Dienstag, 15. September 2015

Fünf Gründe, warum sich die Anschaffung der beiden Deep-Purple-Konzert-Sets „From The Setting Sun“ (aus Wacken) und „To The Rising Sun“ (aus Tokyo, Budokan) auch für Nicht-Fans lohnen könnte


Je zwei CDs und eine DVD befinden sich im Set - wem das zuviel ist, kann die Konzerte auch als separate DVDs bekommen.   (Achenbach-Foto)


Osnabrück - Seit Charles Dickens im Jahre 1859 seine „Geschichte zweier Städte“ veröffentlichte (im Deutschen leider fehlübersetzt als „Geschichte aus zwei Städten“), war das Buch immer wieder Inspirationsquelle für Künstler aller Arten und lässt sich als Zitat auch heute noch immer wieder in der angloamerikanischen Kultur wiederfinden. Zuletzt in der TV-Serie „Mad Men“, in deren sechster Staffel sich die Episode „A Tale Of Two Cities“ findet (so der Originaltitel). Nun haben auch Deep Purple – eine der wohl größten und am meisten personell umbesetzten Rockbands der Welt – eine Hommage an die Dickens-Vorlage geschaffen. Anstatt den Bogen von London nach Paris zu spannen, wie es im Dickens-Buch geschieht, widmen sie ihre beiden neuen Live-Alben und –DVDs zwei vitalen Kultstätten des Rock’n’Roll: Wacken und Tokyo. Norddeutsches Festivalgelände und japanische Budokan-Halle. Jeweils zwei Live-CDs und eine DVD finden sich hier in einem luxuriösen Dreierpack wieder. Wem das zuviel ist, kann sich die DVDs auch separat anschaffen, ohne CDs dabei. 


Wiedergeburt der Sonne - im Deep-Purple-Style


„From The Setting Sun“ bildet den Auftakt, wobei der Sonnenuntergang während des Wacken-Konzerts damit gemeint ist – „To The Rising Sun“ (also in die aufgehende Sonne), heißt das zweite Päckchen, das ein Konzert aus der Tokioter Budokanhalle enthält. Zwischen den beiden Konzerten liegt ein Abstand von acht Monaten: Wacken war am 1. August 2013, Tokio am 12. April 2014. Nun mögen Kritiker einwenden, dass es an Geldmacherei grenzt, gleich zwei Konzerte auf einmal zu veröffentlichen – die sich dazu noch nur durch wenige Songs und Instrumentalparts voneinander unterscheiden. Tatsächlich aber lassen sich fünf gute Gründe finden, warum sich die Auseinandersetzung mit diesen beiden Konzerten wirklich lohnt, auch und gerade für Nicht- Fans der Gruppe:  


Der eine sieht aus wie Elton John, der andere wie Willie Nelson


Erstens: Die aktuelle Besetzung der Band bringt merklich neue Frische und Vitalität mit sich. Es ist das Line Up, das als „Mark 8“ bezeichnet wird, mit Don Airey an der Hammondorgel und Steve Morse an der Gitarre und dem weithin bekannten Rest. Die Herren legen sich ins Zeug und spielen teils grandiose Soli. Da ist Energie drin. Aireys Fingerläufe sind rasant und charismatisch, Ian Paice an der Trommelbude ist der gut gelaunte Elton-John-Lookalike-Spaßmacher wie eh und je, Ian Gillan - hier fast schon 70 Jahre alt - singt nicht mehr so hoch wie früher, dafür mit schelmischer Macherfreude (und natürlich nackten Füßen, klar). Und Roger Glover am Bass ist der hagere und energische Druckmacher, dessen langstieliger Bass immer irgendwie elegant aussieht... und dann diese Stirnbänder. Wie die Rock'n'Roll-Ausgabe von Willie Nelson.


Sorry, liebe Ritchie-Blackmore-Fans...


Zweitens: Steve Morse ist der wesentlich bessere Deep-Purple-Gitarrist. Sorry, liebe Fans von Ritchie Blackmore, ich gelange immer mehr zu der Überzeugung, dass man das ewige Beleidigtsein und Gekränktvorsichhinwurschteln des Ewigen-Ian-Gillan-Bühnen-Rivalen auch in seinem Gitarrenspiel hören kann (siehe und höre z. B.die DVD „Come Hell Or High Water“ mit der legendären Blackmoore-attackiert-Ian-Gillan-Szene) und dass die permanente Dynamik eines Steve Morse einen wohltuenden Kontrast dazu bildet.  


In Wacken ging die Sonne unter, in Tokyo geht sie wieder auf - deswegen veröffentlichen Deep Purple gleich mal beide Konzerte.   (Achenbach-Foto)


Der Festivalgig macht mehr Dampf, Budokan hat mehr Optik


Drittens: Ein Festivalgig ist eben etwas gänzlich anderes als ein Hallenkonzert. Wie stark die Unterschiede sind, zeigt sich im konkreten Vergleich auf den DVDs: auf der Wackener Bühne haben es die Rocker bis weit ins fortgeschrittene Konzertgeschehen noch mit Tageshelligkeit zu tun, was ein ursprünglicheres Rock’n’Roll-Gefühl mit sich bringt, in der dunklen Budokan-Halle arbeiten sie mit Hintergrundprojektionen und tollem Licht, was die Sache optisch spannender macht. Beides macht etwas mit den Musikern und Gästen, die Konzerte sind atmosphärisch sehr unterschiedlich. In der Halle trauen sich Deep Purple auch mal längere musikalische Zwischenspiele zu („Uncommon Man“), beim Festival setzen sie noch mehr auf partytauglichen Power-Rock.  


Erstaunlich, was das frische Material hier alles kann


Viertens: Das Material vom jüngsten Album „Now What?“ beweist erstaunliche Live-Qualitäten. Das zeigt sich vor allem zu Beginn: Die Band gibt ein echtes Feuerwerk des Rock’n’Roll. Ohne Atempause und ohne Applauspause gehen die ersten fünf Stücke in allesamt nahtlos ineinander über. Dabei entwickeln  Klassiker wie „Strange Kind Of Woman“ ebenso neuen Druck wie das frische „Vincent Price.“ Klar spielen Bands auf einer Tournee immer auch was aus dem neuen Album, weil sie das ja promoten und verkaufen wollen – hier entwickelt sich indes das Gefühl einer Gleichberechtigung, wie es seltener zu erleben ist. 


Keine Exzesse mehr - und die Konflikte scheinen lösbar


Fünftens: „Deep Purple“ wissen, dass sie der Welt nichts mehr beweisen müssen, dass sie ihre Exzesse hinter sich haben und dass sie ihre Konflikte, so es denn welche gibt, lösen können. In beiden Konzerten ist eine Tiefenentspannung zu spüren, die auf früheren Live-Alben (und Studio-Alben) so noch nicht fühlbar war. Auf dieses Erbe kann man stolz sein: Der Tastenmagier John Lord ist bereits gestorben, was ein tragischer Verlust für die Musikwelt gewesen  ist, aber der Rock-Dinosaurier, den er geschaffen hat, erweist sich als agiler Senior mit reichlich Schwung in der Hüfte. Dass diese Live-Alben ohne den ganzen Schnickschnack daherkommen, mit dem Deep Purple und andere Rockbands in der Zwischenzeit experimentiert hatten (Streicher-Unterstützung oder Akustik-Sets), macht die Sache umso erquicklicher.




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