Donnerstag, 5. Oktober 2017

Netflix: Was die neue Serie "Star Trek Discovery" so düster und so modern macht und warum sich das Zuschauen lohnt - allen Horrorbildern zum Trotz (Kritik/Review nach Episode 3, "Content Is King", weitere folgen noch)

Osnabrück - Sie geht gewaltig auf Horror-Kurs, diese neue Star-Trek-Serie. In ihrer dritten Folge zeigt „Star Trek Discovery“ erstmals, was für ein modernes Potenzial in der ungewöhnlichen Sci-Fi-Neuauflage steckt. Und wie weit die Serienmacher zu gehen bereit sind. Überhaupt, die Chuzpe zu haben, das titelgebende Raumschiff ganze zwei Folgen lang erstmal gar nicht zu zeigen, zeugt alleine schon von Mut. Jetzt ist es da - und sieht ziemlich schick aus, aber eher düster. Wie die Serie überhaupt, jedenfalls in ihren ersten vier Folgen. Im Grunde begeht die Serie mit Folge Drei einen kompletten Neustart. Angesiedelt ist sie übrigens zehn Jahre vor der Klassik-Enterprise rund um Kirk & Co...

Vieles ist neu. Oder anders. Eine Star-Trek-Serie, die sich dem seriellen Erzählen hingibt, anstatt in sich abgeschlossene Einzelepisoden aneinanderzureihen. Ein undurchschaubarer Captain, der durch moralische Fragwürdigkeit auffällt (immerhin nimmt er den Tod einer Shuttle-Steuerfrau billigend in Kauf, um einen Gefangenentransport an Bord seines Schiffes zu bekommen). Eine grimmige Sicherheitschefin, mit der nicht gut Kirschen essen ist. Horrorbilder von völlig derangierten oder aufgeplatzten Menschen, die glatt aus John Carpenters Ekelorgie „Das Ding aus einer anderen Welt“ stammen könnten. Ein gigantisches und zappeliges Fressmonster, das wie aus dem Horrorstreifen „Das Relikt“ entsprungen zu sein scheint. Fahrstuhltüren, die immer und immer wieder auf ein abgerissenes Bein zudonnern. Mannomann, heftige Bilder. Und doch: Kein Wunder, eigentlich.

Jason Isaacs, der unter anderem als Lucius Malfoy in Harry-Potter-Filmen zu sehen war, spielt den undurchschaubaren Captain Gabriel Lorca.   (Netflix-Pressecenter-Foto)

Denn einer der Verantwortlichen für die Serie – mittlerweile aber wieder ausgestiegen – ist ausgerechnet Bryan Fuller, der sich zwar selbst als großen Trekkie bezeichnet, der aber andererseits mit Serien wie „Hannibal“ die Messlatte für die Unerträglichkeit in Sachen Blutzoll im TV nochmal deutlich nach oben gelegt hat. Ganz so krass wird es hier dann nicht. Und doch: Mit dem Heile-Welt-Kindergarten einer Next-Generation-Serie hat das hier ebenfalls wenig zu tun. Erst in dieser dritten Folge der Serie zeigt sich, wie stark sich „Star Trek Discovery“ von seinen Vorgängern unterscheiden wird – und welches Potenzial die Serie haben kann. Dass sich die Verantwortlichen dabei relativ weit vom ursprünglichen Star Trek entfernen, ja, sogar den Klingonen eine neue Optik verpassen, hat die Hardcore-Fans erzürnt. Und doch tut ein solcher Reboot gerade der altbacken gewordenen Star-Trek-Welt gut. Und je länger die Serie läuft, desto neuer wird sie. Hatte man in den ersten beiden Episoden noch eher altvertraute Geschichten rund um klingonische Ehrenkodexe und farbintensive Raumschlachten sowie sich selbst opfern wollende Kapitäne erlebt, sind es diesmal die Dunkelheit und die Ambivalenzen, die im Vordergrund stehen. Das gilt sogar für die Fahrzeuge.

Vorbei sind die Zeiten von "Scotty, beam us up" - aber einen Transporterraum gibt es noch immer. Und so sieht er aus.  (Netflix-Pressecenter-Foto)

Denn auch das neue Serienschiff, die USS Discovery, kommt ebenso finster rüber wie die eigentlich verbotenen Experimente, die an Bord durchgeführt werden (dass ein kleines niedliches Tribble-Tier auf dem Tisch des Captains munter vor sich hinfiept, mindert die Düsternis nicht ab). Was den wissenschaftlichen Hintergrund angeht, setzen die Macher offensichtlich auf alte Star-Trek-Traditionen: Hier werden aktuelle wissenschaftliche Fragen in einer durchaus philosophischen Annäherung diskutiert, ohne dass die Serie jemals an Schwung oder Unterhaltungsfaktor verliert. Chapeau, das ist dann wieder Star Trek, wie wir es kennen. Auch wenn die gezeigten Untersuchungen merkwürdig anmuten: Pilzsporen? Als technisches Allheilmittel? Andererseits: Warum nicht? Es dürfte spannend bleiben, was sich die Verantwortlichen noch an Wendungen und Erzählsträngen ausdenken werden – dass es origineller werden dürfte als zunächst gedacht, steht nach Folge Drei jedenfalls fest. Und irgendwie werden sie auch diesen siegbesessenen Grummelcaptain sicher noch auf "sympathisch" drehen können. Oder vielleicht gerade nicht? Denn soviel scheint mir bislang sicher zu sein:

Es gibt viele Wissenschafts-Sequenzen rund um Pilzsporen und deren moderner Verwendung für... tja, so ziemlich alles Mögliche. Alles in ziemlich cooler Optik.     (Netflix-Pressecenter-Foto)

Die alle Zuschauer beschäftigende Frage, warum die weibliche Hauptfigur eigentlich "Michael" mit Vornamen heißt und daher vermutlich gar keine weibliche, sondern eher eine transgenderige Hauptfigur ist, wie viele vermuten, wird vermutlich niemals erklärt werden. Zuviel Spaß macht es den Serienmachern ganz offensichtlich, mit dieser Verunsicherung herumzuspielen, auch das wird in Folge Drei recht deutlich. Ambivalenzen stehen hier offenbar im Vordergrund. Wie in so vielen anderen modernen Serien auch – und wie so oft macht es die Sache zwar grimmiger, aber auch realistischer. Okay, zugegeben, natürlich gibt es auch in dieser Serie ein paar höchst unwahrscheinliche Dinge, die man einfach schlucken muss: 


Alte Feinde, neue Optik: Die Klingonen wurden einer optischen Neugestaltung unterworfen. Klassische Trekkies hat das erzürnt, der Serie tut es gut.  (Netflix-Pressecenter-Foto)

Dass in der ethisch und moralisch so hoch aufgehängten Welt der "Starfleet" ein Angeklagter keine Chance auf eine externe Verteidigung haben soll, selbst vor einem Militärgericht, ist ebenso schwer vorstellbar wie die Tatsache, dass man sich auch im Jahre 2256 noch Doppelkabinen inklusive des nächtlichen nachbarschaftlichen Schnarchwahnsinns teilen muss (ohne dass man die Möglichkeit hätte, einen kleinen akustischen Schutzschild um sein Bettchen herum aufzubauen, wo es doch sonst überall Schutzschilde gibt....). Aber so war das ja immer schon. Bei Star Trek. Auf der anderen Seite spiegelt die Serie geschickt die aktuellen politischen Realitäten wider. Die Polen und die Ungarn zeigen der EU die kalte Schulter, die Briten haben die Schnauze voll von Europa. Check: Die Klingonen wollen beim Friedensschluss mit der "Starfleet" nicht mehr mitmachen. Die Anführer der Länder der Welt entpuppen sich als markige Sprüche klopfende Kriegstreiber und auf die Vorherrschaft einer Rasse setzende Ideologen. Check: Der Chef-Klingone ist die außerirdische Polterversion von Donald Trump. Dass sich Wissenschaftler so sehr an ihren neu entdeckten Möglichkeiten berauschen, dass sie nicht mehr die Gefahren sehen. Check. Siehe die derzeit laufenden Debatten über Künstliche Intelligenzen. Und dass sie sich an den den Fragen stoßen, wie weit sie eigentlich gehen dürfen, wenn sie an den Grundfesten von Physik oder Natur rütteln, also Gott spielen. Check. Ist immer wieder Thema. Pränatale Diagnostik, Gen-Mais, Gen-Schaf, etc. etc. etc.  

--> "Star Trek Discovery" ist in Deutschland zurzeit nur über den Streamingdienst Netflix erhältlich, seit Ende September 2017 wird jede Woche eine neue Folge bereitgestellt. Die Serie soll 15 Episoden beinhalten, wobei nach Episode 9 (ausgestrahlt am 13. 11. 2017) eine Winterpause eingelegt wird. Am 8. 1. 2018 (Montag, ab 9 Uhr früh) wird Star Trek Discovery dann auf Netflix fortgesetzt. 

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