Dienstag, 6. Februar 2018

Wie ist das "Ballett im Kino" im Vergleich zur "Oper im Kino"? - Ein Selbstversuch und ein Nachbericht von der "Kameliendame" aus dem Bolshoi-Theater in der Inszenierung von John Neumeier (Tanz im Kino Saison 2017/2018 - plus: Aktuelle Hamburger Spieltermine der Kameliendame)

Na klar, eine Chaiselongue ist Pflicht beim Thema Kameliendame - so war das Bolshoi-Ballett im Kino (Damir-Yusopov-/Kinostar-Presse-Fotos).

Osnabrück – „Nach der MET ist vor dem Bolshoi“ – so hatte es der Theaterleiter des hiesigen Cinestarkinos in einer E-Mail an unsere Redaktion formuliert. Dass das Ballett im Kino sich in den vergangenen Jahren einen konstanten Platz auf der Leinwand gesichert hatte, war mir nicht entgangen, aber beschäftigt hatte ich mich damit noch nicht. Ein Fehler? Also auf ins Kino, einmal Ballett gucken. Auf dem Programm ein Klassiker des Genres – der in diesem Jahr sogar seinen 40ten Geburtstag feiert: John Neumeiers „Kameliendame“, für Stuttgart kreiert, inzwischen auch am Bolshoi-Theater in Moskau im Repertoire. Hat es sich gelohnt? Und wie ist das Ballett im Kino so im Vergleich zur Oper im Kino?

Zunächst der größte Unterschied, jedenfalls diesmal: Es handelt sich hierbei nicht um eine Live-Übertragung, auch wenn die Vermarktung des Balletts diesen Anschein erwecken möchte. Und doch fällt auf, dass es in der englischsprachigen Ankündigung heißt „Captured live...“, also: „Live aufgezeichnet....“. So steht es auch auf dem deutschen Plakat. Man würde gerne einmal wissen, von wann denn nun diese Aufzeichnung ist. Denn im aktuellen Spielplan des Bolshoi-Theaters wird die Kameliendame derzeit nicht gelistet, nicht im Oktober, November, Dezember des vergangenen Jahre oder im Januar 2018... – und nachdem eine Online-Recherche ergeben hatte, dass die Kameliendame bereits in der Ballett-im-Kino-Saison 2015/2016 gelaufen ist und alle Zeichen darauf hindeuten, dass es sich um die identische Besetzung gehandelt zu haben scheint, liegt nun also der Verdacht nahe: Es handelt sich um ebendiese Aufzeichnung. Nun, das hat alles auch Vorteile...: 


Neumeier entwickelt teils spektakuläre Figuren, bei denen die Herren die Damen auch mal nur auf einer flachen Hand durch die Gegend tragen.,.. (Damir-Yusopov-/Kinostar-Presse-Fotos)

Denn immerhin ist die Leinwand riesig, der Sound glasklar, der Saal dunkel, also ist das alles hier ein die Sinne anregendes Vergnügen, außerdem ist die Startzeit sympathisch (Sonntag um 16 Uhr, prima Nachmittagslage, pünktlich zum Kind-ins-Bett-bringen wieder daheim). Aber der größte Vorteil einer Aufzeichnung ist ein anderer: Anders als bei der MET, wo die Satellitenübertragung  vom Wetter abhängig ist und wo man auch schon einige Aussetzer erlebt hat, ist ein ungestörter Strom an Bildern und Ton also garantiert. Und es handelt sich hierbei immerhin um eine nicht auf DVD erhältliche, also nur im Kino erlebbare Aufzeichnung (es gibt indes eine Hamburger und eine Pariser Aufführung dieses Neumeier-Balletts als Kauf-DVDs). Offenbar gibt es aber auch Live-Übertragungen beim Ballett im Kino....oder wie soll der Leser den folgenden auf der Veranstalter-Website auffindbaren Satz deuten? „Die Saison 2017/18 des Bolschois wird in über 1000 Kinos auf der ganzen Welt live oder fast live übertragen...“


Manchmal sind die Tänzer zu schnell für die Kamera


Vieles ist ähnlich: Wie bei der MET gibt es hier eine Moderatorin bzw. eine Gastgeberin. Dabei handelt es sich um die offizielle Pressesprecherin des Bolshoi-Theaters, Katja Nowikowa. Sie moderiert in fließendem Französisch und Englisch, immer zwei, drei Sätze jeweils in der einen, dann in der anderen Sprache sprechend. Aber eben nicht in Russisch, wie es ja auch hätte sein können, also wurde hier erkennbar für die internationale Kinovermarktung produziert. Einblicke in den Orchestergraben oder ins Innere des Auditoriums in den Pausen gehören ebenfalls dazu. Was wir indes nicht erleben, sind die Bühnenarbeiter bei ihrer Arbeit. Vielleicht auch, weil die Kameliendame mit einem insgesamt so reduziertem Bühnenbild auskommt. Die technische Übertragung ist brillant. Nur in den ganz schnellen Tanzbewegungen scheint es, als käme die Kamera nicht mehr hinterher, da verwischen die Details.  


In Ausstattung und Bühnenbild sehr konservativ und reduziert


Und das Stück selbst? Nun, es ist ein Genuss – Ballett in dieser höchsten Qualität und in dieser betörenden Altmodigkeit gibt es weltweit nur an wenigen Orten zu erleben, in Deutschland vielleicht noch in Hamburg und in Stuttgart. Die prachtvolle Ausstatttung von Jürgen Rose, dessen historisch versierte Kostüme mit Zylindern und Fracks bei den Herren und detailreich verzierten Hütchen bei den Damen in den großen Leinwandbildern besonders gut zur Geltung kommen, ist ebenso eindrucksvoll wie die gewaltige, fast immer leere und nur mit wenigen Accessoires gefüllte Bühne – die dem durchweg hervorragenden Ensemble die volle Wirkung überlässt.


Nicht nur tänzerisch, auch darstellerisch eine Wucht


Allen voran der Haus-und-Hof-Primaballerina Svetlana Zakharova (Marguerite Gautier) und dem aus Hamburg dazugestoßenen Edvin Revazov (Armand Duval) als dem tragischen Liebespaar. Sie als die eigentlich Unerreichbare, die dann doch erreicht wird, aber nur kurz, er als der sich verzehrende Sehnsuchtsdurchtränkte. Wie die beiden hier auch mimisch und darstellerisch ihre immer wieder neuen Leidenszuständen ausgesetzte Liebe zeigen, ist – dieser platte Wortwitz möchte mir bitte einmal gestattet sein – großes Theater. Mal ganz abgesehen von der eindrucksvollen körperlichen Präsenz der beiden. Die immerhin 1979 geborene und damit für Ballettverhältnisse in überraschend "hohem Alter" noch tanzende Zakharova findet in dem 1983 geborenen Revazov ihren jugenlichen Bewunderer, wie es der Vorlage entspricht.


Musik von Chopin - teils nur auf Klavieren gespielt


Als Musik benutzte Neumeier allerlei Kompositionen von Frédéric Chopin – und zwar ausschließlich für Klavier, nur in Teilen auch für Klavier und Orchester, geschriebene Stücke. Der zweite Akt beispielsweise wird nur von zwei Pianisten bestritten. Die wie die Tänzer die ganze Aufführung über Höchstleistung zu vollbringen haben, denn die scheinbar so lockerleichten Chopinschen Läufe und Rhythmen haben es in sich. Wie übrigens auch das Ballett an sich.


Neumeiers kluger Schachzug: Zwei Stoffe miteinander verweben


Denn dass John Neumeier sich hier eines dramaturgischen Tricks bedient und den Kameliendamen-Stoff geschickt mit der „Manon Lescaut“ verwebt, macht den besonderen Reiz seines Stückes aus. Denn dieser über hundert Jahre vorher entstandene Roman des Abbé Prévost gilt als erkennbare Vorlage für Alexandre Dumas Juniors Roman aus dem Jahr 1848. Die Ähnlichkeiten sind groß, nicht alleine, weil wir hier wie dort zum Ende hin die Zeugen eines elenden Sterbeprozesses der weiblichen Hauptfigur werden. Neumeier lässt nun also in seiner Kameliendame die Hauptfiguren ein Ballett im Ballett erleben, das, wie uns erst ein Plakat gegen Ende zeigen wird, die Geschichte der "Manon Lescaut" zeigt. Immer wieder aber tauchen die Manon-Figuren – also die weibliche Angeschmachtete und ihr jugendlicher Verehrer Des Grieux, auch in der Welt der Kameliendame auf, als Mahner, Symbole und als Inspirations-DNA. Ein cleverer Schachzug.


Steht am 8. April auf dem Programm: die Giselle aus dem Bolshoi. (Fetisova-/Kinostar-Presse-Foto)

Denn so hebt Neumeier sein Ballett auf eine Meta-Ebene und lässt einerseits die Entstehung der Kamliendame selbst sowie das Motivische der dauerhaft unerreichbaren, weil immer entrückten und schließlich sterbenden Frauen dadurch spürbar werden. Dass es sich bei der Kameliendame ja eigentlich um eine Edelhure handelt und dass es sicherlich diskussionswürdig ist, wenn sie vom eigenen Vater bewusst in diese Funktion zurückgeschickt wird, dass sich das streng genommen gegen alles sträubt, was heute so diskutiert wird.... Geschenkt! Das vergeht hier alles in Pracht und Opulenz und Ausstattung und eben durch diese Verweigerung eines jeglichen Modernisierungswillens wird das Ballett so köstlich wie es nun einmal ist.


Befehle vom Boten, dann Flehen und Verzweiflung


Choreografisch besonders eindrucksvoll gelingt indes ebenjene Szene, in der der Bote nach der Abgabe seines steifen Zylinders die weibliche Hauptfigur beim Tee davon in Kenntnis setzt, was der Vater von ihr verlangt. Zackige, verstockte Bewegungen, die Arme auf dem zum Publikum gewandten Rücken verschränkt, die Hände ringend wie in einem Nichtwollen und Dochmüssen... und dann das Nichtwahrhabenwollen und schließlich das Flehen... selten hat der Zuschauer bei einem Ballett Emotionen so spürbar vermittelt bekommen wie hier auf dieser Bühne und in dieser Choreografie. Das allein macht die Aufführung zum Erlebnis. Neumeiers Kameliendame darf sich ruhigen Gewissens einreihen in die Riege der ganz großen Ballettklassiker. Es war gut das auf der Leinwand gesehen zu haben. Von wann auch immer diese Aufzeichnung nun war.... Übrigens gibt es durchaus noch Chancen für eine live erlebte Kameliendame.


Steht in Hamburg noch mehrfach auf dem Spielplan: Die Kameliendame in der Neumeier-Inszenierung (Holger-Badekow-/Hamburger-Staatsoper-Foto).


Denn wer die "Kameliendame" von John Neumeier noch live sehen möchte, hat im laufenden Jahr in Deutschlands Nordern noch die Gelegenheit dafür: Die Kameliendame“ wird in der Hamburgischen Staatsoper am 30. April, 1., 3., 11., 12., 16., 17. und 20. Mai 2018 - am 20. Mai auch nachmittags  - aufgeführt. Karten und Infos uner Tel. 040/356868. 

Transparenzhinweis: Das Cinestar Osnabrück hatte mir freundlicherweise zwei Pressekarten für die Aufführung zur Verfügung gestellt.

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