Mittwoch, 30. November 2016

Das Fundstück des Monats: Warum Kamasi Washingtons 3er-CD "The Epic" sowohl für Jazz-Einsteiger als auch Jazz-Profis geeignet ist und wo die Faszination dieses ungewöhnlichen Werkes liegt



Erstes Album, drei CDs, ein Statement in Sachen Jazz - und sowas von Retro. Einfach wunderbar.   (Thomas-Achenbach-Fotos)

Osnabrück - Manchmal reicht ein ganz kleiner Kommentar, weil da schon alles drinsteckt, was es zu sagen gibt: „Miles. Mingus. Coltrane. Die sitzen alle im Himmel und schnippen anerkennend mit den Fingern“. Schrieb einer bei Youtube unter ein Video von Kamasi Washington, der derzeit als DAS Retro-Wunderkind der Musikszene gilt. Vor allem der Jazz-Szene. Und siehe da, was der Tenorsaxophonist da vor einiger Zeit als Dreier-Album abgeliefert hat, ist nicht nur ein Statement - es ist das optimale Jazzwerk für Einsteiger wie auch für Spezialisten gleichermaßen, das mit seiner scheinbaren spielerischen Leichtigkeit und seiner Raffinesse seinesgleichen sucht. Das muss erstmal einer schaffen. 

Dieser Kamasi Washington mit seinen Wuschelhaaren ist ein Phänomen: Gerade mal Jahrgang 1981, hat sich der Tenorsaxophonist zum gefeierten Großmeister des Jazz entwickelt - "das nächste große Ding" im Jazz. Zugegeben, ich bin über eine viel profaneren Umweg auf diesen Saxophonisten gestoßen, denn das wohl schönste Stückchen Musik des mir zum Rezensieren zugeschickten Soundtracks zur Netflix-Hiphop-Serie „The Get Down“ ist ausgerechnet dieses feingesponnene Jazzstückchen namens "Kipling Theme", in dem alles so verdichtet und zwingend und harmonisch wohltuend ist, dass es tatsächlich als Ausnahmeerscheinung gelten darf. Und die Soli - im Jazz das Wesentliche - fließen über vor Energie und Einfallsreichtum.  Rasch mal nachgesehen...: 

Der geht gerade durch die Decke, der Typ



Wer ist denn jetzt dieser Kamasi Washington? Guck mal an, der ging vor kurzem irgendwie durch die Decke. Also gleich in den Plattenladen gelaufen und "The Epic" gekauft, das Dreieralbum das Saxophonisten, das im Mai 2015 herauskam. Als sein Solodebüt, wohlgemerkt. Ein Dreieralbum. Mit reichlich Personal dabei, denn zur üblichen Jazzbesetzung mit Rhythmusgruppe und einigen Solisten an den Blasinstrumenten gesellt sich noch ein Chor und ein Streichorchester. Und trotzdem bleibt die Musik am Boden, angenehm überschaubar. Hier wird nichts vergeistigt. Hier wird auf Harmonien improvisiert. Auf richtig feinen Harmonien übrigens. 

Klar ist der gut - aber das ist auch alles Retro


Der Hype um den Mann ist schon fast so überirdisch groß zurzeit, dass man auf die Bremse treten sollte: Klar ist der gut! Richtig gut, gewiss.  Und es mag ja sein, dass er auch schon mal was im Hiphop gemacht hat. Aber was Kamasi Washington auf "The Epic" abliefert, ist schlicht Retro. Ende. Das ist es ja gerade, was den Charme des Ganzen ausmacht. Denn seien wir mal ehrlich: Die meisten Musikliebhaber, mich eingeschlossen, wollen doch am liebsten das alte Zeugs. So wie früher und so. Lust drauf? Okay, also los...:

Mystische Zeichen, eine eigene Bildsprache - das 3er-CD-Boxset ist auch gestalterisch hochwertig.   (Thomas-Achenbach-Foto)


Am besten anfangen mit „Leroy and Lanisha“ als Track Nr. 2 vom zweiten Album – „Ein Song wie der Weihnachtsmorgen“, schreibt einer bei Youtube. Man könnte auch sagen: Tiefenentspannter Bar-Jazz im Midtempo, der aus seiner sanften Melodie und dem dezent synkopisch vor sich hinswingendem Backbeat eine gewisse Sogwirkung aufbaut. Und dann mal auf die Nr. 1 tippen: Bebop-Eskapaden vom Saxophon und Soliläufe vom gestrichenen (!) Kontrabass in „Miss Understanding“ eröffnen das zweite Album. Da geht es schon wilder zu.

Sehnsucht und Melancholie 



Es gibt Stücke auf diesem Dreier-Album, die sind eher Soul mit einem Unterbau von Jazz. Es gibt ein paar wenige Neuinterpretationen von alten Klassikern wie "Claire De Lune" von Debussy oder dem wunderbaren Swingschlager "Cherokee", dessen Sehnsucht und Melancholie hier in einer Acht-Minuten-Fassung besonders schön herausgearbeitet wird. Ach, und überhaupt, die Längen: Kein einziger Song läuft unter der Sechs-Minuten-Grenze, oft wird bis zu 15 Minuten lang munter drauflosimprovisiert - ohne, dass es einmal langweilig würde. 



Jede CD hat eine eigene Farbe und ein eigenes Konzept. 

Und es gibt Stücke auf diesem Dreier-Album, die sind ganz klassischer Jazz. Mich erinnert diese Musik an die Kindheitstage in unserem Haus am Haunhorstberg, wenn mein Vater eine neue Kollektion seiner eigenen Jugendidole geliefert bekommen hatte - Charlie Parker, Miles Davis, Charles Mingus - und die Musik mit all ihren sprudelnden Soli durch das Haus waberte. Gerade in der Anfangsphase der CD gab es ja in Sachen Jazz Boxset um Boxset, das mit noch nicht veröffentlichten und bislang nicht verfügbaren Sonderaufnahmen aller möglichen Künstler bestückt war- meistens zusammengesetzt aus den vielen nicht für die Alben benutzten "Takes" aus den Aufnahmesessions. Dergestalt beeinflusst, dauerte es zwar noch eine Weile, bis mir klar wurde, wieviel Können und Talent und Einfallsreichtum es braucht, um ein ordentliches Solo abliefern zu können - aber irgendwie unbewusst gespürt hatte ich das bereits. Und jetzt also: Washington... Fundstück des Monats. 

-------------------------------------------------------------------------------------------------------

Ebenfalls auf diesem Blog: An dieser Bar lässt sich gut reden - über die großen Themen des Lebens: Promis über ihre Ängste, Depressionen und das Thema Suizid

Ebenfalls auf diesem Blog: Es muss nicht immer die MET sein - kostenlose Live-Übertragungen großer Oper gibt es auch aus der Münchner Staatsoper

Ebenfalls auf diesem Blog: Unterbezahlt und mit Angst vor Altersarmut: Warum die Sänger, Schauspieler und Tänzer sich fühlen wie am Katzentisch

Ebenfalls auf diesem Blog: Weltweit einmalig: Warum gibt es in Deutschland eigentlich so viele Theater - und die Subvention? Wie kommt das?

Ebenfalls auf diesem Blog: Die Netflix-TV-Serie "Stranger Things" ist ein einziges Zitate-Raten für Kinder der 80er - was sich alles an Easter Eggs finden lässt

Und im Trauerblog des Autors: Trauma - das ist ein großes Wort. Was ist der Unterschied zur Trauer? Ein Psychologe sagt: Das Thema Trauma wird schlecht vermittelt.



Kommentare:

Ian Akzeptabel hat gesagt…

Hallo Tom,

Danke für diesen tollen Musik-Tipp. Die CDs sind wirklich klasse. Für einen Ahnungslosen in puncto Jazz wirklich ein super Einstieg - danke, dass du das Album vorgestellt hast!

Thomas Achenbach hat gesagt…

Vielen Dank, lieber Ian, das ist aber nett - freut mich, wenn ich einen Treffer landen konnte! Herzliche Grüße, ta