Dienstag, 30. Juni 2015

Geschichte zum Anfassen: Onkel Rolf sagt „Fünf ist Trümpf“ – am 1. Juli 1993 wurden in Deutschland die neuen Postleitzahlen eingeführt – und wir haben es hautnah miterlebt


Gestatten, Trümpf. Ach nee, der heißt ja Rolf. Stimmt ja. Das Maskottchen für die Postleitzahlen. Das war noch vor Twipsy.  (Achenbach-Foto)



Osnabrück – Am 1. Juli 1993, also genau vor 22 Jahren, wurde in Deutschland ein kleines Stück Geschichte geschrieben, an das sich manche sicher noch erinnern. Damals wurde das System der Postleitzahlen umgestellt. In Zeiten, in denen es die E-Mail noch nicht gab, SMS und Handys noch nicht für Jedermann zur Verfügung standen und in denen ein normaler Haushalt maximal ein Telefon hatte, war das eine wichtige Sache – denn damals haben wir tatsächlich vorwiegend über Briefe kommuniziert. Und kein Brief kommt an ohne eine Postleitzahl (PLZ).

Eine Menge neuer Zahlen – das brachte Leid für Briefeschreiber


Statt wie bisher vier Ziffern waren die neuen Postleitzahlen jetzt fünf Ziffern lang. Statt wie bisher nur eine Postleitzahl für eine Stadt oder Gemeinde gab es jetzt in größeren Städten mehrere, so dass man allein anhand der Ziffernfolge ausmachen konnte, in welchem Ortsteil der oder die Angeschriebene wohnt. Beispiel Osnabrück: Reichte bis zu jenem Zeitpunkt die Postleitzahl 4500 in Kombination mit dem Straßennamen, so gab es jetzt neun mögliche neue Kombinationen für Privatbriefe (49074 bis 49090, immer in geraden Zahlen weitergesprungen). Nötig geworden war die Neusortierung durch die Deutsche Einheit und die Aufnahme der ehemals zu Ostdeutschland gehörenden Städte und Gemeinden in das System der Deutschen Post. Die Umgewöhnung war groß und fiel nicht leicht. Eine Übersicht über alle neuen Ziffernkombinationen fand sich im dicken „Postleitzahlenbuch“, das an alle Haushalte zugestellt wurde.

Ein dickes Ding – das brachte Leid für die Briefträger


Für die beteiligten Postboten keine schöne Aufgabe, denn das dicke Ding (1000 Seiten), das anfangs nur etwa alle zehn Jahre neu erstellt werden sollte (und seit der Neuauflage 2005 nicht mehr produziert wird – dem Internet sei Dank), war nun wirklich üppig und schwer. Es hat uns allerdings auch viele Jahre gute Dienste geleistet – ohne Internet und Google wäre es fast unmöglich gewesen, die benötigten Zahlen auf andere Weise herauszufinden. Der Autor dieser Zeilen, damals 17 Jahre alt, war 1993 nicht nur emsiger Briefe-, sondern tatsächlich auch schon Artikelschreiber. Als Medium diente die Schülerzeitung des altehrwürdigen Ratsgymnasiums zu Osnabrück, die „Rostra“ (das ist lateinisch für Rednertribüne), die den passenden Rahmen bot für die ersten journalistischen Gehversuche in verschiedenste Richtungen - und die als Talentschmiede für eine ganze Reihe von heute in der Pressebranche tätiger Mitarbeiter fungierte.

Erste Gehversuche in Satire – zwei Teenager nehmen die Post aufs Korn


Auch an das Format der Glosse bzw. der Satire wagten wir uns heran. Bei einem Gläschen Bier in einer Kneipe entstand in Kooperation mit einem befreundete Schülerzeitungsredakteur – heute noch elementarer Bestandteil des Freundeskreises – der unten angefügte Versuch einer Satire über die neuen Postleitzahlen. Überschrift: „Statt 08/15 jetzt 008/15“. Aus heutiger Sicht würde ein beherzter Rotstift dem Text sicher gut tun, auch müsste man die eine oder andere Pointe noch stärker zuspitzen – aber ganz unterhaltsam ist das Ergebnis immer noch. Nicht alle Texte gelangen seinerzeit so gut. Vielleicht muss man selbst dabei gewesen sein, vielleicht spürt man es aber auch so: Zwischen den Zeilen versteckt sich hier das muntere Gekichere und Gegluckse zweier Teenager nach dem Genuss zwei kleiner Bierchen. Oder…?

„Statt 08/15 jetzt 008/15“ (Originalüberschrift!)


„Die Tatsache, dass es bald neue Postleitzahlen geben werde, wurde uns ja bereits im Februar durch Werbespots von teuren deutschen Regisseuren bekanntgegeben. In den hervorragend und für sehr viel Geld – das man auch sinnvoller hätte anlegen können – produzierten Werbespots wurde der Slogan „Mehr Postleitzahlen für das gleiche Geld“ benutzt. Dies ist eine eindeutige Fehlaussage, denn wie bekannt ist, wurde das Porto für eine Postkarte um 20 Pfennig erhöht (das sind ca. ziemlich genau 29 Prozent), also bezahlen wir eben nicht das gleiche Geld, sondern mehr, was ja auch kein Wunder ist, denn irgendwie müssen die Schulden, die man mit den Werbespots gemacht hat, ja wieder reinkommen. Äußerst befremdend wirkte auf die meisten Menschen auch die posteigene Werbung für das neue Postleitzahlensystem. Man sieht eine Hand, und zwar offenbar die Hand eines Malers, der beim Streichen eines Briefkastens nicht aufgepasst hat, denn den Hand ist knallgelb. Neben der Hand steht „Rolf“, woraus wir entnehmen können, dass der Maler, dem diese Hand gehört, offenbar Rolf heißt.

Aber etwas ist merkwürdig an Rolfs Hand, denn normale Hände haben keine Mini-Schuhe unter der Handkante, und ein normal entwickelter Zeigefinger hat keine Sonnenbrille und keinen Mund. Der Mund dient der Hand des Malers Rolf dazu, uns ein lustiges Sprüchlein mitzuteilen: „Fünf ist trümpf“, so sagt uns diese gut eingekleidete Hand. Die Fünf steht für die neuen Postleitzahlen, das ist klar, denn aus vorher vier Ziffern werden nun fünf, aber warum diese Zahlen denn nun trümpf sind, weiß niemand. Und was heißt das eigentlich, „trümpf“? In einem alten Wörterbuch fanden wir nach langem Suchen endlich, was in keinem Duden zu finden war, nämlich die Bedeutung des Wortes „Trümpf“: Dort stand: „Umgangssprachlich für ständig besoffen sein oder rund um die Uhr einen sitzen haben.“

In welchem Bezug dies zu den neuen Postleitzahlen stehen soll, ist fraglich, und an welcher Stelle Rolf, der Maler, ins Spiel kommt, ist uns auch nicht klar. Offenbar hat die Post aber auch kein Geld mehr, um die Rätsel in Form einer aufklärenden Broschüre aufzulösen, und so stehen wir nun ratlos herum mit einer sprechenden Hand im Nacken. Na toll!

Seit Mitte Mai dürfte wohl jeder Haushalt auch sein Postleitzahlenbuch bekommen haben. Merkwürdigerweise häufen sich seither auch die Mordfälle, da in Fachkreise eingesessene Kriminalitätsbolzen (Mafia, RAF, IRA und die Vereinigung der international anerkannten Fugenauskratzer) das  Postleitzahlenbuch als neue Mordwaffe für sich entdeckt haben. „Dieses Buch“, so meinte kürzlich Josef Gnuddelmeyer, bayerischer Fugenauskratzer, „ist so schwer, dass es auch den größten Dickkopf kleinkriegt!“ Schön, dass die Post zumindest mit ihren Büchern noch Freude verbreiten kann, wenn es ihr auch sonst nur schwer gelingt.

Zu den neuen Postleitzahlen selbst bleibt nicht viel zu sagen, außer vielleicht, dass man sie vollständig und zu etwa 80 % richtig dem neuen Postleitzahlenbuch entnehmen kann. Nur eine wichtige Korrektur ist noch anzubringen: Böse Zungen behaupten, dass Kleinkleckersdorf die neue Postleitzahl 08/15 bekommen habe. Das ist nicht richtig, aus dem Verzeichnis entnehmen wir, dass Kleinkleckersdorf die Postleitzahl 00001 inneht.

Wenn uns am Ende des Artikels noch ein abschließender Kommentar erlaubt ist, so möchten wir in Anlehnung an den Slogal „Fünf ist Trümpf“ klar und deutlich sagen: Post ist Most. (TA/SH).“


Auch die Osnabrücker Nachrichten - damals noch als "ON am Donnerstag", weil die Sonntagsausgabe erst zwei Jahre später dazukam - berichteten. Die Frage bei großem Gewinnspiel lautete: Wie lautet Ihre Postleitzahl? Zu gewinnen gab es wertvolle Briefmarkensets. Und Trümpf war auch mit dabei. Ach nee, der heißt ja Rolf....   (Achenbach-Foto)

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