Dienstag, 14. Juli 2015

Letztes AC/DC-Konzert in Deutschland - ever?: Wie die Australier im Juli 2015 die Arena „Auf Schalke“ in Gelsenkirchen gerockt haben (und warum die Stimmung bei anderen Konzerten oft besser ist)



Bedruckte Tickets. Innenraum. Alles andere als günstig. Aber egal - es handelt sich hier immerhin um AC/DC. Und die muss man mal gesehen haben. Als Rockfan.   (Achenbach-Foto)


Gelsenkirchen - Als die Astronauten nach der Mondlandung an den Rand eines mysteriös glühenden Kraters gelangen, sehen sie überrascht auf ein riesiges und brennendes Logo von „AC/DC“. Huch. Und schon startet ein Feuerball aus dem Loch und rast weiter in Richtung Erde. Einschlag. Explosion. Pyrotechnik. Mit diesem Kometentreffer per Video und Tricktechnik beginnt das Konzert in Gelsenkirchen am 12. 7. 2015. Die Symbolik ist eindeutig, das Statement ist klar: Was immer ihr auch tut, wo auch immer ihr seid, wir waren schon da – und wo wir waren, wird etwas von uns bleiben. Eine Rockband demonstriert Selbstbewusstsein. Und das zu Beginn eines Konzerts, von dem viele glauben, dass es das allerletzte in Deutschland sein könnte. Die weitere 2015er-Tournee wird die Musiker rund um Angus Young noch nach Skandinavien und Amerika bringen. Danach wird man sehen müssen, wie es mit dem Phänomen AC/DC in der Zukunft weitergeht. Erste Auflösungserscheinungen sind bereits aufgetreten. Der Original-Rhythmusgitarrist Malcom Young ist gefangen im Arrest des eigenen Körpers, weil eine frühe Demenz bereits um sich greift. Der Original-Drummer Phil Rudd ist gefangen im Hausarrest, weil er einen Ex-Angestellten umzubringen drohte. Und auch, wenn sich das Rockbusiness immer wieder als das hartnäckigste Geschäft aller Zeiten erwiesen hat, was die Lebensverlängerung von Massenphänomenen angeht, gibt es in Sachen AC/DC wenig Optimismus: Die sehen wir hier bestimmt nie wieder, besagen die Unkenrufe. Aber jetzt erstmal die Arena „Auf Schalke“, Gelsenkirchen…

Die Bühne ist die Wucht - rund, fett und mit tausend Lichtern


Das Ding heißt auch „Veltins-Arena“, aber so nennt das hier keiner. Und, siehe da, von Auflösungserscheinungen keine Spur. Kaum ist die Mondlandung vorbei, explodieren Dir die Ohren - es ist 20.45 Uhr, die Band legt los. An diesen Sound muss sich das Gehörsystem erstmal gewöhnen. Was für ein Song ist das? Ahja, könnte „Rock Or Bust“ sein, Titeltrack des neuen Albums. Es dauert halt immer ein paar Augenblicke, bis sich aus dem verzerrten Klangbrei erkennbare Strukturen herausschälen. Wir waren ja vorgewarnt: Der Klang in Gelsenkirchen ist selten so gut wie auf einem Open Air, so hatte es mehrfach geheißen. Glaubt man den Fans, liegt das an dem bei Konzertbetrieb stets aufgespannten Dach über dem Heimstation des FC Schalke 04. Die Bühne ist die Wucht, ein Teufelshörnchen tragendes Scheinwerferverstecksystem als runder Bogen mit „AC/DC“-Logo auf der Stirnseite, das in irre coolen und stets wechselnden Farbstimmungen leuchtet und strahlt. Das Publikum ist gut drauf (55000 Zuschauer sollen es sein, wie „Der Westen“ berichtet). Wenigstens jeder zweite Konzertbesucher trägt ein AC/DC-T-Shirt, jedes zweite davon spannt sich über einem bemerkenswerten Bierbauch, wenigstens ein Drittel der Menschenmasse trägt die rot blinkenden Plastikhörnchen, die auf dem Hinweg am Straßenrand verkauft worden sind. Je dunkler es draußen wird, desto cooler ist der Anblick der überall blinkenden Köpfe (das toppen nur noch „Coldplay“, aber die geben ihre Blinksysteme ja sogar kostenlos an jeder Konzertbesucher heraus).

Vom neuen Rhythmusgitarristen ist nur wenig zu sehen


Und die Band? Die gibt alles. Sänger Brian Johnson, immerhin auch schon 67 Jahre, röhrt und kreischt und stampft und marschiert, sagt wenig, singt umso mehr und trägt die obligatorische Schiebermütze – aber das Zugpferd ist Angus Young als ewige Rampensau Nummer Eins. Von links nach rechts, von vorne nach hinten ist der Leadgitarrist immer in Bewegung, immer in Action. Die großen Videoleinwände links und rechts des Teufelshörnchen-Runds übertragen seine über den Abend laufende Wandlung vom gut gekleideten Schuluniforms-Senioren zum halbnackten und hühnerbrüstigen Schwitzrocker in Überlebensgröße, derweil sich der Rest der Band vornehm zurückhält. Vom neuen Rhythmusgitarristen Stevie Young – dem 58 Jahre alten Neffen von Malcom – ist so wenig zu sehen, dass man anfangs fast die Sorge hat, er sei gar nicht mehr dabei. Auch Bassist Cliff Williams wird nur gelegentlich beim Singen von Backgroundchören auf die Leinwände übertragen. Drummer Chris Slade macht ordentlich Dampf und passt gut ins Gefüge. Hat man sich erstmal an den Klang gewöhnt, macht dieses Konzert auch richtig Spaß.


Alles dabei, was man kennt - auch ein pralles Lustweib aus Gummi


Zumal die Band all ihre großen Sachen abfrühstückt. Der druckvolle „Rock’n’Roll“-Train aus dem „Black-Ice“-Album ist noch einer der wenigen neueren Songs – ansonsten ist alles dabei, was man so kennt und will: Bei den „Hells Bells“ senkt sich eine schwingende Glocke aus dem Deckenhimmel, bei „TNT“ recken fast alle im Publikum ihre Pommesgabelfinger in die Höhe und skandieren artig „Oi! Oi! Oi!“ (angeblich waren es AC/DC, die mit diesem Song die Skinheadbewegung beeinflussten – und nicht etwa umgekehrt), bei „Whole Lotta Rosie“ reibt sich ein pralles Lustweib aus Aufblausegummi ihre Schenkel und ein massiv schwitzender halbnackter Angus Young spielt das „Ich lasse einen Ton erklingen und ihr brüllt alle laut auf“-Spiel mit der Masse. Und zum Finale bis kurz vor 23 Uhr krachen die Kanonen. Das volle Besteck. Doch, siehe da: Etwas ist anders bei diesem Konzert – verglichen beispielsweise mit den Gigs eines Bruce Springsteens oder anderer Giganten.


Blinkende Hörnchen im Publikum - und eine Bühne, die in allen Farbspektren leuchten kann. Willkommen im Rockzirkus.  (Handyfoto/Achenbach) 


Zwischen den Songs längere Pausen - inklusive Stimmungs-Senkung


Denn die älteren Herren von AC/DC lassen sich stets ein wenig Zeit zwischen ihren Songs. Bis zu 30 Sekunden ist manchmal Pause – und das Lichtstakkato von der Bühne erstirbt dann ebenso rasch wie das Gröhlen der Masse. Eine konstant gute Stimmung als durchgehenden Strom, wie bei anderen Konzerten, gibt es nicht. Dass sich die Songs allesamt gleichen und es keine Ballade als Kontrast dazwischen gibt, tut sein Übriges dazu. Letztlich geht es einem auch im Live-Konzert so wie beim Anhören eines AC/DC-Albums: Es ist alles perfekt und macht richtig Laune, aber auf Dauer ist es dann doch ein wenig eintönig. Macht aber nix. Denn erstens verliert er tatsächlich niemals seinen spröden Charmes, dieser bösertig ins Übermächtige verzerrte Stampf- und Bluesrock. Und zweitens muss man AC/DC einfach mal erlebt haben – als größtes Phänomen des Rock’n’Roll und als Dinosaurier, dessen Überleben nicht mehr gesichert zu sein scheint. Apropos Dinosaurier: Auch, wenn die "Veltins-Arena", also das Stadion "Auf Schalke" in Gelsenkirchen, zu einer der größten Rock'n'Roll-Konzertarenen des Landes gehört, ist hier nicht alles perfekt.

Die "Veltins-Arena" hat so ihre Macken - die größte: das Bezahlsystem


Einer der größten Kritikpunkte betrifft das geänderte Bezahlsystem an den Gastro-Ständen: Wer an den offiziellen Imbiss- und Trinkbüdchen in der Halle etwas kaufen möchte, muss vorab eine Plastikkarte aufgeladen haben, die als die einzig gültige Währung dient - nur die frei herumlaufenden Bierausschenker mit ihrem Fässer-Rucksäcken nehmen Bargeld an (dafür ist das Bier dort nicht annähernd so kühl wie an den Gastro-Ständen und zudem kleiner). Weil sich die Karte nur in Fünf-Euro-Schritten aufladen lässt, die Preise aber allesamt auf 40-Cent-Beträge enden, bleibt zwangsläufig eine Menge "Kleinvieh" auf der Karte übrig. Das kann man sich natürlich ausbezahlen lassen, logisch. Aber erstens sind die Schlangen vor den Tauschhäuschen zuweilen hübsch lang (das Anstehen im Innenraum dauerte wenigstens fünf Minuten) und zweitens scheint es nicht unwahrscheinlich, dass der eine oder andere Gast dann doch auf die "paar Cent" verzichtet und dem System somit eine Menge Geld hinterlässt. Kleinvieh macht auch Mist, oder? Auch die von offizieller Seite im Voraus versprochene "zügige Abreise" erweist sich als Lippenbekenntnis - vom Marktkauf-Parkplatz (immerhin kostenlos und weit vorne gelegen, also in Richtung Autobahnzufahrt gesehen) dauert es über eine Stunde, bis sich die Blechlawine in Sekundenschrittchen bis zur A2 gequält hat (eingestiegen noch vor Mitternacht, auf der Autobahn um 1.01 Uhr). Da ist der Autofahrer in Hamburg doch etwas zügiger wieder verschwunden. Aber egal. Am Ende eines solchen Abends ist die Gelassenheit ja glücklicherweise groß genug. Immerhin hat man einmal im Leben "AC/DC" gesehen. Die vermutlich größte Rock'n'Roll-Band der Welt. We salute you!


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Man gönnt sich ja sonst nix.   (Achenbach-Foto)

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