Dienstag, 24. April 2018

Wenn der Stuckiman auf der Bühne ein Herzchenfoto aufnimmt: So war die "Lesung"/Nabelschau mit Benjamin von Stuckrad-Barre im Osnabrücker Rosenhof am 22. 4. 2018 (Sonntag - "Remix 3") - Plus: Extra-Lob für die Einlass-Playlist

Das Interview mit Benjamin von Stuckrad-Barre war vorher in den Osnabrücker Nachrichten (ON) erschienen... (Thomas-Achenbach-Fotos)

Osnabrück - Irgendwann in unserem Leben waren wir doch alle mal ein bisschen Benjamin von Stuckrad-Barre. Wenn uns das Ego irgendwie um die Ohren geflogen ist, weil wir es doch ein bisschen zu überstramm aufgepustet hatten, wenn uns ein irgendwie Amok laufender Narzissmus dazu verleitet hat, Dinge zu sagen oder zu tun, für deren Peinlichkeiten und Unmöglichkeiten wir in jenem Moment komplett unempfänglich gewesen sind. Was uns dann später natürlich eingeholt hat - Reue, Scham und rote Birne inklusive. An all diese Augenblicke unseres Lebens erinnert uns so ein Leseabend mit Benjamin von Stuckrad Barre, wie er am 22. 4. 2018 - Sonntagabend - im Rosenhof in Osnabrück stattgefunden hat. Denn auch ein Benjamin von Stuckrad-Barre spielt ja immer gerne selbstkokettierend mit der eigenen Egozentrik und der Zappeligkeit als den persönlichen Trademarks eines bewegten Lebens. Wobei das mit dem Leseabend nur teilweise stimmt - und das ist auch ganz gut so. 

Denn so sehr ich seine Texte auch schätze - die präzisen Beobachtungen, die mit chirurgischer Finesse freigelegten Fallstricke des Lebens, diesen zwischen zynisch-vernichtend und haushoch-bewundernd hin- und herstolpernden Tonfall im ewigen Rolling-Stone-Besserwisser-Modus, dieses nabelschaugetriebene Entlangbalancieren am Rand des Manischdepressiven, das niemals ein Mittelmaß findet und es auch gar nicht erst versucht: Benjamin von Stuckrad-Barre ist nicht unbedingt der allercharismatischste Vorleser seiner eigenen Werke. Also jedenfalls hier im Rosenhof ist das so, vielleicht ja auch eine Tagesformsache, dennn wie wir später noch erfahren: Der Künstler war aus. In Osnabrück. Und dennoch: Wo ein Schauspieler durch geschickte Betonungen und Nuancen etwas mehr Abwechslung herauskitzeln könnte, gibt es bei dem Autor (heute) mehr Gleichstrom statt Wechselstrom. Könnte auf Dauer ermüdend werden. Ist es aber nicht, denn zum Glück unterbricht er sein Vorlesen immer wieder, um dann ins freie Erzählen zu geraten. Dann erzählt er etwas von seinem Sohn. Oder regt sich auf über dieses und jenes. Und dann gewinnt der Abend enorm an Dynamik und Unterhaltungswert. "Motzen ist mein Yoga" hat der Osnabrücker Kabarettist und Erste Abstänkerer der Stadt, Kalla Wefel, eines seiner Programme genannt - und auch von Stuckrad-Barre ist so gesehen enorm yogisch unterwegs.

So erfahren wir also, dass er vor seinem sonntäglichen Auftritt im Rosenhof einen freien Samstag in Osnabrück verbracht hatte und am Abend irgendwie im hiesigen Alando Palais - der für alle Zwecke geeigneten Großraumdisco - gelandet war, was er konsequent als "Orlando" bezeichnet und wo er eine Ü-40-Party erlebt hatte. Offenbar zusammen mit dem Luxuspferde verkaufenden Ullrich Kasselmann als neu kennengelerntem Osnabrücker Kumpel, das bleibt jedoch etwas unklar. Was indes ganz klar wird: Eine Ü-40-Party ist gefundenes Fressen für den sich bahnbrechenden Zynismus des "einstigen Popliteraten" - wie die Neue OZ geschrieben hatte und wie er es selbst genüsslich daraus zitiert, aber fälschlicherweise den Osnabrücker Nachrichten (ON) in die Schuhe schiebt. Andere Themen, an denen er sich abarbeitet: Der übertriebene Hype um die Stadt Berlin; Menschen, die ins Theater gehen; der übertriebene Hype um die Stadt Berlin; die Moderatorin Bettina Böttinger, die ihm in der Talkshow "Kölner Treff" jüngstens mit einer Frage nach der Frauenquote in seinen Werken extrem auf die Nüsse gegangen ist; der Hype um die Stadt Berlin; das Bielefelder Publikum und, ach, irgendwie auch noch der übertriebene Hype um die Stadt Berlin...


Unbedingt lesenswert, wenn auch diesmal nicht Bestandteil des Abends: "Panikherz" ist eine Selbstkasteiung und Lebensbeichte. Eine, die es in sich hat.  

Zwar stänkert und lästert von Stuckrad-Barre auch gegen AFDler und artverwandte Querulanten und gegen ihre die sozialen Netzwerke verpestenden Hassemissionen - überhaupt ist sein Rant gegen Facebook und Twitter einer der Höhepunkte all dieser kabarettistischen-essayistischen Zwischeneinlagen -, aber wie er sich selbst doch so manches Mal in Stereotypenbeschreibungen verfängt, führt ihn gefährlich nahe an die Dauerstänkererbierbank fast gleichen Ranges heran, nur halt von der anderen Seite. 

An dem Cordhosen tragenden und in den Pausen über Syrien daherschwadronierenden Theatergängerfeindbild, das von Stuckrad-Barre hier mehrmals beschwört, störe ich mich beispielsweise gewaltig - natürlich auch deswegen, weil ich nun einmal selbst gern ins Theater gehe und diese Sorte Mensch dort so nicht wahrnehmen kann. Noch nicht einmal in Berlin, übrigens. Wäre von Stuckrad-Barre zu den Premieren seiner eigenen Stücke gegangen (im ON-Interview hatte er verraten, dass er dort geschwänzt hatte, weil er besser sein Ego im Schach halten wollte), hätte er ebendort sicher genausoviele Hipster und Chucks tragende Ersma-Theater-dann-vielleicht-noch-inne-Disse-Bartträger mit Hütchen vorgefunden wie in der Schlange vor so mancher "In"-Kneipe. Und die trifft man inzwischen auch in allen Opernpremieren oder beim ganz regulären Theaterbetrieb. Nix da, Cordhose und Intelligenziagetue.... (nur zur Klärung: Bei mir gelegentlich auch Chucks, ja, zugegeben, aber kein Hütchen, also, jedenfalls nicht im Theater, und Bärtchen nur je nach Tagesform).

Wobei ich da jetzt gerade, zugegeben, weil in meiner Eigenschaft als Theatergänger irgendwie angekratzt, in denselben Mechanismus gerate, der auch in einem Benjamin von Stuckrad-Barre immer wieder in Gang gerät: Alles, was das empfindliche Ego, das Selbstbild und seine Wohlfühlzonen irgendwie gefährden könnte, muss erstmal niedergeredet werden. Als er sich einmal verliest und aus einer "Werbung auf Bussen" eine "Werbung auf Russen" wird, ist ihm dieser kleine Versprecher eine gefühlt mehrere Minuten dauernde Replik wert, versucht er, darüber hinwegzukabarettisieren. Und Du denkst Dir so: Mensch, Stuckiman, da hättest Du jetzt auch einfach kurz lachen und dann locker weitermachen können.... An solchen Stellen merkst Du als Zuschauer eben recht deutlich, was von Stuckrad-Barre von sich selbst ja in dem unbedingt lesenswerten "Panikherz" preisgegeben hatte: Dass da ein im Grunde recht unsicherer Charakter einen auf Selbstdarsteller vor dem Herrn macht, vielleicht auch, um ein bisschen was an Knacks im Innern zu überspielen. Letztlich ist es ja genau das, was die Fans an ihm so schätzen: Dieses reflektive Spiel mit der eigenen Zappeligkeit und dem Wissen um das eigene Übertriebensein. Das kann er. Und er macht ja nun wirklich vor gar nichts Halt...


Der "Stuckiman" - das sagt Udo Lindenberg immer zu von Stuckrad-Barre. Diesmal las er tatsächlich in Osnabrück, nachdem er hier bei einem Dürer-Vortrag schon einmal gekniffen hatte.

Mittendrin singt er also plötzlich ein Robbie-Williams-Lied. Zu so einer Art Voller-als-voll-Playback, soll heißen: Er singt einfach über den Originalsong drüberweg, also nix da Karaokeversion ohne Gesangsspuren oder so. Wenn Benjamin von Stuckrad-Barre ein Lied singt, wirbelt er nicht nur sich selbst durch die Gegend, sondern vor allem das Mikro - wie so einen Tambourstab. Was nicht immer gelingt, einmal knallt das Ding auch mit lautem THUMPPP !!! auf den Boden. Hätte man jetzt alles nicht unbedingt gebraucht. Dann holt der bekennende Instagrammer (weil es da "statt Hass nur Herzchen" gibt und "sich die Nazis auf anderen Netzwerken austoben") alle auf die Bühne, die ebenfalls Instagram nutzen. Sind eine ganze Menge. Ist also wohl auch bald wieder vorbei, der Trend. Zack, macht der Stuckiman ein Insta-Foto für die #GucciGangRemix3. Okay, done that. Kurze Zeit später droht der Abend dann ganz zu kippen.

Da ruft plötzlich einer in den Raum hinein, ob man jetzt mal Fragen stellen dürfe oder ob er noch was lesen wolle. Und von Stuckrad-Barre so: "Völlige Fehleinschätzung Deiner und meiner Rolle! Was es hier heute Abend gibt, ist Frontalunterricht!". Merkend, dass das ein wenig schroff war, entschuldigt er sich für den Tonfall, bleibt aber inhaltlich auf dieser Linie: Fragen nur in der Autogrammstunde. Worauf sich eine Art kurzes Geplänkel zwischen Publikumsquerulant und Autor anschließt, was auch ein bisschen nervt... Noch so einer dieser Momente, wo die Fremdschämmarke einen "Curb Your Enthusiasm"-Faktor erreicht. Kann schon auch anstrengend sein, so ein Abend mit solchen Panikherzmenschen. Drei Texte aus seinem neuen Buch "Remix 3" bilden den Rahmen für die knapp unter drei Stunde dauernde Veranstaltung, es sind dies Texte über ein gemeinsames Tätowierexperiment mit einer seinerzeit Verehrten, über die Fußball-WM 2010 und über ein Madonna-Konzert in L.A., wobei von Stuckrad-Barre als neuerdings Kölner-Treff-Traumatisierte jedes "Madonna" durch "Böttinger" ersetzt. Nun ja. 

Immerhin, das muss man ihm lassen: Im Madonna-Text wird "Burning Up" erwähnt, was als nette Hachja-das-hatte-ich-damals-auf-LP-Erinnerung tatsächlich schon im musikalischen Einlassprogramm gelaufen war (ordentlich laut, übrigens). Eine Einlass-Playlist, die, sollte sie von von Stuckrad-Barre selbst zusammengestellt worden sein (was eigentlich nicht sein kann, weil kein Udo Lindenberg dabei), auch ein Höhepunkt dieses Abends ist: Frank Sinatras "Here's To The Winners" aus dem fabulösen "Ol' Blue Eyes Is Back" in diesem hervorragend immer alle Kitschgrenzen streifenden Gordon-Jenkins-Arrangement als letzten Song vor dem Auftritt... Kurz nach Madonnas Statement: "I'm burning up for your love...". Das hat Chuzpe. Und ist einfach phänomenal gute Musik. Dafür einen Pluspunkt und ein Danke.

Und das Finale des Abends? Kriegen wir gar nicht mehr mit. Gestresste Kleinkindeltern, die wir sind, mit drohend nahender 4-Uhr-aufstehen-5-Uhr-Frühschicht am nächsten Tag, schleichen wir uns mit Beginn des Schlussapplauses aus dem nur etwa halb verkauften Saal wie so zwei verschämte Aber-der-Bus-fährt-doch-gleich-Pauschaltouristen. Was die Aufmerksamkeit des Künstlers kurz anzuziehen scheint ( - dass der einen beim vorzeitigen Rausgehen erwischt und dann noch rasch ein bisschen runtermacht, hätte ich mir gut vorstellen können, wir wären nicht die Ersten gewesen heute Abend -), würde ihm nicht den Bruchteil einer Sekunde später aus dem Publikum irgendein Getränk gereicht. Glück gehabt. Deutet man den inzwischen in der Neuen OZ veröffentlichten Beitrag des Kollegen Tom Bullmann über die Lesung richtig, hat es wohl noch einen zweiten Robbie-Williams-Song gegeben. Also nix mehr verpasst? Scheint so. Und die Lehre des Abends? Irgendwann in unserem Leben waren wir ja alle mal ein bisschen Benjamin von Stuckrad-Barre. Ist allerdings auch schon wieder eine ganze Weile her.

Transparenzhinweis: Besuch durch selbstgekaufte Konzertkarte, keine Pressekarte, keine Einladung.



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