Donnerstag, 27. März 2014

Antonín Dvořáks Oper „Vanda“ im Theater in Osnabrück: Immer wenn es weh tut, erstrahlt die OP-Lampe


Osnabrück – Ob  das eine kluge Idee gewesen ist, den Regisseur Robert Lehmeier gleich nach seinem Verdi-Einstand in der vergangenen Spielzeit wieder auf eine Oper im Osnabrücker Theater am Domhof anzusetzen? Denn wer beide Produktionen erlebt hat - jetzt die frisch ausgebuddelte „Vanda“ und vor einem Jahr die „Macht des Schicksals“ -, dem kommt das gezeigte Repertoire an expressionistischer Symbolik doch arg vertraut vor. Hier wie dort fährt einer der Charaktere in einem Rollstuhl durch das Geschehen, hier wie dort tragen die Damen des Chores ein gediegenes 50er-Jahre-Outfit, hier wie dort wälzt man sich allzu gerne auf dem Boden, sackt ohnmächtig in sich zusammen oder stößt der Held in Verzweiflung seine Waffen auf die Bühnenbretter.

Erstmals auf der deutschen Bühne – ein Rätsel der Musikgeschichte


Es ist die szenische deutsche Erstaufführung einer Oper, die beinahe als verschollen gegolten hat und bestenfalls in Fragmenten existierte. „ Vanda“  von Antonín Dvořák ist eines der Rätsel der Musikgeschichte. Warum ein tschechischer Komponist mit Inbrust ein polnisches Nationalepos vertonte, blieb ebenso ungeklärt wie die Frage, wer ihm das Libretto dafür lieferte. Im Osnabrücker Theater kam die „Vanda“ in der Spielzeit 2013/2014 auf die Bühne – in einer eigens für dieses Haus ganz neu zusammengestrickten Version, die das über Jahre verteilte Material neu zusammenfügt. Denn Dvorak hatte seine „Vanda“ immer wieder umgeschrieben, umgebaut, umarrangiert.

Schnitte in die Seele – eine Königin verzweifelt an ihrer Aufgabe


Mag Regisseur Lehmeier sich gelegentlich auch selbst zitieren (oder einen Zombie-Tanz aus dem ebenfalls von ihm betreuten Musical "Elisabeth" importieren): Große Bilder kann der! Was bei der Verdi-Inszenierung zuweilen noch arg aufgesetzt wirkte, wird bei „Vanda“ zum schlüssig verdichteten Bühnenspiel mit symbolistischer Wucht (Bühnenbild: Tom Musch). Der Guckkasten ist durch kalte Steinmauern verengt, ein Altar steht in der Mitte des Bühnenquadrats und die omnipräsente OP-Lampe darüber macht gleich klar: Wir befinden uns hier im Innenleben einer verzweifelten jungen Frau. Einer Frau, die das Schicksal ohne ihren Willen zur Königin macht, die an dieser Blutzoll fordernden Aufgabe beinahe zerbricht und die am meisten darunter leidet, unter ständiger Beobachtung des Volkes und der vielen Götter zu stehen (man beachte: wir befinden uns hier im Polen noch vor der Christianisierung – ja, das hat es auch mal gegeben). Immer, wenn es der Königin besonders weh tut, erstrahlt die OP-Lampe (hübsch zu sehen im Youtube-Videoclip des Theaters Osnabrück). Das ist auch ganz gut so, denn Lina Liu – in Osnabrück durch die mit Begeisterung gefeierte Madame Butterfly noch sehr wohlgelitten - beweist zwar auch hier ihre sanglichen Top-Qualitäten, bleibt aber als Schauspielerin unter dem, was Regisseur Lehmeier sicher an Verzweiflung hatte zeigen wollen.

Die Sensation ist die Oper selbst


Das ist jedoch nicht weiter tragisch, denn das größte Schmuckstück des Abends ist die Oper selbst. Eine großformatige Ausgeburt an Pathos, Farbe und Detailfreude, stolze fünf Akte und drei Stunden lang (das Programmheft verweist zu Recht auf die klangliche und formale Nähe zu Meyerbeer). Triumphmarsch oder Liebesduett, große Chorhymne oder schwarzmagische Zaubermusik, Dvorák gibt dem Affen Zucker – und Dirigent Daniel Inbal gibt diesen Momenten ganz ungeniert ihre volle Pracht, lotet aber mit den Osnabrücker Sinfonikern zugleich auch die Feingliedrigkeiten dieser Partitur aus. Und nur in diesen gelegentlichen Anklängen an leitmotivische Lautmalerei erinnert die Musik an die später komponierte und insgesamt natürlich ausgereiftere „Rusalka“. Dem unvorbereiteten Zuhörer sei ein gelegentlicher Griff zum Ohropax empfohlen, wie es uns die Streicher im Orchestergraben vor Beginn noch vormachen. Denn die zarte Düsternis der Overtüre lässt kaum erahnen, wie voluminös sich der Klangapparat später noch entfalten wird. Und vor allem – wie genial laut!

Das Niveau bleibt hoch und lässt weiter hoffen


Mit mehreren Gästen neben den Mitgliedern des Osnabrücker Ensembles ist die „Vanda“ auch personell ein mächtiger Apparat. Doch die Investition lohnt: Wer Per Hakan Precht noch als „Werther“ in Lübeck erleben durfte ,weiß um die schöne Strahlkraft seines Gesangs. Wenn er nun mit dem hocherhobenen Schwert durch die Menge schreitet – eine insgesamt etwas überstrapazierte Geste innerhalb der drei Stunden – erscheint er einem nicht nur deswegen wie ein guter Lohengrinkandidat. Oleg Korotkow bringt als Bass und Hohepriester genug Stimmvolumen, um sich auch über den Chor hinwegzuheben. Erfreulicherweise zeigen sich jedoch die Osnabrücker Solisten in ebenbürtiger Qualität – dass die Leistungen im Musiktheater nach einem Durchhänger wieder auf ein so hohes Niveau haben steigen können, ist eine beachtenswerte Leistung der noch recht neuen Intendanz an diesem Haus.

Im Herrenchor nur Loriot-Kopien – „mein Name ist Lohse“?


Am Ende bleibt noch manches offen. So beispielsweise die Frage, warum der ganze Herrenchor in einer Verkleidung auftritt wie Loriot in „Papa Ante Portas“, was einen irritierenderweise oft an eine Komödie denken lässt (fast erwartet man, dass einer sagt „Mein Name ist Lohse, ich kaufe hier ein“). Oder warum dieses ganze schwurbelige Heldenepos mit seinem Ritter-Tammtamm und Nationenschwulst hierzulande eigentlich so unbekannt ist. Was aber im Kopf bleibt, sind die Klangfarben einer mächtigen Partitur und viele gelungene Bilder. Die schwarzmagische Messe zu Beginn des dritten Aktes gleich nach der Pause beispielsweise ist mit ihrem Schwarz-Weiß-Schattenspiel ein guter Augenblick voller Theatermagie.


Nachtrag und Ergänzung  im März 2015: Tatsächlich gibt es übrigens eine Aufnahme der Oper, die leider nicht überall zu haben ist und dazu auch nur zu einem mächtig hohen, dafür aber erst im Jahr 2000 aufgenommen worden ist - und die die Wucht des Werks angemessen vorführt  (WDR-Sinfonieorchester, WDR-Rundfunkchor, Prager Kammerchor, unter Leitung von Gerd Albrecht).

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