Freitag, 20. März 2015

Das Neue Album von "Toto" (März 2015): Die "XIV" ist wieder spürbar ein Gemeinschaftswerk - der AOR-Rock-Dinosaurier ist lebendiger denn je



Da ist es wieder - das markante Toto-Schwert, das schon so viele Plattencover zierte.  (PR-Promo-Image)


Osnabrück (eb) - Fast zehn Jahre ist es her, dass mit „Falling In Between“ das lange Zeit als das letzte geltende Album der Rock-und-Radio-Giganten von „Toto“ erschien. Erst im März 2015 kam dann das Album Nr. 14 – von der Band selbst als so gelungen gepriesen, dass es als offizieller Nachfolger vom legendären Album „4“ gilt (dem mit „Rosanna“ und "Africa"). Deswegen wird die Platte auch offiziell in römischen Ziffern mitgezählt, so wie damals die mit dem roten Cover. Und, siehe da, das obligatorische Toto-Schwert schwebt natürlich auch wieder auf dem Cover - diesmal als quasireligiöses Sinnbild in einer dunklen Gasse. 

Tragische Begleitumstände - der Tod überschattet den Prozess


Der Ex-Sänger Bobby Kimball bleibt zerstritten mit dem Rest der Band, also steht erneut der Sohn von „Star-Wars“-Komponist John Williams, Joseph Williams, am Mikro (wie schon bei „7th One“ und „Fahrenheit“ und wie bei mancher Tournee; unter anderem der auf einer überzeugenden DVD festgehaltenen Tour zum 35-jährigen Bandgeburtstag). Ansonsten sind vom Stammpersonal mit dabei: Gitarrist Steve Lukather, klar, Keyboarder David Paich, der zweite Keyboarder Steve Porcaro – und am Bass erstmals wieder Gründungsmitglied Dave Hungat. Womit wir bei den tragischen Begleitumständen sind, unter denen diese neue Platte erscheint. Denn die Einnahmen der anstehenden Tour sollten der Behandlung des schwer an ALS erkrankten Ex-Bassisten Mike Porcaro dienen (er stieß 1982 zu der Band dazu und war bei den wichtigsten Alben mit dabei). Doch dazu sollte es nicht mehr kommen: Am 16. März 2015 – und damit fünf Tage vor Erscheinen des Albums – starb Porcaro an der Krankheit.

Druckvoller Rock, große Chöre und ein Funk-Monster - da ist alles drin


Und doch wirkt es so, als hätte die Idee, die Tour zum neuen Album ihrem Ex-Mitglied zu widmen, die Band zu neuen Leistungen angetrieben. Der Start ist jedenfalls großartig. Nach dem druckvollen „Running Out Of Time“ folgt mit „Burn“ schon gleich die erste große AOR-Hymne, die auf einem hübschen Klavier-Riff aufbaut und sich immer weiter steigert. Auch sonst ist halt alles drin, was Toto gut macht: Ein massiv treibender Bassgroove im „21st Century Blues“. Große Chorpassagen in „Unkown Soldier“. Flüssige Mitschnipp-Refrains wie in „Chinatown“. Oder ein Funk-Monster wie „Fortune“, das eigentlich im Midtempo angeschlichen kommt, sich aber mit seinem feschen Offbeat-Rhythmus und dem dicken Klavierteppich unweigerlich direkt in Deine Seele schwingt. Macht gute Laune – eines der besten Stücke des Albums.

Es gibt sogar ein wenig progressiveres Gefrickel - bleibt aber radiotauglich


Zweiter Höhepunkt ist sicher das vielschichtige „Orphan“, das wie ein Rock‘n‘Roll-meets-Gospel-Crossover startet und sich mit spontan aufbrechender Gitarrenmacht durch mehrere sich rhytmisch verändernde Ebenen durchpeitscht. Das ist vor allem beim ersten Hören eine echte Überraschung, denn da ist echt alles drin, eine Spur Prog-Rock, ein radiotauglicher Refrain aus dem Segment des Erwachsenenrocks und die hervorragende Gitarrenarbeit von Steve Lukather. Aber was ist das, bitte? Dass der Song am Ende ausgeblendet werden muss wie ein schlechtes 80er-Jahre-TV-Playback, ist echt ärgerlich! Punktabzug!

Nicht alles ist so gelungen - am Ende wird's wuselig


Allerdings gibt es auch Nichtigkeiten. „The Little Things“ plätschert so poppigseicht vor sich hin, dass es kaum auffällt. Und das Finale fällt mit "Great Expectations" - trotz mehrfach wechselnder Strukturen innerhalb des Songs und fetter Orgelsounds - auch eher flach aus. Der Refrain zündet einfach nicht, der Song bleibt irgendwie wuselig. Oder man muss ihn noch ein paar Mal durchhören? Mal sehen. Was dagegen positiv auffällt:  Man merkt allerorten, dass die Platte ein Gemeinschaftswerk ist. Lukathers Gitarre steht weniger im Vordergrund als schon einmal (z. B. bei der "Kingdom Of Desire"), sondern ist zweckdienlich in ein passendes Gesamtgefüge hineingemischt. Stattdessen übernehmen David Paichs und Steve Porcaros Keyboards hier öfter mal die Leadfunktionen. Im „Georgy-Porgy“-Lookalike „Chinatown“ spielt auch Paichs Background-Gesang eine merkliche Rolle.  

Fazit: Vielleicht kein neuer Klassiker im Format der "IV", aber auf jeden Fall ein sau-, saugutes Album. Läuft immer mal wieder auf Heavy Rotation in meinem CD-Player, auch noch im April 2015.
 
Hörgenuss:
90 %.


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