Samstag, 26. März 2016

Über die einmalige Kultur-Vielfalt in Deutschland: Wie kam es dazu, dass es in Deutschland so viele (subventionierte) Theater gibt? - Spurensuche: Über die Geschichte der Theatersubvention/Theatergründungen



Das Theater Osnabrück an einem Morgen im März - Jedes Jahr am 27. 3. ist Welt-Theatertag, ein Tag, an dem einem wieder einmal besonders bewusst wird, was für ein Geschenk es ist, wie ausgeprägt die Kulturvielfalt in Deutschland ist.   (Thomas-Achenbach-Foto)

Osnabrück - Von den weltweit rund 160 Opernensembles sind alleine 80 in Deutschland angesiedelt. Das zeugt von der Vielfalt, die es hier gibt. Einmal im Jahr, immer am 27. 3., ist der Welttag des Theaters. Eine wertvolle Gelegenheit, sich wieder bewusst zu machen, wie reich beschenkt wir hier in Deutschland doch sind. Nicht alleine, weil eine Stadt von der Größe Osnabrücks (beispielsweise) ein öffentlich bezuschusstes Theater mit allen drei Sparten (Gesang, Schauspiel und Tanz) haben darf - sondern auch, weil die Dichte an Kulturhäusern in diesem Land insgesamt so enorm ist. Nimmt man einen Zirkel, stellt ihn auf einen 200-Kilometer-Radius ein und wählt die Stadt Osnabrück als Mitte, liegen wenigstens 20 Theater aller Größenordnungen und Güteklassen mitten in diesem Bereich, darunter Top-Häuser wie das Aalto-Theater in Essen oder das Thalia-Theater in Hamburg, aber auch kleinere Perlen wie das Landestheater in Detmold, die Stadttheater in Münster, Bielefeld und noch viele, viele mehr. Eine solche Fülle an - größtenteils subventionierten! - Theatern ist weltweit einmalig. Weltweit...!


Hat Anrecht auf das Weltkulturerbe: unsere Theatervielfalt


... bitte einmal auf der Zunge zergehen lassen! Völlig zu Recht wird immer wieder die Forderung laut, dies müsste als UNESCO-Weltkulturerbe unter einen besonderen Schutzmantel gestellt werden. Aber wie kommt es eigentlich dazu, warum ist das so - gerade bei uns? Und wie kommt es, dass diese Theater mit viel Staatsgeld von der öffentlichen Hand mitfinanziert werden (anders als beispielsweise die Theater in den USA)? Seit wann ist das so? Höchste Zeit also für eine Spurensuche. Keine leichte Aufgabe.


Zu diesem Thema gibt es kaum Forschung, kaum Quellen


Denn, zugegeben, was das Thema Theaterentwicklung im frühen Deutschland angeht, stoße ich an die Grenzen meines Wissens. Aber offenbar nicht nur ich: "Ein theatergeschichtliches Großthema, dass Sie da anvisieren", schreibt mir in einer E-Mail der Kulturexperte und Theaterwissenschaftler Wolfgang Jansen, einer der anerkannten Experten auf diesem Gebiet. "Denn spezielle Forschungen gibt es dazu meines Wissens nicht." Kein Wunder also, dass sich selbst durch hartnäckige Recherchen in Bibliotheken und im Internet so wenig zum Thema finden lässt. Und hartnäckig halten sich die Gerüchte, dass es die Nazis waren, die die staatlich bezuschussten Theater in Deutschland eingeführt hätten. Also wie war es nun?


Ein Fachmann in Sachen Theaterwissenschaften und in Sachen Musicals: Dr. Wolfgang Jansen.   (Foto: Ralf Rühmeier, mit freundlicher Genehmigung)


Fürsten, Adlige, Kleinstaaten - und alle brauchten ein Theater!


Dr. Stefan Frey, ebenfalls ein Experte für solcherlei Fragen, unterrichtet das Thema Theaterwissenschaft an der Universität in München. Er antwortet auf meine Mailanfrage zum Thema wie folgt: "Seit dem Barock sorgten Fürsten und Höfe dafür, dass Genres wie Oper oder Ballett überhaupt aufgeführt werden konnten. In der Aufklärung kam dann das Schauspiel dazu. Diese Struktur wurde in Deutschland erst durch Einführung der Gewerbefreiheit 1869 geändert, die es privaten Unternehmern ermöglichte, Theater zu führen. In Großstädten wie Berlin und Wien führte das zu einer vielfältigen und dichten Theaterlandschaft, ohne die z.B. die Operette nicht hätte entstehen können."


In der Weimarer Republik änderten sich die Verhältnisse


Wolfgang Jansen weiß das noch zu ergänzen: "Erst nach dem Ende der Monarchie hat die Regierung der Weimarer Republik die ehemals höfischen Bühnen nach langwierigen Verhandlungen verstaatlicht (die ersten staatlichen Theater überhaupt). Sie wurden aber kein Eigentum des Deutschen Reiches, sondern der jeweiligen Länder, z.B. wurden die Berliner Staatsoper und das Schauspielhaus Eigentum Preußens." Nicht alle Theater indes wurden verstaatlicht, führt Jansen weiter aus, es gab einige interessante Ausnahmen. "Das vormals Königliche Schauspielhaus in Potsdam beispielsweise wurde privat weiter betrieben - mit spärlichen öffentlichen Zuschüssen."

Viele Theater sind ein Segen - nicht alle sehen das so


Als spitze These zusammengefasst bedeutet das also: Eine seltene Mischung aus vielerlei Fürstentümern und Adelsfamilien, die sich in ihren jeweiligen Kleinstaaten das Theater als Institution leisten wollten, sowie aus später dazukommenden Privattheatern, die ihrerseits die Kultur vorantrieben, führte dazu, dass jenes Land, was später ein vereintes Deutschland sein sollte, mit so vielen Theaterspielstätten gesegnet war. Wobei dann irgendwann die Nazis kamen, die das gar nicht mehr als Segen betrachteten, sondern vielmehr als Last - weil sie keine Kontrolle über die privaten Theater hatten. Oder wie war das, Wolfgang Jansen?


1933 bis 1945: Die Gleichschaltung der Spielpläne


Jansen schreibt weiter: "In der NS-Zeit wurden im Laufe der Jahre alle Spielstätten, bis hin zu Varietétheatern, in öffentliches Eigentum und einen öffentlichen Spielbetrieb überführt. Damit kamen die Nazis einer Forderung nach, die seit Jahrzehnten sowohl von politisch linker wie rechter Seite erhoben worden war (mit jeweils unterschiedlichen Begründungen). Für die Nazis standen primär die Ausgrenzung der Juden und die Gleichschaltung der Spielpläne im Vordergrund." Und Dr. Stefan Frey ergänz: "Der Anlass dazu war, dass die meisten erfolgreichen privaten Theaterunternehmer Juden waren. Nach deren Ausschaltung sollte ,Theater kein Gewerbe mehr sein, sondern eine Kulturaufgabe!' Das ist natürlich sehr überspitzt, trifft aber zumindest für die unterhaltenden Bühnengenres wie Operette, Revue oder Variété weitgehend zu."


Ein Thema, das zu weiterem Forschen einlädt


Dieses von den Nazis neu geschaffene System der verstaatlichten Bühnen wurde dann nach 1945 von der DDR weitergeführt - und auch das westdeutsche Theatersystem fußt in seinen Grundsätzen darauf. Zumindest die Idee, dass die öffentliche Hand die Bühnen bezuschusst/mitfinanziert, entspricht diesem System. Wobei die Spielplangestaltung heute ja nun nicht mehr vorgegeben und von Gremien kontrolliert, sondern eben frei bestimmbar ist. So gesehen stimmt die These, dass unser heutiges Theatersystem eine Erfindung des NS-Regimes ist, also nur bedingt, es hat sich entsprechend aus der Geschichte heraus entwickelt. Dr. Stefan Frey schreibt abschließend: "Systematisch erforscht ist das leider noch nicht, aber noch in diesem Jahr soll die Dissertation von Matthias Kauffmann mit dem Titel "Operette im Dritten Reich" erscheinen, die das Thema berührt (Band 1 der Schriftenreihe Musik im „Dritten Reich“ und im Exil, hg. v. Peter Petersen, Neumünster: Von Bockel )."  

Danksagung & Ausblick: Ein sehr herzliches Dankeschön geht an dieser Stelle an die beiden Wissenschaftler, dass sie sich alleine dieses Blogbeitrags wegen soviel Mühe gemacht haben! Von Dr. Wolfgang Jansen habe ich noch einige spannende Anmerkungen zum Thema Subvention allgemein erhalten (wie ist das überhaupt zu verstehen?) - diese folgen in einem späteren Blogbeitrag, um hier nicht den Rahmen zu sprengen. Danke auch dafür!

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Das Osnabrücker Theater am Domhof noch einmal von der anderen Seite aus fotografiert... Jedes Jahr am Welt-Theatertag (also am 27. 3.) wird einem bewusst, was für ein Geschenk es ist, dass selbst eine Stadt wie Osnabrück ein eigenes Theater haben darf. Selbstverständlich ist das nicht, erhaltenswert unbedingt.   (Thomas-Achenbach-Foto)

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