Dienstag, 8. April 2014

Große Vorbilder - große Platte? „The Dandy Warhols“ und die "Thirteen Tales From Urban Bohemia“ als Live-Album




Osnabrück - Ach ja, stimmt ja, die Dandy Warhols … Öhm… Da war mal was... Wie war das noch? Man kann sich jahrelang mit Rockmusik beschäftigen, durchaus intensiv, und alles Mögliche verfolgen, hören, kaufen –  es gibt immer irgendeine Band, die durchs Raster fällt. Dunkel steigen Erinnerungen auf. Es muss so etwa 2008 gewesen sein, da lag mal eine der späteren CDs der Dandys auf dem Schreibtisch im Büro. Oder hatte ich die daheim? Oder war das ein Stream? In Erinnerung geblieben ist jedenfalls nicht viel.

Ach! Das war doch mal in dieser Handy-Werbung?


Das gilt natürlich nicht für „Thirteen Tales From Urban Bohemia“ – also für jene Platte, die wir heute, obwohl nicht so gedacht, vor allem kennen als „Das Album, auf der der Song ist, der damals in der Vodafone-Werbung so geil gewesen ist“. Halt, halt, wir reden hier nicht von „We Are The People“, das war viel, viel später und eine ganz andere Band. Außerdem war das Elektropop. Nein, „Bohemian Like You“ hat ein supersüffiges Gitarrenriff, das original von Ketih Richards stammen könnte, ein „Uuh-Uhh-Uuuuh“ wie von den Pointer Sisters und einen ebenso genialen wie unfassbar simplen Refrain mit ständigem „I Like You, I Like You, I Like You…“. Das ist feiner Gute-Laune-Tanzflächen-Indierock.

Angenehm kratzbürstige Authentizität – aber muss das sein?


Unfassbar: 14 Jahre ist das jetzt her. So, und jetzt haben die Dandy Warhols also das ganze Ding nochmal live eingespielt. Nee, nicht den Song. Das ganze Album. Und nur das. Die Idee war, ein Live-Album ohne jede technische Nachbearbeitung einzuspielen, wie der auf der Rückseite aufgedruckte Text verrät. Und tatsächlich klingt das Ergebnis angenehm authentisch, irgendwie kratzbürstiger, wilder und verzerrter als man das Originalalbum in Erinnerung hat. Aber muss das wirklich sein, eine ganze Platte nachspielen, auf der Bühne?

Da gackern ja die Hühner – und dann der Wah-Wah-Wahnsinn


Nun ja, Live-Alben polarisieren, das ist ja immer so. Dieses Experiment gelingt jedenfalls: Als eine so maßgebliche und dringliche Platte hatte man diese „Thirteen Tales….“ gar nicht in Erinnerung. Ein Fehler, wie sich zeigt. Denn die Dandy Warhols haben einmal tief hineingegriffen in die Zauberkiste des späteren Rock’n’Roll, haben allerlei Ansehbares hervorgeholt und neu zusammengemischt. So folgt auf das psychedelisch vor sich hinwabernde „Nietzsche“ die bizarre Country-Groteske „Country Leaver“ (mit gackernden Hühnern). Im weiteren Verlauf ist alles drin, von einer sehnsuchtsvollen Solo-Trompete bis zu einem Wah-Wah-Wahnsinn, der direkt aus einem Tarantino-Film stammen könnte.

David Bowie, Velvet Underground, T-Rex – von allem ein bisschen


Am Anfang wird jedoch erstmal dem Glamrock gehuldigt – David Bowie und T-Rex stehen Pate für Songs wie „Godless“ mit seiner schillernden Melancholie oder „Mohammed“ mit seinem vorwärts treibenden Beat. Und immer wieder, vor allem am Ende, schimmern in diesem Klang die großen Vorbilder „Velvet Underground“ hindurch. Klar, bei einem solchen Bandnamen mit Warhol-Bezug erwartet der Hörer natürlich eine musikalische Rückverortung in jene Zeit, in der sich Kunst und Rock so vermischten wie nie zuvor. Wie man heute so liest. 

Gehört ins „Sollte-man-kennen“-Repertoire


Mögen die Dandy Warhols auch seither kaum etwas abgeliefert haben, was unbedingt von Bedeutung gewesen wäre – dieses Album darf als derart charismatisch und verdichtet gewertet werden, dass es in der Liste „Sollte man kennen“ aufgeführt gehört. Was einem jedoch, zugegeben, erst durch diese Live-Einspielung so wirklich bewusst geworden ist. Danke dafür. Experiment geglückt.


(Das Album erschien Ende März - Transparenzhinweis: Promotion-CD, zugeschickt bekommen – Foto: eigen/Achenbach). 

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