Mittwoch, 24. August 2016

Nach dem Studium auf die Bühne - und in die Problemzone? Musicaldarstellerin Mandy Marie Mahrenholz über prekäre Arbeitsverhältnisse am Theater und die Frage warum sich hier etwas ändern sollte (ein Interview)


Hagen/Osnabrück - Nachdem sich sehr viele Menschen für mein Interview mit dem Bassbariton Christian Sist über die Arbeitsverhältnisse am Theater interessiert haben, wollen wir jetzt eine junge Dame zu Wort kommen lassen. Denn es gibt noch ein zweites sehr spannendes Interview mit vielen Hintergründen darin, das ich der Öffentlichkeit nicht vorenthalten möchte... Schon vor kurzem war hier auf diesem Blog von der gemeinsamen Studie die Rede, in der die Hans-Böckler-Stiftung, die in Bonn sitzende Kulturpolitische Gesellschaft und die Künstlerinitiative „Art But Fair“ untersucht haben, wie es aktuell um die berufliche Situation von Kunstschaffenden steht - nämlich nicht ganz so toll

Alle weiteren Hintergründe rund um die Studie habe ich in einem Artikel für die Neue Osnabrücker Zeitung zusammengefasst - zu meiner Recherche gehörte auch das untenstehende E-Mail-Interview mit der Musicaldarstellerin und Ex-'"Schloss-Einstein"-Darstellerin Mandy Marie Mahrenholz. Weil das Gespräch noch weitere Aspekte enthält, möchte ich auch dies - obwohl ursprünglich nur als Recherchematerial gedacht - hier in voller Länge veröffentlichen. Auf geht's...:


Kehrt Anfang 2017 in einem Gastauftritt zurück zur TV-Serie "Schloss Einstein": Mandy Marie Mahrenholz begann ihre Karriere als Kinderdarstellerin im Fernsehen. Inzwischen ist sie ausgebildete Musicaldarstellerin.   (Hannes-Casper-Foto)


Mandy Marie Mahrenholz, bitte ein Statement zur Studie von "Art But Fair" – was hat Sie am meisten überrascht, schockiert, was weniger?

Mahrenholz: Zuerst einmal freut es mich, dass so viele an der Umfrage zur Studie teilgenommen haben. Ich selber habe viele dieser Missstände am eigenen Leib erlebt oder auch wie schwer die Vereinbarkeit mit Familie und Beruf ist. Von Kollegen höre ich ja auch, dass es ihnen oft genauso ergeht, aber dass es dann doch so viele betrifft, hat mich sehr überrascht.  
Was war die schlimmste/erniedrigendste Erfahrung in Sachen Bezahlung, die Sie gemacht haben? Wann war das und wo?

Mahrenholz: „Dasda“ Theater Aachen, hat mir für ein Festengagement von September bis Juli, insgesamt ca. 300 Vorstellungen in diesem Zeitraum, 1200 Euro brutto pro Monat angeboten. 

Und die zweitschlimmste?

Mahrenholz: Staatstheater Mainz, pro Vorstellung 220 Euro ohne Fahrt- und Unterkunftspauschale. Und mittlerweile gibt es immer mehr Produktionen bei denen es keine Probenvergütung gibt, d.h. man probt 6 Wochen umsonst! Das würde sonst niemand, in keinem anderen Beruf machen. 
Gegenprobe. Gibt es auch positive Erfahrungen aus dem Kulturbetrieb?

Mahrenholz: Ja, zum Beispiel am Staatstheater Nürnberg und auch jetzt in Hanau bei den Brüder-Grimm-Festspielen, da kann ich nur Positives sagen... faire Bezahlung und gute Erfahrungen im Umgang mit den Mitarbeitern, einfach ein wunderbares Arbeitsklima.
Wievielen Ihrer Kollegen geht es genauso? Und warum wurde das Thema bisher eher totgeschwiegen?

Mahrenholz: Naja zum einen steht in fast jedem Vertrag eine Verschwiegenheitsklausel drin. Die wenigsten wissen, das diese gar nicht rechtens ist. Dann wollen die meisten Künstler einfach arbeiten, auch alleine weil der Druck sehr hoch ist und die Sorge, dass zum Beispiel keine Lücken in der Vita entstehen, da machen dann viele auch schon mal unterbezahlte Jobs.

Aber wieso traut denn keiner den ja immerhin existierenden Künstlergewerkschaften zu, das Thema ordentlich in den Griff bekommen zu können?

Mahrenholz: Vielleicht weil bisher von den Gewerkschaften nicht viel unternommen wurde. Die wenigsten Kollegen wissen überhaupt dass es die GDBA gibt (Anmerkung des Autors: Das Kürzel steht für die „Genossenschaft deutscher Bühnenangehöriger“). Und wenn ich höre, welche Gagenvorstellungen bei den letzten Verhandlungen angesetzt wurden, kann ich nur die Hände über dem Kopf zusammen schlagen. Und um auch mal ein gutes Beispiel zunennen, der BFFS hat mittlerweile viele Mitglieder und man sieht das sich der Verband einsetzt und auch in den letzten Jahren schon vieles bewirken konnte (Anmerkung des Autors: Das Kürzel steht für den „Bundesverband der Film- und Fernsehschauspieler“). 
Immer wieder ist zu lesen, dass für Theater kaum noch öffentliches Geld zur Verfügung stehen kann, weil die öffentlichen Kommunen klamm bis pleite bis fast insolvent sind. Rostock, Schwerin, Hagen, Wuppertal, die Leidensgeschichten sind lang und vielfältig. Wie beobachten Sie das?

Mahrenholz: Ich muss in den letzten Jahren deshalb auch feststellen, dass die Gagen immer niedriger werden, Fahrt- und Unterkunftskosten immer seltener bis gar nicht mehr bezahlt werden (können) und auch dass immer mehr Theater auf Studenten zurückgreifen, weil es günstiger ist. Aber leider leidet da ganz oft auch die Qualität drunter. 
Gibt es in diesem Zusammenhang nicht auch immer wieder Kritik an Künstlern, die jetzt mehr Geld und bessere Bedingungen verlangen?

Mahrenholz: Wenn die Gehälter und Bedingungen immer weniger und schlechter werden und ich mit meinem Job zum Teil nicht mal mehr meine Fixkosten bezahlen kann, ist doch klar, dass sich was ändern muss. Obwohl ich persönlich finde, die Künstler machen noch viel zu selten den Mund auf, aus Angst, sie bekommen keinen Job mehr… und wahrscheinlich wäre das auch so. 
Ist Ihnen schon einmal vorgeworfen worden, Sie würden mit ihrem Verhalten der Branche schädigen oder die Existenz von Theatern aufs Spiel setzen? 

Mahrenholz: Nein.
Wie beobachten Sie die Reaktionen des Publikums auf Ihre Initiative – gibt es Reaktionen? Wie sehen die aus? Wüste Beschimpfungen oder Verständnis?

Als wilde und sich langweilige Jugendliche überzeugte Mandy Marie Mahrenholz  Presse und Zuschauer vor kurzem im Musical "Burning Love" bei den Brüder-Grimm-Festspielen in Hanau.    (Hannes-Casper-Foto)

Mahrenholz: Mich überrascht es grundsätzlich, dass das Publikum noch ein ganz anderes Bild von darstellenden Künstlern und deren Leben hat.  Es kommen zum Beispiel Fragen und Aussagen wie... was machen Sie denn tagsüber? Braucht man dafür denn überhaupt eine Ausbildung? Nur ein paar Stunden am Tag arbeiten und dann von einer Party zur anderen, ist doch ein Luxusleben. Die wenigsten wissen, wie es wirklich ist, aber alle, die von unserer Initiative erfahren, sind von unserer Arbeit begeistert. 
Nun haben wir die Gewerkschaften, die Künstlerinitiative um Lisa Jopt („Ensemble Netzwerk“) und schließlich ‚Art But Fair‘ – sind das nicht am Ende zu viele Player mit dem gleichen Ziel ?

Mahrenholz: Nein, das denke ich nicht. Aber ganz wichtig ist...: Ohne die Künstler geht es nicht! Es kann noch so viele Gewerkschaften und Verbände geben, wenn die Künstler nicht mithelfen und alle an einem Strang ziehen, wird sich wohl trotz allem kaum was ändern.

Persönliche Frage: Wenn Sie nicht Künstler geworden wären, was dann?

Mahrenholz: Es gab keinen anderen Weg, den ich gehen wollte - außer diesen. 
Und schließlich: Ein Höhepunkt aus der Vita – was hat sie besonders berührt?

Mahrenholz: Meine Zeit und die Rolle bei der Kinder- und Jugendserie "Schloss Einstein", heute noch werde ich ab und an darauf angesprochen und viele junge Menschen verbinden diese Serie mit ihrer Kindheit und es ergeben sich dadurch wunderschöne Gespräche. 
Das Interview wurde im Juni 2016 per E-Mail durchgeführt.


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