Freitag, 18. April 2014

Kein Popcorn, oder was? – Über die „Oper im Kino“ als neues Eitkette- und Kulturphänomen (Metropolitan Opera live in HD im Cinestar)




Die MET im Kino ist inzwischen gut angenommen und gerne gesehen - jedenfalls in Osnabrück. Und die anfänglichen Unsicherheiten im Umgang mit der Hochkultur im Kino? Bleiben die?     (Achenbach-Foto)


Osnabrück – Und dann war Pause und der Opernfreund Nummer Zwei aus unserer Dreier-Runde (zuweilen auch Vierer-Runde) zog eine Gummibärchentüte hervor, in der er nach Leckereien fischte. Wofür er sich gleich eine Schelte von seiner Sitznachbarin einfangen musste. Man wolle doch dem Programm folgen, das störe jetzt aber! Klar: Bei den Oper-Live-Übertragungen aus der Metropolitan Opera in New York (MET) auf die Kinoleinwand gibt es keine echte Pause, wie im Theater, weil auch diese mit Programm gefüllt ist, mit Interviews, Blicken hinter die Kulissen, Umbauszenen. Das macht die Argumentation etwas schwierig, wenn man dann kontert: „Aber es ist doch Pause!“. Klare Sache: Die Oper im Kino erfordert ein neues Ausdiskutieren und Austarieren aller Etikettefragen.

Hochkultur oder Popkultur – was gilt denn jetzt?


Glücklicherweise ist auch das Osnabrücker Cinestar-Kino am Hauptbahnhof – in dem sonst nur das läuft, was als teenagerkompatibel gilt, von Horror bis Action – ein Spielort für die MET-Übertragungen. Und hier ist es immer wieder zu beobachten: Das Publikum bei Opernübertragungen ist zweigeteilt (oder verunsichert). Da gibt es die Fraktion Theateretikette, für die als klare Definition gilt: Das hier ist ein Opernabend, es gelten also die hehren Regeln des Theaterbesuchs. Es ist ihrer Kleidung anzusehen (schick und gepflegt), es ist ihrem Verhalten anzumerken (Sekt in der Pause) und es ist ihren Bemerkungen an die Sitznachbarn zu entnehmen. „Sie werden hier jetzt aber kein Popcorn essen, oder?“, sagte einmal der links von mir sitzende und Anzug tragende Banknachbar. Wörtlich.

Große Leinwand, flauschige Sitze – muss also Kino sein


Ich hatte keine Lust auf Popcorn. Ich hätte es allerdings auch nicht so tragisch gefunden, wenn sich jemand eine Tüte gekauft und diese während der Vorstellung verzehrt hätte. Denn so entspricht es meiner kulturellen Sozialisierung. Die Leinwand ist groß. Beinahe übergroß. Der Klang ist üppig. Die Sitze sind flauschig. Muss also Kino sein. Also ist der Verzehr von Süßkram, Getränken  und Eis während des laufenden Programms nichts Anstößiges, sondern gehört sogar zum Gesamterlebnis dazu. Aber gilt das auch für die Oper auf der Leinwand? Tja. Warum denn eigentlich nicht? Weil es Hochkultur ist? Wenn im Fernsehen eine Live-Übertragung aus Salzburg läuft, sitzt ja auch niemand die ganze Zeit gestriegelt, gebügelt und mucksmäuschenstill auf seinem Wohnzimmersofa. Oder etwa doch?

Wenn Pianissimo, dann kein Popcorn


Nur zur Sicherheit eine Klarstellung: Auch mir ist die Hochkultur sehr wohl heilig. Gehe ich ins Theater oder in den Konzertsaal, trage ich wenigstens Sakko. Getränke oder Snacks im Auditorium sind dann tabu. Aber im Kino halte ich den Wechsel der Etikette für machbar. Da trage ich dann auch mal Chucks statt Lederschuhen (Berufsjugendlicher - na klar). Und wer seinen Puccini mit Popcorn genießen will, möge das tun (laut genug ist es hier allemal, so dass das Rascheln der Tüten übertönt wird, meistens jedenfalls). Vielleicht wäre das eine gute Kompromisslösung: Popcorn bitte nicht im Pianissimo. Geht es ins Fortissimo – Tüten auf.

Klatschen, ja oder nein?


Noch verunsicherter zeigt sich das Publikum in Sachen Applaus. So geschieht es nicht selten, dass sich die Kinozuschauer in einem Überschwang an Euphorie dazu hinreißen lassen, in die Hände zu klatschen. Was dann schnell wieder verebbt, weil nicht alle mitmachen. Klar, die auf der Bühne Beteiligten im fernen New York bekommen das nicht mit, sie haben letztlich nichts von dem Applaus. Andererseits ist das Klatschen ja eben auch das: Das unbedingt nötige Entladen eines sich während der laufenden Vorstellung immer weiter auftürmenden Gefesseltseins und In-den-Bann-geschlagen-seins, einer wachsenden Zustimmung zu Inszenierung, Ensemble, Gesangsleistungen, die sich irgendwie ihren Weg bahnen muss. Und doch kommt es einem recht merkwürdig vor, in einem Kino zu sitzen und zu klatschen. Auch wenn der Impuls spürbar da ist.

Lasst uns das feiern: die popkulturelle Hochkultur!


Natürlich wäre es vermessen, die Oper im Kino zum neuen gesellschaftlichen Kulturphänomen erklären zu wollen. Wir müssen ihr aber eines attestieren: Gerade dieses  vermischende Spiel mit der Etikette, die Hochkultur im Gewande der Popkultur, birgt enorme Chancen in sich. Draußen auf den Kinofluren ziehen Horden von Teenager vorbei auf dem Weg in den nächsten Horrorstreifen. Drinnen schmettern die Tenöre und man trägt alles, vom Anzug bis zur Popcorntüte. Ein guter Mix. Und, ganz ehrlich: Das macht Spaß. Immer vorausgesetzt, man vertut sich nicht mit der Anfangszeit. Aber das ist ein anderes Thema und wurde schon an anderer Stelle behandelt (siehe den Artikel "Mit Jonas Kaufmann ins zeitliche Unheil").  

Was übrigens das eingangs erwähnte Pausenprogramm angeht: Das ist durchaus eine großartige Sache. Und eine lustige. Dazu bald mehr im nächsten Blogeintrag zu diesem Thema.

(Foto: eigen/Achenbach)


Bloglovin: <a href="http://www.bloglovin.com/blog/12059969/?claim=q7fsbtgjgpw">Follow my blog with Bloglovin</a>

1 Kommentar:

I am what I am hat gesagt…

Es ist mir ziemlich egal, welche Kleidung Mitbesucher im Kino tragen, egal in welcher Vorstellung....solange es einigermaßen gepflegt ist, nicht schmuddelig und nicht stinkt. Was ich aber auf den Tod nicht ausstehen kann, dass sind Sitznachbarn, die während der Vorstellung mit irgendwelchen Tüten rascheln oder knuspern, schmatzen oder schlürfen....auch egal in welcher Kinovorstellung. Deshalb warte ich meist auf die DVDs und leihe mir diese für zuhause aus...bei einer Live-Übertragung besteht die Chance nicht, sich das allein in den eigenen vier Wänden anzusehen, daher bin ich dafür, gegessen und getrunken wird vor oder nach der Vorstellung...das gilt übrigens auch für Besuche auf der Toilette. ;)