Mittwoch, 12. Oktober 2016

Der Schal !! bleibt !! dran !! - So war der Auftritt von Heinz Rudolf Kunze samt vierköpfiger Verstärkung am Freitag, 7. 10. 2016, im Osnabrücker Rosenhof...


Markenzeichen: Schal, Wortspiele, Musikalität.    (Thomas-Achenbach-Symbolfoto)

Osnabrück - Ungeschriebenes Gesetz für alle Künstler: Wer sich für kreativ hält, hat einen Schal zu tragen. Egal, ob es draußen 35 Grad heiß ist oder ob drinnen in einer Konzerthalle der Schweiß in der Luft verdampft. Und auch Heinz Rudolf Kunze hält sich bei seinem Konzert im Osnabrücker Rosenhof am 7. 10. 2016 eisern an diese Grundregel. 

Längst hat er für die Zugaben (ganze sechs an der Zahl) sein Jacket abgelegt, längst ist das "Dark-Side-Of-The-Moon"-T-Shirt darunter zu einem Brei aus Schweißfasern geworden, aber der Schal! bleibt! dran!. So! Das also ist das neuere Markenzeichen für den Mann, der hier als ehemaliger Bewohner der Stadt ein Heimspiel gibt und sich darüber wundert, dass es in Osnabrück jetzt sogar Sushi zu essen gibt, gutes Sushi noch dazu. Ansonsten sind die Trademarks bekannt und gewollt, das Publikum (Durchschnittsalter: gefühlte 62 Jahre) ist mitgewachsen und verlangt nach Gassenhauern. Und Kunze liefert.


Und der Rosenhof: Pickepackevoll


Obwohl die Veranstalter im Vorfeld so gut wie keine Werbung gemacht haben, keine Plakate zu sehen waren und so gut wie keine Presse-Aussendungen in den Mailfächer der Kulturkollegen gelandet sind, ist der Rosenhof an diesem Abend pickepackevoll. Fast unangenehm voll, was die Wärme angeht, denn der Geruchsmix aus verschiedenen etwas besseren Parfüms weicht alsbald einer leichten Schweißnote. 


Manchmal fällt das Stehen schwer


Eigentlich könnte man ein solches Konzert auch bestuhlen und ein Glas Rotwein dazu ausschenken. Denn trotz aller Publikumskompatibilität - Kunze und seine vierköpfige "Verstärkung" rocken nur gelegentlich, setzen sich im letzten Drittel auch mal für ein Akustik-Set an den vorderen Bühnenrand, setzen immer wieder auch auf Musikpausen und vorgetragene Texte. Diese Betrachtungen, die sich schon immer irgendwo zwischen Kabarett und Lebensenttäuschtheit und Zynismus ihre eigene Nische gesucht haben, haben häufig die allgemeine politische Lage im Land zum Thema. Sie sind alle brutal wahr und treffen dabei immer den Kern. Das tut dann schon weh. 


Sorgen für Verzückung: Die guten alten Liebeslieder


Umso erstaunlicher scheint es dann, dass gerade so einer wie Kunze so viele Liebeslieder und Sehnsuchtsballaden aus dem zwischenmenschlichen Bereich verantwortet hat - die an diesem Abend übrigens besonders gewollt sind. Bei Liedern wie "Ich brauch Dich jetzt" sieht man um sich herum viele der anwesenden Damen verzückt und fingerschnippend mit geschlossenen Augen sich hin- und herwiegen. Ohnehin fackelt HRK ein Best-Of-Feuerwerk ohnegleichen ab. Die Wunderkinder, die eigenen Wege, die verschwundene Mabel, die Lola oder ein in einem furiosen Country-Shuffle endendes "Aller Herren Länder" - diese und weitere Hits gehören zum Programm. Aber gottseidank nicht nur....:


Auch die "Verstärkung" rockte im Zeichen des Schals.    (Thomas-Achenbach-Symbolfoto)


Gerade die neuen Nummern sind mal wirklich gut


Denn die Höhepunkte des Abends sind ganz klar die Nummern aus dem aktuellen Album "Deutschland". Mit dem Blueskracher "Es ist in ihm drin" eröffnet Kunze den Abend. "Deutschland", das Titellied der Platte, als funkige Mitschnippnummer mit ordentlichem Groove, geht in den Körper. Das spricht tatsächlich gegen eine Bestuhlung des Saales. "In der alten Piccardie" - eine klaushoffmann-esque Herkunfts-Millieu-und-Kindheits-Beschwörungs-Nummer mit viel Klavier und Melancholie und einem dezenten Prog-Rock-Mittelteil - ist großes Musiktheater, das besticht. Da ist eine vitale Frische drin, in all diesen Songs. Und das, obwohl HRK bald - also am 30. 11. 2016, um genau zu sein - 60 Jahre alt wird. Was Kunze übrigens nicht spielt, sind Sachen aus seinem mit 14 Coverversionen bestückten frischen Album "Meisterwerke/Verbeugungen", das ich bereits an andererer Stelle besprochen habe... Eigentlich schade, es wäre mal spannend gewesen zu erleben, ob das Material im Live-Test besser abschneidet. Hätte sein können.


Ein Publikums-Umarmer wird Kunze nimmermehr


Handwerklich ist das alles grandios - und die vier Musiker aus der "Verstärkung" sind Vollblutprofis mit jeweils eigenem Charisma. Nur das Publikums-Bezirzen wird Kunzes Leidenschaft nicht mehr sein. Das "Tach!", mit dem er die Show eröffnet, ist so trocken, dass es distanziert wirkt. Und auch die Anmoderationen außerhalb der vorgetragenen Texte wirken eher etwas gequält. Wie auch seine etwas ungelenken Verbeugungen. Nee, sich irgendwie anbiedern beim Publikum, das scheint ihm noch immer zuwider zu sein. 


Dabei stünde ihm das so gut zu Gesicht - einmal bester Freund


Dabei würde es ganz sympathisch sein, wenn man das Gefühl bekäme, dass dieser so unterhaltsame wie intelligente Mann da oben auf der Bühne für einen Abend sowas wie Dein bester Freund wird - selbst, wenn natürlich alle an diesem Spiel Beteiligten genau wissen, dass das Blödsinn ist. Er muss es ja nicht so übertreiben wie Jeanette Biedermann vor einigen Jahren in der damals noch Stadthalle heißenden Osnabrückhalle, die dem Publikum attestierte, "das Funkeln in den Augen" sehen zu können. Ja klar. Bei Scheinwerfergegenlicht und aus mehreren Metern Entfernung.


Gab es eigentlich einen Merchandising-Stand?


Ach, und übrigens: Gutes T-Shirt, lieber HRK! Ich trage genau dasselbe. Immer beim Fitnesstraining im Studio. Wo es dann auch regelmäßig zum durchgeschwitzten Faserbrei mutiert. Na klar. Den Schal lege ich dort allerdings ab. Wobei: Hätte es am Merchandising-Stand (- gab es überhaupt einen? Es war viel zu voll um durchzukommen! -) den Original-HRK-Schal gegeben, ich hätte womöglich einen gekauft. Weil...: Halt auch kreativ... und so... und überhaupt...


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