Mittwoch, 27. Mai 2015

Nelson veröffentlichen ihr neues Album „Peace Out“ (Mai 2015) – die beiden Ex-MTV-Helden werden nicht unbedingt erwachsen. Das zeigt alleine schon das Rätsel mit dem geänderten Finger


Man beachte bitte die geänderte Fingerkonstellation auf dem Frontcover und der CD-Applikation - ob das von vorneherein so geplant gewesen ist?  (Achenbach-Foto)


Osnabrück - Lust auf eine kleine Portion gute Laune? Da macht man mit diesen beiden Jungs hier wenig verkehrt – Matthew und Gunnar Nelson sind die Zwillingssöhne des 1985 unter tragischen Umständen bei einem Flugzeugabsturz verstorbenen Rock’n’Roll-Heroes Ricky Nelson – der als einer der ersten Teenie-Stars des Genres gilt. Die beiden Zöglinge waren in den 90ern mal sowas wie MTV-Helden mit wellenden langen Haaren und Chart-Singles – naja, also, jedenfalls einer -, sind dann aber relativ in der Versenkung verschwunden. Dabei haben sie nie aufgehört, Musik zu machen. Mit „Peace Out“ veröffentlichen sie jetzt nach fünf Jahren ihr neues Album.  Und beweisen erneut, dass sie einen appetitlichen Mix an Musikstilen zwischen Gestern und Heute gefunden haben – auch, wenn sie es damit vermutlich nicht mehr in die Hitparaden schaffen.

Sind wir schon am Strand? Kannst ruhig noch weiterfahren…


Interessanterweise scheinen die Nelson-Jungs das Album aus längst geschriebenem Songmaterial zusammengestellt haben – die Copyright-Verweise im Booklet gehen zurück bis in die Jahre 2003, 2009 oder 2010, nur ein einziges Mal ist 2014 mit dabei. Über die Qualität sagt das allerdings nichts aus. Ein fröhlicher moderner Sommer-Rock’n’Roll dröhnt uns aus den Boxen entgegen – beim Opener „Hello, Everybody“ wird der Quirligkeitsfaktor fast ein bisschen übertrieben. Zündet dann aber doch, das Ding. Einmal dergestalt eingependelt, bleiben wir bei diesem munteren Sommer-Sonne-Strand-Sound: Der Harmoniegesang stammt noch aus der Zeit, in der ihr Vater die größten Erfolge gefeiert hatte. Das Arrangement ist ein klassisches AOR-Format im „Journey“-Stil – mit dezentem Country-Einschlag hier und da und einem freundlichen Kopfnicken in Richtung Hardrock-Segment.

Der Pazifik ist eh meistens zu kalt zum Baden


Die Songs sind überwiegend kompakte Drei- bis Fünfminüter, bei denen Gitarrenarbeit, Solo- und Backgroundgesang und ein klassisches Schema  im Vordergrund stehen. Die Refrains sind angenehm catchy, ein baldiges Mitsummen fällt selten schwer. Kurzum: Das ist die Sorte Musik zum Autofahren an einem sonnigen Urlaubstag (dazu passen Textzeilen wie „I’m Alive – Ain’t That Enough? What’s Not To Love!“ - erinnert übrigens durchaus an Keith Urban und sein "Who Wouldn't Wanna Be Me"). Der Rezensent sieht sich beim Anhören dieser Musik wieder selbst an kalifornischen Pazifik-Stränden stehen (der dort übrigens fast immer zu kalt zum Baden ist, das nur am Rande). Aber: Das alles ist ein bisschen auch das Problem dieses Albums – und der Band.

Matthew und Gunnar Nelson. Zwillinge. Rock-Söhne. Gitarrenmänner.   (Achenbach-Foto)


Tiefgang gibt es wenig – catchy Refrains dafür reichlich


Denn abgesehen von dem ironischen und packenden „Rockstar“ – einer der wenigen Midtempo-Nummern  auf der zwölf Songs umfassenden Platte – gibt es hier relativ wenig Tiefgang oder Komplexität. Für eine Rockband, die sich auch mal im Segment des Konzeptalbums versucht hatte, was ihnen dann auch einen Split mit der Plattenfirma einbrachte („Imaginator“ – 1996 veröffentlicht auf dem neu gegründeten eigenen Label), bedeutet das irgendwas genau zwischen einem Rückschritt und einer Rückbesinnung auf alte Wurzeln. Kann man so oder so sehen. Dass sich die beiden Söhne in der Zwischenzeit vor allem mit dem Werk ihres legendären Vaters beschäftigt haben, ist jedenfalls spürbar. Und, zugegeben, ganz frei von Füllseln ist das eine Stunde laufende Werk auch nicht. Macht aber nix.

Glücksfund in der Promo-Post – Danke für die Beigabe


Denn es kann sich durchaus lohnen, sich mit dieser Rockband zu beschäftigen – die Freunde aus dem AOR-und-Hardrock-Segment rund um Journey, Foreigner oder Boston werden ihren Spaß an dem Werk haben. Für den Rezensenten war das Album eine glückliche Promo-Beigabe bei der für die Osnabrücker Nachrichten besprochenen neuen Whitesnake, die sich ja nur an altem Material abarbeitet, wenn auch gekonnt… aber das ist ein anderes Thema. Jetzt erstmal ab an den Strand. Und schön laut aufdrehen, auf der Fahrt.

Anspieltipps: „Rockstar“ (Nr. 7), „What’s Not To Love?“ (Nr. 9.)

Hörgenuss: 75 Prozent.




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