Dienstag, 21. Juli 2015

Und so war das Musical „Cats“ auf der Freilichtbühne Tecklenburg im Sommer 2015... Ja sachma, was macht denn der Gandalf da im Katzenzirkus?



Neues Logo, neue Produktion, neues Aussehen - bei "Cats" auf der Freilichtbühne Tecklenburg ist vieles anders.  (Achenbach-Foto)


Tecklenburg - Sie will nicht, sie ziert sich. Aber Regisseur Andreas Gergen ist unerbittlich – fröhlich strahlend und aufgeregt hüpfend wie ein Schuljunge schiebt er sie nach vorne an den Bühnenrand, die Choreographin Kim Duddy. Sie soll einen Extra-Applaus bekommen, jetzt, am Ende der Premiere von „Cats“ auf der Freilichtbühne Tecklenburg (fand dort am 18. 7. 2015 statt), wo sich das Kreativteam gerade den verdienten Jubel abgeholt hat. Recht hat er. Nach rund zweieinhalb Stunden Tanz und Akrobatik sind an diesem Premierenabend wenigstens zwei Dinge klar geworden. Erstens: Bei „Cats“ kommt es zu 95 Prozent auf eine stimmige Choreographie an, sonst funktioniert die Show nicht. Und zweitens: Das Musical ist inhaltlich gesehen ein derart handlungsarmes Revuegerüst, dass einen die Erfolgsgeschichte des Stücks doch erstaunt (Siehe auch: "Mit Cats wurde alles anders"). Streng genommen passiert… – fast nix. Und trotzdem fühlst Du Dich ganz gut unterhalten. Den ganzen Abend lang. Wenn auch die finale Begeisterung ausbleibt, aber dazu später mehr. Zunächst mal darf gelobt werden.


Da gibt es viel zu sehen – die Choreographie beweist Talent


Denn mit ihrer Neuinszenierung des Andrew-Lloyd-Webber-Musicals „Cats“ in der Sommersaison 2015 haben die Verantwortlichen der Freilichtspiele Tecklenburg tatsächlich vieles richtig gemacht. Alleine die Wahl von Kim Duddy als Choreographin erweist sich als Glücksgriff. Zwar kann die gebürtige Amerikanerin - die 1987 für die ersten „Cats“ nach Wien kam und sich fast jede Rolle des Stücks angeeignet hat -, sich nicht ganz davon freimachen, von der Original-Show beeinflusst zu sein, aber was sie an vielgestaltigen Bildern und Tableaus auf die Bühne zaubert, ist eindrucksvoll. Kim Duddy kann – anders als mancher ihrer Vorgänger –  mit dieser superbreiten Bühne und ihren mehreren Geschossen wirklich etwas anfangen und bezieht alle Ebenen ein (sie verantwortete auch die Stage-Entertainment-Shows „Ich war noch niemals in New York“ und „Hinterm Horizont“): Abwechslungsreich, bildgewaltig und bis in die Nebenrollen hinein individuell auf die Figuren zugeschnitten entfaltet sie einen Strauß an Ideen, der seinesgleichen sucht. Alleine das lohnt den Besuch. Die Regie von Andreas Gergen dürfte ihr Übriges dazu getan haben, die einzelnen Katzenfiguren differenziert und individuell zu entwickeln, was dem Musical sehr gut tut – zumal in der Neudeutung, die hier in Tecklenburg zu erleben ist. Sie ist der zweite Grund, warum „Cats“ gelungen ist…


„Cats“ im Zirkus – kann so ein Konzept aufgehen?


Denn das Regiekonzept erweist sich als schlüssig. Ja, „Cats“ spielt diesmal in einem Zirkus (siehe auch: Das Interview mit "Cats"-Regisseur Andreas Gergen). Diese Information sickerte schon bald nach den Vertragsverhandlungen durch die im Winter stets fest verschlossenen Tecklenburger Festspielmauern hindurch. Hm, also in einem Zirkus, nun ja…. – denkt man sich. Mal sehen. Gleich am Anfang erscheint die Bösewichtkatze Macavity und fackelt das Zirkuszelt ab. Naja, jedenfalls so ein bisschen. Etwas weißer Theaterdampf und ein Darsteller, der auch Feuer spucken kann, machen den Effekt einigermaßen glaubhaft (auch wenn man sich noch mehr davon versprochen hatte). Aus der Asche dieses Brandes entsteht dann das Neue. Die Tierwelt, also die Katzen, übernehmen den Zirkus mitsamt der übriggebliebenen Requisiten als den perfekten Ort für den jährlichen „Katzenball“ der Jellicles. Das Konzept ist tragfähig. Aus zwei Gründen.


Breite Bühne, tolle Bilder - Choreographin Kim Duddy weiß mit den Tecklenburger Ausmaßen wirklich etwas anzufangen.  (Freilichtspiele-Tecklenburg-Pressefoto)



Werden, Vergehen, Wiederauferstehen – ein symbolisches Musical


Die Idee des Vergehens und des Wiederauferstehens zieht sich erstens als lockerer Rahmen durch diese ganze Katzenrevue, dient doch der jährlich stattfindende Ball dazu, jene Katze auszuwählen, die in die „Heiligen Sphären“ oder den „Sphärischen Raum“ aufsteigt (je nach Übersetzung heißt das anders) aufgeht, um von dort zurückzukehren. Und der Zirkus als Spielort macht es zweitens möglich, ein buntes und sehenswertes Spektakel mit Akrobatik, Requisiten und einer ganz neuen Choreographie abzufackeln. Das zweckdienliche Bühnenbild von Susanna Buller macht es möglich, Seile für Trapezkünstler und Rampen zum raschen Rauf- und Runterlaufen ins Burgumfeld zu integrieren. Darin tummeln sich nun Clowns und Artisten und Zauberer, da wird sogar während eines Flic Flacs munter weitergesungen… – und Gandalf persönlich ist auch mit dabei. Häh? Gandalf? Ja, genau: Gandalf.


„Eigentlich eine Sensation“ – schwärmen die Verantwortlichen


Jedenfalls sieht Reinhard Brussmann als weiser Katzenvater Old Deuteronomy dem Zauberer aus dem „Herrn der Ringe“ frappierend ähnlich. Ein bisschen irritierend ist das schon. Wie überhaupt die Katzen diesmal allesamt in bunten und tollen Zirkuskostümen auftreten. Das ist anfangs ein wenig gewöhnungsbedürftig. Andererseits aber erfrischend anders. Denn über 30 Jahre lang war „Cats“ in Deutschland nur im Einheitslook zu haben. Wer das Musical produzieren wollte, war an die Lizenzbedingungen gebunden: Das immergleiche Logo, das immergleiche Müllkippen-Bühnenbild, die immergleiche Regie und Choreographie, so lauteten die Bedingungen. Erst 2014, als in Deutschland auch die große „Cats“-Tourneeproduktion längst das Zelt wieder eingepackt hatte und es kein Musicaltheater mehr gab, dass das Stück machen wollte, lockerte Lloyd Webbers Company für einen kurzen Zeitraum die Bedingungen und gab die Rechte frei für neue Produktionen. Ein ganz neues „Cats“ im ganz neuen Gewand – das wurde möglich. Jedoch nur für einen kurzen Zeitraum, denn inzwischen sind die Rechte wieder gestrichen. Nur in Tecklenburg und in Koblenz wird es also im deutschsprachigen Raum einen Katzenball in neuer Optik geben. „Eigentlich eine Sensation“, schreibt Tecklenburgs Intendant Radulf Beuleke in einer Pressemitteilung. Dem Manne sei sein Stolz gegönnt. Die wahre Sensation indes ist eine andere…


Maya Haakvort schablonenhaft – Menschliches liegt ihr besser


Nämlich das Ensemble. In einer seltenen Kombination aus hochkarätigen Akrobaten und bekannten Musicaldarstellern gelingt ein Theaterabend in eindrucksvoller darstellerischer Qualität. „Cats“ ist seit jeher ein Ensemblestück, da gibt es kaum eine Rolle, die heraussticht. Sogar die Grizzabella – also jene gealterte Diva, die als gefallener Engel in den „Sphärischen Raum aufsteigen darf – ist insgesamt nur etwa 12 Minuten auf der Bühne zu erleben (ganz kurz im ersten Akt, etwas länger im zweiten Akt). Maya Haakvoort wirkt in dieser Rolle ungewohnt hölzern, ihre „Arme-nach-oben-recken“-Gesten kommen schablonenhaft rüber – das ist ein wenig enttäuschend, zumal die „Grande Dame des Musicals“ in der vergangenen Saison als Diva des „Sunset Boulevards“ eine so mitreißende und verletzliche Menschlichkeit zu zeigen verstand, dass sie einen wirklich berührte (siehe auch: So war das Musical "Sunset Boulevard" auf der Freilichtbühne Tecklenburg). Aber vielleicht liegt es genau daran: An der Menschlichkeit. Die liegt ihr offenbar besser (wie ja auch ihre Elisabeth“ schon bewiesen hat). Was sich auch aus einer Katzenrolle alles herausholen lässt, zeigt Yngve Gasoy-Romdal als altersschwaches Theatertier mit Vergangenheitssehnsucht. Eine der wenigen Szenen, in denen emotional etwas zum Klingen kommt im Seelenraum des Besuchers.


Lloyd Webbers Musik ist dünn – aber es geht immer noch dünner


Apropos „Klingen“…. Mit Tjaard Kirsch als musikalischem Leiter steht eines der „Tecklenburger Urgesteine“ am Dirigentenpult. In vorherigen Produktionen hatte Kirsch eine Neigung zu arg raschen Tempi gezeigt, diesmal aber versteht er es geschickt, mit seinen 16 Musikern die Höhen und Tiefen der Partitur auszuloten: Wenn sich zu melancholischen Klängen zum ersten Mal die Grizzabella nähert, lässt der Dirigent diese Szene im langsamen Tempo wirken, wenn der Macavity auftaucht, knallen punktgenau die Bläser. Das funzt. Noch vor wenigen Jahren hätte der Rezensent über die arg simplen Melodien eines Lloyd Webber klagen mögen, allerdings zeigt beispielsweise ein Frank Wildhorn in jüngster Zeit eindrucksvoll, dass es auch noch dünner und seelenloser geht. So gesehen ist „Cats“ fast schon wieder richtig gut, also musikalisch gesehen. Gespielt wird übrigens die 1983 für Wien angefertigte Erstübersetzung von Michael Kunze – sie gilt als die bessere, die Hamburger war seit jeher umstritten (siehe auch: Wer "Cats" denkt, sieht Augen). Warum sich auch in dieser Textfassung keine deutsche Idee für die „Jellicle-Katze“ finden ließ, der „Old Deuteronomy“ aber in „Alt Deuteronimus“ umgetauft wurde, bleibt indes rätselhaft.


Trotz Machismo-Charisma – da bleibt nicht viel


Aber egal. Das Premierenpublikum in Tecklenburg lässt sich von dieser knallbunten Zirkusrevue gerne verzaubern. Schon eine Stunde nach Beginn der Vorstellung beginnt das erste Mitklatschen, die Akrobatiknummern bekommen ebenso Szenenapplaus wie Maya Haakvoort nach ihrer „Mondlicht“-Nummer oder der Amerikaner Shane Dickson, der seinen Rum Tum Tugger mit allerlei Machismo-Charisma ausstattet (wenngleich von dem, was er singt, nur ein Drittel zu verstehen ist – zu schnell, zu deutsch, zuviel Text). Dass der Besucher nach dem Finale doch nicht in einem Sturme der Begeisterung nach Hause braust, ist dem Musical selbst geschuldet. Kaum eine dieser Katzenfiguren bietet sich als Identifikationsfläche an. Eine Entwicklung der Charaktere gibt es nicht – und der Aufstieg Grizzabellas in den Sphärischen Raum ist als kurze Versuchsskizze einer Heldenreise zu rasch vorbei, als dass einen das gefangennehmen könnte. Stattdessen reiht sich Nummer an Nummer, wird Katze um Katze dem Publikum vorgestellt, um dann gleich wieder Platz zu machen für die nächste Katze. Auch insofern ist die Idee, „Cats“ im Zirkus spielen zu lassen, eine geeignete Wahl…


Schwaches Stück, großartige Umsetzung – macht Laune


Denn wie nach einer Zirkusvorstellung geht der Gast mit allerlei Fragmenten im Kopf nach Hause, die einem gut gefallen haben (die Akrobaten, die Clowns, vielleicht noch der Zauberer…), ohne dass ihn das große Ganze berührt haben muss. Die Freilichtspiele Tecklenburg holen aus der Vorlage das Maximalmögliche heraus – wenn man sich „Cats“ einmal ansehen möchte, ist diese Vorstellung bestens geeignet und unbedingt empfehlenswert. Das Ganze bleibt am Ende aber vor allem eins: Ein irgendwie merkwürdiges Musical.


Infos zum Musical: „Cats“ von Andrew Lloyd Webber auf der Freilichtbühne Tecklenburg – Premiere war am 18. 7. 2015. Die weiteren Aufführungen liefen bis zum 12. 9. 2015. Das Stück ist mittlerweile abgespielt. 

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