Samstag, 8. April 2017

10 Gründe, warum "The Crown" von Netflix die beste Fernsehserie seit vielen, vielen Jahren ist - auf Tuchfühlung mit einer gefühten "echten Queen Elisabeth" und einem genialen "Winston Churchill" (Staffel 2 startet am 8. 12. 2017 auf Netflix)



Osnabrück - Nee, ich wollte nicht. Zugegeben. Wollte das erst gar nicht ansehen. Eine TV-Serie über Königin Elisabeth die Zweite und ihre ersten Jahre? Puh. Nee. Wie ätzend ist das denn? Dachte ich. Und erwartete sowas wie allerlei verfilmte Regenbogenpresseklischees mit einem heftigen Seifenoperncharakter. Es brauchte mehrere Überzeugungsanläufe durch meine Frau und mehrere "Wird Dir ganz bestimmt gefallen, weil es eine total politische Serie ist", bis ich mich an Folge Eins wagte. Was für ein Glück. "The Crown" ist das Beste an TV-Serie - oder besser: TV-Ereignis -, das ich seit langem, langem erlebt habe. Politisch und poetisch, menschlich und dramatisch, theatral und zugespitzt. Und phänomenal gut gemacht. Siehe da, jetzt freue ich mich schon auf die zweite Staffel von "The Crown" - die startet am 8. 12. 2017 auf Netflix, wie der Sender bekanntgab.

Aber zuerst einmal, für alle, die noch gar nicht genau wissen, worum es eigentlich geht, nochmal eine Übersicht: "The Crown" ist einer der jüngsten Coups des Streamingdienstes Netflix, der ja schon seit längerem eine überraschende Überholungsfahrt begonnen hat und nicht mehr einfach nur dabei ist, HBO als dem Serienqualitätsgaranten Nummer Eins den Rang abzulaufen, sondern längst im Kopf-an-Kopf-Rennen angekommen ist. Es heißt, es sei die bislang teuerste Serie, die Netflix gedreht habe. Es ist auf jeden Fall ein Folge für Folge opulent in Kino-Optik schwelgender Sehgenuss, dessen tiefere Qualitäten sich aber in vielen Details finden lassen. Bei den Golden Globes 2017, also den Oscars der TV-Branche, hat die Serie schon abgestaubt: Beste Serie, beste Hauptdarstellerin.


Zeit für die Ambivalenz und Zerrissenheit der Charaktere


Und, ja, "The Crown" erzählt die Geschichte, wie der Stotterkönig Georg der Sechste - ein König wider Willen, der in das Amt nur eingesprungen war - als ihr Vater und Vorgänger stirbt und wie die junge Königin nach ihrer Inthronisierung immer mehr ins Amt hineinwächst. Ihrerseits nicht mit Widerwillen, aber mit Zögern und Zaudern und der inneren Frage, ob sie dem Amt gewachsen sein wird. Dabei nimmt sich die Serie viel Zeit für die Ambivalenz und Zerrissenheit ihrer Charaktere und macht große Weltpolitik und die Bürde des Staatsmännertums zu einem zutiefst menschlichen Drama. Auf äußerst gekonnte Weise. 

Hier nun also meine zehn Gründe, warum man die Serie unbedingt sehen sollte:

Ein paar 100 Kleider müssen mit, wenn es auf die große Welttournee durch die Ex-Kolonialgebiete geht - auch, wenn dort eigentlich alles verloren ist. Und wenn das ewige Lächeln zu einer Mundverkrampfung führt, muss der Arzt eine Spritze geben... Claire Foy spielt die junge Queen Elisabeth.  (Netflix-TV-/Netflix-Media-Center-Fotos)

1.) Die Dialoge. Trotz aller Opulenz lebt "The Crown" von einem im Grunde rein theatralen Kern. Sehr oft erinnert mich das, was hier gezeigt wird, an eine Bühnenaufführung, wo in kunstvollen Kulissen doch vor allem das gesprochene Wort und der Dialog (oder auch mal Monolog) das Maßgebliche sind. Kunstvoll gedrechselte Wortwechsel, in denen die Gefühle der Figuren und die Rahmenbedingungen, unter der sie sie ausleben können, dekliniert werden, sind die wahren Treiber dieser Serie. Immer und immer wieder wird hier zudem das Thema verhandelt, was die Monarchie eigentlich ist, was ihre Funktion sein sollte, was sie für das Volk sein sollte - und für die Menschen, die sie zu erfüllen haben. So weist die Serie (auch) in ihren Dialogen über ihren Bezugsrahmen hinaus. Spannend. 

2.) Die Ausstattung. Was ich an "Mad Men" so geliebt habe, also an jener grandiosen im amerikanischen Werbemillieu der 60er Jahre angesiedelten TV-Serie, war die durch und durch perfekte Ausstattung bis in jedes Detail hinein. In "The Crown" wird das noch auf die Spitze getrieben. Dem Budget sei Dank. Sogar in ganz kurzen Szenen, in denen beispielsweise nur ein Flugzeug auf dem Londoner Flughafen landet, wirken die restlichen dort gezeigten Maschinen und die Ausstattung des Rollfelds en detail zeitgetreu und echt. Nichts von dem hier Gezeigten sieht nach CGI-Effekten oder Computersimulation aus. Grandios.


Grandios als "Elder Statesmen" mit einer gewissen Exzentrik: John Lithgow scheint in Winston Churchill die Rolle seines Lebens gefunden zu haben. Dabei ist Lithgow eigentlich Amerikaner.   (Netflix-TV-/Netflix-Media-Center-Fotos)

3.) John Lithgow. Als Spätpubertierer der 90er Jahre, der erst mit rund 20 Jahren in die erste Adoleszenzphase einstieg, war „Cliffhanger“ mit Sylvester Stallone für mich eine der Actionfilm-Ikonen mit hohem "Must-See"-Faktor. Unvergesslich die Stelle, an der der britisch-aristokratische Bösewicht im schönstem Shakespearean-Tonfall zum Helden sagt: "You want to kill me, Tucker? We'll, take a number and get in line!" Das war John Lithgow und ich war ihm damals schon verfallen. In "The Crown" spielt er Winston Churchill - und darf dieser Figur so richtig exzentrische Kanten und die Unanfechtbarkeit des erfahrenen, ausgebufften, abgezockten, wenn auch gesundheitlich geschwächten alternden Politprofis geben. Seine Darstellung dieser Figur alleine lohnt die ganze Serie. Im Kino würde man sagen: Reif für den Oscar! Wenigstens aber für den Golden Globe (Hauptdarstellerin Claire Foy hat schon einen). Ein Jammer, dass Lithgow rein historisch gesehen nur in der ersten Staffel als Hauptrolle drin sein kann - hoffentlich schreiben die Autoren in den folgenden Staffeln noch ein paar Churchill-Erinnerungs-Szenen rein....

4.) Das Unprätentiöse der Serie: Da gibt es zum Beispiel die Szene, in der der junge Prinz Philipp einmal komplett nackig ins Bett steigt, interessiert beäugt von seiner Gattin, der jungen Königin. Wie wir ja wissen - aus der Regenbogenpresse - schläft der echte Philipp wohl immer noch nackt. Aber auch das ist ganz beiläufig und unaufgeregt in die eigentliche Handlung eingestreut - und eben nicht plakativ und billig. Das macht die Serie so gut: Kein Galafaktor, kein Präsentismus, sondern echte Politik in einem nur vermeintlich glitzernden Umfeld. Kein Seifenopercharakter, sondern menschliche Reaktionen und Krisen in einem Bezugsrahmen, der immer neu verhandelt werden muss.  


Leidet unter den zahlreichen Verlusten ihres Lebens: Die Queen-Mom verliert ihren Mann an den Tod, die Lebensaufgabe als Mutter an die Adoleszenz der Töchter, die Lebensaufgabe als Königinnen-Gattin an die Witwenschaft. Darstellerin Victoria Hamilton macht die Trauer nachvollziehbar.    (Netflix-TV-/Netflix-Media-Center-Fotos)

5.) Die Authentizität. Zum Beispiel der Kuss bei der Krönung. Wie sich Philipp, alle Konventionen brechend, über seine junge Gattin beugt und ihr einen Kuss auf die Wange haucht, ihr, die vorher noch von ihm verlangt hat, dass auch er sich als Untertan des "Souverän" vor ihr, seiner Frau, auf die Knie beugen muss. Die nachgespielten Fernsehbilder aus der Netflixserie entsprechen in eins zu eins, in der Körpermotorik und der Umgebung, den noch verfügbaren Original-Filmaufnahmen, wie sie seinerzeit - erstmals - im Fernsehen übertragen wurden. Oder das kurze Zögern bei der Hochzeit: Als Elizabeth schwören soll, dass sie ihren Philipp „jetzt und für immer“ lieben wird, herrscht ein paar Sekunden zögerliche Stille… Auch das entspricht der Realität. Weil die Zeremonie seinerzeit im Radio übertragen wurde, gibt es dies belegende Dokumente. Zwei Beispiele von vielen, wie sorgfältig und detailgetreu die Verantwortlichen vorgegangen sind. Auch der Londoner Supersmog von 1952, der Tausenden von Menschen das Leben nahm, spielt eine Rolle. Oder das gemalte Portrait von Winston Churchill, das dieser so abgrundtief gehasst hat, dass es nicht mehr existiert - belegt, verbrieft, wie so viele andere historische Tatsachen und Details aus der Serie. "The Crown" ist auf unterhaltsame Weise sehr, sehr lehrreich. 

6.) Die dreckigen kleinen Details. Wenn sich der Koloss von Winstion Churchill einmal in der randvoll gefüllten Badewanne umdreht, so dass das überschwappende Wasser sogar noch durch den Türschlitz auf die davor kniende junge Haushälterin läuft und diese durchnässt. Wenn der Köninginnengatte Philipp erkennbar gerne einen Fellatiojob in Auftrag geben möchte bei "Your Majesty". Oder wenn er seine derben Sprüche loslässt, als er und die Queen dabei zusehen, wie ein Pferd gedeckt wird. Dann sind wir bei den dreckigen Details angekommen. Okay, all diese Dinge sind vermutlich als fiktive Ergänzungen mit hineingeschrieben worden in die Serie - sie verfehlen ihre Wirkung indes nicht. Those naughty little Royals, tss, tss, tss...

Schon mal zur Probe aufsetzen, damit das verflixte Ding später nicht abrutscht... Die junge Queen muss in die Rolle erst reinwachsen.   (Netflix-TV-/Netflix-Media-Center-Fotos)

7.) Die Drehbücher. Ohne es zu wissen, haben mich schon die vorigen Filmprojekte des Drehbuchautoren Peter Morgan stets fasziniert. "Frost/Nixon" von 2008 mit seiner Kammerspielintensität ist einer der besten Filme, die ich in den vergangenen zehn Jahren gesehen habe (die Geschichte des TV-Journalisten, der sich von Präsident Richard Nixon zuerst brutal vorführen lässt, bis er dem Machtmann eher zufällig so viele pikante Details entlocken kann, dass die Amtsenthebung folgen muss). Auch das Drama "Last King Of Scotland" über einen zwar fiktiven, aber erkennbar an Idi Amin orientierten ostafrikanischen Diktators zeigt das Autorentalents Morgans eindrucksvoll. In "The Crown" kann er die bei diesen Filmprojekten gesammelten Erfahrungen in einem noch größeren Erzählrahmen ausnutzen. Und das macht er hervorragend. Dass jede Folge ihr eigenes Thema hat und ihre ganz eigene Dramaturgie mit immer wiederkehrenden Motiven. Dass sich beispielsweise ein kleiner Gartenteich zu einem Symbol für dunkle Verzweiflung entwickelt - und uns so nebenbei zwei ambivalente Charaktere emotional näherbringt.. All diese kleinen Tricks sowie die aberwitzigen Wortwechsel und das Runterbrechen des Großen ins Kleine machen den Reiz der Bücher sowie der Serie aus.

8.) Der Coming-Of-Age-Charakter (also: in Staffel Eins). Oder, um es ganz klassisch auszudrücken: Die Heldenreise. Denn wie in jeder guten Geschichte erleben wir, wie ein Mensch in eine Situation gestoßen wird, in der er sich erst zurechtfinden muss, an der er wachsen kann - was, wie im echten Leben, ja zumeist durch Widerstände und Fehler geschieht. Wir werden Zeuge davon, was alles schmerzlich aufgegeben oder neu definiert werden muss für diesen Weg (allen voran: die Ehe, aber auch: die eigenen Werte). Eine Coming-of-Age-Geschichte. Sowas verfolgen wir immer gern. Zumal es einen so sehr an das eigene Leben erinnert mit all seinen Haken und Widrigkeiten und Brechungen und Wirrungen, die es zu akzeptieren oder gestalten gilt. Gut gemacht.


Tödlicher Nebel über London - auch die Smog-Katastrophe von 1952, die Tausenden von Menschen das Leben kostete und noch heute untersucht wird, spielt eine Rolle in der Serie.   (Netflix-TV-/Netflix-Media-Center-Foto)

9.) Der geniale Einsatz von Musik. Jedes Mal, wenn innerhalb dieser Serie klassische und bekannte Musik ertönt, nimmt sie symbolistisch vorweg, was sich in Kürze tun wird. So beispielsweise bei einem Opernabend, den die junge Elisabeth mit ihrem Mann Philipp besucht. Es erklingt Wagners Liebestod (Tristan und Isolde). Und nur wenige Szenen später ist klar, dass auch er, Philipp, einen solchen wird sterben müssen: In den Hintergrund treten, aus Liebe, damit seine Frau Königin sein kann. Auch Mozarts Requiem - das wunderbare "Lacrimosa" daraus, um genau zu sein - erklingt an einer symbolistisch bedeutsamen Stelle. Wie es sich für ein Requiem gehört, nimmt es den Tod eines Protagonisten vorweg. 

10.) Das Staffelfinale der ersten Season: Nur 10 Episoden lang, dafür aber in jeder einzelnen Szene sorgsam durchdacht und durchkomponiert, überrascht die erste Staffel mit einer finalen Episode, die mich zu Beginn noch an meine anfänglichen Zweifel denken ließ (Zu viel Seifenoper?), die sich aber dann immer theatraler und immer apokalyptischer zu einem Finale verdichtet, das zwei Überraschungen mit sich bringt. Erstens die geschickten symbolistischen Andeutungen dafür, wie sehr die englische Außenpolitik schon bald in eine fatale Eskalationsschleife kippen wird (Stichworte: Filmprojektor, Schmelzbilder, Morphiumdelirium). Und zweitens die brutale Kompromisslosigkeit, in der der erwähnte "Coming-Of-Age"-Faktor von Staffel Eins sein vorläufiges Ende findet: Vollkommen vereinsamt, vollkommen auf Pflichterfüllung gedreht, findet die junge Königin schließlich ihren Weg. Den des Amtes um jeden Preis. Wie nachvollziehbar das erzählt wird und wie es sich zuspitzt, ist bemerkenswert und zeugt abermals von der hohen Qualität der Serie. 

Und außerdem: 1.) Das einsame kleine Schloss an der schottischen Küste, in dem es keinen Strom gibt und das sich die von ihrer aktuellen Lebensphase tief enttäuschte Queen-Mom als Rückzugsort leistet. Ob diese kleine Anekdote tatsächlich historisch hinterlegt ist oder fiktiv dazugedichtet, sei mal dahingestellt. Dass die Innenraumszenen ganz sicher woanders gedreht worden sind als in dem maroden Schlösschen daselbst, logisch. Aber dieses Schlösschen, seine Lage, seine Ausstattung, so ganz ohne Strom, die Einsamkeit - für jeden Zivilisationsgeplagten ein Traum. Klar, bloggen ginge dort nicht. Nun denn. So what. Ein Traum!

Außerdem: 2.) Jared Harris. Wie schon erwähnt, bin ich ein Mad-Men-Fan. Und wer Mad Men kennt, der kennt auch die Figur des aus England in die New Yorker Werbeagentur importierten Finanz-Controllers Lane Pryce - von Beginn an eine tragische Figur, deren wahre Tragik sich erst gegen Ende ihrer Gastzeit dort offenbart. In "The Crown" erleben wir den Lane-Pryce-Schauspieler Jared Harris als Stotterkönig und Vater von Elisabeth - der erfreulicherwiese immer wieder in Rückblenden auch nach seinem Tod auftaucht. Interessanterweise lassen sich zwischen beiden Figuren spannende Parallelen in der besonderen Tragik ihrer Situationen finden. Aber das wäre ein weiteres Blogthema - und wirklich nur für die Harcore-Serien-Nerds... So, let's leave it at that. For today.

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