Mittwoch, 23. Dezember 2015

"Mir wurden Schrauben in die Reifen gedreht"... - Der Ex-Theaterintendant Elmar Ottenthal über das Scheitern und Wieder aufstehen, über "Falco Meets Amadeus" und andere Musicals - erster Teil eines dreiteiligen Interviews


Sein Name ist mit dem ersten großen Musical-Boom in Deutschland fest verbunden - in seiner Karriere erlebte Elmar Ottenthal viele Aufs und Abs.   (Aino-Laos/Ottenthal-Foto) 


Osnabrück/Neunkirchen - Beim obligatorischen Austausch der Visitenkarten am Ende des Gesprächs muss Elmar Ottenthal passen. „Ich habe keine Visitenkarte mehr und kein Firmenhandy“, sagt der 64-Jährige mit einem leisen Lächeln. „Und sie glauben gar nicht wie befreiend das sein kann.“ Sein Name ist fest verbunden mit dem ersten großen deutschen Musicalboom der 90er Jahre. Zu seinen Stationen gehörten die „Gaudi“-Großproduktion und das „Theater des Westens“ in Berlin. Elmar Ottenthal hat dem deutschen subventionierten Theater die En-suite-Produktionen beigebracht. Er hat viel gewagt und musste viel einstecken. 

Und jetzt ist mit der Pleite der Musical-Produktionsfirma Aura Entertainment, deren Geschäftsführer er war, von Ottenthal auch ein finanzieller Sorgendruck abgefallen. Dass der versierte Theatermann dabei ganz gelassen bleiben kann, ist seinen Erlebnissen in China zu verdanken – und der Erfahrungswerte eines langen Theaterlebens. In einem Brauhaus im saarländischen Neunkirchen unterhalten wir uns am Rande der Konferenz zum Thema "Musikmanagement" - fand dort im Dezember 2015 statt - über das Musical-Business, das Scheitern, das Wiederaufstehen und über die Frage, warum man spätestens nach dem fünften Tannhäuser mit der Opernregie aufhören sollte.

Elmar Ottenthal, Ihr Name hat in der deutschen Theaterwelt für allerlei Aufsehen gesorgt. Nun musste Ihre Firma Aura Entertainment mit Firmensitz in Neunkirchen in die Insolvenz gehen. Wie kam es dazu?

Ottenthal:  Eine sehr ärgerliche Sache. Wir hatten das Musical „Falco Meets Mercury“ entwickelt, das war eigentlich mehr so ein Spontanprojekt, das wir binnen weniger Tage aus dem Boden gestampft hatten und das dann erstaunlich gut gelaufen ist. Wir haben die Produktion sogar in Berlin und Wien gespielt, insgesamt mehr als 50 Mal, und das sogar recht erfolgreich. Nur dass unser Geschäftspartner dort seine Rechnungen von  uns nicht bezahlt hat und wir dann wiederum unsere Künstler nicht zahlen konnten. Da ging es um rund 90 000 Euro. Das konnten wir nicht mehr stemmen.

Dafür machen Sie einen fast gelassenen Eindruck. Jedenfalls wirken Sie nicht angespannt. Wie geht es ihnen damit?

Otthenthal: Wissen Sie, meine Zeit in China hat mich sehr geprägt. Ich habe mich dort mit den Shaolinmönchen angefreundet. Von denen habe ich viel gelernt.

Ihre künstlerischen Stationen waren Aachen und Berlin, jeweils als Theaterintendant. Dann ging es ins Ausland. Und dann Neunkirchen im Saarland, mit 45000 Einwohnern – wie kam es dazu?

Ottenthal: Das hatte  sich so entwickelt. Ich war relativ frisch aus China wieder da, als mich der Oberbürgermeister Jürgen Fried angerufen hatte. Man hätte dort so einen schönen Weiher, den man kulturell irgendwie nutzen wollte. Das ist wirklich so, das vermutet man hier gar nicht. Da haben wir dann die „Wasserphantasie“ gemacht, so ein Mix aus Projektionen und Musik und Tanz. Das war 2012. Wir hatten jeden Abend bis zu 3000 Besucher bei den Aufführungen, die Atmosphäre war wirklich unglaublich.

Was hatte Sie denn ausgerechnet nach China verschlagen?

Ottenthal (schweigt eine Weile): Ach, sagen wir einfach: Privat.

Privat?

Ottenthal: Privat.

Was haben Sie da gemacht?

Ottenthal: Ich habe unter anderem Filme gemacht für den TV-Sender CCTV. Die haben dort eine eigene Version des Discovery Channels. Außerdem war ich künstlerischer Leiter des „Theaters des 20. Jahrhunderts“, das ist das zweitgrößte Theater in Peking.

Wie kam es dazu?

Ottenthal: Ich bin da ohne jeden Plan hingegangen und habe auch gar keine Idee gehabt, was ich da machen soll. Die einzige Idee war die, weit weg zu sein, aber auch neue Inspirationen zu bekommen. Alles andere hat sich entwickelt.

Und dann ging es aber doch zurück nach Deutschland?

Die "Wasserphantasie" im saarländischen Neunkirchen war 2012 eines der ersten Show-Projekte Ottenthals nach der Rückkehr aus China.   (Ottenthal-Foto)


Ottenthal: Ich bin 2009 nach Deutschland zurückgekommen. Und wie es der Zufall so will, das ist jetzt wirklich kein Witz, ruft mich genau  in dem Augenblick, in dem ich aus dem Flugzeug steige, der Komponist Frank Nimsgern an und sagt: Du, willst Du nicht mit mir was machen?“. Das war dann das Musical „Phantasma“ am Staatstheater Saarbrücken.

Von da aus ist Neunkirchen ja nicht mehr weit. Mit 45000 Einwohnern ein kleines Städtchen und doch schon das zweitgrößte des Saarlands. Woher kannten Sie denn Bürgermeister Jürgen Fried?

Ottenthal: Eine zufällige Bekanntschaft aus meiner Zeit in Deutschland vorher.

Nach der „Wasserphantasie“ 2012 sind Sie dann gleich dort geblieben. War das Ihre Absicht, die Großstädte gegen die Beschaulichkeit einzutauschen – auch wegen der Erfahrungen, die Sie dort gemacht haben? Eine neue Heimat finden, ging es darum?

Ottenthal: Das Schöne ist tatsächlich, dass hier alles so überschaubar ist. Das ist meistens etwas Gutes, nicht immer, aber meistens (lacht). Die Menschen sind hier wirklich begeistert und alle sehr musicalaffin, das ist für die eine Herzenssache. Das ist wirklich was Besonderes, das ist nicht nur Kommerz. Ich meine damit gar nicht alleine unsere Produktionen, sondern vor allem, was die Stadt mit ihrem Musicalprojekt geschaffen hat (Anmerkung des Autors: Ein für die Bürger offenes Theaterprojekt mit sich professionalisierenden Laien, die Jahr für Jahr eigene Stücke auf den Markt bringen).

Sie sind also wegen des dankbaren Publikums hiergeblieben?

Ottenthal: (lacht) Nicht nur, aber auch. Ein weiterer Grund ist natürlich, dass ich mit der Komponistin Aino Laos eine neue Lebensgefährtin gefunden habe.

Trotzdem ist Neunkirchen nun eben nicht Berlin….

Ottenthal: Berlin ist ein ganz eigenes Thema. Das war eine ganz schlimme Zeit dort, damals.

Sie waren dort Anfang der 2000er Jahre als Intendant des „Theaters des Westens“, bevor das Haus an die Stage Entertainment verkauft wurde. Mit dem Musical „FMA – Falco Meets Amadeus“ haben Sie dort immerhin einen ihrer kommerziell größten Erfolge schaffen können. Trotzdem keine gute Zeit?

Ottenthal: Das Stück hat denen damals gar nicht gefallen, also den Kulturverantwortlichen. Die Atmosphäre war da schon sehr angespannt. Viele sind zur Premiere gekommen nach dem Motto: So, dann gucken wir uns doch mal an, wie das hier alles kaputtgeht. Da war eine große Distanz da.

Warum?

Ottenthal: Als ich das Haus 1999 übernommen hatte, war der ganze Spielbetrieb noch sehr stark auf Operette ausgelegt – obwohl Helmut Baumann als mein Vorgänger ja schon ganz viel Musical gemacht hatte im Theater des Westens. Als ich dort ankam, war das Theater bereits in einer Schieflage. Ich habe dann das Orchester outgessourcet. Ich war einerseits zu einem Sparkurs gezwungen, auch politisch, andererseits nahmen mir viele übel, dass ich diesen auch umgesetzt habe. Damit ging es dann los.

Was ging los?

Ottenthal: Mir wurden Schrauben in die Reifen gedreht. Einmal hat die ganze Lautsprecheranlage im Theater nicht funktioniert, weil sie plötzlich falsch gepolt war. Und solcherlei Dinge mehr. Wir mussten später sogar einen Sicherheitsdienst bestellen… (winkt ab) Eine ganz schlimme Zeit.

Dabei hatten Sie in Aachen als Intendant erfolgreich gezeigt, wie man nicht nur einen Sparkurs umsetzen kann, sondern gleichzeitig sogar Überschüsse erwirtschaften kann – als subventioniertes Stadttheater.

Ottenthal: Ja, das war die Situation, wir hatten wirklich Geld erwirtschaftet. Ich bin dann so als Vorbild hingestellt worden, das hat nicht allen gefallen. Ich verstehe das jetzt. Heute. Aber wenn man so jung ist geht man mit viel mehr Ehrgeiz an sowas ran.

Wie alt waren Sie denn da?

Ottenthal: Ich war da 40 Jahre alt.

Was ist den Kollegen denn so sauer aufgestoßen?

Ottenthal: Ich habe eine Ganzjahresspielzeit eingeführt und habe die Stücke teilweise im Block spielen lassen, also ein Stück immer am Stück. Manche Künstler hatten dann allerdings Teilzeitverträge, das ging nicht anders.  (Anmerkung des Autors: „En Suite“ spielen ansonsten nur die kommerziellen Großtheater, während die subventionierten Stadt-, Staats- und Landestheater den Repertoirebetrieb bevorzugen – der „En-Suite“-Betrieb bringt für Theaterverwurzelte zudem eine verruchte Kommerzialisierungsduftnote mit sich).

Und was haben Sie zu Ihrer Verteidigung gesagt?

Ottenthal: Was ich heute noch immer sage: Den Zuschauern ist es letztlich egal, ob der Herr XY jetzt schon 20 Jahre an einem Haus ist oder nicht  - die Zuschauer wollen aufregende Produktionen sehen.

Wie kam es denn dazu, dass Sie nach Berlin gegangen sind?

Ottenthal: Die Berliner sind auf mich zugekommen und haben mich gefragt, da war ich gerade in Verhandlungen mit Aachen über eine Verlängerung. Aachen hatte mir eine Verlängerung angeboten. Aber ich war gierig nach Erfolg und sehr ehrgeizig. Und die Strafe folgte auf dem Fuß.....

Der zweite Teil des dreiteiligen Interviews folgt in Kürze hier auf diesem Blog...

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