem Blog), werden die Erinnerungen an diese Zeit wieder in einem wach. Für einen Theater- und Musicalinteressierten aus meiner Generation wird Frank Wildhorns Erstlingswerk immer verknüpft bleiben mit der großen Krise des deutschen Musicals und der Marktbereinigung der Jahre 1997 bis 2002. „Es gibt keine Krise des Musicals, es ist die Krise der Produzenten“ – diese weisen Worte sprach der damalige Generalintendant der Vereinigten Bühnen Wien, Harald Klausnitzer, als Nachfolger von Peter Weck zum „Spiegel“.

"Jekyll & Hyde" ist gutes Theater - ohne negative Schlagseiten


Wobei das Musical „Jekyll & Hyde“ diese Verortung im Negativen nicht verdient hat, das muss klar gesagt sein. Denn mit diesem, seinem ersten, Theaterstück hat der ursprünglich aus dem Pop-Sektor stammende Komponist Frank Wildhorn seine theatralischste Komposition überhaupt abgeliefert und ein musikalisches Niveau erreicht, an das er selbst nie wieder anknüpfen konnte. All seine moderneren Kompositionen wie „Dracula“ oder „Der Graf von Monte Christo“ sind nichtssagende Aneinanderreihungen von Popsongs, die so etwas wie einen unverwechselbaren Charakter vermissen lassen (das änderte sich erst später wieder mit "Bonny & Clyde"). Ganz anders der „Jekyll“: Hier kommen die Massenszenen noch als chor- und orchestertaugliche Walzertakt-Nummern daher, hier ist die dramatische und alles in Gang setzende Exposition – die Ablehnung von Jekylls Arbeit durch ein Expertengremium – eine mit wilder Musik untermalte Theaterszene, die einen zu packen versteht.

Gottseidank bietet Jekyll & Hyde“ kreative Entfaltungsmöglichkeiten


Unvergesslich bleiben auch die unterschiedlichen Inszenierungen, die dieser Stoff im deutschen Raum bereits hat erleben dürfen. Wie schön, dass man hier Vielfalt zulässt. Denn was die Vorgaben an das Regieteam angeht, scheinen die Rechte-Inhaber beim „Jekyll & Hyde“ wesentlich entspannter zu sein als bei, sagen wir, „Les Miserables“. Kurz gesagt: Die Regie hat relativ freie Hand. Anders ist nicht zu erklären, dass das Staatstheater Kassel einen „Jekyll“ hat machen dürfen, der auf ein Bühnenbild weitestgehend verzichtete. Und dass das Theater Bielefeld 2007 eine damals von mir gelobte, weil erschreckend düstere, Horror-Vision auf die Bühne bringen konnte.

Unvergesslich: Der Bremer Lichtschlauch in die Ewigkeit (aus der „Aida“)

Schon der legendäre Opern-Regisseur Dietrich Hilsdorf – der hier seine bereits 1989 für „Aida“ in Essen entworfene spektakuläre Lichtkonstruktion zur erneuten Aufführung brachte – durfte sich 1999 bei der Bremer Produktion kreativ entfalten. Da gab es keine Gestaltungsvorgaben aus Amerika, keinen „Resident Director“, der ein fertig geschmiedetes Regie- und Ausstattungskonzept eins zu eins umzusetzen hatte wie einen Bauplan für einen Amusement Park… wie es bei der Disney Corporation stets der Fall ist.

Die Bremer CD-Einspielung (links) schwelgt in schön breiten Tempi, krankt aber an der miesen Übersetzung - da war die Wiener Fassung (rechts) schon besser, auch wenn der Dirigent hier arg geschwind durch die Partitur hindurchhetzt.  (Achenbach-Foto) 

Schon Bremen wusste alle Bedürfnisse zu vereinen – Hilsdorf sei Dank


Und wie geschickt die Bremer Produktion ganz moderne Regie-Ansätze mit dem großen Anspruch der Musicalfans an perfekte Technik, überwältigende Special Effects und herzerwärmende große Momente zu vereinen verstanden hatte, war schon beeindruckend. Hätte es nicht vorab die „Elisabeth“ gegeben, die genau das schon vorgemacht hatte (mit einem ebenfalls rein aus dem Opernfach stammenden Regisseur namens Harry Kupfer), hätte man von einer bahnbrechenden Produktion sprechen müssen. Überzeugend war sie auf alle Fälle. 

Marktbereinigung: Als das Ende kam, scharrten schon die Hufen…


Und doch: Am 30. Juni 2000 war Schluss mit „Jekyll & Hyde“ in Bremen. Und es war Schluss mit dem Musicalboom in Deutschland. Mittlerweile hatte auch Stella Entertainment die Insolvenz beantragt – für sich selbst und für die 28 selbstständigen Tochterfirmen. Der neue Konkurrent, die heutige „Stage Entertainmant“ und damalige „Stage Holding“ von Joop van den Ende, stand schon in den Startlöchern und hatte im Gepäck ein tragfähigeres Konzept für einige der Ex-Stella-Theaterhäuser, die man sich in einer großen Übernahmeaktion einzuverleiben dachte. Die dringend notwendige Bereinigung des deutschen Musicalmarktes war bittere Realität geworden. Gut und Böse hatten auch hier, wie immer im Leben, ganz dicht beeinander gelegen.


Jekyll & Hyde am Theater Osnabrück ("Theater am Domhof") – Das Musical läuft noch bis zum 6. 6. 2015 , Sonntag, im Theater Osnabrück und wird ab dem 27. 9. 2015 in die nächste Spielzeit übernommen (siehe auch den Beitrag: "So ist das Musical Jekyll & Hyde im Theater Osnabrück in der Spielzeit 2015").

Karten und Infos unter www.theater-osnabrueck.de oder unter Telefon 0541/7600076 oder persönlich an der Theaterkasse.


In Innsbruck, in Gera, in Eggenfeld und in Osnabrück - "Jekyll & Hyde" gehört zurzeit zu den meistgespieltesten Stücken des modernen Musicalgenres.   (Achenbach-Foto) 









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