Samstag, 1. April 2017

Nathan, der Weise im Theater Osnabrück: Zehn Jahre nach der Brüll-Orgie kehrt Ruhe ein - Lessing-Drama spielt diesmal in einem Flüchtlingslager wie in Calais

Osnabrück - Ja, ich war skeptisch. Zugegeben. Gründe dafür gab es mehr als genug. Ein drastisch zusammengekürzter Nathan mit vielen Streichungen. Mal wieder ein Theaterabend ohne Pause (ich mag keine Theaterabende ohne Pause). Und ausgerechnet ein an Calais gemahnendes Flüchtlingslager als Spielort für ein Schauspielstück, das schon viel zu oft für so etwas herhalten musste. Wie abgedroschen ist das denn? Außerdem wirkte der gerade mal 10 Jahre alte Nathan aus der Intendant-Holger-Schultze-Ära noch nach. Skepsis gab es also reichlich vor dieser Neuinszenierung von Lessings "Nathan, der Weise" am Theater Osnabrück (2017). Jedoch am Ende nicht mehr. Aber der Reihe nach. 

Es ist gar nicht so lange her, dass Osnabrück seinen letzten Nathan hatte. Exakt 10 Jahre trennen die neue Inszenierung des leitenden Schauspielregisseurs Dominique Schnizer von dem damaligen recht radikalen Ansatz des Regisseurs Wolfram Appich. Von der Kritik seinerzeit nicht wohlgelitten, ist dieser Brüll-Nathan von 2007 mit seiner leeren Bühne mir nachhaltig in Erinnerung geblieben. Ich erinnere mich daran, mich gepackt und geschüttelt gefühlt zu haben vom wiederholten und mit steigendem Hass gerufenen "Der Jude brennt!" des Patriarchen. Ich erinnere mich daran, von der Intensität des Gespielten gefesselt gewesen zu sein. Für mich war es die erste Inszenierung, die nur mit einigen Stühlen auf einer komplett leeren Bühne arbeitete - ich fand das damals noch recht ansprechend (heute ist es ja fast schon Standard bei vielen Operninszenierungen in Osnabrück, siehe beispielsweise Vanda oder Simon Boccanegra oder, in Teilen, der Lohengrin...).


Leere Bühne, viele Stühle, hin und wieder Gebrüll: "Nathan der Weise" 2007 am Theater Osnabrück. Das Foto wurde mir freundlicherweise zur Verfügung gestellt vom Theaterfotografen Klaus Fröhlich (alle Nathan-Fotos von ihm gibt es hier).   (Klaus-Fröhlich-Foto mit fr. Genehmigung)

Ich erinnere mich an einen gespenstischen und packenden Einstieg mit der aus dem Off von einem Kind gesprochenen "Todesfuge" ("Der Tod ist ein Meister aus Deutschland..."). Ich erinnere mich daran, nachhaltig verstört gewesen zu sein von dem am Schluss plötzlich auf die sonst komplett leere Bühne rollenden Idealbild eines Orientklischees. Ich glaube mich auch an eine in manchen Details andere Textfassung als die jetzt gespielte erinnern zu können ("Der Jude brennt" statt "Der Jude wird verbrannt" - "vor grauen Jahren lebte ein Mann in Osten" statt "Vor vielen Jahren".... etc.). Kurzum: Das war ein nachhaltiger Nathan. Und jetzt schon wieder ein neuer? Kann der mithalten? Als ebenso nachhaltig?


Die Unvereinbarkeit der Religionen - ist das Lessing?


Einer ist mit dabei, der schon vor zehn Jahren mitspielte: Oliver Meskendahl, damals als Saladin, ist diesmal der Al-Hafi, der für seinen Meister die Finanzgeschäfte regeln soll. Und der dann mit einer Plastiktüte mit all seinen Habseligkeiten darin in Panik das Weite sucht. Wobei die Plastiktüte später zurückkehrt... Das ist einer der geschickten Kniffe in der Regie von Dominique Schnizer, der als leitender Schauspielverantwortlicher diesen neuen Nathan in Szene gesetzt hat: Etwas andeuten, aber nicht plakativ übergestalten. Das gelingt nicht immer. Viel Wert hat das Regieteam beispielsweise darauf gelegt, die Unvereinbarkeit der Religionen darzustellen - und zwar so, dass es fürs Publikum schmerzhaft sein soll. So beginnt das Schauspiel mit einem schier nicht enden wollenden Gottesdienst, der parallel in drei Zelten und drei Sprachen stattfindet: Arabisch, deutsch und hebräisch. Laiendarsteller mit ihren eigenen Sprachen machen es möglich (und die machen das gut). Jedoch: Das steht nicht bei Lessing, das ist Regieschmückwerk.


Manches muss man einfach akzeptieren


Und so gibt es manches in dieser Inszenierung, mit dem man leben muss - aber das ist man ja als gewiefter Dauertheatergänger mit Abonnement gewohnt. Dass da jemand in ein Flüchtlingszeltlager "zurückkehrt", obwohl er ein eigentlich reicher Mann ist - nun ja, okay, gekauft. Dass es hier mit Saladin einen Art Lagerchef gibt, der das Kommando hat, aber auch einen Patriarchen - nun ja, okay. Dass die Darsteller erst um etliche kleine Zelte herumlaufen müssen, bis sie sich vorne an den Bühnenrand stellen können, wo viele Szenen stattfinden - tja, kann man auch mit leben. Hat man sich erstmal mit alledem arrangiert - und das geht überraschend schnell -, gewinnt diese Sache an Reiz.


Nathan, der Weise im Theater Osnabrück, das Lessing-Drama spielt diesmal in einem Flüchtlingslager wie in Calais.  (Mareks-Kruzsweski-/Theater-Osnabrück-Pressefoto)

Denn was diesen Nathan indes sehenswert macht, ist die schauspielerische Leistung. Allen voran Ronald Funke als Nathan. Er spricht und spielt diese Rolle bemerkenswert präzise und nachvollziehbar. Das zu erleben ist ein Vergnügen. Andreas Möckel gestaltet den Saladin als wankelmütigen Herrscher, der sich allzu sehr von seiner Schwester antreiben lässt. Theater-Urgestein Klaus Fischer setzt als Patriarch die einzige komödiantische Note des Abends ("Denn ist Nicht alles, was man Kindern tut, Gewalt? Zu sagen: - ausgenommen, was die heilige Kirche an Kindern tut..."). Überhaupt gibt es keine Ausfälle im Ensemble. Verglichen mit dem Nathan vor zehn Jahren gibt es diesmal weniger Gebrüll und Hektik in den Sprechpassagen, die Straffung und Verdichtung des Stoffes indes funktioniert hervorragend. Auch die Umdeutung der Regie von der bei Lessing angestreben Versöhnlichkeit hin zum Ewigtrennenden der Religionen passt besser in unsere moderne Zeit. Wenn am Ende das Licht erlischt, mittendrin in den fanatischen Rufen der sich in Rage tobenden und niemals vereinbaren Religionsanhänger, bleibt das gute Gefühl, einen packenden Theaterabend erlebt zu haben. Das lohnt sich!

Linktippp:  Die Fotos der Nathan-Inszenierung von 2007 vom Theaterfotografen Klaus Fröhlich gibt es auch bei ihm auf der Website in einer Bildergalerie.

Die nächsten Aufführungen:  Wiederaufnahme am 12. August 2017, Samstag, 19.30 Uhr, Theater am Domhof. - Am 17. 8., Donnerstag, 19.30 Uhr, Theater am Domhof. - Und am 19. 8., Samstag, 19.30 Uhr, Theater am Domhof. - Infos und Karten unter Telefon 0541/7600076.

---------------------------------------------------------------------------------------------------------------

Der Autor dieser Zeilen schreibt auf diesem Blog in seiner Eigenschaft als langjähriger Theaterabonnent und als leidenschaftlicher Freund und Anhänger der deutschen Theatervielfalt sowie des Osnabrücker Theaters. Die Beiträge über Inszenierungen des Osnabrücker Theaters auf diesem Blog verstehen sich als Ergänzungen des bereits - wertvollerweise - in fachkritischen Rezensionen Geschriebenen, hier mehr aus Abonnentensicht. Alle Aufführungen sind, wenn nicht anders gekennzeichnet, nicht auf Pressekarte oder auf Einladung des Theaters, sondern selbst bezahlt, besucht worden.

Im Trauerblog des Autors: Was soll nach einem Todesfall gefeiert werden? "Nur" der Todestag - oder auch noch der Geburtstag des gestorbenen Menschen?

Im Trauerblog des Autors: "Sei doch bitte wieder normal" geht leider gar nicht - Trauernde brauchen langfristiges Verständnis ohne Ziele 

Im Trauerblog des Autors: Zehn Tipps für einen hilfreichen Umgang mit Trauernden - für Angehörige, Freunde und Kollegen

Ebenfalls auf diesem Blog: Theater kosten den Steuerzahler einfach zuviel Geld... ist das wirklich so? Und woher kommt die Theatersubventionierung eigentlich?

Ebenfalls auf diesem Blog: Genug gemeckert, wir sollten froh sein über unsere Theater - eine Liebeserklärung und eine Lobpreisung zum Welttheatertag

Keine Kommentare: