Mittwoch, 8. Juli 2015

Warum das Musical „Cats“ auf der Freilichtbühne Tecklenburg im Sommer 2015 als eine Sensation gilt und warum der Katzenball dort im Zirkus spielte...


Osnabrück/Tecklenburg  - Ein heißer Sommermorgen Anfang Juli 2015. Schon gegen 10 Uhr früh ist die Temperaturenmarke stramm in Richtung 30 Grad unterwegs. Die Freilichtbühne Tecklenburg hat sich abgeschottet: „Probe auf der Bühne, bitte nicht stören“, sagen die Schilder an den Treppen und Aufgängen, die zum Zuschauerbereich führen. Ein leichter Windzug geht über die Haut, das bringt Erfrischung – jedenfalls für alle, die nicht auf der Bühne stehen. Andreas Gergen, Regisseur der „Cats“-Produktion, sitzt entspannt und gut gelaunt im blauen Poloshirt und mit blauen Shorts bekleidet im Zuschauerraum und guckt sich an, wie die Choreographin Kim Duddy mit ein paar Tänzern an Bewegungen und Körpersprache arbeitet. Der Autor dieser Zeilen hat einen Interviewtermin für die Osnabrücker Nachrichten - und bekommt einen ersten Eindruck von "Cats"... Hier ist die ungekürzte Version des Interviews, das in den „ON am Sonntag“ vom 5. Juli 2015 aus Platzgründen nur gekürzt erscheinen konnte. Die in der Printversion entfallenen Fragen und Antworten sind hier durch zwei Sternchen gekennzeichnet. Mehr zum Thema - siehe auch die Mini-Serie "Mit Cats wurde alles anders" in diesem Blog....).

Gruppenbild mit Hund... - das Tier gehört einem der Darsteller und wird nach Aussage von Andreas Gergen rechtzeitig von der Katzenbühne verbannt... Unser Foto zeigt (von links) Intendant Radulf Beuleke, den musikalischen Leiter Tjaard Kirsch, Choreografin Kim Duddy und Regisseur Andreas Gergen bei einer Probe.  (Achenbach-Foto)


Osnabrück/Tecklenburg –  Andreas Gergen, das Musical „Cats“ ist jetzt fast 30 Jahre lang in der immergleichen Inszenierung zu sehen gewesen, so wie überall sonst auf der Welt  – nur in Tecklenburg und in Koblenz wird es jetzt zum ersten Mal in einer neuen Optik zu sehen sein. Wenn man ein solches Schwergewicht in Szene setzen muss - da geht man schon mit Respekt an so eine Aufgabe heran, oder?

Andreas Gergen: Zuerst einmal ist das eine Sensation, dass der Tecklenburger Intendant Radulf Beuleke tatsächlich diese Rechte genau im richtigen Moment angefragt hat, weil kurz darauf, mehrere Wochen später, wurden die Rechte auch wieder gesperrt. Das heißt: das wird vorläufig eine der wenigen Produktionen oder die einzige Produktion in diesem Rahmen sein. Und natürlich geht man mit Respekt an diese Produktion heran, man muss sich aber auch vom Original lösen, weil wir als Regie- und Choreografie-Team eigene Wege gehen wollen und eine neue Perspektive auf diese Produktion eröffnen wollen. Und auch überraschende Wege gehen wollen, wie z. B. eben in unserem Zirkuskonzept.

Die Katzen im Zirkus – wie ist es zu dieser Idee gekommen?

Andreas Gergen: Das Musical beruht ja auf den Gedichten von T. S. Eliot - und da  wird nicht genau beschrieben, wo dieser „Jellicle Ball“, um den es im Musical geht, stattfindet. Das Originalteam aus London hat entschieden, es auf einem Müllplatz stattfinden zu lassen. Aber es gibt keinen Hinweis auf einen Müllplatz im Textbuch. Und deshalb haben wir uns entschieden, einen anderen Ort zu finden, einen Ort, an dem jeder, der auf der Bühne ist, eine bestimmte Aufgabe erfüllen muss – da ist uns der Zirkus eingefallen. Und weil die Geschichte ja von einem Neubeginn handelt, lassen wir diesen Zirkus am Anfang durch die böse Katze Macavity abbrennen.

Sie hatten von den Rechteinhabern die Auflage mitbekommen, dass das Bühnenbild auf gar keinen Fall die bekannte Müllkippe sein durfte – oder anders:  es durfte auf gar keinen Fall etwas benutzt werden, was man schon gesehen hat. Eine Feuer legende Katze gehört ganz sicher dazu…  

Andreas Gergen: Genau. Bei uns ist  der Macavity ein bisschen psychopathisch, der hat Schlimmes erlebt. Gottseidank kann unser Tänzer, der die Rolle interpretiert, auch Feuer spucken. Und eben auf diesem Aschehaufen des verbrannten Zirkus spielt unsere Produktion. Denn den Katzen gelingt es im Laufe der Vorstellung diesen Zirkus allmählich wieder aufzubauen, zu reaktivieren und zum Strahlen zu bringen.

Das ist ja sehr vieldeutig, da lässt sich vieles reininterpretieren. Phönix aus der Asche – das kommt einem als erstes in den Sinn. Vergehen und Wiederauferstehen, ist das das Thema der Inszenierung?

Andreas Gergen: Genau das war unsere Intention. Weil die Hauptfigur in unserem Musical, also die Grizabella, bei dem Katzenball auserkoren wird als diejenige, die in den „Sphärischen Raum“ aufsteigen wird. Grizabella ist die Glamour-Katze, die mal ein strahlendes Starleben geführt hat, dann zu Fall gekommen ist und von den Katzen verstoßen worden ist. Das Stück ist sehr philosophisch, sehr vielfach interpretierbar und ein gefundenes Fressen für ein Regieteam.

Es gibt ja wenig Musicals, in denen die Tanzarbeit  und die darstellerische Arbeit so eng miteinander verwoben ist wie bei „Cats“. Das ist fast wie bei einer DNA-Spirale. Das heißt natürlich auch, dass die Regie und die Choreografie genauso eng sein müssen. Sie und Kim Duddy müssten also sowas wie Blutsgeschwister sein. Ist das so?

Andreas Gergen: (lacht) Das ist so, tatsächlich! Wir sind ein eingespieltes Team, wir haben bestimmt schon fünf oder sechs Produktionen gemeinsam gemacht, wir kennen uns – und die Idee, dass Kim diese Choreografie macht, lag wirklich auf der Hand. Sie ist Expertin, was „Cats“ angeht. Kim ist gebürtige Amerikanerin, hat in New York am Broadway gearbeitet und kam Ende der 80er Jahre zur „Cats“-Produktion nach Wien und ist auch dort geblieben. Sie hat drei Jahre in „Cats“ mitgespielt, und zwar alle Rollen rauf und runter. Sie hat das Hintergrundwissen, die Aufgaben der einzelnen Katzen, wer in welcher Verbindung mit wem steht. Das ist tatsächlich in diesem sehr tanzlastigen Musical sehr genau ausgelotet, welche Beziehungen die Rollen zueinander haben. Auf diese Erfahrung kann sie bauen und ihre eigene Variation kreieren.

Wie hoch ist der Anteil der Regie denn dann noch?

Andreas Gergen: (lacht) Ach, schon sehr hoch! Fifty-fifty, sagen wir mal. Die Konzeption spielt eine große Rolle, und es gibt  große gesungene Szenen neben den Tanzszenen. In dem Musical werden ja die einzelnen Katzen aus den Gedichten von T.S. Eliot vorgestellt. Da muss sich ein Regisseur schon viele Gedanken machen, wie die Figuren charakterisiert werden können und wie man das möglichst unterhaltsam und überraschend auf die Bühne bringt. Mit neuen kreativen Lösungen.... 

Ein Einblick: Das Bühnenbild für die kommende "Cats"-Inszenierung in einer Probensituation - gut zu sehen ist das Trapeztuch links und die Reckstange rechts, diese Requisiten werden ebenso wie die Rampen als Fläche für die Akrobatik dienen.  (Achenbach-Foto)


Sie sind 1973 geboren und  werden dieses Jahr 42 Jahre alt. Das heißt, als die Originalproduktion 1986 nach Hamburg kam und von sich reden machte als die erste kommerzielle deutsche Musicalproduktion, waren Sie 13 oder 14 Jahre alt. Wie haben Sie das damals erlebt?

Andreas Gergen: Als ich „Cats“ zum ersten Mal gesehen habe, hatte ich gerade mein Abitur gemacht. Das war Anfang der 90er Jahre. Ich habe mir das quasi selbst als Belohnung geschenkt – ein Musical-Wochenende in Hamburg mit dem „Phantom der Oper“ und „Cats“. Und ich muss sagen, dass „Cats“ mich damals sehr begeistert hat. Das war eine Überraschung, eigentlich bin ich wegen des „Phantoms“ nach Hamburg gefahren, aber „Cats“ hat mich mehr begeistert.

Also immer schon Musical-Fan gewesen? **

Andreas Gergen: Absolut! Und habe mich auch sehr früh schon mit den drei Disziplinen Singen, Tanzen, Schauspielen beschäftigt, bevor ich dann 1995 selbst Darsteller wurde. Ich bin ja eigentlich gelernter Musical-Darsteller. „Der Glöckner von Notre Dame“ war meine erste große Produktion, danach habe ich noch ein bisschen Fernsehen gemacht. Vorher habe ich in Saarbrücken, also in der Ecke, in der ich geboren wurde, am Staatstheater meine ersten Erfahrungen gesammelt, indem ich da im Opernchor mitgesungen habe, im Extra-Chor, im Extra-Ballet mitgetanzt habe und auch Schauspielunterricht genommen habe. Alle Disziplinen miteinander zu verbinden und wirklich alle diese Bühnenkünste zu erlernen, das hat mich schon immer fasziniert.

Sie sind ein Wandler zwischen den Welten. Sie inszenieren nicht nur Musicals, sondern auch Oper. Jetzt blicken wir auf fast 30 Jahre „Cats“ in Deutschland zurück. Mit „Cats“ hatte der Musical-Boom in Deutschland begonnen. Es entstand erstmals ein Bewusstsein für das Genre Musical als eigene Kunstform. Das ist lange her. Trotzdem könnte ich mir vorstellen, dass Sie als jemand aus dem Musical-Fach in der klassischen Sparte immer noch mit Vorbehalten gesehen werden, oder? **

Andreas Gergen: (nickt und schmunzelt) Ich bin ein Mann mit Missionen. Das heißt, genau gegen diese Vorbehalte versuche ich tatsächlich zu kämpfen. Meine Devise ist: Es gibt keine Trennung zwischen Unterhaltung und seriöser Kunst. Das ist die Philosophie im englischsprachigen Raum,  da gibt es diese Vorbehalte nicht. Da kann auch ein Trevor Nunn als Leiter der „Royal Shakespeare Company“ zwischen den Welten switchen. Auch Nunn hat Opern inszeniert, hat Shakespeare inszeniert und hat die Uraufführung von „Cats“ inszeniert. Ich finde, es wird Zeit mit diesen Vorbehalten aufzuräumen im deutschsprachigen Raum.

Sie haben eine Anstellung als Operndirektor im Salzburger Landestheater. Jetzt ist Sommer. Eigentlich müssten Sie doch auch mal frei machen, durchatmen, entspannen. Ist Andreas Gergen Workaholic – oder was machen Sie hier eigentlich? **

(Statt Andreas Gergen übernimmt der lachende und das Gespräch mithörende Intendant Radulf Beuleke die Antwort…) - Beuleke:  Andreas Gergen ist überall. Und er ist überall gleich gut. Wenn der Motor einmal läuft, gibt es kurze Phasen des Durchatmens für ihn, aber eine Produktion reißt die andere und ich glaube, so lebt er gerne. (Andreas Gergen lacht)

Und, Andreas Gergen - finden Sie sich darin wieder? **

Andreas Gergen: Da hat der Radulf recht. Also gar nicht mal, weil ich mich als Workaholic bezeichnen würde, sondern weil mir das wirklich so einen Spaß macht. Das ist tatsächlich meine Berufung und mein Leben und ich freue mich auf die Sommermonate, weil das ein ganz anderes Arbeiten ist, weil diese Bühne wieder eine ganz andere Voraussetzung schafft. Mich reizt es, neue Lösungen zu finden für ein Stück. Ich bin gerne der, der das Unmögliche möglich zu machen versucht. Als ich hier in Tecklenburg mein erstes Musical inszeniert habe, war das „Crazy for You“, eine Stepptanz-Show. Damals haben alle gesagt: Wie soll denn das möglich sein, hier kann man doch nicht steppen auf dem Betonboden? Und dann haben wir uns was einfallen lassen. Im letzten Jahr habe ich „Sunset Boulevard“ gemacht, da haben auch alle gesagt: Das ist doch so ein intimes Schauspielstück, wie ist das auf dieser riesigen Bühne denn möglich? Man muss intuitiv die richtigen Lösungen finden, Ideen reifen lassen, die Ideen zu sich kommen lassen und offen sein für neue Wege.

Sie haben ja auch mal eine Agentur gegründet, die „Creative Agency Berlin“, die es sich zum Ziel gesetzt hatte neue Musicals zu entwickeln und in den Markt zu bringen. Gibt es die Agentur noch? **

Andreas Gergen: Nein, die Firma ruht im Moment. Sie wurde in erster Linie von meinem Partner Christian Struppeck geleitet, ich war auch da eher die Exekutive und habe innerhalb der Agentur als Regisseur gearbeitet und Workshops gemacht. Christian Struppeck ist mittlerweile Musical-Intendant bei den Vereinigten Bühnen Wien. Solange wir also beide in Österreich arbeiten, ruht die Creative Agency Berlin. Aber mal sehen, ob sie nicht mal wieder aktiviert wird.

Zurück zu „Cats“ in Tecklenburg. Vielleicht noch schnell ein Wort zur hiesigen Cast. Wie ist die so? Macht die Arbeit Spaß mit denen? **

Andreas Gergen: Absolut! Das ist ein Ensemble, wie man es auch bei den Großproduktionen finden würde. Hochkarätig besetzt! Aber eben auch passend zu unserem Konzept zusammengestellt. Wir haben auch Akrobaten in der Besetzung. Da ist zum Beispiel David Pereira, den ich im Wintergarten in Berlin entdeckt habe und von dem ich gar nicht wusste, dass er auch ein ausgezeichneter Tänzer ist. Er kann nicht nur die anspruchsvollen Choreografien von Kim Duddy locker mitmachen, sondern wird als Schlangenmensch und Katzenmensch die Zuschauer am Vertikaltuch überraschen. Am Ende vom ersten Akt wird der Zirkus richtig losgelassen. Da wird jongliert, am Vertikaltuch geturnt, da werden ganz viele Künste miteinander vereint. Und wir haben natürlich auch unsere Musical-Stars dabei, Maya Hakvoort , die als Elisabeth mehrere Jahre zu sehen war ,Yngve Gasoy Romdal, der hier in Tecklenburg schon öfter dabei gewesen ist, oder Leah Delos Santos, die mit Miss Saigon nach Deutschland kam – um nur einige wenige zu nennen. Tatsächlich treffen sich hier in Tecklenburg mittlerweile die Musical-Stars und die Crème de la Crème der Darsteller.

Wie stehen die Chancen: Kommt Andrew Llyod Webber oder kommt er nicht?

Andreas Gergen: Gute Frage! Bei ihm weiß man nie... Ich glaube, der wartet zunächst ab, was man über die Produktion sagt. Ich habe beispielsweise das Musical „Love never dies“ in Wien auf die Bühne gebracht – in einer halbszenischen Fassung – und da hat es sich Andrew Lloyd Webber nicht nehmen lassen, mitten in der Woche überraschend in seinen Privatjet zu steigen und nach Wien zu kommen um sich die Vorstellung anzuschauen.

Das wusste vorher keiner?

Andreas Gergen: Es wurde einen Tag vorher gesagt: Andrew Lloyd Webber kommt! Er wollte auch nicht im Saallicht in den Zuschauerraum gehen, sondern das Saallicht musste erst abgedimmt werden. Die Leute sollten ihn nicht sehen. Er wurde dann mit einer Taschenlampe auf seinen Platz geführt. Es sind gewisse Voraussetzungen zu treffen, wenn der Meister selbst erscheint (lacht). Erst wollte er auch nicht auf die Bühne am Ende der Vorstellung, aber dann hat er doch gesagt, nein, mir hat es so gut gefallen, ich möchte zum Publikum und zur Besetzung öffentlich sprechen. Also hat er spontan ein paar Worte gesagt. Das war wirklich ein besonderer Moment

Da ist man selbst als erfahrener Regisseur dann noch ein bisschen aufgeregt, oder?

Andreas Gergen: (lacht) Total! Man ist glaube ich noch aufgeregter als bei der Premiere, wo man sowie so schon fast stirbt vor Aufregung!

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Infos zum Musical: „Cats“ von Andrew Lloyd Webber auf der Freilichtbühne Tecklenburg – Premiere war am 18. 7. 2015. Die weiteren Aufführungen laufen bis zum 12. 9. – Karten und Infos unter Telefon 05482/220.

Ebenfalls in diesem Blog: Wie das Musical "Cats" die deutsche Theaterwelt revolutionierte, erster Teil der Miniserie… 

Ebenfalls in diesem Blog: Warum mit "Cats" eine neue Ära in Deutschland begann, zweiter Teil der Mini-Serie…

Ebenfalls in diesem Blog: Wenn die Dämmerung in der Dämmerung stattfindet - so ist das Musical "Sunset Boulevard" auf der Freilichtbühne Tecklenburg.


Am Lichthaus hängt wie immer das Plakat zur aktuellen Spielzeit... ob die Tecklenburger Freilichtspiele wohl die ganze Saison über von einem so herrlich wolkenfreien blauen Himmel gesegnet sein werden?   (Achenbach-Foto)





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