Samstag, 7. März 2015

Das beste Ü-Ei seit beinahe 10 Jahren - Hasse Fröberg, der Gitarrist der „Flower Kings“, überrascht im Frühjahr 2015 mit dem Soloprojekt „Hasse Fröbergs Musical Companion“ und neuem Album „HFMC“



Osnabrück - Seit ich über Musik schreibe, habe ich von so etwas geträumt: Du nimmst Dir irgendeine CD aus dem Stapel der Promo-Post, also der „einfach-so-zugeschickt-bekommenen-Presse-Post“, irgendeine, aufs Gratewohl, legst sie in den Player – und das Ding haut Dich von den Socken. Ich schreibe seit fast 10 Jahren professionell über Musik, seit ich bei der Neuen Osnabrücker Zeitung die „CD der Woche“ eingeführt hatte (ist mittlerweile eingestellt – nur kurz nach meinem Wechsel zu den Osnabrücker Nachrichten). Und in all der Zeit habe ich reichlich CDs zugeschickt bekommen, angefodert und nicht angefordert. Aber der Traum vom Superknaller aus der Überraschungstüte blieb lange Zeit unerfüllt. Bis jetzt.

Das Cover ist übel, der Waschzettel englisch – warum nahm ich die CD?


Das Album heißt einfach nur „HFMC“. Das steht für „Hasse Fröberg & Musical Companion“, also die Interpreten dieses Albums. Okay, ich gebe gerne zu, dass mir der Name nicht wirklich geläufig gewesen ist. Das Cover dieser Scheibe ist, gelinde gesagt, eine nette Malerei auf Volkshochschul-Niveau. Beides war es also nicht, was mich zum Zugreifen verleitet hat. Vielleicht einfach pures Glück? Der dazugehörige Infozettel, also der Waschzettel, wie wir sagen – übrigens komplett in Englisch – gibt den Mann als Gitarristen der „Flower Kings“ aus. Ah, okay. Da klingelt was. Entfernt. Man muss schon ein echter und mit allen Wassern gewaschener Progressive-Rock-Fan sein, um diese Band wirklich zu kennen – auch ich kenne noch viel zu wenig von ihnen, weiß aber, dass es sich dabei um ein Quintett handelt, dessen Stil zwischen dem klassischen Prog-Rock der 70er Jahre und dem Neo-Prog der 80er changiert und das Elemente von Genesis, King Crimson  oder Yes enthält und gerne mal die Hammondorgel neben der Gitarre dröhnen lässt.

Die Songs sind bis zu 15 Minuten lang – aber überraschend eingängig


Genau dieser Mixtur bleibt Hasse Fröberg auch bei seinem Soloprojekt treu – und mischt noch eine ordentliche Portion AOR dazu. Es gibt ein paar Passagen auf diesem knapp 65 Minuten langen Album, die erinnern vom Klang her sogar an Toto. Radiotauglich, bekömmlich, massenkompatibel. Wobei die Songs von ihrem Aufbau her ganz klar im Progressive-Millieu anzusiedeln sind:  Mit einer Länge von 5 bis 15 Minuten, mit abwechslungsreich vielschichtigen Verschachtelungsstrukturen, gefälligen Melodien, rhythmischen Verbindungsbrücken und solistischen Ausbrüchen. Und doch ist es ein überraschend eingängiges Rockalbum, das einem sofort ins Ohr geht. Klassisch im Arrangement (fünf Musiker, zwei Gitarren, Drums, Bass, Keyboards), angenehm druckverdichtet und mit einer ordentlichen Portion Dynamik, wissen die sieben Songs des Albums – eingerahmt von einem Intro und einem Outro – auf Anhieb zu gefallen. Da mutet es umso merkwürdiger an, dass dieser talentierte Musiker mit seinen Soloprojekten selbst in der umfassendsten deutschen Prog-Rock-Enzyklopädie, den „Babyblauen Seiten“, nur mit einer einzigen Rezension seines 2012 veröffentlichten Albums vertreten ist. 

Die Refrains erinnern an Toto – das geht sofort ins Ohr


Jetzt also diese Platte. Am Anfang tickt eine große, alte Standuhr – und die sich leitmotivisch durch das ganze Album ziehende Melodie kommt ganz unbemerkt angeschlichen. Dann dauert es nicht lange, bis die Platte mit dem Fünfzehnminüter „Pages“ ihren ersten Höhepunkt erreicht. Da ist echt alles drin. Harmoniegesang im Yes-Format, ein Rockrefrain wie aus einem Ohrwurmkatalog („So many pages left to turn…“), mittendrin jazzige Rhythmussektionen und langsame wie schnelle Passagen im Wechsel. Erstaunlich. Die sanfte Ballade „Genius“ schrammt haarscharf an der Kuschelrock-Kitschgrenze vorbei, aber mit dem zehn Minuten langen „In the warmth of the evening“ fängt sich das Album rasch und schwenkt wieder auf einen respektablen AOR-Prog-Rock-Mischkurs ein. Da bleibt es dann auch, gottseidank. Am Ende wieder die Standuhr - und das Gefühl, ein tolles Stück Rockmusik erlebt zu haben. Was vor allem an dem hervorragend komponierten  Material liegt. Sehr ansprechend.

Hätte, gäbe, wäre, könnte… - willkommen im konjunktivischen Teil


Womit wir zum konjunktivischen Teil dieser Plattenbesprechung kommen müssen: Gäbe es nicht so viele neue Alben von so vielen namhaften Künstlern, hätten wir nur mehr Platz im redaktionellen Teil unserer „Osnabrücker Nachrichten“ und hätten wir die Auswahl nicht auf zwei CDs pro Woche beschränkt – dieses Album fände sicher seinen Weg in die „Scheibenschießen“-Rubrik unserer Wochenzeitung. Wo es ganz gut aufgehoben wäre, hätten wir uns nicht – angesichts unseres zu 90 % aus dem normalen Mainstream stammenden Publikums (das eher aus Phil-Collins-und-Radio-Hörern besteht als aus gekonntes-Gefrickel-liebenden-Progrock-Fans) – dafür entschieden, allen großen Namen den Vorzug zu geben. Und was das angeht, ist das Frühjahr eben hervorragend bestückt: Madonna, Nena, Mark Knopfler, Europe, Andreas Kümmert, die Donots, ja, nicht zuletzt Toto selbst mit einem hervorragenden neuen Album….. das sind die Hochkaräter, die unbedingt ins Scheibenschießen gehören. Armer Hasse Fröberg. Muss mit diesem Blog vorlieb nehmen. Und das, obwohl es sicher eine Weile dauern wird, bis ich wieder so einen Glücksgriff landen kann. Aber bis dahin läuft dieser hier noch einige Mal in meinem Player. 

Hörgenuss: 90 Prozent.


(Hasse Fröberg Musical Companion, „HFMC“ – Glassville Records/Soulfood – im Plattenladen seit März 2015)


Keine Kommentare: