Samstag, 3. Mai 2014

Eine Filmmusik, die keine ist – Keyboarder Tuomas Holopainen von "Nightwish" vertont das Onkel-Dagobert-Comic „The Life And Times Of Scrooge“





Osnabrück – Welche Zeitschrift ist das noch, die bei jeder Plattenrezension ganz konsequent einen Rattenschwanz anhängt, der da lautet: „Diese Platte könnte Ihnen gefallen, wenn Sie dieses und jenes gemocht haben“? Ist mir gerade entfallen. Ist aber eine hervorragende Sache. Vor allem, wenn es sich dabei um ein solches Projekt wie dieses hier handelt: Der Keyboarder und Songschreiber einer vielgeliebten progressiven Metalband vertont ein Edel-Comic, das Dagobert Ducks Aufstieg zum Millionär schildert, und liefert eine CD ab, die mit Gitarren überhaupt gar nichts am Hut hat. Sondern eher mit ganz klar filmisch orientiertem Soundtrackbombast.

Warum macht der Mann denn sowas?


Warum macht der sowas? Nun, zum einen, weil er es eben kann: Tuomas Holopainen ist der Keyboarder und Hintermann von „Nightwish“. So! Und weil das so ist, darf sich der 37-jährige Finne natürlich alles mögliche erlauben, was einem Musiker sonst verwehrt bleibt. Immerhin sind „Nightwish“ längst in den Weihetempel der sankrosankten Götterbands aufgestiegen, und immerhin ist Holopainen der Hauptsongschreiber und musikalische Kreativkopf der Gruppe. Es spielt sicher auch eine Rolle, dass Holopainen und seine Mannen noch vor kurzem den Fantasystreifen „Imaginaerum“ als eine Mischung aus Spielfilm und gigantischem Videoclip in die Kinos brachten. Mit seiner Musik, na klar. Scheint so, als habe da einer Blut geleckt, was Soundtracks angeht. Aber warum Disney? Wieso Onkel Dagobert? Und wieso einen Soundtrack schreiben für ein Comic, das noch nicht verfilmt worden ist?

Okay, es ist immerhin mehr als nur ein Comic!


Zur Ehrenrettung muss gesagt sein: Bei „The Life And Time Of Scrooge“ oder auf Deutsch „Onkel Dagobert – sein Leben, seine Millionen“ handelt es sich eher um eine aufwändig gestaltete Graphic Novel  für Erwachsene als um ein simples Disney-Comic.  Und natürlich läuft beim Betrachten der Bilder eine Art innerer Film im Leser ab, wie das bei Comics eben immer so ist.

Die Vorbilder reichen von Hans Zimmer bis Howard Shore


Für einen wie mich, der sich noch bis zu seiner beginnenden Adoleszenz jahrelang mit Filmmusik beschäftigte und sogar eine eigene regelmäßige Radiosendung zu dem Thema gestalten konnte („Film Score“ bei OS-Radio), ist der wuchtige Sound der Musik natürlich ein gefundenes Fressen. Wobei man deutlich erkennen kann, welche Vorbilder Holopainen gehabt hat. In diesem Mix aus tieftönenden  Bläsersätzen, enya-eskem keltischen Gesang, sphärisch entrückten Frauenchören, hochfiependem Dudelsackgedödel und dunkelwildem Basstrommelgedröhn schimmern Komponisten wie Hans Zimmer, James Horner oder Howard Shore hindurch. Das ist auch eines der Probleme dieser Platte: Neu erfunden wird hier nix. Allenfalls reichhaltig zitiert und geschickt wieder zusammengefügt.

Der Gladiator, die Titanic und Indiana Jones – aber keine Enten


Man könnte es auch so beschreiben: Während der „Gladiator“  im schroffen Gebirge auf die Suche nach dem „Herrn der Ringe“ geht, ankert die Titanic nicht unweit davon auf einem Fjord und Indiana Jones gerät unterdessen in einem verwunschenen Tempel an eine Menschenherzen fressende Sekte… Das sind die Bilder, die die Musik sofort in einem weckt – ein Dagobert Duck ist allerdings nicht dabei.

Wie funktioniert eine Filmmusik ohne dazugehörigen Film?


Das aber ist genau das Problem eines Soundtracks ohne dazugehörigen Film: Denn natürlich hört man sich die Musik auch deswegen an, um die Abenteuer und Gefühle des Kinobesuchs noch einmal nacherleben zu können. Die Filmmusik weckt ein seelisches Nachbeben, das ohne die Bilder und die Leinwand nicht funktioniert. Nur: Wie viele der Zuhörer, die sich für diese Platte interessieren, kennen wohl auch das zugrundeliegende Comicbuch? Hmm… Also, ich kannte es nicht. Was das Anhören der Musik nicht unbedingt einfach macht. Gottseidank gibt es mittendrin – nach mehreren ausschließlich atmosphärisch verdichteten Tracks – auch mal eine Nummer, die wieder aufhorchen lässt, mit Didgeridoos und treibenden Trommeln („Dreamtime“), nachdem man sich fast schon zu langweilen begonnen hatte. 

Ein bisserl Pop mit Kitschfaktor ist natürlich auch dabei


Und dann wieder Lautmalereien und Sprechchöre wie bei Indiana Jones und Co. – und sogar mal echter Gesang („Cold Heart Of The Klondike“) oder großer Pop mit Kitschfaktor („Goodbye, Papa“) als Interimsfaktor. Taschentücher raus. Schneuz.  Nun ja, das ist alles schon sehr speziell. Für „Nightwish“-Hörer ist es schon mal gar nix, für Metalfans erst recht nicht, allerhöchstens die Freunde der Filmmusik könnten ihren Spaß an diesem ganzen orchestral-keltischen Bombast haben. 

Oder anders gesagt: Diese Musik könnte Ihnen gefallen, wenn Sie den „Titanic“-Soundtrack und die Musik zu „Backdraft“ mochten.  Inklusive „My Heart Will Go On“. Jawohl.

Hörgenuss: 50 %.

(Foto: PR/Coverabbildung)


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