Sonntag, 25. März 2018

Amore und Bierdosen - so waren Wanda in der Lingener Emsland-Arena am Freitag, 23. 3. 2018 - Wanda live in Lingen, Kritik & Konzertbesprechung

Ein wichtiges Wort im Wanda-Kosmos: Amore!   (Achenbach-Handyfotos)

Lingen - Amore, meine Stadt... nun ja, für das emsländische Lingen trifft das nur begrenzt zu. Und natürlich hätte ich Wanda, dieses österreichische Band-Phänomen zwischen charmantem Wiener Schmäh und sturzbesoffener Rock'n'Roll-Brachialität, viel lieber im Osnabrücker Hyde Park gesehen. Also lieber in einer verschwitzten Clubintimität als in der etwas kühlen Konzerthallenprofessionalität. Aber als die Band im März 2017 dort auftrat, blieb die Kinderbetreuung an mir hängen und ich war noch nicht so ganz auf den Wanda-Zug aufgesprungen, auch wenn die Musik bei uns natürlich rauf und runter lief. Was bei mir indes noch mehr gezündet hat, ist das jüngste Album, das dritte, Niente, das so heißt wie die Tour, auf der Wanda nun auch Station in der Lingener Emsland-Arena machten (am Freitag, 23. 3. 2018). Diesmal war ich dabei. 

Und ich gehörte somit zu der Sorte Konzertbesucher, die selbst das neue "Letzte Wienerlied" relativ textsicher mitschmettern konnten. "Gott, wie deppert seids ihrs Wiener...?" - Denn, zugegeben, dem ironisch gebrochenen Pathos dieses stilistisch merklich softeren dritten Albums mit seiner dezenten Wolfgang-Ambros-Anmutung bin ich noch näher als dem alkoholverrauschten Dampfgassenrockpop der ersten beiden Platten. Wobei auch das alte Material im Konzert natürlich einen Monsterspaß macht, allen voran die großen Hits "Bussi Baby..." kurz vor dem Finale und, natürlich, das von allen mitgegröhlte "Oans, zwoa, drei, vieäähhh...." ganz zum Schluss. Es jedoch nicht alles prima, hier in Lingen. Der Klang jedenfalls ist erstmal nur Brei. Dass sich da auf einmal ein Saxophonist mit einer venezianischen Karnevalsmaske über die Bühne schleicht, ist zwar zu sehen, aber zu hören ist davon nichts mehr. Das wird dann später aber besser, wie vieles. 



Denn, große Überraschung, nach etwa zwei Drittel der Show nehmen die fünf Österreicher erstmal das Tempo raus. Da bezieht plötzlich ein echtes Blas- und Streichquartett mit venezianischen Masken und schwarzen Todes-Roben als düsterer Rondo-Veneziano-Verschnitt seine vier Stühle auf der Bühne und zupft und geigt und bestreicht die etwas klassischeren Songs des neuen Albums, das besagte Wienerlied oder den hymnischen "Schottenring" und das hübsch todessehnsüchtige "Ich sterbe" mit einer satten Klangpatina. Nur drei Nummern lang bleiben die Gastmusiker auf der Bühne und kehren dann nicht mehr zurück - sie für einen so kurzen Auftritt extra mit auf die Tour zu nehmen, zeugt von einem gewissen Luxus. Wie überhaupt vieles hier. 


Und dann fliegen die Bierdosen


An Biervorräten auf der Bühne jedenfalls herrscht kein Mangel. Dose um Dose fliegt als Belohnung für gelungene Interaktionen ins Publikum, auch Sänger Marco Michael Fitzthum - 31 Jahre alt - zieht sich ein Gläschen rein. Dass die Band auf jegliches Rauchverbot pfeift und sich von den Gästen am Bühnenrand auch mal ein Feuerzeug leiht - bierdosenvergütet -, erhöht den Rockfaktor. "So ein Sänger wird nicht allzu lange leben", hatte ein Kollege nach der Show im Osnabrücker Hyde Park gemutmaßt, und tatsächlich besteht die Band auch sonst auf ihrer Attitüde. Gitarrist Manuel Christian Poppe kann sich das eine oder andere Gähnen nicht verkneifen und schaut ein wenig weltenabgewandt aus der Wäsche. Huch, Tourstress oder Partystress? Macht das bei Wanda überhaupt einen Unterschied? Oder liegt es daran, dass er die ganze Gitarrenarbeit ganz alleine machen muss - denn Frontmann Marco kann wegen eingegipster Hand nicht wie sonst die zweite Gitarre mitspielen, auch ein kleiner Versuch scheitert ("Tut scheiße weh!"). Wobei ihn die malade Hand nicht dran hindert, die 1-A-Frontsau rauszulassen und voller brachialer Energie eine herausragende Show abzuliefern.


Lebensende-Schunkler und neue Hymnen


Schnaps wird hier zwar keiner getrunken, aber besungen wird er emsig. Wobei das auf rund zehn Minute ausgewalzte "Ich will Schnaps" heute zu einem psychedelischen Prog-Rock-Monolithen im Pink-Floyd-Format wird. Auf das ansonsten fest dazugehörende Stagediven bis zur Theke verzichtet Sänger Marco diesmal allerdings - ob das an seiner aus welchen Gründen auch immer gebrochenen Hand liegt oder daran, dass im nicht ganz ausverkauften Auditorium doch zu luftige Stellen bleiben?  Begonnen hatte die Show jedenfalls ganz furios mit dem Mitsingkracher "Bologna", das hier ebenso wenig fehlt wie "Luzia", "Meine beiden Schwestern", der Lebensende-Schunkler "Schick mir die Post doch ins Spital" und die diesen Hits in nichts nachstehenden neuen Hymnen "Weiter, weiter" oder "Columbo". Der Anfang war stark: Zu den Klängen der indisch-spirituell-inspirierten Beatles fiel der Amore-Vorhang... "Within You, Without You", heißt der Song. Ein Schelm, wer auch nur irgendwas Versautes dabei denkt.... Und die Stimmung?



Von Sekunde Eins an klasse! Das rund 1400 Menschen starke Publikum zeigt sich von Beginn an ebenso textsicher wie partylustig. Da fliegen die Bierbecher gleich im ersten Song und der hier schreibende Blogger ist ganz froh, seinen Kopf nicht nur aus modischen Stilgründen mit einer Mütze schützen zu können. Ein extrem gemischtes Publikum, übrigens. Bei Mando Diao vor rund zwei Monaten war die Hipsterdichte hier in der Lingener Halle spürbar höher, heute aber zeigt sich: Den einen klar erkannbaren Wanda-Fan gibt es offenbar nicht. Karierte Hemden tragende ältere Bluesfans mit genretypischen Bierbäuchen sind hier ebenso anzutreffen wie Pullover tragende Autoverkäufer wie ganz viel Jungvolk aus allerlei Kategorien, studentisch oder einfach nur ganz normal... :-) Gut eingestimmt hatte das Publikum übrigens die ebenso überzeugende wie erkannbar im Wanda-Fahrwasser schwimmende Vorgruppe Soekers aus Münster, die mit ihrem pathosdurchtränkten Deutsch-Indie-Poprock und einem ebenso wie Wandas Marco rotzig brüllendem Sänger hier die perfekte Ergänzung darstellten. Schon die zweite Vorgruppe binnen kürzester Zeit, an der ich wirklich Freude hatte (die andere war Stijn Grul aus den Niederlanden im Vorprogramm zu Steve Rothery, aber über die wollte ich später noch was schreiben). Okay - war es also eine gute Wahl, Wanda in einer so fetten Konzertarena zu erleben? Statt in einem verrauchten Club? 


Hohe Aufbauten und fette Lichtshow


Tja, ob Wanda in solche Locations wie den Hyde Park in Osnabrück überhaupt noch hineinpasst, scheint mir nach dem Besuch des Lingener Konzerts auch eine rein technische Frage geworden zu sein. Was Wanda hier an Aufbauten mit bringt, ist hoch und wuchtig, die Lichtshow gewaltig, nach der Vorband werden die Traversen noch einmal von der Decke gesenkt und mit allerlei Gimmicks wie einem neuen Vorhang und über die ganze Bühnenhöhe gespannten Hintergrundbildern ausgestattet. So wird diese Show auch rein effekt- und lichttechnisch ein eindrucksvolles Rock'n'Roll-Erlebnis in moderner Qualität. Stehst du drauf, das Leben groovt... yeah! Nur auf Coney Island ist es noch wärmer... Ja, so ist das. 


Transparenzhinweis: Besuch durch selbstgekaufte Konzertkarte, keine Pressekarte, keine Einladung.

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