Samstag, 13. Februar 2016

Benjamin Britten, mal ein neuer Versuch: Ob die Inszenierung von "Owen Wingrave" am Theater Osnabrück in der Spielzeit 2015/2016 einen neuen Zugang zu dem britischen Komponisten ermöglichen kann? Selbstversuch eines Zweiflers...



Alles grau in grau, die Bilderrahmen leer, die Schatten größer als die Lebenden - die hiesige Welt hat keine Farben bei Owen Wingrave" im Theater Osnabrück, sie ist erstarrt.    (Jörg-Landsberg-Foto/Theaer Osnabrück) 


Osnabrück - Tja, dieser Benjamin Britten. Zehn Jahre ist es jetzt her, dass der Autor dieser Zeilen es zuletzt mit einer Oper von ihm versucht hat - immerhin im Aalto-Theater in Essen, einem von Deutschlands besten, und immerhin mit Shakespeare-Anbindung (der "Sommernachtstraum") und immerhin in einer gefälligen Inszenierung. Und doch blieb Unschlüssigkeit: Was ist von diesem Britten zu halten? Und von seiner Musik? Ist sie auch eindrucksvoll oder doch eher anstrengend? Kaum ein Komponist in der Welt der Oper, der soviel Ratlosigkeit mit sich brachte. Und jetzt der "Owen Wingrave" in Osnabrück. Der nichts als gute Kritiken bekommen hat... Also: Britten, ein neuer Versuch. 


Der Stoff klingt fesselnd, die Vorlage ist interessant


Die Ausgangslage ist gut, der Stoff klingt fesselnd, da steckt noch mehr dahinter: Owen Wingrave, das ist eigentlich eine Gruselgeschichte des britischen Autoren Henry James, die durch ihre tiefenpsychologische Grundierung doch so viel mehr ist als bloß eine Gruselgeschichte. Geschrieben im Jahre 1893 (die Oper ist von 1971), ist durch die Erwähnungen der in Afghanistan spielenden Schlachten davon auszugehen, dass die Geschichte auch in etwa dieser Zeit angesiedelt ist - in einer Zeit, in der England mal wieder in Kolonialkriege verwickelt war und die Teilnahme daran eine Ehrensache war. Wer nicht in den Krieg wollte, galt, wie man heute sagen würde, als Pussy. Auf diesem Setting baut der Konflikt auf. 


Man stelle sich vor: Die Grünen-Eltern mit Pegida-Sprössling


Denn Owen Wingrave stammt zwar aus einer ehrenvoll kriegstreibenden Familie. Will aber selbst nicht dort mitmischen. Weil er Pazifist ist - und zwar, das ist das Schlimmste, aus Überzeugung. Ein Bruch mit der Tradition, den die Familie - oder das, was von ihr übrig ist -, nicht hinnehmen kann (das wäre heute in etwa so, als würde ein Grünen-/Linke-Elternhaushalt mit einem Pegida-Sprössling konfrontiert sein). Das Gruselelement kommt nun durch die Vorfahren ins Spiel: Ein Urahn schlug einst seinen jungen Sohn tot, weil dieser sich in der Schule nicht mit einem Kameraden messen wollte, und starb dann selbst. Seither, so heißt es, spukt es bei den Wingraves. Wenn auch nur in einem Raum. Der später noch eine wichtige Rollen spielen soll. 


Der Spuk im Kopf - die Bühne macht es deutlich


Wo es aber vor allem spukt, ist im Kopf von Owen Wingrave. Das machen die Inszenierung von Floris Visser und das ebenso simple wie eindrucksvolle Bühnenbild von Gary Mc Cann unmissverständlich klar. Da sind zwar zahlreiche Bilderrahmen an der Wand, aber sie sind alle leer. Die Vorfahren leben hier nicht einmal mehr in Erinnerungen weiter, was von ihnen gepriesen wird, ist leere Hülle und Projektion - und wenn sie auftreten, dann ausschließlich als übergroße und alles erdrückende Seelenbilder, die nichts als Angst machen. Eindrucksvoll, wie sich aus der sich teilenden hinteren Wand ein gigantisches Bild eines imperialistisch dreinblickenden Urbriten (und Urahnen) herausschält. In dickem Rot. Denn farbenfroh wird es hier nur, wenn die Toten ins Spiel kommen, ansonsten herrscht alles erdrückendes Einheitsgrau. Die Welt der Lebenden ist erstarrt, wie versteinert, Simpel, aber effektvoll. Gutes Theater. Und so praktisch.


Wir gucken nicht auf Spielorte - wir gucken in eine Seele


Klar, wie so oft in modernen Inszenierungen versinnbildlicht der Bühnenguckkasten hier eher das Seelen-Innenleben des Protagonisten als konkrete Spielorte. Was natürlich insofern - aus Subventionssicht - echt dankbar ist, als dass kein (zusätzliches Geld kostender) Umbau stattfinden muss und das Theaterbudget geschont bleibt. Sei's drum, in diesem Fall funktioniert es tatsächlich. Aus einem einfachen Grund.


Die Bühne als Seelenspiegel und Innenleben - funktioniert. Szenenbild aus der Oper "Owen Wingrave" von Benjamin Britten am Theater in Osnabrück.   (Jörg-Landsberg-Foto/Theater Osnabrück)

Denn wie die immer bedrückender werdende Musik von Britten und die Bilder der Inszenierung hier wie eine DNA-Spirale ineinander verwoben sind und sich gegenseitig ergänzen, ist vorbildlich. Und da erfährt der zweifelnde Theatergast auf einmal, dass er sich mit Britten versöhnen kann. Denn er erlebt eine Musik, die lautmalerisch - mit einem Mix aus Rhythmik und Reduktion und Leitmotivik - die immer größer werdende Verzweiflung des Protagonisten illustriert. Durchmischt mit effektvollen Gruselpassagen des aus dem Off singenden Kinderchores, trägt diese Partitur bei allen modernen Färbungen zudem Züge eines Filmsoundtracks - in keiner Sekunde langweilig. Vielleicht liegt es auch daran, dass dieser Abend so gelungen ist. Aber nicht nur.


Wohltuend: Hier ist nichts gegen den Strich gebürstet


Es ist vor allem das Sängerensemble, das in dieser Produktion glänzen kann - es zeigt eine so homogene Gesangsleistung, das keiner heraussticht, also nicht negativ. Das überzeugt. Zumal es von einer Regie geleitet wird, die die Figurenzeichnung ernst nimmt und nicht auf Teufel komm raus modernisieren und gegen den Strich bürsten muss. Was bei einem solchen Stoff auch gar nicht nötig ist, politisch und aktuell, wie er ist. Eindrucksvoll ist zum Beispiel die Szene, in der bei einem Abendessen mühsam die Form gewahrt zu werden versucht, obwohl die Familie bereits auseinandergebrochen ist. Und wenn Wingrave am Ende von seiner Verlobten Kate (Almerija Delic) zum Übernachten ins Spukzimmer gesperrt wird, weil er ihr mit einer letzten Mutprobe beweisen soll, dass es nicht Feigheit ist, die ihn antreibt, ist die Tiefe seiner Qual ebenso spürbar wie die Entschlossenheit des Ungebrochenen. Sänger Jan Friedrich Eggers hatte schon in der Doppelrolle Jekyll/Hyde seine schauspielerischen Qualitäten bewiesen. Also insgesamt nix zu meckern? Nun ja, Nicht ganz. 


Leute, macht 'ne Pause - wird schon keiner davonlaufen


Weil die Oper hier in der Originalsprache gespielt wird und mit Übertiteln (oder besser gesagt: Seitentiteln, am Theater Osnabrück) versehen ist, wird einem als flüssig Englisch sprechender Serien-O-Ton-Untertitelfanatiker das Dilemma dieses Vorgehens bewusst: Die Aussprache ist teilweise betörend touristisch, da müsste ein Sprachcoach nochmal ran. Und warum das Theater sich entschieden hat, bei einem Zweiakter mit fast zwei Stunden Spielzeit keine Pause anzubieten, ist kaum zu verstehen. Dieser Pausenverzicht wird am Osnabrücker Hause langsam eine Unsitte, die immer stärker um sich greift - falls die Sorge davor, dass das Publikum in Scharen davonläuft, ausschlaggebend gewesen sein soll, ist sie unbegründet. Da gab es ganz andere Produktionen (wir erinnern uns an einen gräuseligen Schauspiel-"Sommernachtstraum" - und zwar nicht die Studentenproduktion). Tja. Und die Musik?


Musik ohne jeden Puccinischmelz - "Evita" ist mehr Oper


Der musikalische Leiter Daniel Inbal zeigt beim Schlussapplaus eindrucksvoll, wie sehr er die großen Dirigentengesten mittlerweile verinnerlicht hat - für den Blogger als musikalisch Nichtstudierten ist es indes schwer zu durchschauen, wie kompliziert eine solche Partitur zu dirigieren ist und welche Akzente er hier setzen mag. Immerhin meistern die Osnabrücker Sinfoniker auch die rhythmisch trickreichen Passagen spielerisch. Und von denen gibt es einige. Tja, dieser Britten. Es ist schon ein Phänomen, dass sich ein britischer Komponist, der fast als Zeitgenosse gelten muss (gestorben 1976) und dessen Musik jeden Puccinischmelz und jedes Verdipathos vermissen lässt, ganz leichtfüßig in den Kanon der zu spielenden Opern des deutschen Repertoiretheater geschlichen hat, wo er fast gleichrangig neben bedeutenden Franzosen auf einer Stufe steht. Dass zur Entstehungszeit des "Owen Wingrave" schon Rockopern wie "Jesus Christ Superstar" gemacht wurden (und die "Evita" in Vorbereitung war), die insgesamt opernhafter geraten sind, ist eine musikhistorisch bemerkenswerte Fußnote. Wer es mit Britten mal probieren mag, ist beim "Owen Wingrave" des Theaters Osnabrück jedenfalls gut aufgehoben. Versöhnt. Danke (besuchte Vorstellung: Mittwoch, 10. 2. 2016). 

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Farbig wird es nur beiim Spuk: Was bei "Owen Wingrave" am Theater Osnabrück mit simplen Effekten erzeugt wird, verstärkt sich  durch die atmosphärisch dichte Musik.   (Jörg-Landsberg-/Theater-Osnabrück-Foto)

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