Mittwoch, 6. Mai 2015

Das Kleine gibt es jetzt im Großen: So ist der „Schimmelreiter“ nach Theodor Storm in der Schauspielversion des Theaters Osnabrück in der Spielzeit 2014/2015


Marcus Hering als Deichgraf - alleine die Körpersprache erzählt die Verwandlung des jungen Burschen in einen vom Ehrgeiz zerfressenen Erwachsenen.   (Theater-Pressefoto/Uwe Lewandowski)
Osnabrück – Großes Drama, kleines Spiel: Ganz am Ende dieses Stückes müsste es eigentlich tosen, brausen, wüten und dröhnen – immerhin bricht das Meer in einem wilden Sturm über dem neuen Deich zusammen, reißt Stücke vom Land weg, nimmt sich das geforderte und vorab verweigerte Menschenopfer…  doch der Schauspieler Marcus Hering spricht als gebrochener Deichgraf Hauke Haien nur ganz leise und fast verstummend, was seine Erzählung in der Stille der Bühne, die er alleine beherrscht, nur noch eindrucksvoller macht. Noch zwei Worte, dann: Licht aus. Und keiner traut sich zu klatschen. So geht gutes Theater: Den Kontrast erhöhen, um maximale Wirkung zu erzeugen. Entsprechend eindrucksvoll endet die aktuelle Dramatisierung von Theodor Storms beliebtem Drama „Der Schimmelreiter“ am Theater Osnabrück (gesehen am 4. Mai 2015 in der Abendvorstellung) – ein Abend, der vielerlei Überraschungen brachte…

Ein Lob den Schülern: Nur bei der Vergewaltigung ein unsicheres Kichern


Überraschung Nummer Eins: Das Publikum. Es ist jung. Sehr, sehr jung. Und sehr, sehr diszipliniert. Wenn eine Inszenierung aus dem kleinen Studiotheater umzieht in das Große Haus, ist das stets ein Qualitätsbeweis. Seit das kleinere „Emma Theater“ in Osnabrück für einen Umbau geschlossen wurde, wird die Schimmelreiter-Aufführung auf der großen Bühne gespielt.  Bei der ersten Vorstellung an neuer Spielstätte war der nicht ganz ausverkaufte Saal zu mehr als 90 Prozent gefüllt von 10- bis 14-jährigen Schülern und nur zu wenigen Prozenten von regulär zahlendem und älterem Publikum. Das ließ Schlimmes befürchten (wie schon einmal an anderer Stelle erwähnt, haben wir bei solchen Anlässen schon eine Menge erlebt), war aber prima. Respekt vor den Schülern! Gebannt verfolgten die jungen Leute die Inszenierung, kein Labern, keine Handys, nichts störte… – nur bei einer recht physisch ausgelebten Vergewaltigungsszene zog ein verunsichertes Kichern durch den Saal, ansonsten blieb es still (Es ist der sich unbeachtet fühlende Großknecht Ole Peters, dargestellt von Orlando Klaus, der eine Dienstmagd auf den Tisch prügelt und sie scheinbar in das Holz zu rammen scheint… - eine drastische Szene). Dass das Stück in verträglichen 80 Minuten ohne Pause effizient und kompakt auf die Bühne gebracht wurde, macht es dem jungen Publikum außerdem leichter.

Vier Darsteller, drölfzich Rollen – Ein kleines Ensemble meistert hier alles


Überraschung Nummer Zwei: Das Ensemble. Es ist kleiner als gedacht, was dem Kammerspielcharakter der Inszenierung zugute kommt (der übrigens auch im Großen Haus gut funktioniert): Die Geschichte vom Schimmelreiter und seinem Bauvorhaben wird von einem Vier-Mann-Ensemble umgesetzt, das jeweils in verschiedene Rollen schlüpft und abwechselnd oder auch gemeinschaftlich die Erzähler-Funktion übernimmt. Mit der Osnabrücker Schauspiel-Ikone Klaus Fischer ist der einzige schon seit Jahrzehnten hier auftretende Darsteller dabei, der inzwischen wohl über 70 sein muss, mit den jungen Kräften Marcus Hering, Stephanie Schadeweg und Maria Goldmann stehen drei der 2011 frisch nach Osnabrück gekommenen Kräfte auf der Bühne. Wie es den Anschein macht, wird auf eine akkurate Sprachausbildung heutzutage noch mehr Wert gelegt – Fischer ist zuweilen etwas unverständlich, vor allem, wenn er in hoher Stimme spricht, der Rest des Ensembles dagegen ist hervorragend deutlich zu verstehen.

Auf der Bühne nichts als Tische und Stühle und eine Videowand


Überraschung Nummer Drei: Das Bühnenbild. In einer insgesamt recht düsteren und teils auch gruseligen Atmosphäre werden nur drei Tische und zwei Stühle, die Videoprojektionen im Hintergrund und die Soundeffekte aus dem Off zu verdichteten Bild-und-Klang-Visionen, die ihre Wirkung nicht verfehlen (Bühnenbild: David Gonter). Eine Reihe umgekippter Tische symbolisiert den neu gebauten Deich. Ein stehender Tisch den alten. Den Rest machen die Schauspieler – und das machen sie eindringlich. Was wir hier erleben können, ist eine vorbildliche Ensembleleistung, jeder trägt seinen Teil dazu bei, auch die Regie sorgt für packende Verdichtungen (inszeniert hat den Abend die leitende Schauspielregisseurin Annette Pullen). Und da ist noch mehr...


"Schauspiel nach der Novelle..." - ob jetzt wieder die immergleiche Klage erklingen wird, dass es derzeit allzu viele Dramatisierungen im Theater gäbe?   (Thomas-Achenbach-Foto) 

Die immergleiche Klage: Es gibt zu wenig Neues, das wirklich taugt


Überraschung Nummer Vier: Die Dramatisierung. Es weht ja derzeit eine immergleiche Klage durch die deutsche Theaterwelt… weil es zu wenig interessante neue Stücke und zu wenig moderne Autoren gebe, stünden derzeit so viele Bearbeitungen von Romanen und Filmen auf den Spielplänen, dass es einem Qualitätsmangel gleichkäme, heißt es derzeit oft. Tatsächlich hat alleine das Theater Osnabrück in seiner aktuellen Spielzeit acht Dramatisierungen von bekannten Stoffen aus der Literatur im Programm (vier für Erwachsene, vier im Kindertheater). Darunter eben auch diese Bühnenversion des bekannten Dramas „Der Schimmelreiter“. Also mal wieder ein für die Bühne umgearbeitetes Stück Literatur… und wie so oft besteht diese aus einem Wechsel aus Erzählerpassagen, die von den Darstellern einfach vorgetragen werden, und tatsächlich inszenierten Schauspielelementen. Wobei letztere erfreulich oft im Vordergrund stehen (Konzeption: Alexander May). Anders als beispielsweise bei der eher langatmigen Bearbeitung des Romans „In Zeiten des abnehmenden Lichts“, die ebenfalls in dieser Spielzeit im Theater am Domhof zu erleben war und die wegen ihrer allzu langen Erzählpassagen oft auf der Stelle trat. Nicht so im Schimmelreiter: Da ist Schwung drin. Eine positive Überraschung, auch das.

Die Logik des Dramas: Wer keine Menschenopfer bringt, wird selbst eins


Überraschung Nummer Fünf: Man hatte ganz vergessen, wieviel da drinsteckt in dieser Mär des störrischen Deichgrafen – so vieles, was diesen Stoff so faszinierend macht. Da ist zum Beispiel die psychologische Ebene: Der nassforsche Jüngling, der in seinem Übereifer die Behauptung „Unsere Deiche taugen nichts“ in den Raum stellt – womit er unbestreitbar recht hat -, nicht ahnend, welche Widerstände sich ihm noch in den Weg stellen werden. Da ist der Reifeprozess zum von wildem Ehrgeiz getriebenen jungen Manne, der immer härter und unnachgiebiger wird, auch gegen sich selbst und seine Familie, und der sich immer mehr gegen die althergebrachten Traditionen der abergläubischen Dorfbewohner auflehnt, woran er dann schließlich scheitert…  (hatte er sich doch geweigert, dem Deich etwas Lebendiges zu opfern, geschweige denn, die sich verdichtenden Vorboten der Katastrophe wahrzunehmen). Alleine an der sich im Laufe des Abends wandelnden Körperhaltung des Schauspielers Marcus Herrig ist dieser Werdegang der Hauptfigur abzulesen. Erst aufrecht und mit breiten Schultern auf der Bühne stehend, sinkt er im Verlauf des Abends immer mehr in sich zusammen. Nur draußen auf dem Deich, hier symbolisiert durch einen Tisch, da zwingt er sich in stolze Pose.

Am Horizont die Geister – wenn eine Schauspielerin zum Pferd wird


Da ist aber auch die Omnipräsenz des Meeres und des Windes, die ihr Duett der ewig tödlichen Bedrohung singen, hier dargestellt durch Klangeffekte und Videoeinspielungen. Nur in wenigen Szenen sehen wir so etwas wie eine ruhige Mondnacht. Doch auch diese vermeintliche Ruhe bringt keine Entspannung, tauchen doch am Horizont als Schattenspiel jene Geistererscheinungen auf, an die die Dorfgemeinschaft fest glaubt und die der Deichgraf nicht wahrnehmen will. Wenn die Darstellerin Maria Goldmann im Licht der Theaterlampen ihre Arme in eine bestimmte Position bringt, sieht der Schatten, den sie wirft, wirklich so aus wie ein Pferd. Wie der Schimmel, der hier zur Symbolfigur des Weltentrückten und des Todesbringers wird. Auch das: Gut gemacht. Großes Drama, kleines Spiel, tolle Wirkung – gutes Theater. 

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( Achenbach-Foto)

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