Sonntag, 18. Mai 2014

Ein vieldeutiges Buch mit philosophischer Sogwirkung – Don de Lillos "Der Omega-Punkt" lohnt die Auseinandersetzung (vor allem in der Hörbuchfassung mit Christian Brückner)




Osnabrück - Es gibt diese Sorte Bücher, deren Inhalt sich derart in die Gehirnwindungen hineinschraubt, dass der Leser noch Tage nach der Lektüre überrascht feststellt, wie es teils bewusst, teils unbewusst im Kopf weiterrotiert. Die Philosophie, die Metaphern, die Symbolik – all das will erstmal aufgeschlüsselt sein, da bieten sich eine Menge Interpretationen an. So geht es mir mit Don de Lillos „Omega Punkt“, das ich erst kürzlich entdeckt habe, auch wenn es bereits 2010 erschien.

Robert de Niros Stimme nähert sich ihrem eigenen Omega-Punkt


Ich bin viel und gerne zu Fuß unterwegs und kombiniere das in jüngster Vergangenheit gerne mit dem Genuss von Hörbüchern in meinem I-Pod. Das ist eine hervorragende Methode, meinen großen Hunger nach zeitgenössischer Literatur zu stillen und dennoch keine zusätzliche Zeit finden zu müssen. So habe ich immer zwei Bücher parallel in Verwendung: eines zum Lesen, eines zum Hören. Viele spannende Autoren und ihre Werke habe ich so schon entdecken können: Uwe Timms „Vogelweide“, Julian Barnes‘ „Unbefugtes Betreten“ oder John Updikes‘ „Sucht mein Angesicht“ (übrigens ein Buch, das man sich viel besser vorlesen lassen kann – das Selberlesen hätte ich vermutlich alsbald abgebrochen, so detailversessen wie Updike hier seine Beschreibungsobessionen auslebt)…

Wenn sich Christian Brückner für ein Buch entscheidet, taugt es was


Und so ist meine Freude groß, wenn ich –  dem Amazon-Algoritmus sei Dank – beim Stöbern im Onlineshop ein solches Kleinod entdecken kann: Christian Brückner, also die deutsche Stimme von Robert de Niro, liest Don de Lillos „Omega Punkt“. Wobei alleine schon die Tatsache, dass es eben Brückner ist, der dieses Werk eingelesen hat, für sich spricht: Der Mann hat ein gutes Händchen für eindrucksvolle und faszinierende Literatur. Seine hervorragenden Interpretationen der Bücher von Cormac Mc Carthy („Die Straße“) oder Denis Johnson („Der Name der Welt“, „Engel“) haben sich mir nachhaltig eingeprägt. Sein instinktives Gespür für einen guten Text und seine besondere Rhythmik kann die Atmosphäre eines Werks zu einem literarischen Erlebnis der ganz eigenen Art verdichten. So auch in diesem Fall, dem „Omega Punkt“.

Aufgepasst: Kunstvoll gedrechselte Sätze und viele Andeutungen


Diese merkwürdige Parabel über einen Mann, dessen Tochter sich plötzlich einfach aufzulösen scheint, bekommt durch Christian Brückners Stimme und Vortrag eine zusätzliche Tiefe. Das ist gut so. Denn der Leser muss sich einlassen können auf diesen Text, der eher eine Meditation ist als eine Erzählung, eher eine atmosphärische Aneinanderreihung von Metaphern als ein Roman. Als Buch ein schmales Bändchen, ist es wohl angebrachter, von einer Novelle zu sprechen. Als Hörbuch auf drei CDs verteilt, ist es zwar ebenfalls kurz, gleichwohl ist hier Aufmerksamkeit gefordert. Zu kunstvoll drechselt de Lillo seine Sätze, zu unaufgeregt flicht er seine großen Gedanken in scheinbar kleine Worte oder in die Aussagen seiner Figuren ein. Wobei das ganze Werk mit nur drei Protagonisten auskommt (oder vielleicht doch mit vieren, nimmt man noch Norman Bates aus „Psycho“ mit dazu).

Die Einsamkeit der Wüste, die Philosophien einer alten Mystik


Da ist der ältere Mann, ein konservativer Intellektueller, der sich dereinst für den US-Einsatz im Irak stark gemacht hatte und dessen Aufgabe es war, diesem Krieg in einer Art politischem Think-Tank neue gedankliche Aspekte beizumischen, wobei keiner wirklich auf ihn gehört zu haben scheint. Nun hat sich der Mann in die Wüste bei Kalifornien zurückgezogen, in ein einsames Haus, wobei auch diese Wüste als reflektorische und symbolistische Seelenfläche zu verstehen ist. Da ist der jüngere Filmemacher, der sich in den Kopf gesetzt hat, ein mehrstündiges Projekt nur mit diesem Mann zu drehen, nur mit seinem Kopf vor einer Wand und einem Interview über den Krieg und seine Erfahrungen in Washington. Nur dass er ihn noch nicht hat überzeugen können.

Die Lehre eines Jesuiten vermischt sich mit der Politik des Irak-Krieges


Stattdessen beschäftigen sich die beiden in langen abendlichen Gesprächen vor allem mit der Philosophie des älteren Mannes. Die sich wiederum an die Mystik eines alten Jesuitengelehrten anlehnt, in der der „Omega-Punkt“ beschrieben wird: Jener Moment, in dem sich die Menschheit quasi in eine Art Bewusstsein auflöst, sich aus Raum und Zeit hinauslöst und in dem die organische Masse entschwindet – und damit auch der Mensch an sich. Wenn der ältere Mann sich gerade nicht mit diesen Gedankenspielen auseinandersetzt, liest er Rilke – die Duineser Elegien. In denen es letztlich um nichts anderes geht als das: Ruhe, Vergebung und Frieden zu finden an einem Punkt außerhalb von Raum und Zeit.

Ein Gimmick wie aus Gruselgeschichten: Der Anrufer, der nichts sagt


Und da ist die Tochter, die, von merkwürdigen Anrufen geplagt, bei denen keiner mit ihr spricht, ebenfalls in der Wüste auftaucht. Wobei sich das mit den Anrufen erst im späteren Verlauf der Geschichte als der Grund für ihren Besuch herausstellen wird. Es ist das einzige Gruselgeschichten-Gimmick, das einem zunächst beinahe als zu banal für die Wucht des Werkes erscheint – indes taucht das Motiv zu einem späteren Zeitpunkt erneut wieder auf und enthüllt erst dann seinen Sinn. Denn der Autor denkt und führt schließlich ganz konsequent zu Ende, was er in philosophischen Betrachtungen zuvor schon aufgebaut hat. Ein Mensch verschwindet… aber wohin?

Menschen verschwinden ständig – Kollateralschaden oder Kollektivwahn


Was Don de Lillo hier kunstvoll durchdekliniert, ist natürlich die Symbolik des Krieges. Dass das Verschwinden eines Menschen, das Einzelschicksal, bedeutungslos aufgeht im „Kollateralschaden“, dass die einzelne Meinung eines Menschen verschwindet im kollektiven Vergeltungsgebrüll – es wird angedeutet, es passt in die Symbolik. Dass alleine die enorme Rachsucht der Amerikaner zum Folterwahn der CIA geführt hat – auch diesen Kommentar zur Bush-Ära hat Don de Lillo in seinen Roman eingearbeitet. Und doch geht er noch einen Schritt weiter und treibt dieses Gedankenspiel auf die Spitze, indem er das Verschwinden des Einzelnen mit der Kunst an sich verknüpft: „24 Stunden Psycho“ heißt die tatsächlich existierende Installation eines Künstlers, die hier zur symbolistischen Grundlage für ein Gedankenexperiment wird, in dem der einzelne Mensch zu allem werden kann, was er will. Sogar zu Norman Bates auf der Leinwand.

Die Wucht des Buches entfaltet sich erst nach dem Lesen


Es ist die ganz eigene Atmosphäre dieser Novelle, dieses gleichsam beinahe Schwebende und Mystische, die Vermischung aus Kunsttheorie und politischer Wissenschaft, es sind seine starken Bilder und Gedanken, die das Besondere dieses Buches ausmachen. Dass der Text zudem ganz unaufdringlich daherkommt und sich seine Wucht erst im Nachhinein entfaltet, beweist überdies, dass hier ein subtiler Könner am Werk gewesen ist. Don de Lillo und Christian Brückner… ein hervorragendes Paar. Wie gut, dass es in dieser Kombination noch ein weiteres Hörbuch gibt, nämlich das kürzlich verfilmte „Cosmopolis“. Ist natürlich auch schon auf meinem I-Pod, klar. Wird also höchste Zeit für den nächsten Spaziergang.


 (Foto: eigen/Achenbach - Transparenzhinweis: selbstgekaufte Hörbücher)

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