Samstag, 3. Juni 2017

Tote Mädchen lügen nicht... - 10 Gründe, warum das Buch wesentlich besser ist als die zu Recht umstrittene Netflix-Fernsehserie und wo die Unterschiede zwischen Buch und Serie liegen...

Osnabrück - Und jetzt? Beginnt die zweite Staffel von "Tote Mädchen lügen nicht" mit einem fetten Amoklauf? Oder hat der schwer bewaffnete Fotografenjunge etwa schon einen Schuss abgegeben? Und: Gibt es das alles bald als Musical? Okay, jetzt erstmal: Staffel eins. Ausgelesen und zu Ende gehört. TV-Serie und Hörbuch parallel. Ich wollte wissen, was dran ist an all den Vorwürfen in Sachen "Tote Mädchen lügen nicht" ("13 Reasons Why"). Dass die Serie trotz aller Faszination gefährlich sein kann und für Zuschauer in einer Trauerkrise denkbar ungeeignet, habe ich schon vor kurzem in meinem Trauerblog angemerkt. Aber wie stark die Serienmacher die Romanvorlage aufpoliert und angehübscht haben, ist mir beim parallelen Verfolgen beider Medien sehr bewusst geworden. Man könnte überspitzt sagen: Fast alles, was in der Jetztzeit spielt, also nach dem Suizid, kommt im Buch so nicht vor. Wobei es eine kleine Ausnahme gibt. Und übrigens: An einer zentralen Stelle ist die Serie sogar realistischer als das Buch. Aber der Reihe nach (by the way: Spoiler, Spoiler, Spoiler!)

Dass sich der von allen geschasste Fotografenaußenseiter Tyler bis auf die Zähne bewaffnet - mit Geheimversteck für Pistolen und Kurzgewehre in der Fototasche -, kommt im Buch nicht vor. Dasss wir am Ende nicht erfahren, was aus diesen Waffen wird und ob nicht Tyler es gewesen ist, der schon einen Schuss abgegeben hat und danach an Alex Standalls Handy gegangen ist - also kein zweiter Suizid -, ist ja klar: Man will das Publikum ja auch irgendwie an eine zweite Staffel heranführen. Will soviele Spuren offenlassen, dass alle auf jeden Fall wieder einschalten. Deswegen wird am Ende auch nicht klar, was aus dem zweiten Suizid wird. Aber warte mal: Amokplanung, zweiter Suizid, Blut und Gewalt, ist das nicht alles ein bisschen arg... übertrieben? Öhm, ja. Ist es. Aber das hier ist es nicht: Wollen wir wetten, dass wir "Tote Mädchen lügen nicht" auch als Musical erleben? Hm?


TV-Regel: Mach Radau und brich Tabus, dann schalten alle ein


Denn da bin ich mir sicher: Es wird nicht mehr lange dauern - ein oder zwei Jahre vielleicht noch - und ein cleverer Broadwayproduzent wird "13 Reasons Why" auf die Bühne gebracht haben. Als Musical, das dann bald auch im Londoner Westend laufen wird - und womöglich auch in Deutschland. "Tote Mädchen lügen nicht, das Musical". Jede Wette. Das bietet sich an. Schon rein aus kommerziellen Gründen. Denn "Tote Mädchen lügen nicht" ist, das zeigen die teils intensiv geführten Debatten der vergangenen Wochen, eine "Cash Cow". Eben weil die TV-Serie so umstritten ist. Da hat das gute alte Verkaufsprinzip wieder einmal bestens funktioniert: Sorge für möglichst viel Radau, brich ein Tabu, dann läuft der Verkauf wie geschmiert. Und schuld daran ist: Allein die TV-Serie. Nicht das Buch. Das wird seit Jahren in Schulen gelesen. Seit Jahren, in Schulen - und von einem Werther-Effekt dadurch ist bislang nichts bekannt. Bei der Serie zwar auch noch nicht, und doch warten alle förmlich drauf. 


Noch ne Schippe und noch ne Schippe und noch....


"Weil es den Serienmachern nicht dramatisch genug war"... - hätten sie den Suizid von Hannah Baker wesentlich drastischer darstellen wollen als er im Roman geschildert wurde. So steht es in einem der vielen Texte, die sich im Internet über das Ende der TV-Serie finden lassen. Aber wer das Buch und die Serie einmal konkret vergleicht, dem fällt auf, dass den Serienmachern offenbar sehr vieles nicht dramatisch genug gewesen ist. Und dann haben sie angefangen, hier noch ein Schippchen draufzulegen und dort noch eins.... Na klar, Tony ist also bekennend schwul und hat dazu noch einen Freund, der in Clay eine Gefahr für sich sieht. Oh Mann. Na klar, Courtney Crimsen hat zwei bekennende Schwule als Doppel-Väter-Elternpaar, weswegen sie gerne selbst mit der Homoerotik flirtet, selbst unsicher, was das mal werden soll. Na klar, es gibt einen fetten Anwaltsstreit mit Nestbeschmutzung. Und, und, und.. Am Ende ist das alles... - ganz schön dick. Alleine deswegen ist das Buch besser. Okay, ich hatte 10 Gründe versprochen. Hier sind sie:


Courtney Crimsens Homoerotik kommt im Buch nicht vor.  (Alle Fotos: Netflix-Media-Center-/Netflix-Pressefotos)

1.) Kein Seifenopernfaktor: Im Buch ist es alleine Hannah, die uns etwas über die 12 Mitschüler - und einen Lehrer - erzählt, die jeder für sich ein wichtiges kleines Puzzlestück in ihrem Abstiegsprozess gespielt haben. Dass das für eine TV-Serie mit jeweils einer Stunde Laufzeit pro Folge nicht ausreichend ist und dass man dort jeden Charakter mit einer zusätzlichen Hintergrundbiografie ausstatten muss, um noch mehr an Erzählstoff und psychologischer Schlüssigkeit anbieten zu können, ist logisch. Aber wie oben schon erwähnt haben es die Serienmacher dabei ein wenig übertrieben. Bis: Mächtig übertrieben. Nicht nur diese mehrfach aufgepropften Homo-Sachen gehen arg in Richtung Seifenoper, sondern auch beispielsweise die kitschige Szene, in der der hier eher nerdige Clay mit Hannah die Sterne angucken will und sich mit ihr aufs Dach des Kinos setzt dafür (ebenfalls nicht im Buch enthalten/im Hörbuch jedenfalls). Apropos Clay.


Clay Jensen ist im Buch weder Nerd noch Außenseiter, sondern beliebt.

2.) Clay ist kein Nerd. Sondern ein ganz allgemeiner und ganz normaler Mitschüler. Im Buch ist er sogar beliebt. Hannah erwähnt an einer Stelle, dass keiner, mit dem sie gesprochen hat, auch nur irgendetwas Negatives über Clay Jensen sagen kann. In der Serie wird er indes von Anfang an als Außenseiter und als Nerd dargestellt. Klar, so rückt die Figur automatisch noch näher an Hannah ran und kann besser an sie andocken. Klar, so werden beide zum perfekten Außenseiterpaar, was den "Sie müssten es doch irgendwie schaffen mit dem Zusammenkommen"-Faktor um ein Vielfaches erhöht. Aber im Buch ist Clay eben einer von vielen. Was es irgendwie noch viel plausibler macht, dass sich Hannah beim Kuss auf der Party wieder von ihm entfernt - weil sie in ihm auch einen "von denen" wähnt. Natürlich wird die Figur des Clay dadurch ein Stück langweiliger, aber auch logischer fürs Handlungsgefüge. 


Clays Eltern kommen im Buch nicht vor. Und Anwälte auch nicht.

3.) Es gibt kein juristisches Anwalts-Gedöns. Dass die Schule - öhm, die Schule! - von Hannahs Eltern verklagt wird, weil sie nichts gegen die Selbstmordabsichten ihrer Tochter unternommen hat und das laufende Mobbing, okay, das mag ja psychologisch noch nachvollziehbar sein und könnte tatsächlich so sein. Aber dass eine Anwaltsfirma damit beauftragt wird, Hannahs Ruf künstlich post mortem zu beschmutzen um den Ruf der Schule reinzuwaschen? Ehrlich? Come On, Leute, wo sind wir denn? Etwa an der Wall Street? Bei Mercedes gegen Chrysler? Nein, an irgendeiner popeligen High School in irgendeiner popeligen Kleinstadt. Also bitte! Und dass es dann ausgerechnet Clays Mutter ist, die diese Rolle der Nestbeschmutzerin übernimmt - das ist dann wirklich too much. Erst recht die Tatsache, dass Clays Mutter weiterhin an dem Fall dranbleiben kann, selbst als ihr eigener Sohn von der Gegenseite zur Befragung befohlen wird (jeder wirklich fähige Anwalt hätte die Mutter längst wegen Befangenheit aus diesem Prozess genommen). An dieser Stelle gleitet die Serie ins Unrealistische ab (Seifenoper). Und im Buch? Kein Wort davon. Nicht eins. Womit wir beim nächsten Punkt wären.

Hannahs Eltern und ihre Verlustschmerzen sind kein Thema des Buches.

4.) Die Eltern spielen keine Rolle. Und das ist besser so. Die allerschlimmste Szene aus der TV-Serie ist eben nicht das explizit gezeigte Aufschlitzen der Adern in der Badewanne, als Hannah sich suizidert, sondern die Sequenz kurz danach, wenn die Eltern ihr kleines Mädchen im überlaufenden rosa eingefärbten Wasser finden. Diese letzten Sekunden der Hoffnung, wenn Mama Baker ihre Tochter noch retten und rausholen möchte - und was dann an Schmerz folgen wird. Unerträglich. Im Buch gibt es diese Szene nicht. Eigentlich gibt es fast überhaupt keine Eltern im Buch. Diese Ebene fällt fast völlig weg. Okay, am Anfang sind Clays Eltern einmal ganz kurz, sozusagen, "im Weg" und müssen mit der allgemeingültigen Ist-für-ein-Schulprojekt-Ansage besänftigt werden; okay, mittendrin wird der Roman-Clay in seinem Cassetten-Hör-Rausch einmal von seiner Mutter im Eiscafé aufgesucht (und von Tony, dazu gleich mehr), aber das ist es dann auch. Doch, siehe da: Dadurch, dass die Eltern weitestgehend abwesend sind, bis auf kurze Unterbrechungen, wirken die Bedrohungen der Teenager untereinander viel stärker. Drohender. Und dadurch: Wirkmächtiger. 


Clay hört alle Cassetten in einer Nacht durch - im Buch.

5.) Clay hört alle Cassetten innerhalb von nur einer Nacht - in der Serie stoppt er immer wieder und "kann nicht weiterhören", so dass der ganze Prozess mehrere Tage dauert. Tja, auch was das angeht, halte ich persönlich das Buch für schlüssiger: Ich könnte das jedenfalls nicht - so lange zu warten, bis ich vielleicht selbst einmal eine Rolle spielen auf den Cassetten. Oder? Natürlich würdest Du so lange dranbleiben, bis Du an der Reihe bist. Und Cassette um Cassette durchziehen. Und alles andere verschieben.


Eine Verschwörung gegen Clay fehlt im Buch - genauso wie ein Ballsaal.

6.) Die Verschwörung gegen Clay findet nicht statt. Kein geklautes Fahrrad. Keine nächtlichen Einschüchterungsversuche durch Autoraserei. Kein Haschisch, das in einen Rucksack geschmuggelt wird, um von der Polizei gefunden zu werden. Keine Schülergruppen, die sich zusammenrotten um "die Kontrolle über Clay" zu übernehmen. Keine Racheaktion mit einem zerkratzten Auto. Und vor allem: Keine 14te Cassettenseite, die Clay in einer privaten Spionageaktion im Geheimen aufnimmt. Ich weiß selbst nicht genau, warum mich dieser Handlungsstrang so dermaßen genervt hat. Aber er hat mich kolossal genervt. Vielleicht, weil sich Clay von Folge zu Folge immer mehr zum rechtschaffenden Ein-Mann-gegen-alle-Cowboy entwickelte, dem einzig ehrwürdigen Last Man Standing gegen eine wachsende Truppe von Bösewichten, die ihm eines auswischen wollen. Ist mir persönlich das alles viel zu Schwarz und Weiß und viel zu wenig ambivalent. Aus der Arbeit mit Trauernden weiß ich außerdem: Wenn sich Menschen umbringen, weckt das in den Hinterbliebenen und ehemaligen Kollegen oder Freunden oft gewaltige Schuldgefühle. Gewaltige! Dass sich dann trotzdem die als am Suizid mitschuldig Angesprochenen zusammenrotten... - nein, eher unwahrscheinlich. Auch wenn die Serienmacher diesen Handlungsfaden gegen Ende noch einmal in andere Bahnen lenken. Siehe zweiter Suizid. 


Ist Clay in Gefahr, ist Tony da. Jedenfalls in der Serie. Im Buch taucht er nur zwei Mal auf.

7.) Tony wird nicht zum Quasi-Schutzengel hochstilisiert. Ja, tatsächlich hat Tony auch im Buch einen zweiten Satz Cassetten. Ja, tatsächlich gibt es sogar im Buch eine Szene, in der Tony mit seinem Mustang unterwegs ist und Clay beim Hören der Cassetten erwischt. Während Clay im Café innen weiterhört, wartet Tony draußen im Auto auf ihn, um ihm dort zu eröffnen, dass er es ist, der über den zweiten Satz Cassetten verfügt. Das alles spielt in der Jetztzeit, also nach dem Suizid. Aber es ist die einzige Szene, in der Tony eine so große Rolle spielt. Dass er zu Clays Quasi-Schutzengel wird und überall dort auftaucht, wo Clay auch nur ansatzweise in Gefahr zu geraten scheint, wie es in der Serie geschieht, fand ich nicht nur ganz schön nervig, sondern auch ganz schön unwahrscheinlich. Dass er Clay dann auch noch zu einer tatsächlich gefährlichen Berg-Klettertour mitnimmt um ihm auf den Weg nach oben quasi spirituell die Augen zu öffnen für Hannahs Leid - das gibt es ebenfalls nur in der Serie. Und auch das, wie so vieles dort: Einfach too much.  


Warum um Gottes willen geht Hannnh Baker am Ende soweit, sich das Leben zu nehmen? So richtig schlüssig erklären das weder Buch noch Serie. Das kann ein Vorteil sein. Oder ein Nachteil.

8.) Hannah durchlebt erkennbarer die drei Stadien vor einem Suizid.
Durch die vielen dazuerfundenen Handlungsstränge und die aufgemotzten Charaktere verliert die Serie oftmals ihren Fokus. Anstatt stringent bei Hannahs Geschichte zu bleiben, verfolgen wir die Geschichte ihrer Eltern, die Geschichte von Clays Eltern, die Geschichte von der Verschwörung gegen Clay. In manchen Folgen ist es allein der Vorspann, der uns daran erinnert, dass es hier ja eigentlich um die auf 13 Cassetten untergebrachte Geschichte geht, die ein Mädchen hinterlässt, das sich suizidert hat.
Das ist umso bedauerlicher, als dass im Buch sehr exakt nachvollzogen wird, wie Hannah die drei Stadien vor einem Suizid durchlebt, von denen Wissenschaftler und Präventionsexperten sprechen. Stadium Eins: Man flirtet mit dem Gedanken, ohne es allzu ernst zu meinen. Stadium Zwei: Die Suizidgedanken verfestigen sich und werden alles beherrschend, erste konkrete Pläne werden durchdacht. Stadium Drei: Der Entschluss steht fest und die Detailplanung geht los, sehr konkret wird außerdem das Leben für die anderen danach mitgeplant (im Buch verschenkt Hannah beispielsweise ihr Fahrrad, weil sie es ja nicht mehr braucht, in der Serie fehlt das leider) - meistens wirken die Betroffenen in dieser Phase wieder ganz ruhig und gelassen, nachdem sie zuvor niedergeschlagen oder sehr feinfühlig gewesen sind, was fatalerweise dazu führt, dass sich Freunde und Angehörige weniger Sorgen machen als zuvor. Dass sich Hannah die Haare abschneidet, wird im Buch als zu den "Top Five" der Erkennungszeichen vor einem Suizid gehörend bezeichnet - das lässt sich durch meine Recherchen so nicht bestätigen, aber es passt ins Bild von Phase Drei.


Schießt scharf. Fotograf Tyler. Aber womit? Schießt er am Ende auf Alex? Weil: Jemand geht an Alex Handy, als dieser es wohl schon nicht mehr könnte...
9.) Es gibt nur einen Suizid - nicht zwei. Hatte ich schon erwähnt, dass die Serie es am Ende mächtig übertreibt? Dass sie einen möglichen Amoklauf andeutet, aber diese Spur offenlässt? Und dass sie einen weiteren Schüler in den Suizid schickt? Wobei die Serie offenlässt, ob es nicht doch eine Attackte gewesen ist. Denn wir bekommen davon nur hören, zu sehen bekommen wir das nicht. Also: Noch nicht. Warte mal bis zur zweiten Staffel. Würde mich jedenfalls nicht wundern, wenn da noch eine explizite Darstellung davon folgt. Denn wie will die Serie weiter im Gespräch bleiben nach so einem Auftakt? Wie, wenn nicht durch noch mehr Tabubrüche? Ach - im Buch, übrigens: Von alledem kein Wort.


Mit ihr endet das Buch - weil Clay beschließt, sich aktiver auch den als Außenseitern geltenden zuzuwenden. Weil Clay im Buch kein Außenseiter ist, wirkt das Finale dort noch besser, wenn auch kitschiger. 

10.) Alles - fast alles - ist viel dezenter. Im Buch. Ja, nur fast alles. Diese ganze Nummer mit dem umgefahrenen Stopschild und dem tödlichen Unfall in Folge davon, findet sich nämlich auch im Buch (der dabei gestorbene Mitschüler indessen nicht). So oder so: Mann, war das konstruiert - oder? Gäbe es nicht derzeit so einen Hype um die Serie und das Buch und hätte ich es mir nicht zum Ziel gemacht, beides zu Ende zu verfolgen, wäre das die Stelle gewesen, an der ich ausgestiegen wäre. Aus dem Buch wie aus der Serie. Denn das ist mir alles zuviel. Hier wird mir allzu offensichtlich nach einem vorgegebenen Schnittmuster verfahren: Wie können wir möglichst viele Figuren möglichst viel selbstauferlegte Schuld erleiden lassen...? Aber an anderen entscheidenden Stellen ist das Buch zurückhaltender. Es lässt zum Beispiel offen, ob Bryce Walker im Whirlpool wirklich in Hannah eindringt, sie also penetriert, oder ob er es beim Hinein- und Hinausgleitenlassen der Finger "belässt". Das Buch lässt sich in beide Richtungen lesen. In der TV-Serie wird diese Frage mehr als eindeutig beantwort. Wie natürlich auch der Suizid selbst. Im Buch sind es Tabletten, die Hannah nimmt - und wir werden nicht Zeuge des Aktes an sich, nur der ersten groben Planungen dafür. Ach, und diese Sterbeszene in der TV-Serie... Ist sie jetzt wirklich so dermaßen abschreckend oder doch eher lehrreich? Immerhin zeigt sie sehr genau, in welche Richtung der Schlitz gehen muss (nicht quer). 


Wo die Serie einmal (etwas) besser ist als das Buch


In einem Punkt ist die Serie allerdings besser als das Buch. Denn im Buch gibt es keine Hinweise darauf, dass Hannah krank sein könnte - dass sie vielleicht eine depressive Störung hat, eine Melancholie, irgendetwas. Dass sie sich dann trotzdem das Leben nimmt, ist zwar nicht gänzlich unrealistisch, weil sie mehrfach in ihren Cassetten einen Kontrollverlust über ihr Leben beklagt, immerhin der Vorstufe zu einer beginnenden Depression (und weil fast immer in der Teenagerphase mit dem Thema Suizid geflirtet wird) - aber sehr wahrscheinlich ist es auch nicht. Weil Mediziner und Präventionsexperten immer wieder betonen: Die meisten Suizide sind Folge einer Erkrankung - einer Erkrankung, die behandelt werden könnte. In der dritten Folge der TV-Serie haben die Serienautoren diesen Faktor aufgegriffen. Hier findet sich ein recht eindeutiger Hinweis darauf, dass Hannah Baker bipolar gestört war. Also manisch depressiv. 


Ist es nun ein gutes Buch - oder nicht?


Es ist eine ganz kurze Aussage von Hannas Mama in einem Gespräch mit dem Schuldirektor, die diese Andeutungen in sich trägt. Sinngemäß lautet sie: Manchmal ist sie, also Hannah, singend und überbordend fröhlich durchs Haus gehüpft und an anderen Tagen war sie wieder total still und niedergeschlagen ("moody", heißt es so wunderbar treffend im englischen Originalton). Dass die Serie solcherlei Andeutungen macht, ist wichtig und richtig. Denn, nochmal: Die meisten Suizide sind Folge einer Erkrankung - gegen die sich etwas machen lässt (Fragen? Kummer? Die Nummer der Telefonseelsorge, kostenlos: 0800/1110111).  Bleibt am Ende noch die Frage, ob "Tote Mädchen lügen nicht" überhaupt ein gutes Buch ist. Tja, gute Frage. Irgendwie hat es was. Das liegt vermutlich daran, wie geschickt es einem klassischen Thriller-Aufbau folgt. Viele Blogger und Twitterkommentatoren schätzen das Buch dafür, dass es so beherzt Themen wie Mobbing und sexuelle Herabstufungen behandelt (dass es den Bereich Cybermobbing nur am Rande streift, ist heutzutage auch nicht sonderlich realistisch, aber okay). Man mag darüber diskutieren, ob das so ist oder ob es bessere dazu gibt - mir fehlen im Jugenbuchsektor die Kenntnisse, ich finde es aber schwer vorstellbar, dass solche Themen nicht noch in anderen Werken behandelt werden.


Ist das fahrlässig...? - Jay Asher sollte gute Anwälte haben


Weil das Buch aber dem klassischen "Wenn ich gehe, werdet Ihr alle leiden"-Rachemuster folgt, der bei mit dem Suizid flirtenden Jugendlichen ohnehin stets eine große Rolle spielt, geht es mit seiner eigentlichen Thematik auf fast strafbare Weise fahrlässig um. Dass es damit indirekt zum Nachahmen anregen könnte, ist nicht von der Hand zu weisen. Also: Nein, so richtig gut ist es nicht. So richtig schlecht auch wieder nicht. Jay Asher sollte gute Anwälte haben. Dass ihn amerikanische Eltern verklagen wegen Anstiftung, sollten sich ihre Kinder einmal suizidieren - ja, das könnte passieren. 

Da sitzt sie alleine am Tisch, weil sich keiner zu ihr setzen mag. Soziale Isolation ist eines der Themen, die in der Netflix-Serie "Tote Mädchen lügen nicht" ("13 Reasons Why") dekliniert werden - aber wie realistisch ist die umstrittene TV-Serie?  (Alle Fotos: Netflix-Media-Center/Netflix-Pressefoto)

Wichtig: Wer tatsächlich an einen Suizid denkt und diese Gedanken nicht loswird, findet kostenlose und anonyme Hilfe z.B. bei der Telefonseelsorge unter 0800/1110111 - oder als E-Mail-Beratung über die Internetseite www.telefonseelsorge.de. Oder einfach die 112 wählen. Außerdem gibt es einen kostenlosen Krisennotdienst für Eltern und Kinder (Telefon 0800/1110444)


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Der Autor dieser Zeilen bietet Trauerbegleitung an in Osnabrück und im Osnabrücker Land an und hat eine Ausbildung zum Trauerbegleiter absolviert (Große Basisqualifikation gemäß des Bundesverbands Trauerbegleitung). Er hält auch Vorträge zum Thema Trauer und Umgang mit Trauernden. Mehr Infos gibt es hier.

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