Donnerstag, 19. Oktober 2017

10 Gründe, warum Dominik Graf immer noch einer der maßgeblichsten Regisseure Deutschlands ist - und warum der Tatort "Der rote Schatten" so viel mehr ist als reine Verschwörungstheorie oder RAF-Geschichtsklitterung (noch bis 14. 11. in der Mediathek)

Osnabrück – Für manche ist der „Tatort“ ja sowas wie ein Heiligtum. Mich dagegen lässt er eher kalt. Es sei denn, der Regisseur des Abends heißt Dominik Graf. Von dem bin ich Fan, nicht erst, aber natürlich auch seit der „Katze“ in den 80er Jahren. Und wie Dominik Graf mit seinem jüngsten Tatort „Der rote Schatten“ unter Beweis gestellt hat (der Film ist im November 2017 über die ARD und ihre Mediathek ausgestrahlt worden), darf man ihn immer noch zu den maßgeblichsten und stilprägendsten Regisseuren dieses Landes zählen. Zehn Gründe dafür, warum das so ist.

1. Der Ton. Ja, genau, verdammt nochmal, der TON – also die Sprach- und Aufnahmequalität der von den Schauspielern gesprochenen Texte. Die ist in deutschen Filmen sonst zu 90 Prozent hundsmiserabel bis sträflichst vernachlässigt. Wie oft ich schon einen deutschen Film wieder und wieder zurückgespult habe, weil ich das achtlose und technisch miserabel aufgezeichnete Dahingenuschele der Darsteller einfach nicht verstanden habe. Was das angeht, ist Deutschland immer noch Entwicklungsland im Vergleich zu US-Produktionen. In „Der rote Schatten“ oder in der Serie „Im Angesicht des Verbrechens“, ebenfalls von Dominik Graf, verstehst Du dagegen jedes Wort. Jedes. Und das, obwohl im Hintergrund noch das Dauergerausche des Polizeifunks zu hören ist. Ah, apropos:


Gar nicht mal so unauffällig: Lannert (Richy Müller) geht im Tatort "Der rote Schatten" im schicken Wagen auf Beobachtungsjagd... Dafür, dass er auch mal einer von den ganz Linken mit großen Ideologieträumen war, überraschend dekadent.... (SWR-/ARD-Sabine-Hackenberg-Foto, Copyright)

2. Der Polizeifunk. Kein Dominik Graf ohne dieses knisterndknackende Dauerfeuer aus den Funkgeräten im Hintergrund. Ein simpler Trick, der aber dramaturgisch gesehen die Atmosphäre der Szenen so geschickt auflädt, dass er sich tatsächlich nicht abnutzt. Das wirkt nicht  nur authentischer, das schafft auch so eine flirrige Grundnervösität, die wiederum Spannung erzeugt. Ob das wohl immer die gleichen Tonspuren sind, die da benutzt werden? Oder jedes Mal neu eingespielt?

3. Die Montagetechniken. Rasch reinzoomen auf ein Detail, einen Mann im anfangs weit entfernten Auto. Schnitt. Eine Totale von der Straße, das Auto rast aus dem Bild. Schnitt. Die Kamera folgt dem entlangfahrenden Auto. Schnitt. Dann ein paar Dialogfetzen – und Du verstehst noch längst nicht, worum es überhaupt geht. So oder so ähnlich beginnen viele der Filme, die Dominik Graf gemacht hat (er spricht lieber vom „Polizeifilm“ als vom „Krimi“). Das ist erstmal irritierend, macht aber auch neugierig: Du willst verstehen, worum es da geht. Schon bist Du drin. Reingezogen. Irgendwann wird sich alles zusammenfügen und es wird klar sein, was da los ist. Aber erst später. Wieviel spannender ist so ein Einstieg als so mancher dröger und Standard-Oh-Schreck-eine-Leiche-dräuende-Bedrohnismusik-Krimi-Anfang im deutschen Fernsehen.

4. Die fundierte Recherche. Zur Vorbereitung der Serie „Im Angesicht des Verbrechens“ hatte der Autor Rolf Basedow, wie Graf es schilderte, „sorgfältig“ im kriminellen Millieu des gut organisierten Verbrechens recherchiert. Es reizt einen in den Fingern, den Autoren dazu zu interviewen, wie er das wohl gemacht hat. In „Das unsichtbare Mädchen“ zeichnet Dominik Graf ein bedrückendes Bild von an der tschechischen Grenze entführten und zu allerlei Widerlichkeiten gezwungenen jüngsten Mädchen, auch das ist durch TV-Dokumentationen und Medienberichte inzwischen als ernstes Problem definiert. Tatsache ist: Bei aller fiktionalen Verfremdung, die das Genre des Thrillers natürlich mit sich bringt, hast Du in einem Dominik-Graf-Film oft das Gefühl, wirklich nah dran zu sein: An der Lebenswelt eines seit den 60ern verfolgten linksextremen Terroristen. An den Mechanismen und Riten des organisierten Verbrechens mitten in Berlin. Das schafft Glaubwürdigkeit, Faszination und Würze. Und in „Der rote Schatten“ gehen ehemalige RAF-Terroristen auf Beutezüge durch Supermärkte. Würden die niemals tun, sowas banales? Doch, natürlich: Im Juni 2016 veröffentlichte die Staatsanwaltschaft eine Liste der Überfälle, die dem Trio Ernst-Volker Staub, Burkhard Garweg und Daniela Klette zur Last gelegt wurden. Mit dabei: Ein Supermarkt in Osnabrück. Na guck. Genauso wichtig, übrigens...:


Auf die Details kommt es an: Einer der Befragten, einer der Verdächtigen, entpuppt sich im Tatort "Der rote Schatten" als Baumliebhaber bzw. Naturliebhaber.   (SWR-/ARD-Sabine-Hackenberg-Foto, Copyright)

5. Die Symbolik der Spielorte. Im Tatort „Der rote Schatten“ spielt immer wieder, wenn auch nur unterschwellig, das Bahnhofsmammutprojekt „Stuttgart 21“ eine Nebenrolle. Mehrmals fahren die Kommissare an der Megabaustelle entlang, die dann deutlich sichtbar als Kulisse benutzt wird. Ein Journalist, der Hintergrundwissen preisgeben kann, trägt bei seiner Befragung durch Kommissar Lannert einen kleinen gelben Button mit der Aufschrift „Mehr Stau durch S21“. Das alles ist natürlich kein Zufall, sondern sehr bewusst eingesetzt. Einerseits dient es dazu, die Stadt Stuttgart als aktuellen Spielort darzustellen. Andererseits passt die mit diesem Bahnhofsbau einhergehende Symbolik perfekt in die politische Konstellation rund um ehemalige RAF-Terroristen: Damals wie heute war Polizeigewalt ein Thema, man denke an die von der Polizei so gewaltsam „aufgelöste“ S-21-Demo im Jahre 2010, bei der dem Teilnehmer Dietrich Wagner durch einen Wasserwerfer ein Auge rausgedrückt wurde und beide Augen so stark verletzt wurden, dass er jetzt fast blind ist – das Bild von dem blutenden Mann mit weggesacktem Auge ging damals um die Welt. So ist der Bahnhofsbau zur Chiffre geworden für eine Staatsmacht, die auf Teufel komm raus ihren Willen durchboxen will. Als solche wird der Bahnhofsneubau in diesem Tatort benutzt, er dient als politisch gemeinte und symbolistisch benutzte Kommentierung – und ist daher omnipräsent in diesem Film. Ebenso spielt die Stadt Berlin in der "Verbrechens-Angesicht-Serie" eine Nebenrolle. Oder die schicken Vorstadtsiedlungen mit all ihren gut versteckten Geheimnissen bei den „Siegern“ (im Gegensatz zu den schicken Büros von PR-Firmen). 

6. Der politische Subtext. „Im Angesicht des Verbrechens“ ist eine Milieustudie über die Grenzen und die Ethik der Polizeiarbeit und darüber, wie sich vernetztes Verbrechen für seine Mitglieder bezahlt macht – bezahlter als ernste Arbeit. „Der rote Schatten“ ist eine Studie über die Frage, wie weit der Staat wohl gehen kann in der Grenzfrage zwischen juristischer Aufklärung und Personenschutz. Ganz nebenbei geht es auch um alte Illusionen nach einem politischen Ideal: „Die RAF hat uns unsere Sehnsucht weggebombt“, sagt Lannert. „Die Sieger“ durchleuchtet auf einer subkutanen Ebene den Kontrast zwischen einer in jeder Hinsicht elitären Polizistentruppe und weniger elitären, weil behinderten Kindern und stellt ganz nebenbei Grundsatzfragen darüber, was Menschsein sein sollte – während auf der Oberfläche wieder Korruption und Vertuschung im Vordergrund stehen. All das ist hohe Politik, sind ethische und moralische Debatten, doch anstatt sie in den Vordergrund zu rücken oder sie zum Bestandteil der Dialoge zu machen – eine Versuchung, der nur die wenigsten Regisseure widerstehen könnten -, gelingt Dominik Graf immer das, was es sonst nur im amerikanischen Actionkino gibt: Man kann seine Filme auch einfach als verdammt gut gemachte Thriller so wegkonsumieren, ohne die Bedeutungsebenen wahrnehmen zu müssen. Sie sind dennoch da. Aber ohne Holzknüppel. Sowas können nur die wirklich guten Unterhaltungskünstler.

7. Der Oliver-Stone-Faktor. Okay, zugegeben, das gilt so vermutlich nur für „Der rote Schatten“. Aber so wie Oliver Stone in „JFK“ und in „Nixon“ reale Bilder und spekulative Nachdrehs zu einem so großen und überzeugenden Gesamtbild verdichtete, dass man sich in der einzig möglichen Wahrheit wähnte, lässt Dominik Graf in dem Stuttgarter Tatort die Jahrzehnte währende Frage danach, ob sich die Baader-Meinhoff-Leute selbst umbrachten oder umgebracht worden, zwar eigentlich unbeantwortet – aber die eindringlichsten Bilder in diesem Reigen mehrerer Spekulationen sind dann doch diejenigen, in denen der Staat selbst diese Drecksarbeit erledigt. Die Einsicht, dass es sich dabei um eine Verschwörungstheorie handelt – zudem eine von mehreren hier durchaus erwähnten -, gerät angesichts der Bildgewalt in den Hintergrund. Das ist natürlich bewusst manipulativ. Und wir lassen uns gern verzaubern vom Sog des Verschwörerischen, von den groben, wackligen Kleinkamerabildern... Große Kinokunst, nicht mehr und nicht weniger.


Sie werden beobachtet, während sie ihre Untersuchungen absolvieren. Aber von wem? Und warum? Szene aus dem Tatort "Der rote Schatten".   (SWR-/ARD-von-Vietinghoff-Foto, Copyright)

8. Der sehr überlegte Einsatz von Filmmusik. Es gibt Krimis (und Kinofilme), bei denen die Musik wie ein Tapetenkleister eingesetzt wird. In rund 90 Minuten Laufzeit gibt es dann wenigstens 85 Minuten musikalischen Alleskleber. Nicht selten behauptet die Musik eine Dramatik, die es in Wahrheit gar nicht gibt. Da hat der Zuschauer alsbald die Faxen dicke von all dem Rammtamm und Wummelwummelbrumm. Bei Dominik Graf ist das anders: Hier übernehmen die sehr gezielt eingesetzten Rocksongs sowie ihre Texte eine weitere Kommentierung – beispielhaft zu erleben in der „rote Schatten“. Und auch die, nennen wir sie mal so, Atmosphärenmusik, also die eigentliche Filmmusik, ist unmittelbar verwoben mit der Dramaturgie der Szene, kurze, pointierte Brummtöne sorgen für echte Aufregung. 

9. Das Fernsehen als stilprägendes Medium verstehen. Was Dominik Graf in „Im Angesicht des Verbrechens“ macht – eine Serie, die sich mir bei der ersten Arte-Ausstrahlung noch versperrte, die aber auf DVD genossen eine phänomenale Sogwirkung und nachhaltige Faszination in mir erzeugt hat -, ist die Übertragung dessen, was er immer schon gemacht hat, in ein achtstündiges Serienformat: Auch das Fernsehen als eine Möglichkeit zu verstehen, stilprägend und mit eigenen Erkennungszeichen  zu arbeiten. Dass er damit im Trend der Zeit lag – Serien mit Eigenständigkeit und innovativen Bild- und Erzählideen erlebten zu dem Zeitpunkt gerade ihren ersten Höhepunkt, Mad Men war noch relativ frisch -, war fast mehr Zufall als Kalkül. Genützt hat es ihm scheinbar nix, das deutsche TV hat das Ding kaputtversendet durch Spätverdoppelung. Aber wer guckt heute schon noch etwas im analogen TV? Selbst den Tatort „Der rote Schatten“ habe ich dann geguckt, als ich das wollte. In der Mediathek, nix da, Primetimesonntag.

10. Die Verlässlichkeit. So mögen wir das und so wollen wir das. Dominik Graf liefert seit über 30 Jahren seine bekannten Trademarks. Der Polizeifunk muss dabei sein. Die raschen Schnitte und die Dialogfetzen und Montagetechniken auch unbedingt. Abgesehen vielleicht davon, dass sich die technischen Details verbessert haben, die Kameras schärfer geworden sind, die Sehgewohnheiten andere geworden sind und dass natürlich auch ein Dominik Graf einem stetigen Lernprozess unterworfen ist, hat sich seit der „Katze“ soviel gar nicht geändert. Die oben beschriebenen Markenzeichen gab es damals auch schon – was damals noch fehlte, war der politische Überbau und der ausrecherchierte Hintergrund. Manchmal überrascht und irritiert auch ein Dominik Graf: Der Drogentrip-Bilderrausch seines Münchner Zirkus-Tatorts „Aus der Tiefe der Zeit“ war so eine Ausnahme. Aber auch darin: Die üblichen Trademarks. Verlässlich.

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