Samstag, 5. Dezember 2015

Hochkaräter rocken für die gute Sache - ungewöhnlich, bemerkenswert, irgendwie anders (auch in der Länge)... So war das Konzert der "Light Of Day"-Foundation in der Kulturwerkstatt im kleinen Melle-Buer (3. 12. 2015)


Osnabrück (eb) - Es war ein in vielerlei Hinsicht ungewöhnlicher Abend. So etwa alle zwei Jahre passiert im hübschen Örtchen Melle-Buer, mitten auf dem Land und ohne vernünftige Anbindung an den Öffentlichen Nahverkehr, etwas Besonderes: dann kommen ein paar amerikanische Musiker in der dortigen "Kulturwerkstatt" vorbei, alles Hochkaräter, die ein Benefizkonzert für die "Light Of Day"-Foundation geben, eine Stiftung, die die Forschung von Parkinsonerkrankungen und der Maßnahmen zu ihrer Linderung unterstützt. Einen solchen Abend erlebt man nicht oft. 



Eric Bazilian von den "Hooters" spielte auf seiner Mandoline unter anderem dem von ihm geschriebenen Song "What If God Was One Of Us" - und überraschte mit perfekt gesungenen und interessant übersetzten deutschen Textzeilen auch die Bandkollegen..   (Achenbach-Handy-Foto)

Das Ganze ist hervorgegangen aus einer Reihe von Wohltätigkeits-Konzerten, die in New Jersey unter anderem mit Bruce Springsteen stattgefunden haben. Und so war diesmal auch einer der in Melle Auftretenden ein Mitglied der E-Street-Band, also der Springsteen-Begleitkombo: Saxophonspieler Eddie Manion war einer der fünf Musiker auf der Bühne. Er war es auch, der das Konzert in seiner Anmoderation erstmal mit einer Schweigeminute für die Opfer der Paris-Attentate beginnen ließ. Dass der Abend schließlich mit Neil Youngs "Rockin' In The Free World" endete - vor den Zugaben -, durfte dann also als politisches Statement aufgefasst werden, das die Brücke vom Anfang zum Ende bildete. Dazwischen lagen knapp drei pralle Stunden Musik in ihrer unterschiedlichsten Form - ein in vielerlei Hinsicht bemerkenswerter Abend...


Ein Abend mit springsteeniesquen Ausmaßen


Das Konzept der Show ist relativ einfach: Jeder der vier Headliner spielt pro Durchgang jeweils einen Song, wobei ihn mal den Rest der Musiker unterstützt oder mal auch nicht (als Back-Up-Musiker war noch der im Country und R&B verwurzelte Rob Dye mit dabei, der ebenfalls aus New Jersey stammt). Fast alle Musiker - bis auf Dye - spielen akustische Instrumente, selbst der Drummer Vini "Mad Dog" Lopez, der früher auch mal bei Bruce Springsteen in der Band dabei war und über einen Eintrag in der Rock'n'Roll Hall Of Fame verfügt, hat nur ein kleines Mini-Set dabei, das er vor allem mit zwei Besen bearbeitet. Weil es insgesamt vier dieser Durchgänge gab und dazu noch eine Reihe von Zugaben, ging der Abend bis 23.40 Uhr - und hatte damit fast springsteeniesque Ausmaße. 


Der E-Street-Saxophonspieler mit Halbplayback - öhm?


Ein wenig bizarr, weil aus dem Rahmen fallend, waren jeweils die Passagen von Eddie Manion, der sich lieber auf seine vorgefertigten Halbplaybacks aus dem mitgebrachten Laptop verließ anstatt seine Bandkollegen als Begleiter zu wählen. Manion singt nicht, er spielt sein Saxophon, das übernimmt wie im Jazz die Melodie und die Soloparts. Gegen sein hochprofessionelles Spiel ist nichts zu sagen, gegen die Auswahl seiner Songs auch nicht (sie entstammen dem Mixbereich zwischen Jazz und Soul, wobei ich bei "Tenderly" immer Tony Benett im Ohr habe und bei "A Change Is Gonna Come" immer Sam Cooke). Genervt haben allerdings die von Frauenstimmen gesungenen Chorpassagen im Halbplayback, die entfernt an Udo Jürgens schlimmste Kitschnummern erinnern (und ich mag Udo Jürgens. Also manches). So irgendwann im letzten Drittel des Konzerts, als Eddie Manion wieder zum Frauenchor was ins Blech hineinbläst, sagt hinter mir ein Gast zu seinem Konzertbuddy: "Der ist depressiv, oder?" Tja. Zumindest ist er sehr ernst und nachdenklich, vielleicht ein bisschen weltenresigniert.


Wer hätte gedacht, dass diese Songs so gut sein könnten?


Die Überraschung des Abends: Eric Bazilian von den Hooters mit seiner Mandoline (war das eigentlich eine reinrassige Mandoline?). Ja, klar, irgendwann hatte auch ich mal so eine inzwischen entsorge "Best-Of"-Scheibe von der Band im Plattenregal, so in der Phase, als die Hooters das Formatradio quasi besetzt hatten mit ihrem Material und man selbst noch nicht so tausendprozentig stilsicher war in der Findung des eigenen Geschmacks. Und dann sowas: Nicht nur, dass sich Bazilian trotz seiner über 60 Jahre Alter erstaunlich gut gehalten hat und glatt als knapp 50-Jähriger durchgehen könnte. Nicht nur, dass er mit "Völlig losgelöst (Major Tom)" komplett in fast akzentfreiem Deutsch gesungen den Stimmungsknaller des Abends brachte (The Hooters, das am Rande bemerkt, stammen aus Philadelphia). Nicht nur, dass er auch den Song "What If God Was One Of Us" spielte, weil der überraschenderweise aus seiner Feder stammt, und darin ebenfalls eine Passage auf Deutsch unterbrachte (wobei die Texteile "Gott ist groß - Ja, Ja, Jaa-jaa-jaa-jaaaaa" im Deutschen etwas irgendwie stumpfsinnig Pfingstbewegtes mit sich bringt, nun ja). Aber der Mann schaffte es vor allem, allein durch Präsenz, Charisma und musikalisches Können zwei der wohl abgenudeltesten Hooters-Hits eine derart neue Frische zu geben, dass "Johnny B" und "All You Zombies" im neuen Arrangement zu den besten Nummern des Abends gehörten. Chapeau! It's The Singer, Not The Song - oder wie? Apropos Charisma: 



"Light Of Day" - der Name der Stiftung entstand wegen des gleichnamigen Songs von Bruce Springsteen aus 1987, der ein gewisses Eigenleben entwickelt hat.   (Achenbach-Handy-Foto)

Ein echter Pfundskerl - auch musikalisch


Was das angeht, ist auch der Gitarrist Joe D'Urso gut ausgestattet. Der Typ scheint in jeder Hinsicht ein Pfundskerl zu sein, der als einer der feixenden Stimmungsmacher auf der Bühne die Kollegen in Schwung hielt. Bekannt ist D'Urso vielleicht als Chef der Americana-Band "Stone Caravan" - in Melle hätte man ihn glatt mit dem im Körperbau ähnlichen und schlicht großartigen Southside Johnny verwechseln können, zumal D'Urso mit dem unvergleichlichen "Love On The Wrong Side Of Town" in einer sachten Akustikversion startete. Da blies dann auch Eddie Manion mit - immerhin war der auch mal bei Southsides Bläserkombo dabei. An Joe D'Urso war es schließlich, mit einem berührenden Solo ganz ohne Mikroverstärkung den emotionalen Höhepunkt des Abends zu setzen. 


Nur an der Tontechnik hapert es noch - schade


Oh, apropos Mikroverstärkung: In Sachen Abmischung holperte es arg in der kleinen und charmanten zweietagigen Holzhütte, in der die "Kulturwerkstatt Buer" untergebracht ist. Jedenfalls, wenn nicht musiziert wurde. Was die Musiker zum Publikum sagten und moderierten, ging viel zu oft unverstehbar unter im Gebrabbel im Auditorium. Schade. Denn gesprochen wurde sehr, sehr, sehr viel. Mehr als sonst bei einem Konzert. Auch schon im Vorprogramm beim aus Essen stammenden Akustik-Gitarristen Martin Praetorius, aber vor allem im Hauptprogramm. Wobei Vini "Mad Dog" Lopez an den Drumsets als einer der besten Sänger des Abends auch immer mal wieder ohne Mikro gut zu hören war. Überhaupt, der Mann ist eine eindrucksvolle Type mit seinen langen Haaren und der Baseballcap und der Erscheinung als gut gelaunter und sich gut haltender Sonnyboy-Trucker. Mit 66 Jahren könnte das Leben wohl tatsächlich anfangen. Und was durfte am Ende des Abends nicht fehlen? Klar: Springsteens "Light Of Day", gespielt von Allemann zusammen. Ursprünglich geschrieben für den gleichnamigen Film von 1987 und für Joan Jett, hat der Song - auch bei Springsteen-Konzerten - ein Eigenleben entwickelt, das ihn schließlich zum titelgebenden Element der Stiftung machte, in deren Namen die Musiker diesmal kamen. Die übrigens eine enorme Strapaze auf sich nehmen.


Von Melle nach Schottland - Musiker müssen was abkönnen


Denn nach dem Gig in Melle stand am nächsten Abend gleich Glasgow auf dem Tourplan. Nicht um die Ecke und nur durch extremes Frühaufstehen erreichbar, wie die Musiker sagten. Respekt. "Being On The Road", hatte Rob Dye im Vorprogramm gesagt, das sei für Musiker ein großes Thema. Verstehbar. Kurzum: Ein spannender Abend. Der auch den Fahrtaufwand in die Einöde lohnte. Bleibt am Ende nur zu hoffen, dass sich Southside Johnny auch mal wieder in der Region sehen lässt. Sein bis 2010 jährlich stattfindendes Gastspiel in Melle war stets ein Höhepunkt des Jahres - bis es mit Honerkamps Ballsaal zu Ende ging. Der immerhin gut erreichbar in Nähe des Bahnhofs lag. Aber das ist eine andere Geschichte. Kleine Anekdote am Rande: Entweder verfügt die Kulturwerkstatt Buer nicht über Extra-Toiletten für die Künstler oder Eddie Manion hat diese nicht gefunden. Der Typ, der dem Bruce-Springsteen-Saxophonisten den Weg zum Klo gewiesen hat, war ich. Jawohl. Und das ist eine Ehre. Halbplayback hin oder her. 


Gute Musik für die gute Sache.   (Achenbach-Foto)


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