Mittwoch, 21. Februar 2018

Zwei Rockkonzerte, zwei Abende, eine Halle: So waren Toto und Steven Wilson im Mehr!-Theater in Hamburg am Großmarkt am 19.2. und 20.2.2018 - genialer Doppelpack für Rockfans (und warum es Sinn macht, beide Konzerte zu vergleichen)



Soll das eine Reminiszenz sein an den Zylinder von David Paich? Oder an den von Hamburgs Haus-und-Hof-Kapellmeister Udo Lindenberg? Die großen Poller am Hamburger Großmarkt haben irgendwie was von Hüten. Das passt zu Toto   (Thomas-Achenbach-Handyfoto).

Hamburg - Toto und Steven Wilson. Zwei Konzerte, eine Location. Zwei Abende aufeinander, eine Stadt. Solche Chancen gibt es selten. Im Februar 2018 aber gab es sie: Im Hamburger Mehr!-Theater, einem eindrucksvollen Mehrzweck-Haus an bemerkenswertem Ort (dazu später mehr) traten also auf: Erst Toto als AOR-Altrocker mit ihrem 40-Jahre-Geburtstagskonzert am 19.2., dann Steven Wilson, der Meister des modernen Progrocks, der gleich zweimal hintereinander dran war (ich war am 20.2. mit dabei). Dass ich nicht der einzige war, der diesen Doppelpack an diesem Ort erlebte, zeigte das eine oder andere sichtbare Toto-Shirt am zweiten Abend. Beide Konzerte zu vergleichen, macht insofern Sinn, als dass beide auf ihre Art lehrreiche Musterstunden darin waren, wie man Konzerte machen sollte - und was man eben nicht machen sollte. Ein Erfahrungsbericht.

Merkwürdig: Während das Toto-Konzert als klassisches Rock-Erlebnis behandelt wurde, soll heißen, als Stehkonzert ohne die Sitzplatzreihen im Parkett und unter Belächelung der oben auf den Rängen sitzenden Gäste ("Ganz schön arm", sagt der neben mir stehende Hamburger zu seinem Nachbarn in breitestem Dialekt), war der Wilson-Abend mehr als theatrales Ereignis angelegt, also komplett bestuhlt und sogar mit 20 Minuten Pause. Wobei Wilson selbst in einer seiner charmanten Zwischenmoderationen sein Befremden über diese Bestuhlung äußerte - er habe ja so ein kleines Problem mit einem sitzenden Publikum, sagte der Brite im markanten Augenzwinker-Plauderton. "After all, we're still a rockband" (schließlich sind wir immer noch eine Rockband). "Wir" meint in diesem Fall Wilson und seine hervorragenden Unterstützer. Eine richtige Band gab es ja auch mal, aber, ach, das ist ein anderes Thema. Bleibt die Frage, wer das denn eigentlich für eine gute Idee hielt, da jetzt unbedingt die Stühle reinzubauen. Aber egal...: 

Dass es ausverkauft ist, diese eine Toto-Konzert in Hamburg, machen die Veranstalter an vielen Orten klar - unter anderem vor den Toiletten  (Achenbach-Handyfoto).

Denn spätestens nach dem knallbunten Discobonbon "Permanating" vom neuen Album "To The Bone" als zweite Nummer nach der Pause blieben beim WiIlsonkonzert am 20. 2. dann eh alle stehen. Wie gut, dass ich einen Sitzplatz fast ganz am Rand gekauft hatte, da konnte ich mich rasch aus der Enge der Theaterreihen befreien und von der Seite aus zugucken. Was übrigens durchaus mehrere taten. Das Mehr!-Theater lässt solcherlei Eigeninitiativen durchaus zu, anders als beispielsweise die Musicaltheater in Essen, wo Wilson noch spielen wird, oder das in Bremen (wo kürzlich noch Marillion zu erleben waren), in denen es für solche Massenbewegungen im Innern einfach zu eng ist. Hier im Mehr ist reichlich Platz, denn es gibt auch kein durch Innentüren separat verschließbares Auditorium. Dafür gibt es aber auch keine Steigung in den Sitzplatzreihen im Parkett (im Rang durchaus). Und es wäre auch sonst falsch, dieses neueste Theaterhaus in Hamburg zur reinen Musicalspielstätte abzustufen.


Die Architektur der Halle zeigt sich auch im großzügigen Innrenraum, in den die Ränge hineingebaut sind - es ist eine Stunde vor Konzertbeginn, die Sitze füllen sich langsam  (Achenbach-Handyfoto).

Geschickt hineingebaut nicht nur in eine Reihe von Großlagerhallen, sondern auch genau neben eine noch im Betrieb befindliche Lagerstätte platziert, ist das, was sich hier Theater nennt, eben eine umgebaute Großmarkthalle. Und so wirkt das Außengelände dieses Theaters mehr wie eine Art Industriehafen denn wie das Umfeld einer schillernden Veranstaltungsarena. Man betritt den gänzlich umzäunten Bereich dann auch durch ein stählernes Tor samt Pförtner wie die Arbeiter auf dem Weg zur Nachtschicht. Und sieht auf dem Rückweg zum Hotel noch aus den Augenwinkeln wie im Innern der gleich daneben liegenden Nachbarhalle ebensolche Arbeiter allerlei Stückgut hin und her fahren. Bemerkenswert. Die von Hamburger Kritikern öfter schon geäußere Mutmaßung, die Halle habe ein akustisches Problem, wird von Steven Wilson ad absurdum geführt. Zwar ordentlich laut, wie auch Toto, aber akustisch phänomenal trennscharf und detailakzentuiert, wird das Wilson-Konzert auch soundtechnisch zu einem der qualiätsvollsten Konzerte seit langem. Wobei Toto am Vorabend tatsächlich nicht so sauber klangen...


Erster Abend, keine Bestuhlung. Wo die Mädels mit den Bierfässern auf dem Rücken später abgeblieben sind, kann ich nicht sagen, bis wenige Reihen vor der Bühne sind sie jedenfalls nicht mehr durchgekommen (Achenbach-Handyfoto).

Sowohl die lokalen Reporter der "Welt" als auch des "Hamburger Abendblattes" berichten in ihren Konzertbesprechungen von mehreren die Halle verlassenden Fans, wohl weil sie sich mit der Abmischung unzufrieden zeigten. "Wenn aus Studio-Sound ein Klangbrei wird", übertitelt das Hamburger Abendblatt seinen Toto-Rückblick (1). Da ich diesmal recht weit vorne an der Bühne gestanden habe, kann ich über Besucherschwund nichts berichten. Dass aber mancher Song erstmal erraten werden musste, weil man ihn nicht sogleich in Gänze erkennen konnte ob des tatsächlich recht breiigen Klangs, ja, das war tatsächlich so - aber das kannte ich ja schon von mehreren Konzerten, immerhin klangen Toto noch detailschärfer als seinerzeit AC/DC in Gelsenkirchen (wie sehr anders es geht, zeigte dann erst Steven Wilson, Jungejunge). Ein ziemlich geiles Konzert war es dann dennoch - und zwar wegen der Setlist...


Konzertbesucher fotografiert Lukather, Blogger fotografiert fotografierenden Konzertbesucher und Lukather.... Muss hier eigentlich jedes Bild unbedingt eine Unterzeile haben... ;-)   (Achenbach-Handyfoto)

Toto ist ja eine dieser Bands, die eben nicht bei jedem Konzert das immergleiche Hit-Feuerwerk abfeuern müssen, angenehmerweise – abgesehen vielleicht von der ewigen Trias "Hold The Line", "Rosanna" und "Africa" kann die Band aus einem reichhaltigen Repertoire eben das aussuchen, worauf sie gerade Lust hat. Das macht jedes Konzert zu etwas Einzigartigem, aber auch Unberechenbarem. In den 90ern hatten Toto mal so eine reine Frickelphase, in denen sie auf ordentliches Songmaterial so gar keine Lust mehr zu haben schienen (dokumentiert ist das auf der CD "Livefields" ). Heute ist das zum Glück anders - und dabei fast genauso gelungen wie auf der DVD zum 35jährigen. Passend zum Vierzigsten schaffen sie genau die richtige Mischung: Die guten Songperlen, die man hören möchte, die Überraschungen, auf die die Hardcore-Fans warten und eine Menge ordentlicher Energie machen das Konzert zum Erlebnis. Wer es indes so ganz durchdringen will, der muss sich gut auskennen im Backkatalog der Band, inklusive der abseitigeren Dinge wie beispielsweise der Filmmusik zum David-Lynch-Sci-Fi-Flop "Dune" (Der Wüstenplanet), aus der die Band das Wüstenmotiv ausgewählt hat oder das jedem sein Solo gönnende Frickelstück "Jake To The Bone". Und es gibt wie immer bei Toto den einen überraschend starken Live-Zünder, der seine Qualitäten nochmal in voller Stärke offenbart. 

Unter meinen Füßen, relativ weit vor der Bühne, geht es steil bergab. Über das, was sonst vermutlich als Orchestergraben genutzt wird, hat man einfach eine Stahlplatte gelegt. Aber da unten ist Licht. Viel Licht.... (Achenbach-Handyfoto).

Nämlich "English Eyes" vom 1981 veröffentlichten "Turn Back". Wie groovig der Song nach dem fetten Rockriff am Anfang weitergeht, wieviel Reichtum die Breaks und musikalischen Ab- und Aufbaupassagen diesem cleveren Konstrukt verleihen, das wird mir heute eindringlich bewusst. Läuft seither bei mir rauf und runter. Pianist und Band-Mitgründer David Paich beweist sich nicht nur hier als der gut gelaunte Clown und Unterhalter; witzig auch, wenn er sich mal wieder nicht entscheiden kann, welchen seiner drei Hüte er jetzt tragen und vom neben dem Klavier stehenden Garderobenständer nehmen soll. Sie sind alle richtig gut drauf, also die Musiker, nicht die Hüte, auch Gitarrist Steve Lukather hat einen guten Abend ohne jeden Anflug von der Schwermut, die es bei ihm ja auch mal gibt (Sagt er: "Das ist etwas aus den 80ern.... Wie waren die 80er? Habt Ihr sie mitbekommen? Man sagt, ich hätte eine Menge Spaß gehabt in dieser Zeit..."). Und nach einem Akustikset im Mittelteil des Konzerts, das die Band in Form eines "Storytelling" als 40-Jahre-Rückblick gestaltet und bei dem einen nochmals bewusst wird, dass Steve Porcaro ja auch "Human Nature" für Michael Jackson schrieb, wird dann der Sound auch besser. Und das Konzert geht zum Höhepunkt über. 

Herren bei der Arbeit. Toto - und Gastmusiker - auf der Bühne (Achenbach-Handyfoto). 

Das ist eindeutig das auf rund zehn Minuten zum Mitmach-Party-Klassiker ausgewalzte "Africa", das die Halle zum Kochen bringt (dass die Band übrigens für ihren ganz neuen Song "Spanish Sea" den baugleichen Samba-Rhythmus und auch sonst vergleichbare Strukturen einsetzte, quittiert eine Konzertbesucherin hinter mir tatsächlich mit einem "Buh!"). Als einzige Zugabe noch das ruhige "The Road Goes On" mehr als Akustikversion, dann geht nach rund 2 1/4 Stunden das Saallicht wieder an. Ist aber okay, "Hold The Line" kam ja immerhin schon gleich an zweiter Stelle und was ich mir noch gewünscht hätte, "White Sister" oder "Home Of The Brave", haben Toto nun einmal schon oft live gespielt,  und dafür mischen sie eben gerne mal alles neu zusammen, das ist gut so (okay, noch ein Song aus dem hervorragenden Album 14 wäre toll gewesen, aber okay. Joseph Williams als neuer alter Sänger ist live übrigens ein Genuss, seine Präsenz ist mitreißend - und wie hoch er noch singen kann, ist eindrucksvoll. Bleibt zu hoffen, dass ihm nicht auch bald das Fish-Gillan-Kimball-Syndrom widerfährt und die Stimme bei den höchsten Tönen altersbedingt einfach nicht mehr mitmachen kann, will, sollte. Der Typ neben mir hat das Konzert übrigens vor allem durch die soziale Auswertung via Smartphone erlebt und so ziemlich allen seinen Kontakten gewahtsappt, wie "mega" doch Toto sind. Live-Erlebnis als Status-Scheiße, herzlichen Glückwunsch auch. Ich dagegen habe dann doch lieber das Band, Musik und Atmo genossen und es bei zwei, drei schlechten Handyfotos belassen (siehe... hier). Am nächsten Abend dann die Überraschung. 


Nächster Abend, nächstes Konzert. Steven Wilson überraschte - durch vieles  (Achenbach-Handyfoto).

Denn war ich insgeheim mit der Erwartung hierhingekommen, Toto würde das irgendwie mitreißerende, allgemein zugänglichere Konzert werden und Steven Wilson dafür das spieltechnisch brillantere, verhält es sich eher andersherum. Natürlich ist der Wilson-Abend in jeder Hinsicht perfekt, nicht nur der Klang, auch sonst. Videoeinspielungen, teils in zweifacher Verschiedenartigkeit über eine hintere und eine vordere, aber durchsichtige Leinwand, grandiose Bühnenshow, alles bis ins Mark durchgestylt. Aber alles eben nicht denkbar ohne den Einsatz aller heute verfügbaren technischen Hilfsmittel vom Click Track bis zur aus dem Off zusätzlich dazugemischten, aber nicht live anwesenden Co-Sängerin. Das ist der größte Unterschied zu Toto: Die brauchen solche Spirenzchen gar nicht, die gehen auf die Bühne und spielen was, fertig, Wilson dagegen ist merklich ein Kind der durchgetakteten und durchmedialisierten Waters-Gilmour-Gigantomanie. Was automatisch eine zusätzliche Künstlichkeit mit reinbringt. Okay, sei's drum. 


Steven Wilson fährt das große Besteck auf - zweifache Videoeinspielungen hinten und vorne gehören ebenfalls mit dazu  (Achenbach-Handyfoto). 

Beide Konzerterlebnisse haben ihre Berechtigung, beides hat was. Aber woran liegt es, dass mir die Songs an diesem zweiten Abend wirklich in die Seele fahren - am besseren Klang? Den reiferen Themen? Daran, dass Wilson eben nicht Frauenvorname an Frauenvorname reihen muss (Lea, Rosanna, Angela, Mushanga, Amanda... ach nein, die nicht, das waren andere - aber die ersten vier hatte Toto alle mit dabei)... Jedenfalls berührt Wilsons Zartheit und Melancholie, die es bei aller Brachialität ja auch oft gibt, mich heute besonders stark. "Heartattack In A Layby" beispielsweise, noch von Porcupine Tree, ja, das lässt das Innerste kurz erbeben. Wie auch "Pariah" aus "To The Bone" (in dem die Zeile "I'm tired of facebook" nochmal kurz die Erinnerung an den gestrigen Konzert-Soziale-Netzwerke-Erlebnismann aufblitzen lässt...). Wilson spielt übrigens sehr viel vom neuen Album, einiges vom "Hand-Cannot-Erase"-Album, sechs Sachen von Porcupine Tree und als das Konzert beschließende Zugabe den berührenden "Raven That Refused To Sing"-Titeltrack. Furioses Finale. Beide, übrigens, Toto wie Wilson, haben als Backup eine Reihe von Profimusikern mit im Gepäck, ohne die so ein Konzert ja gar nicht gehen würde. Als Steven Wilson dann ankündigt, all die Konzertbesucher, die auch am Tag drauf ins Mehr!-Theater zu ihm kommen wollten, mit einer anderen Setlist zu überraschen, wird die Versuchung groß, einfach hierzubleiben und zu gucken, ob noch was geht. Sehr, sehr groß. Und was tue ich? Fahre heim - und tippe diesen Beitrag, derweil in Hamburg das nächste schicke Konzert über die Bühne geht... Denn was gut gewesen ist, das ist gut gewesen, wir wollen es mal nicht übertreiben...

Die geschickte Lichtshow sorgt für zusätzliche Gänsehautmomente... (Achenbach-Handyfotos).

Und während die Konzertbesucher das Gelände verlassen, werden in der Halle nebenan schon Kartoffeln verladen. Willkommen zurück im echten Leben.  

Transparenzhinweis: Besuch der Aufführungen durch selbstgekaufte Konzertkarten, keine Pressekarten, keine Einladung.

(1) - Quelle: https://www.abendblatt.de/hamburg/article213493237/Toto-in-Hamburg-wenn-aus-Studio-Sound-Klangbrei-wird.html

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