Dienstag, 30. August 2016

Don Giovanni, Tristen und Isolde und L'Amour de loin - die MET auf der Leinwand: Das werden die ersten drei Höhepunkte der neuen Oper-im-Kino-Saison aus der Metropolitan Opera/New York



Schickes Haus, auch von außen - das 1966 eröffnete "Metropolitan Opera House" mit seinen 3800 Sitzplätzen feiert in diesem Jahr das 50jährige Bestehen. Die dazugehörige Jubiläums-Spielzeit 2016/2017, die in Auszügen als "MET live in HD" in die Kinos der Welt übertragen wird, ist gesäumt mit großen Namen, Ereignissen und Produktionen. So ist die MET im Kino,    (Clasart/tmg-Metropolitan-Opera-Fotos) 


Osnabrück/New York - Am 16. September 2016 wurde die Metropolitan Opera in New York genau 50 Jahre alt. Also, ebenjene MET, wie wir sie heute kennen und schätzen, als eines der führenden Opernhäuser der Welt. Mit "Antony and Cleopatra" von Samuel Barber wurde die Bühne nach dem Umzug ins Lincoln Center 1966 feierlich eröffnet, nachdem sie rund 80 Jahre an anderer Spielstätte bestanden hatte. Seit 2006 - also seit dem vierzigsten Geburtstag - gibt es die Live-Übertragungen in die Kinos der Welt, der Start war mit der "Zauberflöte". Und nun also die Jubiläums-Saison von "MET live in HD". Doch, was ist das? Wie jetzt? Schon wieder der „Eugen Onegin“ und die „Rusalka?“... Die waren doch erst neulich...? Wieso denn das...? 

Okay, langsam. Klare Sache ist: Die Oper-Live-Übertragungen aus der Metropolitan Opera in New York (MET) auf die Kinoleinwand haben sich bei Theaterfans inzwischen als spannendes Ereignis für einen guten Kulturabend etabliert, aller Etikette-Fragen zum Trotz. Und doch: Jedes Mal, wenn das neue Programm für die Live-im-Kino-Saison der MET veröffentlicht wird, weckt das angekündigte Repertoire nicht nur Vorfreude, sondern auch zwiespältige Gefühle. 

In der vergangenen Saison beispielsweise, weil sich Puccini-Oper an Puccini-Oper reihte, gleich drei Mal – und in der kommenden Saison 2016/2017, weil es den Eindruck macht, als habe die MET rein aus Einfallslosigkeit heraus einfach zwei Stücke, die sie schon einmal per weltweiter Kino-Übertragung gezeigt hat, noch einmal auf den Spielplan gesetzt. Und das auch noch in der Geburtstags-Spielzeit zum 50-jährigen Bestehen des New Yorker Qualitätshauses. Doch dieser Eindruck täuscht und tatsächlich ist die kommende „Met-live-in-HD“-Spielzeit besser als es zunächst den Anschein macht, ja, tatsächlich ist sie sogar reich an Höhepunkten und großen Produktionen, wie ein vertiefter Blick auf die Produktionen und das dazugehörige Personal uns zeigen kann.

Hier also die ersten drei Produktionen, die allesamt noch im Jahre 2016 zu sehen sein werden, im Kulturesque-Qualitäts-Check (Fortsetzung folgt kurz vor Jahresende):



Nina Stemme als Isolde in Mariusz Trelinskis neuer MET-live-im-Kino-Produktion von Richard Wagners "Tristan und Isolde" - das könnte ein großartiger Auftakt das werden! Und was uns wohl der "Twilight"-Mond verspricht? Und die Maske? (Kristian-Schuller-/Metropolitan-Opera-/Clasart-Foto/MET live in HD)


Tristan und Isolde – vom Blaubarts-Burg-Visionär


Der Auftakt ist der Hammer. Der polnische Regisseur Mariusz Trelinski war verantwortlich für eine der atemberaubendsten MET-Kino-Übertragungen der vergangenen Jahre: Seine bildgewaltige Doppeldeutung der zwei Einakter „Jolanta“ von Tschaikowsy und „Herzog Blaubarts Burg“ von Bártok gehörte mit zu den eindrucksvollsten, dichtesten und düstersten Inszenierungen, die von der MET-Bühne aus auf die Leinwände der Welt ausstrahlten. Bilder wie aus dem Kino - sogar für die eher konservativen MET-Verhältnisse erstaunlich modern - auf der Bühne, damit sie von der Bühne aus auf die Kinoleinwände ausgestrahlt werden. Irgendwie bizarr - aber sehr, sehr gut.

Das lässt hoffen, dass seine Version des Richard-Wagner-Eros-Epos „Tristan und Isolde“ mit einer ähnlichen Bildkraft ausgestattet ist. Das Plakat zur Oper, das wie immer bei der MET schon lange im Voraus vorsichtige Rückschlüsse auf die zu erwartende Produktion zulässt, ist jedenfalls schon einmal vielversprechend – eine rätselhafte Phantom-der-Oper-Maske unter einem Mondscheinhimmel, der glatt aus „Twilight“ stammen könnte... mal sehen, was das bringt.

Und am Pult? Auch das ein Ereignis: Am Pult wird Sir Simon Rattle erwartet, der nur selten als Gast-Dirigent am New Yorker Pult steht und wenn, dann besonders schöne Ausnahme-Opern dirigiert wie beispielsweise Debussys „Pelleas et Melisande“.

Die Sänger? Auweia, ohweh: In Bayreuth war der russische Bariton Evgeny Nikitin wegen seines unter Umständen als Hakenkreuz zu sehenden Tattoos in Ungnade gefallen. Später dementierte er: Das Tattoo sei einfach nur falsch interpretiert worden. Tja, wer weiß... - was davon zu halten ist? Die Mezzosopranistin Ekaterina Gubanova ist an allen führenden Welt-Opernhäusern zu Gast und hat seit 2005 auch die Brangäne für diese Wagner-Oper im Rollenrepertoire. Die Hauptrollen sind durch die Schwedin Nina Stemme und den deutschen Sänger René Pape besetzt – auch das eine gute Wahl.

Neue Produktion oder aus dem Repertoire? Neu! Die MET startet mit dieser ganz frischen Premiere erst am 26. 9. in die zu feiernde 50-Jahre-MET-Saison, nur wenige Tage später findet dann die Live-Übertragung in die Kinos der Welt statt. Man darf gespannt sein. 

Kino-Termin: Samstag, 8. 10. 2106, ab 18 Uhr (Achtung, Achtung: frühere Startzeit!).



Simon Keenlyside, hier als Thomas Hamlet, wird in Mozarts Don Giovanni aus der MET die Titelrolle singen - eine weitere der zehn MET-im-Kino-Produktionen in der Spielzeit 2016/2017. (Marty-Sohl-/Metropolitan-Opera-/Clasart-Foto/MET live in HD).

Don Giovanni – die Damenwelt im Adventskalender


Die Bühne, so urteilte die „New York Times“ nach der Premiere über diese Opernproduktion, habe etwas von einem klassischen Adventskalender: Verschiedene Türen gingen auf und Figuren ploppten heraus. Dabei galt der eigentlich vom Schauspiel kommende britische Regisseur Michael Grandage als heiß erwarteter Opern-Neuling, als er 2011 diesem Wolfgang-Amadeus-Mozart-Klassiker für die MET in Szene setzte, seine zweite Oper (zuvor machte er eine „Butterfly“ in Houston). Doch die von verschiedenen Balkonen gesäumte Bühne bekam auch Lob vom New Yorker Kritiker: Wenn sich während der bekannten Katalog-Arie des Leporello Balkon um Balkon mit Damen füllte, sei das eine bemerkenswerte und amüsierende Idee. Also: Einfach mal drauf einlassen? Immerhin gilt ja: In Italien sind's tausendunddrei (Frauen). Mannomann, wie anstrengend...

Und am Pult? Der als eventueller neuer Chefdirigent der MET geltende "Principal Conductor" Fabio Luisi, war für seine Interpretationen des „Rings“ von Wagnerianer vielgescholten worden, hat aber in verschiedenen MET-Übertragungen ein gutes Gespür für italienische Stoffe gezeigt. Seine Mozart-Interpretationen bekommen durchweg gute Kritiken.

Die Sänger? Mit Rolando Villazón steht hier einer der größten Welt-Stars der Oper auf der Bühne. Das könnte selbst für Nicht-Mozartianer (wie mich) ein Ereignis sein. 

Neue Produktion oder aus dem Repertoire? Die Produktion hatte 2011 Premiere, ist also, in MET-Vergleichsmaßstäben, noch eine der neueren. Immerhin laufen dort auch Stücke, die seit über 50 Jahren in immergleicher Inszenierung zu erleben sind. 

Kino-Termin: Samstag, 22. 10. 2016, ab 19 Uhr.


 Eric Owens als Jaufre Rudel und Susanna Phillips als Clemence in Kaija Saariahos "L'Amour de Loin", der wohl ungewöhnlichsten und spannendsten neuen MET-im-Kino-Produktionen in der Spielzeit 2016/2017.   (Kristian-Schuller-/Metropolitan-Opera-/Clasart-Foto/MET live in HD)

L'Amour de loin – der Bühnenmagier mit dem Technikzauberkastsen


Die ganz sicher ungewöhnlichste Oper dieser Kino-Spielzeit (und, vermutlich, auch der MET-Spielzeit) ist ein modernes Werk von der zeitgenössischen finnischen Komponistin Kaija Saariaho (Baujahr 1952), die sich eigentlich auf die Verwendung elektronischer Geräte wie Tonbänder etc. in Kombination mit dem Orchester spezialisiert hatte. „L’Amour de loin“ – bei den Salzburger Festspielen 2000 mit Dirigent Kent Nagano am Pult erstmals aufgeführt – ist ihre erste und bislang einzige Oper.

Das Spannendste daran ist allerdings der Regisseur: Denn der Kanadier Robert Lepage hat mit seiner ebenso gewaltigen wie bezaubernden fahrbaren Bühnenkonstruktion für den „Ring des Nibelungen“ für Aufsehen gesorgt. Eine sich vielgestaltig veränderbare Maschine, 45 Tonnen schwer und aus 24 rotierenden Planken bestehend, die an Kreiselpunkten inmitten der Bühnenhöhe aufgehängt war, in Kombination mit effektvollen Projektionen machte diesen auch personell spannend besetzten Ring zu einem Erlebnis der besonderen Art, das es übrigens auch als DVD-Box zu kaufen gibt (eine lohnenswerte Investition - habe ich sehr genossen).

Schon die Vorabfotos zu „L'Amour de loin“ lassen ahnen, dass hier wieder mit unaufdringlicher Technik und guten Ideen eine visionäre Bühnenkunst geschafft werden soll. Das könnte also ein sehr spannender Opernabend werden. Thematisch geht es um eine Sehnsucht nach einer Frau, die so übermächtig wird, dass sie als psychologisches Motiv auch die Musik dominiert.

Und am Pult? Auch eine Finnin, jedoch eine, die viel im warmen Lissabon gearbeitet hat: Susanna Mälkki war noch vor kurzem Erste Gastdirigentin des Lissaboner Orchesters und schwingt zurzeit in Helsinki den Taktstock. Sie gilt als Brahms-Liebhaberin mit einem Faible für die Romantik. Diese Oper wird ungleich schwieriger zu dirigieren sein: „Häufige Taktwechsel erschweren die Orientierung in einem Stück, in dem die Geigen manchmal nach 200 Takten Pause 96 Takte lang den selben Ton aushalten müssen“, schrieb das Darmstädter Echo nach einer dortigen Aufführung über die Musik.

Die Sänger: Susanna Phillips gilt eigentlich als Mozart-Spezialistin und ist jetzt mal in einer modernen Produktion mit dabei, außerdem ist hier wieder der farbige Eric Owens zu erleben, der in den Kino-Vorjahren als Wassergeist in der „Rusalka“ zu sehen gewesen ist sowie als Alberich in der bereits erwähnten "Ring"-Produktion mit der Mega-Maschine.

Neue Produktion oder aus dem Repertoire? Neu! Premiere in New York ist am 1. 12., einem Donnerstag, die im Kino übertragene Vorstellung wird erst die insgesamt dritte sein.

Kino-Termin: Samstag, 10. 12. 2016, ab 19 Uhr.

Und warum folgen dann später wieder ein "Eugen Onegin" und wieder eine "Rusalka"? Und warum lohnen sich diese Produktionen trotzdem - oder gerade jetzt? Mehr dazu in Kürze auf diesem Blog. Denn im Januar 2017 wird es dann weitergehen mit der MET live im Kino... und in Bälde folgt hier der Qualitäts-Check für die nächsten drei Produktionen (für aktuelle Infos über neue Blogbeiträge am besten meinem Twitter-Profil folgen). Für heute sage ich: Danke fürs Lesen für die Aufmerksamkeit! 

Mehr zum Thema: Alle Infos zur MET-Spielzeit 2016/2017 gibt es auch hier: www.metimkino.de.

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Und im Trauerblog des Autors: Trauma - das ist ein großes Wort. Was ist der Unterschied zur Trauer? Ein Psychologe sagt: Das Thema Trauma wird schlecht vermittelt



Die MET live im Kino 2016/2017 gibt es in ausgewählten Kinos zu erleben, z.B. im Cinestar Osnabrück und in verschiedenen anderen.  (MET live in HD/Clasart-/tmg-Metropolitan-Opera-Fotos)

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