Dienstag, 23. Juni 2020

Ob Operngala oder Musicalauffführung: Das Theater zieht um ins Autokino - immer mehr Theater in Deutschland nutzen in der Coronakrise die Autokinos als Ersatzspielstätte - Hildesheim und Düsseldorf und andere machen es vor

Hildesheim/Düsseldorf - Die Theater bleiben geschlossen, die Coronakrise macht erfinderisch. Nachdem das Theater für Niedersachsen bereits eine seiner Musicalproduktionen erfolgreich in ein Hildesheimer Autokino verlagert hat, ist jetzt das Düsseldorfer Opernhaus nachgezogen: am 19. Juni 2020 (Freitag, ab 22 Uhr) hat dort eine Operngala im Autokino auf dem Messeparkplatz P1 in Düsseldorf stattgefunden - mit echtem Orchester und sieben Sängern des Opernhauses. Was in Hildesheim gut funktioniert, kann auch in Düsseldorf Theaterfans in die Autos locken. Das Theater im Autokino: Ein Modell für die Zukunft?

Links steht ein Zelt, in dem die Band spielt. Auf einer schmalen Bühne daneben spielen die Darsteller, weit genug voneinander entfernt. Über ihnen hängt die große Kinoleinwand, auf die das Geschehen per Videoübertragung projiziert wird. Von Mitte Mai bis Anfang Juni 2020 hat es im Hildesheimer Autokino mehrere konzertante Aufführungen des Rockmusicals "Rent" gegeben, produziert vom dortigen Theater für Niedersachsen mit seiner eigenen Musicalsparte. Erfolgreich, wie unter anderem Berichte des NDR zeigen. Und nun also auch im Autokino Düsseldorf: 


Viel Platz: Das Düsseldorfer Autokino (Foto: D.Live/Opernhaus).

Nach drei Monaten coronabedingter Spielpause hat die Deutsche Oper am Rhein am Freitag, 19. Juni, eine Operngala im Autokino gefeiert. Unter der Leitung von Generalmusikdirektor Axel Kober haben die Düsseldorfer Symphoniker gespielt, Mitglieder des Chors waren mit dabei und das Programm reichte von Carmen über La Traviata bis Nabucco. Auch hier galt: Das Live-Erlebnis wurde von der Bühne auf die große Kinoleinwand und der Sound direkt ins Autoradio übertragen. Mehr als 70 Mitwirkende sollen auf der Bühne und im Orchester dabei gewesen sein, heißt es in Berichten – wie es dann mit den Abstands- und Hygieneregeln aussieht, darüber gibt es allerdings keine Angaben. Sei's drum: Das Autokino als Theaterersatz, das hat in Deutschland gerade Konjunktur. Auch andernorts.


Musical im Autokino: "Rent" in Hildesheim (Alle Fotos: T-Behind-Photographics/TfN)

In Oberhausen hatte das "Theater an der Niebuhrg" einen Teil seines Repertoires im April in einem Autokino angeboten. Die Kölner Rockband Brings hat im Autokino in Köln-Porz schon ein Konzert gegeben. In Göttingen hat das dortige "Junge Theater" eine Musikrevue mit dem Namen "Wild Thing" aufgeführt - in einem Autokino. Und parallel zur Operngala in Düsseldorf am 19. Juni hat in Speyer eine Aufführung des Stücks "Gut gegen Nordwind" stattgefunden, inszeniert vom Boulevardtheater Deidesheim - präsentiert im dortigen Autokino, das unterhalb eines riesigen auf dem Dach montierten Flugzeugs des technischen Museums seine Heimat gefunden hat. Und es gibt inzwischen erste spannende Variationen des Themas Autokino.



So bietet das Bonner Theater inzwischen ein Freiluft-Auto-Theater an, also eine Art Freilichtspiele, in die mit dem Auto hineingefahren werden kann. Auch hier zeigt man sich erfinderisch. Und es ist davon auszugehen, dass da noch mehr kommen wird. Denn wann die Theater in Deutschland wieder öffnen, bleibt unklar - und vor allem unübersichtlich.



In wenigen Bundesländern dürften die Theater inzwischen theoretisch wieder öffnen, so zum Beispiel in Hessen, Nordrhein-Westfalen oder in Sachsen, aber nur wenige tun das tatsächlich, so beispielsweise das Landestheater in Detmold. Viele andere hatten ihre bis zum Sommer 2020 laufenden Spielzeiten bereits vorzeitig abgesagt, so dass sich für sie die Frage stellt, wie es ab dem Spätsommer/Herbst 2020 weitergehen wird. Denn dass die in vielen Bundesländern geltenden strengen Hygieneauflagen - die unter anderem vorsehen, dass nur ein Viertel der Plätze belegt werden kann - sich allzu bald wieder ändern, scheint eher unwahrscheinlich. Was die nächste Spielzeit bringen wird, ist noch genauso offen wie die Frage, ob es eine zweite Coronawelle geben wird. Falls ja: Die Option Autokino steht jedenfalls schon mal.

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Über diesen Blog: In Coronazeiten ist die deutsche Kulturlandschaft im Wandel begriffen. Aber wohin die Reise gehen wird, weiß keiner. Eigentlich längst ad acta gelegt und für beerdigt erklärt, habe ich diesen Blog extra deswegen wieder eröffnet - um den Wandel der Kultur begleiten, kommentieren und einordnen zu können. Und weil der Corona-Wandel auch die Kultur der Vereinbarkeit von Beruf und Familie betrifft, auch um meinem Zorn als Vater und Krisenverlierer ein Ventil geben zu können - in der Serie #Corona-Eltern-Wut-Diary.

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Ebenfalls auf diesem Blog: Theater kosten den Steuerzahler einfach zuviel Geld... ist das wirklich so? Und woher kommt die Theatersubventionierung eigentlich?

Ebenfalls auf diesem Blog: Genug gemeckert, wir sollten froh sein über unsere Theater - eine Liebeserklärung und eine Lobpreisung zum Welttheatertag


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Samstag, 16. Mai 2020

Corona-Eltern-Wut-Diary # 1 - Mai 2020 - Der wahre Kulturwandel durch Corona bedeutet: Die Vereinbarkeit von Beruf und Familie ist vom Tisch, das Modell zweier berufstätiger Eltern ist obsolet geworden - und der Politik ist das in Wahrheit total furzegal (alles "Micky-Maus-Politik")!

Osnabrück - Und wieder eine schlaflose Nacht, wieder viele Sorgen, Unklarheiten, Fragen. Dabei hätten wir uns eigentlich freuen können: Noch am Vormittag war uns zugesagt worden, dass unsere Tochter ab Montag wieder jeden Tag in die Kita gehen kann. In die Notbetreuung,klar, aber immerhin jeden Tag! Was für ein Luxus! Große Erleichterung, großes Aufatmen, achteinhalb Wochen Planungssicherheit, bis zu den Sommerferien, soviel Perspektive wie lange nicht mehr. Und dann die Erkenntnis: Alles nur gekaufte Zeit. Denn was IN den Sommerferien sein wird, ab dem 18. 7., was DANACH sein wird, also ab dem Zeitpunkt der Einschulung, weiß immer noch kein Mensch. Also wieder keine langfristigen Perspektiven, wieder Grübelschleifen, Existenzängste, Elternerschöpfung. Okay. Na gut. Dann kann ich ja genausogut meinen Kulturblog wiedereröffnen - denn was wir hier jetzt gerade erleben, mitten in der Coronakrise, ist ein radikaler Wandel unserer gesellschaftlicher Gesamtkultur. 

Die Vereinbarkeit von Beruf und Familie, die uns über 25 Jahre lang versprochen worden ist und auf der wir unseren ganzen Lebensentwurf aufgebaut haben, ist vom Tisch gewischt. Lapidar. Einfach so. Über Nacht. Und es wird immer klarer, mit jedem weiteren Coronatag: sie kommt nicht wieder zurück. Wozu auch? Der Deal war ja der Folgende: Die Wirtschaft brauchte Arbeitskräfte. Deutschland ging es gut, alles war im Lot, die Eltern wurden in den Unternehmen gebraucht. Das war vor der Coronakrise. Jetzt beginnt so langsam, was Wirtschaftsfachleute als "Die Mutter aller Rezessionen" bezeichnen und was erst jetzt so richtig Fahrt aufnimmt. Arbeitskräfte sind da aktuell weder benötigt noch haltbar, sie sind eher Kostenfaktoren, die irgendwie gestemmt werden müssen von Unternehmen, die selbst nicht wissen, wie es weitergehen könnte. Und damit braucht es auch keine Vereinbarkeit von Beruf und Familie mehr. Kurz gesagt: Ihr könnt sehen, wo ihr bleibt. Dann soll halt einer zuhause bleiben und mit dem Kind spielen. Wozu macht ihr denn auch Kinder, wenn ihr nicht mit denen spielen wollt?  


Die Eltern in diesem Land können nicht mehr


Klar spielen wir gerne mit unseren Kindern. Aber wir vertrösten auch ungerne über Monate hinweg unsere Auftrags- oder Arbeitgeber, sofern wir noch welche haben. Und wir wüssten gerne, wann dieser Wahnsinn mal ein Ende haben wird. Die Gewissenskonflikte, in denen wir jungen Familien uns befinden, und die Perspektivlosigkeiten treiben uns langsam aber sicher in den Corona-Elternburnout. Da schickt uns eine befreundete Mama eine sms, in der sie sagt: Ich schaffe es nicht mehr aus dem Bett. Nach fast drei Monaten ohne Kindergarten und mit zwei Kindern hat sie die Erschöpfung an den Rand einer Depression gebracht. Die andere Mama schreibt per Whatsapp, dass ihr das jede zweite Woche stattfindende Homeschooling jeden Tag aufs Neue Nervenzusammenbrüche beschert. Die Tochter verweigert das Lernen zuhause, nichts als Drama und Streit - und die Aufträge für die gerade gestartete Selbstständigkeit liegen oben im Arbeitszimmer und stellen Forderungen: Kümmer' Dich gefälligst auch mal um mich. Und der eine Papa schickt uns eine Nachricht: Rate mal, wieviele Betreuung die Kita jetzt unserer Tochter gewährt? Drei Stunden, jede Woche - an einem Nachmittag. Drei Stunden. Ein Nachmittag. Und jetzt? 

Am Abgrund angekommen. Besser springen? (Fotos: Thomas Achenbach)

Die Eltern in diesem Land sind am Ende. Und zwar so nachhaltig, das sie noch nicht einmal eine große Protestwelle auf die Beine stellen können. Stattdessen wird der Protest in diesem Land von aus vielen Ecken kriechenden Wutbürgern verschiedenster politischer Ausprägungen beherrscht, bei denen sich irgendwie alles vermischt, was gerade brodelt. Ganz ohne die Wut der Eltern. Das verzerrt das gesellschaftliche Gesamtbild und lässt uns weiterhin nicht stattfinden. Und wie hilft uns die Politik?


Nichts als Achselzucken: Regt Euch mal nicht so auf


Die sagt: Ist doch alles in Ordnung, die Kindergärten und Schulen laufen doch wieder, was regt Ihr Euch denn so auf? Wir lockern doch, wo wir können. Aber was nützt es? Die Kitas und Schulen sind in Wahrheit total überfordert, von Eltern überrannt und von den übertriebenen Erwartungen an sie genauso frustriert wie es die nicht zum Zuge kommenden Familien sind. Ältere Erzieher und Lehrer haben Angst, sich anzustecken und gehen einfach mal nicht arbeiten. Und gar nicht so wenige Erzieherinnen und Lehrerinnen haben ihre eigenen Kinder daheim, von denen sie wiederum nicht wissen, wo sie sie lassen sollen. Und auch wenn alles wieder geöffnet sein mag, wie soll es im Sommer weitergehen? Mit den ausbrechenden Sommerferien stehen alle wieder vor denselben Fragen: Wie sollen wir die Betreuung unserer Kinder sicherstellen, ohne die eigentlich eingeplanten Ferienhorte, Sportcamps und alle weiteren Angebote? Wie sollen wir unseren Kindern erklären, dass sie leider keine bunte Einschulungsfeier bekommen werden, so wie die großen Geschwister und die Kinder der Vorjahrgänge?  Und wenn es dabei bleibt, dass die Kinder nur eine Woche in der Schule sind (und auch das nur bis zum Mittag, ohne Nachmittagsbetreuung) und dann eine ganze Woche zuhause betreut werden müssen - mit den nicht als Pädagogen ausgebildeten Eltern als Lehrerersatz - , dann bleibt es weiterhin bei der Frage, wie wir das stemmen wollen/können. Und damit sind wir wieder bei der Ausgangsfrage: Wie soll das alles gehen? 

Wie?  


Elterndemos sehen aus wie nette Picknickveranstaltungen


Und was tun die Eltern? Sie fressen ihre Wut in sich rein und schlafen schlecht anstatt auf die Straße zu gehen. Das machen mehr so die Aluhuttträger, Impfgegner und die Linksradikalen, Schulter an Schulter mit den Rechtsradikalen. Bizarre Mischung. Aber wirksam. Medienwirksam, vor allem. Das ist doch das Blöde an diesen Massendemos: Sie wirken so kohärent und überzeugend, obwohl sie es nicht sind. Sie wirken so massiv, dabei vereinen sie so viele in Wahrheit unvereinbare Strömungen in sich. Okay, zugegeben, es hat auch schon ein paar Elterndemos gegeben, hier und dort, es wird auch weitere geben. Aber ihre Wirkung ist minimal. Was auch daran liegt, dass die protestierenden Eltern sich tatsächlich an den Mindestabstand halten. Das ist gesundheitlich gesehen großartig, aber fotografisch gesehen eine Katastrophe: Denn eben weil die Verschwörungswutbürger auf jeden Abstand pfeifen, wirken die Fotos von ihren Demos so bedrohlich – da ist eine komprimierte Masse an Mensch und Zorn zu sehen, das hat mehr was von Stuttgart 21 (übrigens ja auch eine der Wurzeln des Protestes). Bei den Elterndemos hingegen gruppieren sich ein paar Familienmitglieder als kleine Menscheninseln um vereinzelt vor einem Rathaus herumstehende Kinderwagen. Süß. Sieht aus wie ein kleines Picknick, echt hilflos und kleinteilig und transportiert nicht den Zorn, den es zeigen müsste. 



Und der ist groß. Deswegen muss ich mir diesen Blogbeitrag jetzt von der Seele schreiben. Das muss alles mal raus aus mir, alles, was da seit Wochen, seit Monaten in mir überkocht. Die Enttäuschung, die Entrüstung, die Empörung, die Erschöpfung. Schreiben ist mein Therapeutikum, das ist das Einzige, was mir jetzt noch bleibt. Und die Energie reicht gerade noch dafür - auch an den Tagen, an denen ich mich frage, ob sich hinter dieser alles verschlingenden Müdigkeit in mir drin noch eine Portion Restmensch verbirgt. Fakt ist: Als junge Familie mit zwei berufstätigen Eltern und einem Kindergartenkind gehören wir zu den größten Verlierern dieser Krise. Und es gibt noch immer keine befriedigenden Perspektiven für eine langfristige Zukunft, selbst für uns nicht, die wir uns dank Kita-Betreuung achteinhalb Wochen Zeit erkauft haben. Die wahre Frage bleibt nur verschoben. 

Sie lautet: Können wir langfristig beide berufstätig bleiben oder muss einer von uns zurückstellen? Und in Wahrheit: Reicht dann das Geld?


Und die Politik sagt: Sind doch tolle verlängerte Ferien!


Das Versprechen von 25 Jahren ist gebrochen. Und was sagen die Politiker dazu? Sie sagen: Das ist "Micky-Maus-Politik". Sie sagen: Es ist doch toll für die Familien, derart "verlängerte Sommerferien" erleben zu dürfen. Familienfragen seien doch "Pipi-Kacka-Fragen" (die Links zu all diesen Unverschämtheiten finden sich am Ende des Artikels). Das ist eine der bittersten Lehren aus dieser Coronakrise: Dass die Politik uns Familien nicht bloß eiskalt im Regen stehenlässt, wenn es einmal wirklich drauf ankäme, sondern sich hohnlächelnd von uns abwendet. Mittelfinger hochgestreckt und hübsch in die Kamera gelächelt. Aber für uns geht es nicht etwa darum, unsere Kinder in die Kita abzuschieben, damit wir uns in Ruhe ein kühles Glas Prosecco für unser zweites Frühstück gönnen können. Es geht um die Frage, ob wir uns unsere Altersvorsorge weiter leisten können. Die Lebensversicherungen. Den Sommerurlaub. Die Geschenke zum Geburtstag und zu Weihnachten. Unsere Wohnsituation. Ein Auto. Einen minimalen Grundstandard ohne Luxusansprüche. 


Existenzfragen sind keine "Micky-Maus-Politik"


Es geht um nichts anderes als um die nackte Existenz zahlreicher Familien. Und wenn sich dann einer erdreistet, dieses Thema als "Micky-Maus-Politik" abzutun, was eine bodenlose Frechheit ist, dann gehört diese Person schnellstmöglich aus dem Amt gewählt. Nicht aus dem Amt geprügelt, auch wenn sicher vielen danach wäre. Sondern aus dem Amt gewählt. Wir haben ja den Luxus, in einer Demokratie leben zu dürfen.

Noch.

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Und hier die Linksammlung der in diesem Artikel benutzten Informationen und Fakten sowie eine Sammlung weiterer lesenswerter Kommentare und Meinungen:

1.) Wie sich Angela Merkels Kabinett über "Pipi-Kacka"-Familienfragen lustig macht:
https://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/corona-beschluesse-zu-schulen-und-kitas-mehr-pipi-kacka-fragen-wagen-kommentar-a-731443e9-7374-4dac-8bf3-b78b592a3246

4.) Wie Markus Söder Familienfragen als "Micky-Maus-Politik" abtut:
https://www.spiegel.de/politik/deutschland/corona-beratungen-mit-angela-merkel-von-micky-maeusen-und-ministerpraesidenten-a-00fcef90-e1bc-46e4-9e3f-c16779b7cce1

5.) Wie der Brandenburger Wirtschafsminister von "verlängerten Sommerferien" spricht: https://www.rbb24.de/politik/thema/2020/coronavirus/beitraege_neu/2020/05/brandenburg-wirtschaftsminister-steinbach-kritik-twitter.html

6. ) Kristina Schröder sagt: Familien werden komplett im Stich gelassen: 
https://www.sueddeutsche.de/politik/coronavirus-kitas-kristina-schroeder-1.4886195

7.) Eltern in Niedersachsen sollen Kita-Kinder-Ersatzbetreuung selbst regeln:
https://www.noz.de/deutschland-welt/niedersachsen/artikel/2046219/corona-lockerungen-neue-moeglichkeiten-in-der-kinderbetreuung

8.) Und mein Lieblingskommentar zum Thema Kitas zu und Basta aus der Süddeutschen Zeitung - "Elternschaft lässt sich nicht einfach an- und ausschalten":
https://www.sueddeutsche.de/bildung/coronavirus-corona-krise-schulen-kinderbetreuung-1.4876048



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Samstag, 28. September 2019

Rezension: So ist "Resistance"; das neue Doppelalbum der britischen Progressiverockband "IQ" - zunehmend harte Akzente im sinfonischen Progsound (Achtung: Neuer VÖ - jetzt am 11. 10. 2019)

Osnabrück - Oh, wow, Gittarrenriffs! Gleich zu Beginn und mächtig hardrockig. Prima so. Denn das waren ja die allerbesten Augenblicke auf dem Album "The Road Of Bones", das die Neo-Progressive-Rockband IQ aus England vor fünf Jahren veröffentlichte und dass ihnen einen ordentlichen Chart-Einstieg auf Platz 32 bescherte: Immer, wenn aus dem mystisch-düsteren Klanggrund der Synthesizer plötzlich wie so eine Nadel aus Fels ein mächtiges Riff emporstieg, bewegte sich das Album in Richtung neuer Höhepunkt.

Scheint so, als habe die Band das auch so empfunden. So, wie die namensgebende Rakete in "Missile" zu Beginn dieses neuen Doppelalbums losrockt, machen IQ gleich klar: Wir bleiben bei diesem Stil. Sie steht ihnen gut, diese neue Härte. Nicht zuletzt ihretwegen bewerten "The Road Of Bones" viele als das Meisterwerk der Band. Ob das neue Werk, "Resistance", das gleich als Doppelalbum daherkommt, da mithalten kann?


Alle Fotos: Thomas Achenbach

Interessanterweise hat diese Akzentverschiebung in Richtung eines stärker hardrock-grundiertem Neo-Prog zur Folge, dass sich der Sound von IQ zunehmend an den der aktuellen Alben eines Steve Hacketts annähert. Die ebenfalls neu dazugekommene akustische Flamencogitarre tut ihr Übriges dazu. Der Rest ist bekannt: Atmosphäre, Düsternis, lange Klangflächen, IQ sind wieder da, wo sie im besten sind. Das passt alles insofern hervorragend zusammen, als dass sich ja IQ dereinst ebenso wie die frühen Marillion vom Klangbild der "alten Genesis" haben inspirieren lassen und angetreten waren, dieses fortzusetzen, derweil die großen Vorbilder in Richtung Pop und Charts und VW Golf abdrifteten. Und so klingen IQ heute mehr denn je so, wie vermutlich Genesis heute klingen würden, wenn es das alles nie gegeben hätte: Die Hits. Die Stadien. Den Ausstieg von Peter Gabriel. Den Ausstieg von Steve Hackett. Undsoweiter undsoweiter, you know the story. Wobei das mit dem Gesang bei IQ ja immer so eine Sache ist:


Eine gewaltige Masse an Material


Peter Nicholls hat eine ebenso unverwechselbare wie charmante Stimme, aber eben kein besonders großes Spektrum und somit auch wenig Gestaltungsspielraum, weder im Kontrast Piano zu Forte noch im zur Verfügung stehenden Tonraum. Das macht seinen Gesang auf Dauer etwas eintönig, was sich natürlich auf einem Doppelalbum angesichts der Masse des musikalischen Materials nochmal besonders bemerkbar macht. Ganz anders jedoch das Schlagzeugspiel von Paul Cook, das an Variatonsreichtum und Detailfreude nochmal zugelegt zu haben scheint, mit das Beste an diesem Album. 


Überraschenderweise handelt es sich hier nicht um ein Konzeptalbum, obwohl es ein Doppelalbum ist und obwohl Aufmachung und Optik dies nahelegen würden. Zudem fließen die Songs in beiden CDs alle ineinander über, als handele es sich um ein großes Gesamtwerk - F.E.A.R. vom großen Bruder Marillion lässt grüßenNun waren IQ noch nie die Erfinder von besonders einfallsreichen oder gar gefälligen Melodien, sondern eher so die Klangtüftler, Akzentesetzer und Atmosphäreschaffer. Und doch gibt es auf der ersten CD auch kompositorisch viele interessante Einfälle - und da, wo sie ausgeblieben sind, machen spannende musikalische Akzente die ausgehenden Ideen wieder wett. Jedenfalls auf dem ersten Album, das mit dem 15 Minuten laufenden "For another Lifetime“ grandios beschlossen wird. Großer, sinfonischer Prog mit harten Details. CD Nummer Zwei beginnt dann mit dem heißerwarteten 22 Minuten ersten von zwei besonders langen Tracks dieses Gesamtwerks - und mit der ersten Enttäuschung.



Dass Länge eben nicht immer Qualität bedeuten muss - auch wenn Progfans das allzu gerne glauben -, macht dieses sich über 20 Minuten lange erstreckende "The Great Spirit Way" jedenfalls deutlich. IQ schieben hier einfach eher abgenutzte Phrasen und Synthieflächen ineinander und verbinden diese mit einigen Zwischenspielen, ohne dass ein wirklich zündender Gedanke dabei ist. Mittendrin, so nach rund 15 Minuten, lässt eine Art Glockenspiel kurzzeitig aufhorchen, das ist dann wirklich mal ein anderer Klangakzent. Versickert aber rasch wieder im Sphärischen. Da macht sich der zweite Longtrack dieser zwei Platten, das ans Ende verlegte "Fallout", schon wesentlich besser, weil er durch einen synkopischen Groove eine gewisse Sorgwirkung zu entwickeln versteht. Auch zeigt sich Drummer Paul Cook in absoluter Bestform.

Kurzum: Nicht wenigen Fans gilt "Resistance" als das neue Magnus Opus der Band. Für mich bleibt "The Road Of Bones" nach wie vor ungeschlagen, aber die hohe Gesamtqualität dieses Neulings lässt sich nicht bestreiten. 

Hörfreude: 75 Prozent


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Donnerstag, 8. August 2019

Mehr Carmen Nebel als britischer Progressive Rock - so war das Konzert vom Alan Parsons Live Project in der Halle Münsterland im Jahr 2019 (ein Nachtrag noch aus dem Juni)

Der Meister steht im Bühnenhintergrund auf einem Podium... (Thomas-Achenbach-Handyfotos)

Münster - Das muss ich noch nachreichen, auch wenn es schon wieder eine ganze Weile her ist: Wie ich das Konzert von Alan Parsons in Münster erlebt habe. Am 18. Juni gastierte der Altmeister des Rocks und des Klangs in der Halle Münsterland, und nachdem ich ihn zuvor für die Neue Osnabrücker Zeitung interviewt hatte, war es natürlich Pflichtprogramm, sich auch das Konzert anzusehen. Als alter Fan der Platten aus den 70ern und 80ern sowieso. Wobei der Konzertabend dann gemischte Gefühle hinterließ, aber der Reihe nach.

Was meine persönliche musikalische Entwicklung angeht, habe ich dem Alan Parsons Project viel zu verdanken. Das hatte mich seinerzeit aus dem präpubertären Gefangensein im 80er-Jahre-Bubblegum-Pop befreit, als 1987 die Neuauflage von "Tales Of Mystery And Imagination" rauskam. Da habe ich erstmals in meinem Leben eine leise Ahnung davon bekommen, dass es irgendwo da draußen noch eine ganz, ganz große Musikwelt geben könnte, die sich zu entdecken lohnt... so jenseits der Samantha Foxes und Mandy Smiths und Falcos und so. Einen ganzen Kosmos, den es zu durchschreiten gilt. Alan Parsons war der Türöffner in diese Welt, die mich heute noch fasziniert. Umso schöner also, dass der Mann noch lebt und auch gerade eine neue Platte veröffentlicht hat: "The Secret". Wobei, die hat dann schon ihre Schattenseiten.


Und das zeigt sich bei dem Konzert in Münster recht deutlich: Viel eingefallen ist Parsons und seinen Komponisten diesmal nicht. Schlimmer noch, sie verlassen sich fast das ganze Album lang auf einen in Balladen badenden Rockschmusisound, den wir früher von den Kuschelrock-Samplern kannten. Also nix da, Progressive Rock, mehr so König der Löwen. Dementsprechend auch das Konzert: Mit meinen 44 Jahren - also, im Juni noch 43 Jahren - bin ich einer der jüngsten Konzertbesucher, die meisten anwesenden Herren sehen aus wie Sparkassenfachwirt im Ruhestand, die Reihen sind bestuhlt und das Publikum klatscht bei den alten Sachen brav im Takt mit, immer schön auf die Eins und die Vier, aber meistens im Sitzen. Ist ja auch viel zu anstrengend, diese Steherei und so. Also mehr so Carmen Nebel als Rockkonzert. Dazu passt, wie Parsons seine Songs aufbereitet hat.




Die bahnbrechendste Scheibe des Alan Parsons Projects, die "Tales Of Mystery And Imagination", wird kurz am Rande zitiert - der Song "The Raven" ist in ein Medley mit hineingewurschtelt worden, Dr. Tarrs Federsystem schafft es immerhin in die Zugaben -, von der immerhin ihren 40ten Geburtstag feiernden Platte "Eve" ist mit "Damned If I Do" ein zwar sehr eingängiges, aber doch mehr im Softrockbereich angesiedeltes Stück mit dabei. Und so geht es weiter und weiter. Es gibt, insgesamt gesehen, durchaus Licht und Schatten.



Die Begleitband von Parsons ist musikalisch hochwertig, alles echte Könner, der Meister selbst steht mit seinen immerhin 70 Jahren im Hintergrund auf einem Podium (er scheint es übrigens irgendwie mit den Beinen zu haben, sein Gang ist eher staksig und etwas unbeholfen), die Lightshow ist hübsch bunt, soweit alles gut. Aber irgendwie kommt dieses ganze Konzert nicht eine Sekunde aus dem Tanzteemodus raus. Der Sound ist vielleicht das Beste an diesem Abend, glasklar, transparent, auch in steigender Lautstärke - da könnte sich sogar eine Band wie Toto eine Scheibe von abschneiden, die haben in Hamburg nichts als Klangbrei abgeliefert. Das musikalische Programm dieses Parsons-Konzerts entspricht allerdings zu großen Teilen dem der 2010 veröffentlichten CD "Live in Madrid", nur um vier Songs aus dem neuen Album ergänzt. Hmm, nun ja, es ist ja ganz fein, diese alten Sachen tatsächlich mal live im Konzert zu hören.... Aber? 



Aber: Das könnte auch jede X-beliebige Fernseh-Cover-Rockband sein, zumal von den Originalmusikern ja keiner dabei ist und der gute Eric Woolfson als der kongeniale Partner des Alan Parsons Projects nicht mehr lebt. Deswegen gibt es auch kein Alan Parsons Project mehr, nur noch ein Live-Project - ersteres ist halt eingetragenes Markenzeichen und im Rechtsstreit kurz vor Woolfsons Tod nicht aus der Streitmasse herausgelöst worden, wie, offensichtlich, vieles anderes. Also: Netter Abend, ja, aber nicht bahnbrechend. Alan Parsons live gesehen - Check. Okay, und wer kommt jetzt?



Interview mit Alan Parsons: Hier geht es zu meinem Neue-OZ-Interview

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Samstag, 13. Juli 2019

Bin ich eigentlich der Einzige, der das Singenmüssen und die steife Liturgie in der Kirche schrecklich findet? Warum ich den Gesang im Gottesdienst als Qual erlebe - Plädoyer für eine gastfreundlichere Gottesdienstkultur, gegen den Zwang des Singenmüssens...



Musik kann einen beflügeln, einen tragen, einen stützen - aber sobald es ums Mitsingenmüssen geht, ist das alles vorbei (Alle Fotos: Thomas Achenbach)

Osnabrück - Das größte Geschenk, das mir mein Großvater zum Ende seines Lebens noch gemacht hatte, war dieses: Dass bei seiner Trauerfeier in der Kirche keine Lieder gesungen wurden. Sondern nur von der Orgel gespielt, zum Anhören. Das war eine enorme Erleichterung für mich. Denn wenn ich eines verabscheue, dann ist es das Singenmüssen bei einem Gottesdienst. Das ist für mich eine echte Tortur, eine seelische Qual, mir ist es unfassbar unangenehm und ich winde mich in Pein und Scham. Dabei ist mir Musik etwas Heiliges und sogar etwas, das in mir ein spirituelles Erleben auslösen kann. Ja, es wäre nicht falsch zu sagen: Musik ist mein Leben. Es gibt da nur zwei Probleme. Erstens: Ich kann einfach nicht singen. Wirklich nicht. Und zweitens: Ich gehe nicht gerne in Gottesdienste. In einer Kirche fühle ich mich meistens, wie ich es gerne nenne, "dreifach Un": Unmusikalisch, unwohl und letztlich auch unwillkommen. Jürgen Habermas sagt, er sei "religiös unmusikalisch". Ich bin das in doppelter Hinsicht: Sangestechnisch UND liturgisch. 

Ich erinnere mich noch genau an einen Dialog zwischen meinen Großeltern, der sich während einer meiner Besuche bei ihnen abspielte und der mich hellhörig werden ließ. Mein Großvater Reinhold, damals auch schon im sehr hohen Alter jenseits der 90, aber noch topfit und immer für eine klare eigene Meinung zu haben, sagte einmal zu meiner Großmutter Erika, Spitzname Kakel: "Sag mal, Kakel, was hältst Du eigentlich von diesem Singen in der Kirche?" Und meine Großmutter sagte nur ein Wort, in zwei Silben geteilt: "Furcht - bar!". Wenn meine Großmutter ein solches Wort so aussprach, dann war meistens klar, dass es ihr letztes in dieser Sache sein würde und dass darüber nicht mehr groß diskutiert werden würde. Für mich war dieser kurze Dialog eine Wohltat: Ach guck' mal, dachte ich mir, es geht also noch anderen so wie Dir. Dabei komme ich eigentlich aus einer eher kirchlich geprägten Familie und mein Vater hat noch heute gelegentliche Aushilfs-Engagements als Orgelmusiker. 


Musik ist mein Leben - ohne geht es nicht


Damit wir uns da richtig verstehen: Ich würde meinen musikalischen Hunger als gewaltig beschreiben. Sowie als breit aufgestellt. Ich höre Operette ebenso wie Heavy Metal, ich höre Bebop ebenso wie Adult Oriented Rock, ich höre Swing ebenso wie Indierock, 
ich höre Oper ebenso wie Progressive Rock. Und dazu noch eine Menge Klassik, am liebsten Violinkonzerte oder eben geistliche Chormusik (aktuell beispielsweise begeistere ich mich für Eric Whitacre, Arvo Pärt, Ola Gjeilo, aber auch für den frisch wiederentdeckten Alan Parsons). Meine Leidenschaft für Kultur und Musik war eine der wesentlichen Triebfedern dafür, irgendwann einmal diesen Blog hier zu starten. Und mein Großvater war einer der wesentlichen Lehrmeister in musikalischer Hinsicht - neben meinen Eltern, die mich mit vier Jahren das erste Mal mit in die Oper nahmen (Mozart) und später dem Radio. Die meisten Operetten habe ich durch Opa Reinhold kennengelernt, ebenso wie meine ersten Wagneropern. Übrigens einer der Komponisten, deren Musik mich so etwas erleben lässt wie Spiritualität. Ich erinnere mich noch genau daran, wie ich nach fünf Stunden minimalistischer Impressionen in Regie und Musik aus dem ersten "Parsifal" meines Lebens kam (inszeniert von Robert Wilson an der Hamburger Staatsoper) - und mich irgendwie beseelt fühle. Näher kann ich einem weltentrückten Schweben kaum kommen als nach so etwas. 


Ich bin auf der Suche nach dem, was mich tragen kann


Und auch, was die Spiritualität angeht, müssen wir uns richtig verstehen: Je älter ich werde, desto stärker wächst auch in mir das Bedürfnis nach Spiritualität und das Verständnis dafür, dass das etwas Wertvolles und Tragendes sein kann, ohne das es im Leben vielleicht nicht gehen wird. Nur dass meine persönliche Suche danach eben noch nicht abgeschlossen ist. Und dass ich meine persönlichen Antworten auf meine Fragen am ehesten im Buddhismus finde, nicht aber im Christentum (alleine schon die Tatsache, dass eine sich als monotheistisch bezeichnende Religion ein Götterbild anbietet, das in Wahrheit ja aus drei ganz verschiedenen Hauptgöttern mit ganz verschiedenen Zuständigkeiten besteht plus einer Vielzahl von quasi gottesersetzenden Heiligen, erlebe ich als nicht so wirklich stimmig - und ganz abgesehen davon glaube ich nicht an eine Wiederauferstehung meiner gestorbenen Gesamterscheinung). Dennoch gibt es Augenblicke, in denen mich spirituell gemeinte Rituale in einen irgendwie veränderten Wesenszustand bringen können. Gemeinsam zelebrierte meditative Stille, beispielsweise. Je älter ich werde, desto mehr weiß ich übrigens auch die Stille als etwas Kostbares zu schätzen - könnte auch an meiner Tochter liegen. 


Sagte das Mädchen: Dein Gesang ist einfach schrecklich


Aber über das Singen müssen wir reden. Denn das kann ich einfach nicht. Obwohl ich es sogar einmal als Statist im Osnabrücker Theater auf der Bühne praktiziert habe, als ich dort als Zehnjähriger einen kleinen Fuchs in Janáčeks Oper "Das schlaue Füchslein" verkörperte. Aber vermutlich mehr schlecht als recht. Ich erinnnere mich an die erste Probe unserer kleinen Füchsegruppe mit dem damaligen ersten Kapellmeister, Peter Starke. Der spielte mir meinen Gesangspart vor. Und nachdem ich den wiederholt hatte, gab es erstmal reichlich Gekicher bei den Kindern und ein wenig Irritation beim Kapellmeister. Da müsse man wohl noch etwas üben. Ich hätte mich um ein paar Tonarten vertan. Als ich viele Jahre später als knapp 33-Jähriger bei einem Kumpel einmal "Singstar" spielte - also dieses Karaokespiel für die heimische Playstation - musste ich schmerzhaft erfahren, dass das bei mir keine Seltenheit ist. Das ebenfalls anwesende Mädchen, dem ich eigentlich hatte imponieren wollen, fand meinen Gesang einfach nur schrecklich. Heute ist sie meine Frau und es hat sich an ihrer Meinung nichts verändert.


Es gibt einen Ort, wo selbst ich mich zu singen traue


Okay, zugegeben, es gibt einen Ort, an dem ich gelegentlich ins eigene (Mit-) Singen gerate, wenn mich die Musik irgendwie packt. Das ist mein eigenes Auto. Warum ist es mein eigenes Auto? Weil ich da ganz alleine in einem geschlossenen Raum sitze und mich da draußen keiner hören kann. Manchmal, wenn die Musik einfach zu gut ist, trällere ich selbst dann eine Zeile mit, wenn meine Familie gerade im Auto ist. Das ist meistens keine allzu gute Idee. "Du kannst einfach nicht singen", sagen dann übereinstimmend Tochter und Ehefrau, nachdem sie die Hände von den Ohren genommen haben. Und ich nehme mal an, sie haben einfach Recht. Als umso unangenehmer erlebe ich Momente, in denen ich zum Singenmüssen gezwungen bin, also die in der Kirche - und in denen ich mich frage, warum das so sein muss? 



Dieses peinliche Sichentlangtasten an mir unbekannten Melodien, das mehr flüsternd tastende Suchen danach, wie dieses Lied wohl funktionieren könnte, dieses Rätselraten, wieviel das Orgelvorspiel wohl von der tatsächlichen Liedmelodie preisgeben wird, diese vollkommen altbackenen Texte, Mann, ich finde das schrecklich! Es ist jetzt etwa zehn Jahre her, dass ich mich entschlossen habe: Ich mache das einfach nicht mehr mit. Mir ist das zu unangenehm. Wenn es heute also heißt: Wir singen jetzt das Lied Soundso, dann klappe ich den Liedzettel auf und halte den Mund geschlossen. Ich starre in den Liedzettel und würde mich am liebsten tief in die Holzlöcher der unbequemen Sitzbank unter mir verkriechen. Derweil ich mich an tröstenden Gedanken versuche: Nur noch drei weitere Lieder, dann hast Du auch das wieder geschafft. Gott (!) sei Dank! 


Ein Kirchgänger sagt: Wer nicht singen kann, soll es lassen


Ursprünglich hatte ich vorgehabt, in diesem Blogartikel nicht alleine nur eine persönliche Nabelschau samt eigenem Betroffenheitsgejammer anzubieten, sondern eine fundierte Diskussion mit mehreren Zitaten und Sachbeiträgen. Aber interessanterweise - und anders als ich es erhofft hätte - gehört das Thema des Gesangs in der Kirche derzeit nicht zu den vieldiskutierten Themen. Also, selbst in Kirchenkreisen nicht. Auch wenn man dort so langsam zu bemerken scheint, dass diese Sache mit dem Gesang der Gemeinden irgendwie nicht mehr so richtig funktioniert wie früher schon einmal. Aber, siehe da: Eine im Juli 2019 durchgeführte Google-Suche bringt einem genau zwei Artikel zum Thema - ein tatsächlich sehr interessantes Interview des Deutschlandfunks mit einem Kirchenmusik-Professor mit dem bemerkenswerten Titeln "Mehr Raunen als Singen" sowie eine kurze Diskussion zweier journalistischer Kirchgänger auf dem Internetportal katholisch.de, in der immerhin einer der beiden Autoren sich dafür stark macht, dass all die Menschen, die eben nicht singen können, es bitte auch nicht tun. Sic! 


Andere singen voller Inbrunst und mit Freude dabei


Natürlich weiß ich, dass das Singen in der Kirche manchen Menschen viel bedeutet. Sogar: Enorm viel bedeutet. Und dass ihnen massiv etwas fehlen würde, wenn es nicht mehr zum Angebot dazugehörte. Ich kenne Menschen, die mit viel Inbrunst und mit offensichtlichem inneren Erglühen all die Kirchenlieder mitsingen und für die es nicht nur ein selbstverständlicher Bestandteil eines Gottesdienstes ist, sondern ein ganz unbefangener, an dem sie viel Freude haben. Ich kann nicht sagen, dass ich sie darum beneidete, ich kann halt einfach nicht singen, mich stört das nicht, mir ist guter Gesang auch einfach viel zu heilig als dass ich es wagen würde ihn durch meine eigene Stümperei zu entweihen - aber wenn ich diese Menschen um etwas beneide, dann um ihre Unbefangenheit. Dabei gäbe es meiner Meinung nach einen ganz einfachen Kompromiss und eine ganz simple Lösung diese Dilemmas. 



Wenn der Pastor nämlich bei der Anmoderation eines jeden Liedes - oder wie auch immer die Ankündigung des Zu-Singenden nun liturgisch bezeichnet werden müsste - so etwas sagen würde wie, beispielsweise: "Es folgt jetzt das Lied Soundso, und alle, die das gerne möchten, sind zum Mitsingen herzlich eingeladen, ebenso wie alle, die einfach nur zuhören möchten, auch gerne nur zuhören können". Schon wäre ich aus meiner Gewissensnot befreit und könnte mich entlastet und entspannt auf meinen Sitz fallenlassen. Aber nein, stattdesssen fühle ich in einer Kirche sehr deutlich diese unausgesprochene, nicht formulierte und trotzdem über allem schwebende und mich beklemmen machende Erwartungshaltung. Für mich fühlt sich das ungefähr so an wie: Wer diese Kirche betritt, der hat hier auch zu singen! Sing!! Jetzt!!! Dieses!!!! Lied!!!! Mit!!!!!


"Fühlt ihr euch nicht viel besser"? Nein, nein, nein! 


Ich erinnere mich an die Teilnahme bei einem Kongress, in dem es eigentlich um das Thema Trauer gehen sollte. Aus irgendwelchen Gründen wurde der Kongress eröffnet von einem Pastor, der sich nun ausgerechnet das Thema des Gesangs gewählt hatte - und der während seines Vortrags vom gesamten etwa 50 Leute umfassenden Plenum Lied um Lied anstimmen ließ. Den meisten der Menschen um mich herum - überwiegend Frauen, übrigens; ich frage mich, ob Frauen grundsätzlich lieber singen als Männer? - machte das mächtig Spaß und als der Pastor dann in den Raum hineinfragte, ob wir denn spüren könnten, wieviel besser man sich bei diesem Singen fühlte, nickten die meisten recht emsig und beflissen. Ich nicht. Ich wand mich in innerer Eigenscham und in einem unangenehmen Berührtsein. Denn das ist es, was ich spüre, wenn ich irgendwo singen muss. Wenn es bei Gottesdiensten also heißt: Wir singen jetzt das Lied Soundso.... - dann erwacht in mir ein innerer Fluchtreflex und ich denke mir, Mann, wann ist das hier endlich vorbei?


Damit eins klar ist: Ich bin sogar konfirmiert


Zumal mir Gottesdienste sowieso schrecklich fremd sind. Was im Wesentlichen an der Liturgie liegt. Noch so etwas, das mich schrecklich unangenehm berührt. Ich habe noch nie begriffen, was eigentlich wann genau dran ist, was ich wie sagen muss, was als Antwort auf einen Satz des Pastors gesagt oder gar, noch viel schrecklicher, gesungen werden muss, wann man aufzustehen oder sich hinzuknien hat und all das. Und, bitte, wohlgemerkt: Ich bin konfirmiert! Ich habe also die komplette Grundausbildung in diesen Dingen einstmals durchlaufen. Okay, ja, zugegeben, ich war während der Konfizeit komplizierte 14 Jahre alt, schwerstpubertär und innerlich von zigtausend ganz anderen Dingen vor allem hormoneller Natur durchdrungen, die meine Konzentration auf dieses mir gerade vermittelte Christentumding mit all seinen Ritualen ziemlich schwer machten (was das angeht, machen es die Katholiken wirklich zigtausendmal besser: Mit 10 Jahren und frühzeitiger Erstkommunion sind die hormonellen Störfeuer noch nicht ganz so ausgeprägt). Außerdem war uns während der Konfirmationszeit der regelmäßige Besuch des Sonntagsgottesdienstes als Pflicht auferlegt worden - und als solche habe ich ihn dann auch empfunden, als lästige, mich zutiefst langweilende und letztlich anödende Pflicht, die es auszuhalten gilt nach dem Motto Augen zu und durch. Aber trotz dieser Lehren und Erfahrungen: Mir bleibt dieser ganze Liturgie-Ritus in beiderlei Konfessionen einfach nur unvertraut und unangenehm. Und so fühle ich mich während eines laufenden Gottesdienstes als permanent fehl am Platze, als echter Außenstehender, nicht dazugehörend und als letztlich...   



... auch nicht wirklich willkommen. Da trifft sich eine verschworene Gemeinschaft von mit diesen Ritualen wohlvertrauten Menschen, aber sie bilden einen geschlossenen Kreis mitten auf der Wiese. Und ich stehe irgendwo entfernt an einen Baum gelehnt, halb dahinter versteckt, und sehe ihnen aus der Ferne zu. Alleine. Ohne jemals dazuzugehören. So fühlt sich das für mich an, wenn ich in einen Gottesdienst gehe. 


Einfach nicht hingehen ist auch keine Lösung


Nun könnte man natürlich sagen: Dann geh' doch einfach nicht mehr dorthin. Und, ja, an etwa 85 Prozent der Samstage oder Sonntage im Jahr ist das auch meine einzige Antwort. Aber manchmal geht es eben gar nicht anders. Wenigstens drei bis vier Mal im Jahr muss selbst ein kirchenferner Mensch wie ich ab auf die Holzbank. Freunde, die heiraten; Kinder, die getauft werden; Kinder, die ihre Erstkommunion erhalten oder Menschen, die sterben und deren Tod nun mit einer Trauerfeier gewürdigt wird. All das und mehr sind ja die klassischen Anlässe, zu denen gute Freunde einfach eingeladen werden und bei denen ich - meiner lieben Freunde zuliebe und zu ihren Ehren - auch allzu gerne dabei sein möchte. Nur dass ich mich dann in den Gottesdiensten wieder sehr fremd und sehr unwohl fühle. 


Gottesdienste... geht das nicht auch gastfreundlicher?


Ich habe noch nie verstanden, warum die Kirchen es nach über 2000 Jahren Geschichte und bei stetig ihnen davonlaufendem Nachwuchs nicht geschafft haben, zweierlei Gottesdienste ins Angebot aufzunehmen: Gastfreundliche Kirchenfeiern ohne Liturgie und ohne Zwang und ohne diese überfrömmelnde Steifheit für all die Anlässe, zu denen vermutlich auch eher Nicht-Kirchgänger kommen werden - und das volle Liturgiebesteck für die Clubkarten-Only-Members an den ganz normalen Sonntagen, wo sich vermutlich ohnehin keine Gastteilnehmer hinverirren werden. 


Selbst ein Pastor sagt: Du bist der Kirche ganz egal


Interessanterweise bin ich auf den Blogbeitrag eines jungen evangelischen Pastoren aus Hamburg gestoßen, Jonas Göbel, der ebenfalls sagt: Liturgie ist den meisten Menschen zu fremd, aber die Kirche wird sich trotzdem niemals ändern. Zitat: "Du bist der Kirche eigentlich ziemlich egal. Um es mal positiv zu formulieren..." Volltreffer, lieber Jonas (mehr dazu im Blog www.juhopma.de - übrigens ein bemerkenswerter Blog mit vielen spannenden Impulsen)!


Endlich ein Gefühl von Freude - sogar im Gottesdienst!


Vor kurzem waren wir bei der Erstkommunion einer sehr eng befreundeten Familie, deren älteste Tochter dort in die Kirche aufgenommen wurde. Es war ihr sehr wichtig gewesen, dass unsere Tochter ebenfalls mit dabei sein sollte. Und mal ganz abgesehen von den Beklemmungen ganz anderer Natur, die ich in so einem Kontext seit kurzem wieder sehr stark wahrnehme - alte katholische Priester mit ihren langen Gewändern zusammen mit zehn Jahre alten Knaben und extrem jungen Mädchen zu erleben, kann ich neuerdings irgendwie schlecht haben -, war es ein wirklich guter Gottesdienst. Einer, der mal ein bisschen anders war als sonst. Oben auf der Empore saßen ein Schlagzeuger, ein Bassist und ein Gitarrist, die mit etwas elektronischer Verstärkung einen fast rockigen Klang ablieferten und mit neuerem Kirchentags-Liedgut mal für angenehm frischen Wind sorgten - und das in einer Lautstärke, die zwar gut zu ertragen war, aber bei der es sowieso vollkommen egal war, ob die Gemeinde nun mitsang oder nicht. Und zum ersten Mal seit vielen Jahren habe ich selbst in einem Gottesdienst so etwas gespürt wie Entspannung und vielleicht sogar Freude. Aber dann griff der Pastor wieder volle Pulle ins katholisch zwanghafte Besteck und sang dieses irgendwie nölig wirkende Liturgiegedöns, worauf die Gemeinde singend irgendwas antwortete. Ohne dass ich es verstanden hätte oder gewusst hätte, was ich da nun tun soll. Und da war es wieder: Das alte, vertraute Unwohlsein. Willkommen in der Kirche. Ober eben auch nicht.

Als wir uns vor wenigen Jahren zur Trauerfeier für meine Oma versammelten, hatten wir uns übrigens ebenfalls darauf verständigt, dass wir dort Musik zum Hören, aber nicht zum Mitsingen anbieten werden. Ich fand das sehr stimmungsvoll - und, vor allem, zu meiner Oma passend. 

Also, Danke nochmal, ihr beiden. Eine Kirchenfeier ohne Gesang. 

Was für ein Geschenk.

Benutzte Artikel/Links: "Mehr Raunen als Singen" über die Website des Deutschlandfunks (bitte hier klicken) und "Jeder soll mitsingen - oder nur der, der es kann?" über die Website katholisch.de (bitte hier klicken).





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Montag, 8. April 2019

Libido, Bauchtanz, Amélie, Rockband, Projektchor und die ganzen Facetten des Lebens, und das alles in der Kirche - ein Abend voller Überraschungen, ebenso irritierend wie ungewöhnlich wie unterhaltsam: So war das Konzert "Letzte Lieder" vom Künstler und Journalisten Stefan Weiller in der Heilig-Kreuz-Kirche in Osnabrück am 7. 4. 2019 (Sonntag)

Osnabrück - Nix da, weihevoll; nix da, geheimnisvoll; nix da, mystisch oder besinnlich: Was da in der Heilig-Kreuz-Kirche am Sonntagabend des 7. 4. 2019 geboten wurde, hatte mit einem klassischen Kirchenkonzert sehr wenig zu tun. Tatsächlich war es nichts anderes als ein riesiges, fettes, buntes Sterbe-Musical voller Überraschungen. Unbeschreiblich rasant und unterhaltsam, überraschend rockig und laut, überraschend multimedial und hochprofessionell, überraschend anders als gedacht, selbst für diejenigen, die ungefähr wussten, was sie da erwartete. Hatte der Projektinitiator und Künstler Stefan Weiller in seiner Anmoderation vor Beginn des Konzerts "Letzte Lieder" noch angekündigt, es würde insgesamt 23 Musikbeiträge und Texte - ohne Pause - geben, was bei dem einen oder anderen Gast einen verstohlenen Blick auf die Armbanduhr zur Folge hatte, nach dem Motto "Ach herrje, so lange geht das?", waren am Ende die meisten überrascht, wie rasch der Abend zu Ende ging. Ein paar der Gäste verließen zwar im Laufe der Veranstaltung die Kirche - doch der Eindruck, dass es viele Gäste gewesen sein könnten, wie es andere Besucher schilderten, scheint auf eine dramaturgisch notwendige und missverstandene Aktivität des Chores zurückzugehen.

Stefan Weiller geht in die Hospize unseres Landes und lässt sich dort Lebensgeschichten erzählen. Und immer geht es dabei auch um die Musik eines Lebens - also: seinen Soundtrack. Auch aus dem Osnabrücker Hospiz sind diesmal vier Geschichten dabei. Daraus baut Weiller Konzerte zusammen, die in kein bekanntes Raster passen. Wie in Osnabrück deutlich zu erleben war: Eine leichtbekleidete Bauchtänzerin in der Kirche, die zu türkisch behauchtem Europop ihre Hüften kreisen lässt. Eine Rockband, die im "Smells Like Teen Spirit"-Coversong ihre Libido besingt bzw. die im Text erwähnte Libido des Kurt Cobain (passenderweise genau zwei Tage nach seinem 25. Todestag). Wie großartig, dass sich sogar eine katholische Kirche als Veranstaltungsort für all solche Auftritte so mutig und so weltenzugewandt und so unverstaubt zeigen darf - durchaus nicht selbstverständlich und nicht Jedermanns Geschmack. Beim Auftritt der Bauchtänzerin verlässt das neben mir sitzende Ehepaar jedenfalls entrüstet seine Sitze.

(Anmerkung und Korrektur: In einer vorherigen Version des Artikels hat es geheißen, es hätten eine Reihe von Gästen die Kirche verlassen, so hatten es mir auch weiter hinten sitzende Besucher im Gespräch geschildert - doch was hier als Türenaktivität wahrgenommen wurde, könnte ggf. auf dramaturgisch nötige räumliche Wechsel des Chores zurückzuführen sein, wie mir jetzt Stefan Weiller in einer E-Mail schilderte - denn der Chor hatte mehrmals die Empore verlassen und sich an andere Orte begeben müssen, teils auch außen um die Kirche herum, und dann wieder zurück, was nicht immer "ohne Tumult" vonstatten ging, wie es Weiller mir jetzt schilderte - ich habe diesen Text also an allen Stellen entsprechend angepasst und korrigiert).

Wäre sie nicht so passend und zutreffend, müsste man diese im Kontext der Letzten Lieder vermutlich überstrapazierte Formulierung inzwischen einmotten: So bunt wie das Leben, so individuell wie jeder Einzelne, dokumentieren auch diese Bestandteile des Abends eindrucksvoll, dass das Sterben eben so vielfältig ist wie es die Menschen sind. Manchmal traurig. Manchmal auch lustig. Und auch das wird spürbar: Wer sich mit dem Tod beschäftigt, den führt dieser Weg immer mitten hinein - ins Leben (wie sehr Trauer und Musik miteinander verzahnt sind, ist immer wieder auch Thema in meinem Trauerblog).


Grandios, was das Hospiz Osnabrück und die Gemeinde Heilig Kreuz mit ihren zahlreichen Projektpartnern und einigen Großspendern hier auf die Beine gestellt haben. Dass das Projekt "Letzte Lieder" ungewöhnlich werden würde, zeigte sich schon beim Betreten der Kirche, in der schon eine halbe Stunde vor Beginn kaum noch Plätze frei sind. Da sieht man auf einmal den in Osnabrück recht bekannten und als Kirchensänger immer mal wieder auftretenden Tenor Max Ciolek - aber mit einem Microportmikrofon am Mund. Und rechts und links vom Altarraum stehen dicke Lautsprecherboxen. Mitten in der Kirche zeigt ein hübsch bunt blinkendes Mischpult an, dass hier eine Menge Technik verbaut worden sein muss. Elektronisch verstärkte Sänger, ein Schlagzeug im Hintergrund, Videoprojektionen an der Wand, in sanften Farben angestrahlte Kirchenwände... Da kommt was auf einen zu, das ist klar. Und was ist das?

Flickenteppich aus Sterbeschicksalen


23 Menschenleben, 23 Geschichten, 23 Räume - also: Hospizräume - gilt es zu durchschreiten und mitzuerleben. Um das zu gewährleisten, wird hier eine ordentliche Menge an Personal aufgefahren - teils mitgebracht, teils aus dem Osnabrücker Raum rekrutiert. Ein eigens für das Projekt gegründeter Chor, eine Rockband, viele Solisten (neben Max Ciolek aus Osnabrück sind dies die externen Gäste Mareike Bender und Christina Schmid als Sängerinnen und der musikalische Leiter des Ganzen, Ralf Sach), Geiger, Pianisten, eine Harfinistin, you name it. Und los geht es, mitten hinein in die Musik eines jeweiligen Lebens. Oder besser: Die letzte Musik dieses jeweiligen Lebens. Weiller fügt in seinen Konzertabenden von Profischauspielern vorgelesene Texte und Musik zu einem Flickenteppich zusammen, der diese Geschichten und Lieder als musikalische Vermächtnisse versammelt, ein facettenreiches Kaleidoskop der Menschlichkeit. Klingt erstmal irgendwie nicht fassbar - oder nach einem sehr getragenen Abend. Doch das Gegenteil ist der Fall. 


Der größte Clou an dieser, es lässt sich nicht anders bezeichnen, Show ist ihr enormes Tempo. Hier ist ständig etwas in Bewegung, ständig etwas im Fluss. Kaum ist der letzte Ton eines Liedes verklungen, da greift auch schon das nächste Instrument seine Hintergrundtätigkeiten auf, ohne dass Raum für Applaus oder fürs Luftholen bliebe - denn während die Schauspieler die Texte vorlesen, werden sie quasi filmmusikalisch von einem live gespielten Musikbett begleitet. Fast schimmert da so etwas wie das von mir sehr geschätzte Rilkeprojekt als ein vermutetes Vorbild hindurch. Doch schon nimmt der nächste Sänger seinen Platz ein und das nächste Lied geht los. Wobei die musikalische Reise viele weite Bögen und Epochen überspannt - von Barock bis zur Dancing Queen (wunderhübsch eingeleitet durch ein auf der Harfe gezupftes Intro), von Monteverdi bis zu Cindy & Bert, von der "Geilen Zeit" bis zu Whitney Houston, vom russischen Volkslied bis zu Westlife. Operetten sind auch mit dabei: Der Vogelhändler etwa und, natürlich, die Lustige Witwe und ihre geflüsterten Geigen. Alles dabei und noch mehr. Grandios arrangiert und aufgeführt - mit zahlreichen Gänsehauteffekten, für die alleine schon der Kirchenraum sorgt, der hier sehr bewusst als zusätzliches Instrument und als komplett zu benutzender Aufführungsort eingesetzt wird. Wenn dann ein unsichtbar platzierter Chor von ganz hinten oder ganz vorne ein atmosphärisches Summen beisteuert oder der Akkordeonspieler mit dem Amelié-Thema aus dem Filmsoundtrack einmal den ganzen Raum durchschreitet, sorgen alleine schon solche vermeintlich simplen Gimmicks für einen ganz großen Effekt. 

Angriffpunkte für Kritik gäbe es reichlich


Für den sorgen aber auch die Texte, die Stefan Weiller sehr geschickt zusammengewebt hat. Denn hatte man sich am Anfang noch gefragt, ob bei all der Thematik - 23 Mal Trauer, Tod und Sterben massiv komprimiert in zweieinhalb Stunden - auch die Seele immer hinterherkommen könnte, kann auch hier alsbald Entwarnung gegeben werden. Wie bei einem gut geschriebenen Theaterstück ergänzt sich Heiteres mit Bizarrem, Tragisches mit Tieftraurigem und brüllend Komisches mit tief Anrührendem zu einem perfekt durchkomponierten Emotionsmix. Große Show, gutes Musical, halt, auch hier, es lässt sich kaum anders zusammenfassen. Das kann einen schon ganz gut irritieren. Denn bei alledem schwingt natürlich auch immer die Frage mit: Darf das so sein? Darf das alles so leicht und locker sein? So unterhaltsam? So vermeintlich simpel? Darf man im ICE-Tempo durch 23 Leben hindurchgleiten? Und, ja, wer denn wollte, könnte sicher vielerlei Angriffpunkte für Kritik finden. Zu verdichtet, zu arg auf Effekt gedrechselt, zu glatt, zu durchgestylt, zu sehr in Richtung Showbühne schielend. Alles "too much" oder geht grad noch so? Darüber ließe sich debattieren. Und manch einer tat das am Ende dann auch, wie beim Rausgehen zu erleben war. Nur damit wir uns hier richtig verstehen: 

Warum das zum Nachdenken anregt


Ich fand den Abend schlicht großartig. Ich merke jedoch, wie sehr ich als der Sohn eines auch heute noch gelegentlich Orgel spielenden nebenberuflichen Hobby-Kirchenmusikers so sozialisiert bin, eine Kirche als einen Ort der Weihe und der Würde anzusehen. Dementsprechend irritiert es mich schon sehr, dort eine das Publikum offensiv zum Mitklatschen auffordernde Sängerin mit Microport zu erleben (auch wenn mir selbst die Getragenheit und die starren festen Riten von "Kirche" eher fremd sind, zugegeben). Gekoppelt an den insgesamt hohen Unterhaltungswert der Aufführung hat mich das jedoch zu einem wohltuenden weiteren Nachdenken angeregt. Als leidenschaftlicher Theatergänger bin ich überzeugt davon, dass eine Aufführung das Publikum auch irritieren darf. VIelleicht - sollte? 

Wie wollen wir damit umgehen?


Und wenn der hohe Unterhaltungsfaktor und das rasche Tempo der Letzten Lieder hier eine Irritation schafft, dann ist dies eine sinnvolle und wertvolle Irritation. Regt sie doch uns als Publikum dazu an, ins Nachdenken zu kommen darüber, wie wir eigentlich mit dem Leben eines Menschen nach seinem Ende umgehen sollten und müssten. Muss es in der Nachbetrachtung menschlichen Lebens tatsächlich immer so weihevoll und in Stille getaucht sein oder darf es auch rasant und bunt und facettenreich zugehen? Und wenn ja, in welchem Maße muss wieviel davon Anteil haben? Zu diesen Fragen hat mich der Abend ebenfalls angeregt - und ganz abgesehen davon, dass ich mich prächtig unterhalten gefühlt habe und mich königlich amüsiert habe, merke ich bei längerem Nachdenken, wie sehr sich hier Spannungsfelder auftun. Wie lange das nachwirkt.


Ein bisschen "Stromberg" bleibt immer?


Statt der angekündigten Eva Mattes war am Sonntag übrigens die Sprecherin Birgitta Assheuer mit auf dem zur Bühne umfunktionierten Altarraum dabei - auch ihre Stimme bekannt durch Hörbücher, auch sie eine hochprofessionelle Sprecherin, die geschickt den Charakter der Texte herausschälen kann. So wie Christoph Maria Herbst, der mir in den von vielen so gefeierten "Stromberg"-Staffeln immer ein bisschen zu überzogen vorgekommen ist, was aber auch dem Charakter der Serie an sich geschuldet sein mag (ich erinnere mich an meinen grässlich hohen Stromberg-Fremdschämfaktor bei einem Rudelgucken in der Kneipe, bei dem ich als Mitgeschleppter überhaupt erstmals auf die Serie aufmerksam gemacht wurde) und der mich hier als Sprecher wirklich überrascht hat. Klar, sein angestammtes Metier bleibt die Komödie, seine größten Stärken kann er bei den komischen Texten ausspielen, aber auch an den tragischen Stellen schafft er es, mit seiner Gestaltung die Hörer zu berühren. Das ist wie alles an diesem Abend manchmal auch an der Grenze zum Zuviel, aber trotzdem nie pietätlos. Das ist die wahre große Kunst dieses Abends. Dass er sich immer irgendwie wieder fängt. 


Und immer wenn Du dachtest, jetzt kann es eigentlich keine weiteren Überraschungen mehr geben, kommt von hinten aus dem Kirchenschiff beispielsweise  ein Akkordeonspieler gelaufen, hat sich der Chor schon wieder woanders aufgestellt oder es kommt ein bislang noch nicht aufgetauchtes Musikinstrument zum Einsatz - eine Ukulele, beispielsweise, die die Fröhlichkeit und einem hier bewusst werdende Schlüpfrigkeit von "Guten Morgen, Sonnenschein" konsequent überbetont. Und auch die Hospizbewohnerin, die sich eine explizit nur 2:30 Minuten dauernde und die Facetten ihres Lebens spiegelnde Schlagzeugimprovisation wünschte, bekommt sie hier. Apropos Schlagzeug - was einen niemals zu unterschätzenden Anteil zum Gelingen dieses Abends beiträgt, ist die Tontechnik, die all diese Elemente in einem hochprofessionellen Klangbild zusammenzuführen versteht, bis auf ein zu spät hochgefahrenes Mikro ohne jeden erkennbaren Aussetzer - und was es hier alles einzufangen gilt, ist eine Menge, klassischer Gesang und poppige Beltstimme, Schlagzeug und Geigen, Harmonium und Harfe, Chor und Gitarren, Hintergrundmusik und Sprecher... 

Bleibt am Ende nur noch ein Problem... 


Und das in einem Kirchenraum, der aufgrund seiner besonders kargen Wände und Höhe von einer ganz besonderen Echoherausforderung geprägt sein dürfte - das ist schon großes Handwerk. Da könnten sich selbst die Profis von "Toto" eine Scheibe von abschneiden, die selbst in einer ganz klassischen Veranstaltungshalle nichts als Klangbrei ablieferten. Bleibt am Ende nur ein Problem, mit dem die Heilig-Kreuz-Kirche im Osnabrücker Stadtteil Schinkel wohl selten konfrontiert wird: Wenn alle zur Verfügung stehenden 816 Sitzplätze besetzt waren - dann geht es auf den recht engen und zugeparkten Straßen hier zu wie nach einem Rockkonzert oder einem Fußballspiel im unweit der Kirche liegenden Stadion. Eng und voll - und trotz der innerlich bewegten Autofahrer bewegt sich hier dann eher wenig. Sei's drum: bleibt mehr Zeit zum Nachspüren und Nacherleben, auch gut.

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Was bewegte Stefan Weiller zu seinem Projekt Letzte Lieder -  und wieviele Geschichten hat inzwischen gesammelt? Das und mehr erzählte er mir in einem Exklusivinterview, das sich hier finden lässt. 

Als Shortlink: https://bit.ly/2C7rHAZ

Als kompletter Link:

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Der Autor dieser Zeilen bietet Trauerbegleitung an in Osnabrück und im Osnabrücker Land an und hat eine Ausbildung zum Trauerbegleiter absolviert (Große Basisqualifikation gemäß des Bundesverbands Trauerbegleitung) und bietet Podcasts rund um das Thema Trauer an (bitte hier klicken). Thomas Achenbach ist der Autor des Buches "Männer trauern anders - was ihnen hilft und gut tut", 168 Seiten, Campus-Verlag, 17 Euro, erschienen im März 2019. Mehr Infos gibt es hier.

Alle aktuellen Termine, Lesungen, Vorträge, Workshops, Seminare etc. mit Thomas Achenbach finden sich unter diesem Link 

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Ebenfalls auf diesem Blog: Theater kosten den Steuerzahler einfach zuviel Geld... ist das wirklich so? Und woher kommt die Theatersubventionierung eigentlich?

Ebenfalls auf diesem Blog: Genug gemeckert, wir sollten froh sein über unsere Theater - eine Liebeserklärung und eine Lobpreisung zum Welttheatertag

Und im Trauerblog: Mein Buch ist da - "Männer trauern anders, was ihnen hilft und gut tut" - Lesung in Osnabrück verschoben auf den 23. 5. 2019 (um 19 Uhr)

Ebenfalls im Trauerblog: Die Kunden müssen die Bestatterbranche bewegen - was alles möglich sein kann, wenn Menschen in einer Verlustsituation das wollen