Freitag, 8. Juni 2018

Drogenrausch und Schauspiel-Exzesse, das Spielzeug, das uns geschaffen hat.... und der Talkshow-Gastgeber, der uns viele Jahre begleitet hat - ein paar Tipps und Fernsehnotizen im Juni 2018 (und warum Fußball eben nicht alles ist)



Osnabrück - Ach, ist also Fußball-WM, na und? Auch dieses Jahr werde ich sicher wieder der "Last Man Standing" bleiben. Kommt mir manchmal so vor, als sei ich der einzige Mann auf Erden, der sich so gar nichts aus Fußball macht, aber so ist es halt. Von wegen Fieber, eher unveränderliche Immunität. Und wenn wieder alle fragen: "Und? Wo guckst Du heute?", stelle ich weiter keck die Gegenfrage: Nicht wo, sondern was. Gibt nämlich eine Menge genialer Alternativen derzeit. Beispielsweise die totale Spielzeugkindheit, meine und die vieler anderer 80er-Jahre-Zeitzeugen, die gibt es auf Netflix. Oder Benedict Cumberbatchs großartiger Drogenrausch mit Tiefgang in "Patrick Melrose"...

Erstmal dazu: Ein seiner Drogensucht komplett verfallener reicher Snob will sich von den Dämonen befreien, die seinen Kindheitstraumata entstammen. Was nach einem so simplen Plot kriegt, wird in „Patrick Melrose“ zu einer Seh- und Schauspiel-Erfahrung der besonderen Art, in Szene gesetzt von dem deutschen Regisseur Edward Berger (tja, da muss ich wohl doch noch „Deutschland 83“ angucken) - als Koproduktion, an der auch Sky Deutschland beteiligt war, wo der Fünfteiler jetzt läuft. Absolut sehenswert - sieht so aus, als müsste ich meine Top Ten der besten TV-Serien doch noch einmal überarbeiten.... Selten habe ich eine Mini-Serie gesehen, deren einzelne Teile so dermaßen unterschiedlich in Form und Stil und Tempo und Erzählmodus sind. Das liegt natürlich daran, dass jeder einzelnen Folge ein eigener Roman zugrunde liegt - in den literarischen Vorlagen hat der Autor Edward St. Aubyn sein eigenes kaputtes Leben geschildert und sich damit vor dem eigenen Suizid bewahrt. Und doch überrascht es den Zuschauer, wie wenig er sich hier auf Konsistenz verlassen kann: Ist der erste Teil noch eine vollkommen irrsinnige "Fear-and-Loathing-In-Las-Vegas"-Reminiszenz, ein einziger aus dem Ruder laufender Drogentrip, rasant geschnitten und immer an der Kante zum Wahnsinn, außerdem eine faszinierende One-Man-Show des unfassbaren Benedict Cumberbatch, der immer genau zum richtigen Zeitpunkt vom übertriebenen Karrikaturstil auf echtes Drama umschalten kann, so nimmt sich der zweite Teil viel Zeit für seine Charaktere, für seine schwüle und sexuell überladene Atmosphäre von Macht und Unterdrückung (ziemlich „kinky“, wie das rothaarige Sexluder es auf den Punkt bringt) und stellt mit dem Schauspieler Hugo Weaving - dem schwarzeranzugtragenden Mister-Smith-Bösewicht aus "Matrix" - als den alle und alles dominierenden Übervater einen anderen Charakter in den Mittelpunkt. Und Cumberbatch? Der ist da erstmal raus und kommt erst mit Folge Drei wieder ins Spiel. Das muss man erstmal bringen, als Darsteller in einer Serie, die von einem selbst mitproduziert wird und die auf einen zugeschnitten ist. Grandios. Bin übrigens ganz froh, dass ich diesen Darsteller so nochmal richtig in Gänze wahrnehmen kann, dieses ganze "Sherlock"-Reboot-Dings war mir zu aufgeladen und viel zu overdoing it dafür. Constantly. Bis auf vielleicht den Hund von Baskerville, aber, anderes Thema.



Dann also zurück in die Kindheit. Ich sage nur: Masters Of The Universe, Castle Greyskull. Und in jeder Figurenpackung so ein kleines Comic-Heftchen drin. Oder: Diese kleinen Star-Wars-Spielfiguren von Kenner, wo in den Regalen im Spielwarengeschäft immer ein kleiner Fernseher untergebracht war, auf dem in Dauerschleife Krieg-der-Sterne-Sequenzen liefen. Immer wieder der Geschwaderangriff auf den Todesstern und dann rein in den Graben da oben... und wieder von vorne. Und für mich - als Junge, der ohne Fernseher daheim aufwuchs; was mir allerdings kaum geschadet hat, eher im Gegenteil - war die Wirkmacht der Bilder und ihre konstante Wiederholung gigantisch. Mann, war meine Mutter genervt, wenn sie mich da nicht wegbekommen hat. Das alles steht mir jetzt wieder sehr lebendig vor meinen inneren Augen - Schuld ist Netflix. Dort läuft gerade die Mini-Doku-Serie mit dem lahmen deutschen Titel "Spielzeug", die auf Englisch viel treffender heißt: The Toys That Made Us (frei übersetzt: Die Spielzeuge, die uns geprägt haben, oder auch: ...die uns geschaffen haben). Acht Folgen lang, ist von Lego über Barbie über Transformers bis zu den Masters Of The Universe wirklich alles dabei, was in den 80ern stilprägend im Kinderzimmer war. Es gibt spannende Hintergrundinfos wie beispielsweise die Tatsache, dass Kenner einfach seine eigenen Fahrzeuge und Geräte zum Star-Wars-Universum dazuerfunden hatte (einen Teil davon habe ich im Besitz meiner Spielzeugheiligtümer) oder dass das jeweils den Master-Figuren beigefügte Comic absolut aus der Not heraus geboren wurde, weil die Lizenznehmer unbedingt eine Geschichte für die Figuren haben wollten. Und während die Masters mein Zuhause längst verlassen haben, kann ich mich von den alten Kenner-Star-Wars-Spielzeugen doch nicht trennen. Heiligtümer, irgendwie. Anyway: Sehenswerte Dokus, macht Spaß, einfach mal reingucken.



Hervorragend vorbereitet und drastisch reduziert - so lässt sich zusammenfassen, was David Letterman (Foto oben) jetzt in seiner neuen Talkshow "My Next Guest Needs No Introduction" anbietet. Und das ist sowas von unterhaltsam und ansprechend, dass es mich selbst überrascht hat. Auch wenn Lettermann mit seinem neuen weißen Rauschebärtchen aussieht wie der Weihnachtsmann im Sommerurlaub, auch wenn der Coup mit Barack Obama als Gast gar nicht mal zu der besten Folge dieser sechs Teile umfassenden ersten Staffel führt, auch wenn die Radiolegende Howard Stern weiterhin einen erschreckend hohen Fremdschämfaktor mit sich bringt, gibt es hier bemerkenswert gute Gespräche. Und eben nur das, zwei Stühle, eine Stunde, ein Gespräch. Kein Gedöns. Keine hauseigene Band, keine mehrfach wechselnden Talkgäste, nur wenig Witzchen und sowas. Gerade das macht den Charme des Ganzen aus, denn obwohl Letterman sich als die Institution, die er geworden ist, natürlich auch mal selbst geschickt zu platzieren weiß, folgt man als Zuschauer gerne diesem spannenden Pingpong, das sich eben als nichts anders als hervorragender Journalismus entpuppt. Ich durfte selbst einmal als Co-Moderator einer Talkshow auf der Bühne agieren und mache keinen Hehl daraus, dass das nach wie vor einer meiner größten medialen Traumvorstellungen ist... Meine Premiere im damaligen Café Headline bei einer Talkshow des damals noch so heißenden Radiosenders Offener Kanal Osnabrück habe ich allerdings ziemlich versaut... Aus ebendiesen Gründen: Schlecht vorbereitet, nicht im Thema stehend, zu jung und zu unerfahren, habe ich mich zwangsläufig an die Wand quatschen lassen und nicht mehr genug gesprächssteuernd eingegriffen. Selbst Königin Kristina und den Westfälischen Frieden Nr. 450 hätte man unterhaltsam(er) darstellen lassen können. Vielleicht ein andermal. In der Zwischenzeit: Letterman gucken. Der kann's. 


Und was die Fußball-WM 2018 angeht, macht das Nicht-Angucken mein Leben - das ganze Leben an sich - übrigens wesentlich entspannter. Denn frage ich in diesen Tagen einen meiner Freunde, ob er vielleicht an einem bestimmten Tag Zeit hat um etwas zu unternehmen, wird es meistens echt krampfig und merkwürdig pseudowissenschaftlich. So nach dem Tenor: Ja, das könnte ganz gut klappen, aber an dem Tag ist ja auch das Gruppenspiel aus der Runde Fünf und wenn es Deutschland jetzt in Runde Drei schaffen sollte, Südtaiwan zu schlagen, so dass dann in Runde Vier wieder Papa Neuginea gegen Georgien spielt, dann könnte es theoretisch - aber auch nur theoretisch, kommt halt auch drauf an, was die Tschechen so machen - durchaus möglich sein, dass sich dann doch schon der nächste Gruppengegner entscheidet und dann müsste ich das natürlich doch angucken gehen, obwohl es sonst ein megalangweiliges Spiel.... und überhaupt.... Jaja, schon klar, isjanichsoschlimm. Wir sehen uns dann nach der WM.

Fotos: Netflix-Media-Center & Thomas Achenbach (Spielzeug-Foto)

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