Donnerstag, 9. Juli 2015

Mit „Cats“ wurde alles anders… so startete der deutsche Musicalboom. Mini-Serie, Erster Teil: Ein cleverer Geschäftsmann hat den richtigen Riecher – wie Friedrich Kurz die deutsche Kulturwelt veränderte.


Osnabrück/Tecklenburg – Mit „Cats“ wurde damals alles anders. Aus heutiger Sicht mag es undenkbar sein, dass es in Deutschland einmal eine Zeit ohne große Musicaltheater und ohne den kulturellen Busreisenfaktor gegeben hat – und doch war es lange so. Erst mit der deutschen Erstaufführung des Katzenmusicals vor 29 Jahren begann ein neues Zeitalter. Wenn jetzt, im Sommer 2015, auf der Freilichtbühne Tecklenburg die zweite von zwei exklusiven und nicht an die Originalauflagen gebundenen Inszenierungen des Andrew-Lloyd-Webber-Musicals aufgeführt wird (läuft noch bis 12. 9. 2015), lohnt sich deswegen auch ein Rückblick – in Form einer Miniserie. Heute in Teil Eins: Ein cleverer Geschäftsmann hat den richtigten Riecher – wie Friedrich Kurz die deutsche Kulturwelt veränderte.

Im Jahre 1983 eroberten das Katzen-Logo und das dazugehörige Musical den deutschsprachigen Theatermarkt - das Andrew-Lloyd-Webber startete in Wien. Wenig später gab es auch die dazugehörige Cast-CD.   (Achenbach-Foto)


Als „Cats“ im Jahre 1986 nach Hamburg kam, war das damalige Westdeutschland in Sachen Musical noch eine Diaspora.  Privat und rein kommerziell betriebene Theater gab es fast gar nicht, in den bezuschussten Stadt-, Staats- und Landestheater herrschte neben der Operette als alles beherrschendes unterhaltendes Musikformat noch die strikte Trennung in die drei Sparten Musiktheater, Schauspiel und Tanz, die ein echtes Ankommen der Gattung Musical als alle Talente gleichermaßen fordernde Kunst verhinderte. Zwar hatten einige wenige Intendanten und Regisseure aus dem klassischen Theaterbetrieb bereits die Chancen erkannt, die das noch vergleichsweise junge Genre mit sich brachte (übrigens auch im anspruchsvolleren Segment á la Stephen Sondheim und Co.), aber man begnügte sich mit unverwüstlichen Klassikern wie „My Fair Lady“; „Cabaret“, „Kiss Me, Kate“ oder der „West Side Story“. Wenn sich gelegentlich mal eine „Hello, Dolly“ auf den Spielplan eines Theaters verirrte, war das schon eine wohltuende Ausnahme.

Geschäftsmann mit einer Vision: 20 große Musicals für Deutschland


Der Unternehmer Friedrich Kurz indes hatte die Zeichen der Zeit erkannt. Der Markt in Deutschland sei reif für vermarktete Kunst im Broadway-Stil - wenigstens 20 große Musicalshows könnten auf bundesdeutschen Bühnen - also im damaligen Westdeutschland – ohne Probleme gezeigt werden, davon zeigte sich der in London lebende Investor überzeugt (wie er später der Zeitschrift „Das Musical“ sagte). Clevererweise hatte sich der umtriebige schwäbische Geschäftsmann sicherheitshalber schon einmal exklusiv die Deutschland-Rechte für das Musical „Cats“ gesichert, das in der österreichischen Hauptstadt Wien seit 1983 überraschende Erfolge feierte.

Die Devise des Peter Weck: Broadway ist nicht alles


Schuld daran war der bekannte Schauspieler Peter Weck („Ich heirate eine Familie“), der als Intendant des Theaters an der Wien mit „Cats“ zum ersten Mal eine Longrun-Produktion mit „Open End“-Faktor dort laufen ließ – mit gigantischem Erfolg. Weck hatte bei der Übernahme des Intendantensessels die Impulse aufgenommen, sich vom Broadway zu lösen und auf den Westend zu schauen. Denn in London, nicht in New York, hatte Cats 1981 seine Welt-Uraufführung erlebt. In einer spektakulären Produktion, aber dazu bald mehr.

"Cats" machte skeptisch – man erwartete keinen Erfolg


Friedrich Kurz hatte für seine deutsche Produktion auch schon den perfekten Musicalstandort im Blick: Hamburg. Dort hatte das traditionsreiche Operettenhaus mit einem von Freddy Quinn produzierten Musical einen kolossalen Bauchklatscher hingelegt und stand seither leer. Ein unbespielter Theaterbau – optimal! Wenigstens ein paar Jahre lang würde „Cats“ dort laufen können, glaubte der von den Wiener Erfahrungen beflügelte Unternehmer. Die Politiker der Hansestadt waren da zurückhaltender. Man erwartete keinen Erfolg und keine lange Spielzeit. Der Senat sicherte Friedrich Kurz also eine jährliche Finanzunterstützung von bis zu einer halben Million D-Mark zu, wie der Musicalexperte Wolfgang Jansen in seinem Buch „Cats & Co.“ schildert. Viel Geld, zumal der Vertrag auf die komplette Laufzeit des Musicals ausgelegt war. Allerdings wäre ein langfristig leerstehendes Theaterhaus – wie es sich sonst abgezeichnet hätte – für die Hanseaten noch teurer gewesen.

Kann alles nur gut gehen? Wirklich?


Das also war die Ausgangssituation für den Erfolg von „Cats“: Ein cleverer Unternehmer lässt ein ohnehin leerstehendes Theaterhaus nach seinen Wünschen umbauen, sichert sich eine laufende Grundbezuschussung aus der Landeskasse, sucht sich ausreichend Investoren – und hat einen Publikumsmarkt im Blick, der das Thema Musical bisher aus qualitativ zwangsläufig wenig hochwertigen, weil im Spartenbetrieb verankerten Produktionen der Stadttheater kennt… Kann nur gut gehen? Eigentlich ja. Dass die Premiere von „Cats“ dann doch eher gemischte Reaktionen hervorrief , war so erwartbar wie überraschend. Aber das ist eine andere Geschichte – mehr in der nächsten Folge….



Infos zum Musical: „Cats“ von Andrew Lloyd Webber auf der Freilichtbühne Tecklenburg – Premiere war am 18. 7. 2015. Die weiteren Aufführungen laufen bis zum 12. 9. – Karten und Infos unter Telefon 05482/220.

Ebenfalls in diesem Blog: Der Katzenball im Zirkuszelt – warum das Musical „Cats“ auf der Freilichtbühne Tecklenburg im Sommer 2015 als Sensationgilt.

Ebenfalls in diesem Blog: Wenn die Dämmerung in der Dämmerung stattfindet - so ist das Musical "Sunset Boulevard" auf der Freilichtbühne Tecklenburg.


Und im Auge eine tanzende Silhouette - das gehörte dazu. Fast 30 Jahre lang. In Tecklenburg wird es anders sein.  (Achenbach-Foto)

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