Dienstag, 14. Juli 2015

Mit „Cats“ wurde alles anders… so startete der deutsche Musicalboom. Mini-Serie, Teil 2: Wir brauchen mehr als nur drei Sparten - wie das Musical „Cats“ das deutsche Theater revolutionierte.


Osnabrück/Tecklenburg – Mit „Cats“ wurde damals alles anders. Aus heutiger Sicht mag es undenkbar sein, dass es in Deutschland einmal eine Zeit ohne große Musicaltheater und ohne den kulturellen Busreisenfaktor gegeben hat – und doch war es lange so. Erst mit der deutschen Erstaufführung des Katzenmusicals vor 29 Jahren begann ein neues Zeitalter. Wenn jetzt, im Sommer 2015, auf der Freilichtbühne Tecklenburg die zweite von zwei exklusiven und nicht an die Originalauflagen gebundenen Inszenierungen des Andrew-Lloyd-Webber-Musicals aufgeführt wird (läuft noch bis 12. 9. 2015), lohnt sich deswegen auch ein Rückblick – in Form einer Miniserie. Heute in Teil Zwei: Wir brauchen mehr als nur drei Sparten - wie das Musical „Cats“ das deutsche Theater revolutionierte.


Zehn Jahre "Cats" - die hauseigene Werbebroschüre des Musicalproduzenten Stella feierte den runden Geburtstag mit Hochglanz. Das war 1996 und das Barometer in Sachen Investitonsklima stand noch immer auf "Musical". (Achenbach-Foto) 


Als das Musical „Cats“ im Jahre 1981 seine Welt-Uraufführung in London erlebte, war es aus mehreren Gründen eine kleine Sensation. Eine Musical-Revue, in der sich die Darsteller wie Katzen auf dem Boden wälzten, hatte die Welt noch nicht gesehen. Ein Musical, das auf einer Gedichtesammlung des legendären Autors und Nobelpreisträger T.S. Eliot beruhte, war im englischsprachigen Raum etwas ganz Besonderes. Denn die literarische Vorlage (auf Deutsch: „Old Possums Katzengedichte“, Beltz-Verlag) ist dort, anders als bei uns, fast jedem Kind bekannt. Und das spektakuläre Bühnenbild brach mit der Theatertradition des Guckkastenprinzips (jedenfalls in London): Wie bei einer Shakespeare-Bühne befand sich die Drehbühne mit der gewaltigen Müllkippe als Spielort inmitten des Parketts, also von allen Seiten aus einsehbar – außerdem beeindruckte die Entstehungsgeschichte des Musicals die Massen, denn der Komponist Andrew Lloyd Webber hatte für die Produktion sein gesamtes Vermögen investiert (unterstützt von 220 privaten Investoren), um „Cats“ auf die Bühne zu bringen – weil er ein so großer Fan des T.S.-Eliot-Stoffes war. So geht jedenfalls die Legende.

Lloyd Webber war wenig begeistert von der Premiere


Auch für die Hamburger Premiere – die für den 18. April 1986 angesetzt war – standen die Vorzeichen gut. Produzent Friedrich Kurz hatte für eine solide Finanzierung gesorgt. In Wien war die Show bereits durch die Decke gegangen und hatte Verkaufserfolg um Verkaufserfolg eingefahren. Man erwartete etwas Besonderes. Zudem zog sich die Hamburger Bühne durch lange Stege verlängert weit in den Zuschauerraum hinein, was für damalige Sehgewohnheiten noch recht ungewöhnlich war. Doch wie die „Zeit“ nach der Premiere berichtete, zeigte sich Komponist Lloyd Webber wenig begeistert von der Hamburger Aufführung – und das, obwohl das Musical dort genauso wie überall sonst auf der Welt als baugleiche Lizenzproduktion eins zu eins mit allen Regie- und Choreografie-Einfällen der Londoner Inszenierung ausgestattet war. Es wird leider nicht berichtet, was ihm konkret missfallen habe – jedoch lässt der „Zeit“-Artikel in Andeutungen vermuten, dass es wohl die künstlerische Qualität das Gezeigten gewesen sein dürfte, die nicht den Ansprüchen des Meisters genügt haben. Das ist auch kein Wunder.


Stella wuchs rasant. Nach "Cats" und "Starlight Express" folgten "Das Phantom der Oper", "Miss Saigon", "Joseph..." und "Miss Saigon" - und weitere Stücke sowie Theaterneubauten waren bereits in Vorbereitung.  (Achenbach-Foto)

Deutschland war auf Musicals nicht vorbereitet - nirgends


Denn Deutschland in den 80er Jahren war auf Musicals nicht eingestellt – vor allem, was den deutschen Darstellermarkt anging. Durch die strikte und konsequente Trennung die drei Sparten eines üblichen Stadt-, Staats- oder Landestheaters (Gesang, Schauspiel, Tanz) gab es hierzulande einfach keine Darsteller, die alle drei Fähigkeiten gleichermaßen beherrschten. Aber vor allem „Cats“ ist ein Musical, das von jedem Mitspieler einen gekonnten Mix aus Tanz, Gesang und darstellender Kunst erfordert. Bereits in Wien hatte dies zu Problemen geführt. Zwar finden sich in der österreichischen Premierenbesetzung vom 24. September 1983 so illustre Namen wie Ute Lemper und Angelika Milster (die später mit der Single-Auskopplung von „Erinnerung“ einen Hitparadenerfolg und eine gefühlte 80er-Jahre-Airplay-Dauerschleife im Radio bekommen sollte), jedoch bestand ein Großteil Besetzung aus eigentlich englischsprachigen, überwiegend amerikanischen Darstellern, denen die deutsche Übersetzung einfach per Sprachcoach eingebleut wurde (ohne dass die Darsteller verstanden, was sie da sangen).

Siehe da: Das Musical ist eine eigene Kunstform – wohin damit?


Wie die Originalaufnahme von jener Wiener Produktion deutlich zeigt – die 1984 als erste deutschsprachige Highlight-CD veröffentlicht wurde -, war das Ergebnis zuweilen haarsträubend (Ich spiele den Studenten meines Kurses in Musicalgechichte regelmäßig dem „Rum-Tum-Tum-Tugger vor und lasse sie übersetzen, was sie gehört haben – das macht Laune). Und so ist es eines der größten Verdienste des Musicals „Cats“ im deutschsprachigen Raum, dass es damals vielen Theaterverantwortlichen die Augen geöffnet hatte: Ja, das Musical ist eine eigenständige Kunstform mit einem eigenen Qualitätsanspruch, nein, ein Musical lässt sich im deutschen Repertoiretheater nicht originalgetreu abbilden, nein, der deutsche Darstellermarkt gibt nicht her, was hierfür nötig wäre (okay, da hat sich inzwischen viel getan). Erst nach dem Einzug von „Cats“ entstanden nach und nach Studiengänge, die den übergreifenden Talentemix aus allen drei Künsten vermittelten, so z. B. das „Tanzstudio Wien“, der Musical-Studiengang an der Folkwang Schule in Essen (1989) oder der Musical-Studiengang an der „Universität der Künste“ in Berlin (1990).

Buh-Rufe für Grizabella und Misstrauen gegen das Format


Doch, siehe da, 1986 in Hamburg waren die Vorbehalte gegen „Cats“ noch groß. Wie die „Zeit“ von der Premiere berichtete, gab für die Darstellerin der Grizabella, Andrea Bogel, sogar Buh-Rufe vom Premierenpublikum – für heutige Musicalverhältniss undenkbar, doch in den 80ern herrschte gegen diese Form der „kommerziell vermarkteten Kunst“ ein tiefes Misstrauen. Kein Wunder, denn Friedrich Kurz hatte etwas geschaffen, was es in Deutschland bis dato noch nicht gegeben hatte: Eine deutschlandweit vermarktete Theaterproduktion. Das war ein Novum. Aber das ist eine andere Geschichte  – mehr in der nächsten Folge….


Infos zum Musical: „Cats“ von Andrew Lloyd Webber auf der Freilichtbühne Tecklenburg – Premiere war am 18. 7. 2015. Die weiteren Aufführungen laufen bis zum 12. 9. – Karten und Infos unter Telefon 05482/220.

Ebenfalls in diesem Blog: Der Katzenball im Zirkuszelt – warum das Musical „Cats“ auf der Freilichtbühne Tecklenburg im Sommer 2015 als Sensation gilt.

Ebenfalls in diesem Blog: Wenn die Dämmerung in der Dämmerung stattfindet - so ist das Musical "Sunset Boulevard" auf der Freilichtbühne Tecklenburg.

Weise Augen spiegeln sich in der CD-Oberfläche...   (Achenbach-Foto)


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