Montag, 15. Januar 2018

Der Online-Kulturtipp: Moderne Oper (für die ganze Familie?) - auf der Plattform "Opera Vision" ist die Märchenoper "Die Schneekönigin" von Marius Felix Lange in voller Länge erlebbar - Rezension & Kritik

Osnabrück - Noch bis zum 11. Juli 2018 ist diese Oper via Online-Stream zu erleben. Kostenlos, jederzeit, über die hervorragende Plattform "Opera Vision" (vormals: The Opera Platform, mehr Infos über das Projekt: siehe hier). Und im Herbst 2018 soll sie auch wieder auf die Bühne zurückkehren. Es handelt sich um eine moderne Märchenoper mit fulminanter Bildsprache. Sie ist Bestandteil des Projektes "Junge Oper"; eines Zusammenschlusses mehrerer Theater aus dem Raum Nordrhein-Westfalen. Auch die Oper "Die Schneekönigin" beruht, wie der Walt-Disney-Filmerfolg "Frozen" rund um Anna und Elsa, auf dem Original-Märchen von Hans Christian Andersen, ja, die Oper folgt sogar sehr exakt der Andersen-Vorlage. Und die Aufführung aus der Düsseldorfer "Deutschen Oper am Rhein" ist ein guter Anlass, sich mal wieder mit zeitgenössischen Opernkompositionen zu befassen. Allen damit einhergehenden Herausforderungen zum Trotz, die es auch hier gibt....

Der erste Eindruck: Ziemlich straußisch, das Ganze. Also Richard, nicht Walzerkönig. Ich hatte noch vor kurzem den "Rosenkavalier" beim Putzen laufen lassen - und die Klangfarben dieser ersten Szenen, diese mehr dem gesprochenen Wort folgenden Gesangslinien, fand ich schon sehr nah dran. Ein bisschen wagnerisch wird es dann kurz nach Beginn, als ein Höllentroll auftaucht - "Was machst Du da, Troll?..." - das erinnert nicht nur thematisch, sondern auch klanglich an Niebelheim und die Zwerge dort. Wobei man Marius Felix Lange nicht vorwerfen kann, dass er nicht eine ganz eigene Klangfarbe fände. Allen Vorbildern zum Trotz. 

Hat schon ein bisschen was von der Disney-Kopie in "Frozen", ist hier aber ausnahmslos kalt....: Kuss.... Adela Zaharia als Schneekönigin (Hans-Jörg-Michel-/Oper-am-Rhein-Pressefotos

Dieses Werk als Kinderoper zu bezeichnen, oder als "Junge Oper", passt höchstens thematisch. Musikalisch gesehen ist es eine durchaus ambitionierte und recht moderne Oper: 90 Minuten durchkomponierte Großform ohne Pause, ohne Rezitative, mit kaum gesprochener Sprache, von einer Ausnahme einmal abgesehen. Dass der Komponist nicht der Versuchung gefolgt ist, seinen Märchenstoff mit allerlei Larifari-Kindermelodien auszustatten, ist löblich. Manches Mal gerät Lange in einen beinahe filmmusikalischen Ausmalmodus, manches Mal findet er recht spannende Klangvariationen an der Grenze zur Dissonanz. Allerdings vermisst man auch als erwachsener Zuhörer in all dieser klanglichen Lautmalerei doch das eine oder andere Mal eine hübsche Melodie, die irgendwie im Ohr bleibt. Das einmal aufhorchen lassende Duett "Kannst es nur im Herzen spüren" im ersten Akt verpufft zu schnell. Wieso traut sich eigentlich kein Zeitgenosse mehr an sowas wie die "große Arie" heran? Sind alle großen Arien schon geschrieben? Oder lässt man es aus Bammel davor, an die großen Meister eh nicht heranreichen zu können, lieber gleich sein? Ist es also der, nennen wir ihn mal, Beethovens-Neunte-Effekt? Schade ist es jedenfalls. So bleibt die Musik am Ende zu lautmalerisch, um memorabel zu sein. Wobei, zugegeben - es gibt anstrengendere moderne Opern. 


Das macht Freude: Klassisch-großes Theaterhandwerk


Es sind die klanglichen Details, die aufhorchen lassen. Zum Beispiel als ein Spiegelsplitter dem armen Kay mitten ins Herz fährt, was durch scharfe Töne illustriert wird. Überhaupt, dieser Kay (eindrucksvoller Bariton: Dmitri Vargin): Weil zwei nicht ganz so hellen Trollen der vom Teufel erschaffene Zauberspiegel herunterfällt und in zigtausend Stücke zerbirst, wird dieser eigentlich so leidenschaftliche Jüngling ja erst zum eiskalten Romantikverweigerer. Der dann prompt von der Eiskönigin, äh, sorry, Schneekönigin, entführt wird und gerettet werden muss. Soweit die Handlung, bei Andersen wie auch hier. Regisseur Johannes Schmid und die Bühnenbildnerin Tatjana Ivschina (auch Kostüme) haben sich erfreulicherweise einer jeden noch so naheliegenden Modernisierung verweigert und siedeln ihre Oper mehr in einem klassisch-kindertheatralischen Umfeld an - mit viel Lust am gekonnten Handwerk, am Spiel mit den Elementen und mit vollem Einsatz aller verfügbaren Techniken inklusive einer hochfahrbaren Unterbühne. Die vielgestaltig einsetzbaren Silhouettenkulissen werden dann auch von den Trollen oder anderen Protagonisten selbst über die Bühne geschoben. 


Die Trolle sollen verhindern, dass er aus dem eisigen Gefängnis fliehen kann... Dmitri Vargin als Kay (Mitte).  (Hans-Jörg-Michel-/Oper-am-Rhein-Presseofotos

Die Oper ist durchaus besetzungsintensiv und sicher nicht überall umsetzbar. Aber das Ensemble der Deutschen Oper am Rhein in Düsseldorf, wo diese Übertragung aufgenommen wurde, erweist sich bis in die Nebenrollen hinein als durchweg hochkarätig besetzt. Ich habe ebendort vor einigen Jahren ein bemerkenswertes "Trittico" von Puccini in einer Hilsdorf-Inszenierung erleben dürfen und war besonders erfreut, bei der Opernplattform "Opera Vision" erstmals auf ein mir bekanntes Haus stoßen zu dürfen, auch wenn man natürlich nur Bühne, kein Auditorium, damit also wenig tatsächlich Bekanntes sieht. Interessanterweise trägt ein Teil des Sängerensembles die eher aus Musicals bekannten Microports, gut versteckt im Gesichtsmakeup - ob das nur für die Aufzeichnung so war? Oder auch sonst? 


Und im Textbuch sogar Rilke-Zitate


Dass Marius Felix Lange nicht nur die Musik, sondern auch gleich den Text verantwortet, macht es ihm kompositorisch sicher einfacher. Manche arg verdrechselte Textzeile dürfte es jedoch nicht nur dem armen Chor - der aus überraschend beweglichen Hochschulstudenten besteht - manchmal schwer machen: "Alles, was war, vergeht dir im Kuss", das geht ja noch. Aber: "Kalt fließt und klar - Verstandeslusts Fluss". Nun denn, auf "Opera Vision" ist das gesamte Werk untertitelt, das ist dort so Prinzip. Aus den Theaterkritiken ist herauszulesen, dass die Oper auch auf der Bühne mit Übertiteln gezeigt worden ist, trotz der deutschen Sprache. Das ist sicher sinnvoll. Eigentlich immer sinnvoll. Ich habe das nicht nur bei einem Dortmunder "Rosenkavalier" (von der von mir sehr geschätzten Beverly Blankenship in Szene gesetzt) einmal sehr zu schätzen gewusst, das Düsseldorfer Publikum dürfte ähnlich gefühlt haben. Ansonsten schöpft Lange aus einem reichhaltigen Reservoir, streut auch mal Rilkezitate ein ("Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr", übrigens vom bemerkenswert guten Florian Simson als Krähe gesungen) oder lässt in einer Szene beinahe den kompletten Best-Of-Andersen-Märchenfundus lebendig werden... Und gegen Ende gibt es auch in nicht-handlungstechnischer Hinsicht viel Entwicklung. 


Ein eisiger Kuss.... Adela Zaharia als Schneekönigin und Dmitri Vargin als Kay... (Hans-Jörg-Michel-/Oper-am-Rhein-Presseofotos)

Denn je mehr sich die Oper ihrem Finale nähert, desto romantischer wird ihr musikalischer Gestus. Die "Auf nach Lappland"-Nummer kurz vor dem Finale atmet filmisches Pathos, da ist die Musik endlich im Schwelgerischen angekommen. Das Warten darauf hat sich gelohnt - wie sich überhaupt dieses ganze lobenswerte Projekt durchaus lohnt. In der gefilmten Aufführung bricht ein enthusiastischer Jubelsturm noch in die Schlusstakte hinein. Das Publikum - mitgerissen. Zu Recht. Feines Theaterhandwerk, große Kulissen, träumerische Bilder, hochkarätige Sänger, märchenhafte Verzauberung, eine spannende moderne Partitur, man hat weiß Gott schon Schlechteres erlebt als das. Und reizvoller als "Frozen" ist das allemal. Angucken (online noch bis zum 11. 7. 2018 erlebbar, ab September 2018 auch wieder live auf der Bühne im Düsseldorfer Haus). 

Der Link zur Oper "Die Schneekönigin" auf der Plattform Opera Vision...: Hier klicken.

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